Ausgabe 
28.7.1909
 
Einzelbild herunterladen

1

M M M

170 s

Sternklare Nacht.

Wie der Sterne lichte Schar Sich im blauen Dunkel weitet Und die Seele wunderbar, Die so tief in Schmerzen war, In daZ Land des Friedens leitet!

. Tiefer atmet meine Brust Deine selig reinen Wellen, Klare Nacht! Und unbewußt Füllt mein Herz aus tiefen Quellen Sich mit neuer Lebenslust.

Ringsum trugen nah und weit Menschen ihre schweren Lasten. Leise hast du sie befreit, Sorge, Leidenschaft und Leid Ausgelöscht. Sie dürfen rasten.

Große Stille, heilige Ruh!

Fürder durch des Lebens Wirre Leite meine Wege du, Führe mich aus Kampf imb Irre Den erlösten Scharen zu!

Gaienhofen. Hermann Hesse,

Die Pflastermeisterin.

Roman von Alfred Bock.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

VIII.

Die Bauern, die einen milden Winter prophezeit hatten, behielten recht. Die Luft war ständig frühlingswarm. Busch und Baum schlugen wieder aus. Aber ein undurchdringlicher Nebel laftete feit Wochen auf Stadt und Land. Die Diet- nrcyner, die in den umliegenden Fabriken beschäftigt waren, brachen früh in der Dunkelheit auf und kehrten in stock- fm.sterer Nacht mit von Feuchtigkeit triefenden Kleidern er­schöpft zurück. Die Bauern, die lediglich ihre Ackerwirt- schaft betrieben, waren jetzt weit besser daran. Im Winter gab's nrcht viel zu tun. Die Feldfrüchte waren eingeerntet, dre Saat war bestellt. Höchstens, daß man nun den Dung hmausfuhr oder sich im Hofe zu schaffen machte. Manche gingen nachmittags ins Wirtshaus und vertrödelten da ihre Zeit. Wo es etwas zu klatschen gab, steckte man gleich die Kopfe zusammen. Schmähsucht und Gehässigkeit, im Sommer von der schweren Arbeit niederqehalten, hatten wieder freies Spiel.

. In dem mäßig großen, zum Einhorn gehörenden Garten, den sie der Jahreszeit gemäß unigrub, hackte Lina' eben die

letzten Sellerieknollen und Meerrettichwurzeln aus, als ihr ein Junge von der Straße zurief:

Lina, du sollst gleich mal ins Pfarrhaus kommen." Sie sah erschrocken auf.

Ich? WaS ist dann?"

Weiß nicht. Aber eil' dich."

Der Junge lief fort. Ihr Herz pochte heftig. Ins Pfarrhaus? Sollte der Pfarrer etwas hingehen mußte sie auf jeden Fall.

In ihrer Kammer ordnete sie ein wenig das Haar, wechselte die Schuhe und band sich eine saubere Schürze um. Dann machte sie sich auf den Weg. Schon! von weitem sah sie jemand aus dem Pfarrhaus winken. Sie blickte scharf zu und stieß einen Freudenschrei aus.

Herrjesses, die Anna!"

Sie stürmte vorwärts, und eine Minute später hielt sie eine junge Frau mit sympathischen Zügen und treuherzig dreinblickendeu blauen Augen umschlungen.

Ei, Anna, du bist's. Ich freu' mich ja schrecklich."

Hast du daun nichts gewußt?"

Nichts halst ich gewußt."

Sonntag ist dem Bater sein siebzigjähriger Geburts­tag."

Ach so."

Und da muß ich doch dabei sein."

No, das versteht sich."

Komm h-erein, Lina."

Sie nötigte die Jugendfreundin in die Stube, wo der Kaffeetisch gedeckt war.

Wir haben uns lang nicht geseh'n, Lina."

Anderthalb Jahr, denk' ich."

's wird stimmen. Du siehst gut aus, Lina. Hast förm­lich drcke Backen gekriegt. Und bist auch sonst stärker, aelt?"

Lina wurde sehr rot und fragte, das Gespräch von ihrer Person ablenkend: !,

Was macht dann dein Bnbchen?"

Die Pfarrerstochter strahlte.Deii Fritz müßtest du seh'n, ein Prachtkerl. Und hat feste Knochen füq sein Alter. Und ist ein Schalk, sag' ich dir. Weißt du, wenn ich als mit ihm spiel', werd' ich selbst wieder jung. Hat der Eiu- fäll'. Zum Totlachen. Ja, so ein Bübchen macht einem viel Spaß." ,

Gehst auch viel an die Luft mit ihm?"-'

Freilich, darum gedeiht er so gut. Unser Gebirg' müßtest du kennen, Lina. Hier ist's ja auch ganz hübsch, aber da du glaubst nicht, wie herrlich. Stundenlang gehst du in den Wäldern und triffst keinen Menschen. Das ist so feierlich. Und von den Höhen rauscht das Wasser talab. Die Natur hat auch ihre Musik. Und dann« steigst du einen Berg hinauf. Das kostet Schweiß, wenn man's nicht ge- wohnt ist. Aber die Pracht droben. Und der Ausblick! Rings Berge, nichts als Berge. Und tief drunten! die Täler und die vielen Wasser mit den Mühlwerken. Und die Ge­höfte hier und da und die langgestreckten Dörfer. Auf den