Ausgabe 
28.6.1909
 
Einzelbild herunterladen

395

ist er koloristisch mißlungen. Für unser Farbengefühl ist das Beispiel maßgebend, daß die Natur schöne, starke Farben liebt. Leuchtend blau wölbt sich die Himmelsglvcke über dem smaragdenen Grün der frischen Wiesen und der junggrünen Wälder, blendendweiße Aprilwolken, die boll Sonne sind, segeln weit gebläht hoch einher.Die Welt ist grün und weiß und blau." Sie kleidet sich in heraldische Farben, und das tun auch die Blumen, die Blumen der .Heimat, wegen ihrer kräf­tigen, schönen Farben auch Bauernblumen genannt, deren Farben ein Gleichnis der Natur sind. Bon blutigroten Sonnenuntergängen träumen die brennenden Zynnien, die Nelken in allen Abschattungen von Zinnober bis Karmin, Verbenen, gar sinnreich Brennende Liebe ge­nannt, das glühende Mohnfeld und die späten Dah­lien: gleich blauen Himmelswellen leuchten die Gloxinien und Kampanulen; vonr gelben Mittags­sonnenschein erfüllt sind die Kapuzinerkressen und Ringelblumen, und das Schneeweiß geballter Frühsommer- wölkchen haben die Margariten und das Maßliebchen er­koren, die flockenweise weit über die Wiese verstreut sind. Aber die Natur wirkt als echter Heraldiker, indem sie nicht nur die leuchtenden satten Farben gibt, sondern zugleich ihren komplementären Gegensatz. Wir bemerken, daß sie den graubraunen . Frühlingswaldbdden mit den gelben Flocken der Himmelsschlüssel schmückt und den Bachrand mit den sonnigen Dotterblumen begrenzt. Aber neben diesen goldigen Farben schafft sie den Gegensatz in dem Däinmer- schattenblau der Veilchen, der Leberblümchen und der Küchen-' schelle. Im Sommer stehen neben der blauen Waldglocken­blume die gelben Königskerzen, und im Hausgarten, wenn er mit den richtigen heimischen Bauernblumcn bepflanzt ist, sehen !vir lauter farbige Gegensätze, die sich harmonisch Verbinden. Wildblühende Sommerwaldwiesen tragen ein buntes Sommerkleid, an dem alle komplementären Farben- gegensätze festzustellen sind. Harmonie int Kontrast ist das natürliche Farbengesetz. Das ist ein Wink für die künstlerische Gestaltung, die sich in der Anwendung der Blumen und in der Wahl der bunten Keramik, der Töpfe und Basen ans farbig glasiertem Ton bestätigt. Ja, die ganze farbige Behandlung unserer Wvhnräume beruht mtf diesen Grundlinien, die uns die Natur vorzeichnet.

Wenn ein Raum etwa durch die Möbelbezüge, Vor­hänge usw. auf Blau gestimmt ist, so werden alle creme­farbenen, weißen und gelben Blumen, Rosen, Primeln, Sonnenblumen, Narzissen eine schöne Wirkung hervor- briugeu, und umgekehrt werden blaue Blumen, wie Ritter­sporn, Enziane, Eisenhut, Veilchen, Clematis, blauvioletter Flieder u. a. in einem auf Gelb oder Elfenb'einwciß gestimm­ten Raum Wunder tun. Ein Raum, wo Rot vorherrscht, ivird ebensogut Blau, Weiß und Grüir, als die ganz starken und höher gefärbten gelben und scharlachroten Blumen auf- nehmen können, ivie Dahlien, Feuerlilien und Sonnen­blumen. Weiße Räume können nicht genug Herrliche, bunte Bluurenfarben enthalten. Hieraus ergeben sich für unsere Kunstpflege int Haus bedeutungsvolle Winke in Bezug auf die Keramik.

Wir werden, um Ruheund Einheit in unseren Räumen aufrechtzuerhalten und zugleich starke BlUmenwirküngen zu erzielen, gelegentlich Blumen voit einer Farbe, je nach der Gunst der Jahreszeit, aufstellen itttb zu dieser jeweilig herrschenden Farbe Stcingutvaseu suchen, die ebensallS ein­farbig sind, leuchtend und schön, gleichsam heraldisch, Und einen komplementären Gegensatz bilden. Dadurch steigern wir die Wirkung der Blumen und durch die Blumen die Wirkung der bunten Keramik. Hier ist ein weites Feld für die keramische Kunst offen. Wir bemerken, daß bestimmte Jahreszeiten ganz bestimmte Arten von Schnittblumen er­geben. Im Frühjahr, wo die Borfrühlingsblumen erscheinen, kurzstengelig und in weiten Ständen, ist Bedarf ait niederen, breiten Schalen; für die Treibhausblumen und später für die int Garten gezogenen hochstengeligeu Blüten bedarf man schmaler und hoher zylindrischer Röhren in verschiedenen Größen imb,_ um einen großen Strauß Feldblumen zu schaffen, großer bauchiger Töpfe von abgemessener Weite und Höhe mit großer Standfestigkeit. Diese Formen, sechs bis sieben an der Zahl, genügen für den Jahresbedarf. Der Wunsch ist berechtigt, daß solche Töpfe zit sehr billigen Preisen auf bett Markt kommen Und unter Umstünden gleich­zeitig mit bett Schnittblumen auf den Blutnenmärkten zu erstehen sind. Kerantische Industrien, die künstlerisch ge­leitet sind, mögen diese Winke ausnützen Und für das sorgen,

was das Leben braucht. Tas Wesen einer guten Bluinen- keramik liegt nicht im Ornament. Dieses ist in den meisten Fällen überflüssig und beeinträchtigt die gute, auf Farbe berechnete Wirkung, die wir anstreben. Dagegen finden wir auf bett alten Töpfermärkten, wo die leider in Bedräng­nis gebrachte volkstümliche Bauerittöpferei zu haben ist, für billiges Geld ganz sachliche Formen mit entzückend schönen, kräftigen, farbenen Glasuren, die tmseren Wünschen voll­kommen entsprechen. Laßt uns die Töpfermärkte besuchen! Laßt uns die alte volkstümliche Bauernkeramik, soweit sie tioch unverfälscht aus dem Markt erscheint, mit Vorliebe er­greifen und durch unsere Nachfrage einem wirtschaftlich bedrängten heimischen Kunstzweig zu neuer Lebenskraft ver­helfen! Hier finden wir, soweit nicht verderbliche Einflüsse von der Stadt her geltend gemacht worden sind, schlichte, zweckmäßige Formen und Farben, die jenen unserer Baueru- blumen gleichen. Denn die Farben der Bauernblumen brauchen wir auch an unseren Blumenvasen und -köpfen, heraldische Farben, darein an nebelfreien Sommersonntagen die Natur gekleidet ist, heraldische Farben, die wir an dem köstlichen Gesieder vieler unserer Vögel entdecken, an leuch- tenben Insekten unb Käsern, an beut Flügclkleib bcr Schmet­terlinge, ait bett Mineralien, ben Cbelstcinen und Halb- edelsteinen, und nicht zuletzt an dem Volk und seinen alten, schönen, bunten Trachten. Das Volk hat immer die heral­dische Farbe geliebt. Nicht nur an feinen Gewändern und Stoffen und dem bäurischen, bunt bemalten Hausrat, fom- bcrit auch an seinen Architekturen, an den Bauernhäusern, bie heute noch in vielen Gegenben an ben Holzteilen bunt bemalt sind, rot, blau oder grün an Fensterrahmen und Türen, die an der milchweißen Hanswand mit doppelter Leuchtkraft wirken. Von dieser Farbenfreude des Volkes bieten uns da und dort noch auf den alten Töpfermärkten die bunten Banernkeramiken einen herzhaften Sommergrutz und eine freundliche Ansfordernng.

Ein Zweig weißlicher Heckenrosen, einige Narzissen oder Chrysanthemen sehen niemals so wundersam aus, als wenn wir sie in schwarze oder schwarzgrüne, hohe zylindrische Basen stellen. Dagegen kommen die Primeln, die Ringel­blumen, Sonnenblumen, die gelben Margariten, Immor­tellen, Mimosen und Dahlien in blauen Gefäßen zu aus­drucksvoller Geltung. Umgekehrt werden gelbe Geschirre ihren Zweck am besten für blaue Astern, Clematis, Veilchen, Kornblumen, Rittersporn und ähnliche erfüllen. Lichtgrüues Steinzeug ist gnadenvoll mit hellen, weißlichen Blüten, wie Rosen, Maiglöckchen, weißem Flieder, Anemonen, weißen Margariten. Möwengraue Glasuren find mit allen Blumeu- nuaucen von gelb bis scharlachrot zu den vornehmsten Wir­kungen berechtigt.

Jeder, der die Probe macht, wird finden, daß ein Gemach! wohnlich und von freundlichen Hausgeistern erfüllt ist, wenn wir die Blumen zu Hüterinnen und Herrscherinnen der Schönheit des Raumes machen. Das haben auch unsere Großeltern und Urgroßeltern getan, die in diesen Dingen einen hochentwickelten Instinkt besaßen. Räume, deren Wände mit schmutzigfarbeneu Tapeten bekleidet find, werden die farbige Schönheit der Blumen nicht zur Geltung kommen lassen. In solchen Räumen wird nichts zur Geltung kommen, und das Wichtigste in diesem Umkreis, der Mensch, kann nicht erwarten, in solcher Trübnis zur Heiterkeit zu ge­langen. Die Wahrnehmung ist täglich leicht zu machen, daß Menschen in farbig schlecht gestimmten Räumen ein schlechtes Aussehen haben. Es ergeht ihnen dann, wie es den Blumen ergeht. Darum fort mit den trüben, häßlichen Farben, mit den schlechten Tapeten, mit dem braunen Tür- und Fenstcr- anstrich, und herein mit hellen und kräftigen Farben und vor allem mit möglichst viel Weiß in die Wohnungen, und dann werden Sie sehen, welches Wunder die Blumen tun, die Blumen mit der bunten Keramik, und wieviel Glück­seligkeit aus diesen Gnadenquellen in die Seele der In­wohner strömt."-

Laube-Anekdoten.

Bon Laube, dem genialen Theaterdirektor, dessen vorbild­liches Wirken in der nächsten Zeit aus Anlaß seines 25. Todes­tages wieder allgemein gefeiert werden wird, erzählt Rudolf Tyrolt in einem soeben bei Wilhelm Braumüllcr in Wien er­scheinenden BuchAllerlei von Theater und Kunst" charakteristische Geschichten aus dein reichen Schatze seiner Erinnerungen. Laube war einerklärter Feind der sogenannten Tapezierer-Dramaturgie, die den Schwerpunkt des Schauspiels ins Schauen verlegt". Er ,haßte das allzu aufdringliche Hervortchrcn der Dekorationen,