Ausgabe 
28.6.1909
 
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Und dann war so eine Bemerkung metues Freundes: Du, wie siehst du das nur?" oder:Wo sicht man denn so was, sag!" ach ja, das erhob mich.

Gott, was ist doch der Mensch so klein und einfältig. Er opfert und opfert, und ein Windhauch zerstreut ihm den Rauch in alle Weiten, daß er verloren ist für immer. Dann steht er da und sieht ihm traurig nach. Was ist er nicht zufrieden, daß er wenigstens opfern durfte, zu opfern hatte! Und wir lieben und quälen uns um die Erfüllung, Und sollten doch beseligt sein, die Liebe in uns zu haben und reich zu sein in ihrer Reinheit nnd Sehnsucht. Die Sehn-i sucht ist auch eilt Besitz. Vielleicht unser schönster und höchster. Mich hat das die Kunst gelehrt.

Als wieder mein Quartalsgeld vom Stipendium ge­kommen war und mein Freund ein paar seiner alter­tümlichen Bilder verkitscht hatte, beschlossen wir, eine große Fußtour ius Gebirge zu macheu. Wir wollten einmal recht genießen, recht leben, beschaulich und ungestört. Wir durch­streiften das bayrische Oberland die Kreuz und die Quere. Mir skizzierten, malten, und faulenzten. Das war unsere größte Genialität. Recht leicht lebten wir in bcn Tag hinein. Wo der Weg uns gerade hinführte, waren wir da­heim. Daheim nirgends und überall.

Es waren so köstliche Tage. Gesund und frei und er­frischend. Wir waren ganz allein auf der Welt. Die ganze Welt gehörte uns.

Wir wollten Menschen sein vor allen Dingen. Künstler, je nun, so nebenbei. Menschen in erster Linie. Nnd alles, was wir aufnahmen, sahen und hörten, mochte es Frohes, mochte es Trauriges sein, es sollte unser Besitz werden. Reich wollten wir daran werden. Recht reich, daß wir ganz würden.

So etwa besprachen wir's miteinander.

Wir sagten uns, daß wir nur etwas geben dürften, wenn itt uns alles klar und ganz läge. So ein stiller Be-, fitz, so ein Blick über die ganze Welt, alles zu begreifen, alles zu verstehen."

Der arme Lukas hüstelte ein wenig. Er trommelte aus feinem Tisch und wiegte den Kopf. Er lächelte auch ein wenig.

Wir waren so jung und voller Träume, voll hohen Sinns."

Es gab wieder eine Pause.

.Hohen Sinns! ich kann's gar nicht verringern, ich muß den ganzen Sinn davon nehmen. Hohen Sinns, ich muß es gelten lassen." _ !

Er machte wieder eine Pause. Dann stand er auf und legte die Hand auf meine Schulter.

. ,-Junger Freund," sagte er,so eine Zeit Hat man nur einmal im Leben. Da wird man getragen. Da trägt Uran nicht. In späteren Jahren, wenn sich einer so erheben will,'hängt ihm zu viel an, trägt er schon zu schwer. Dann zählt 'er Schritt um Schritt, denn jeder Schritt ist daun eine lange Spanne Zeit. Aber so einen leichten Gang und so einen raschen Fuß- ja, ja, da muß. man drauf zu marschieren, da darf einen nichts aufhalten. Sonst ist's verpfuscht. Verpfuscht fürs ganze Leben."

Er seufzte tief, und sein Kopf sank auf die Brust. Es war lange beklemmend still. Dann sagte er schwer und dumpf, daß es mich eisig überlief:Fürs ganze Leben! ja!"

Darauf hob er sich ein wenig, und seine Stimme klang freier.

Und mir sprang so ein Hindernis jetzt in den Weg, und ich sand den Schritt nicht mehr. Ich kam ans dem Geleise. Vielleicht"

Er machte wieder eine Pause und sann. Und aus feinen Sinnen heraus meditierte er:

Ja, wer kann das wissen! Daß ich's als Künstler nicht höher brachte es war eine böse Zeit für einen, der war wie ich. Es mochte ja auch nicht ausreichen bei mir. Denn was so ein Ganzes und Rechtes ist, das setzt sich durch, trotz der Zeit; daran glaub' ich. Aber als Mensch ich meine so auch den äußeren ja, das Hängt doch an mir.

Wir hatten im Gebirge von nieinand in der Welt was gehört. Bon keinem Menschen. Als von den Bewoh­nern natürlich, mit denen wir lebten. So wollten wir's Haben. Ganz vergraben wollten wir sein.

Zwei Monate dauerte das beinahe. Ganz abgebrochen, ganz abgeschlossen von der Welt. Da wacht alles auf,

was in einem ist. Ich glaub' ja wohl, wenn's zu lange dauert, und wenn man noch zn jung ist, zehrt man sich dabei aus. Denn in die Einsamkeit darf nur gehen, der! Nahrung für ein Leben in sich hat. Und so kehrten wir eines Tages heim nach München. Je näher mir kamen, um so schwerer ward mir. Ich konnt's nicht aus mir bringen, was da in mir aufgewacht war. Ich sang und lachte nicht mehr. Ich sprach nichts mehr. Der Freund redete mir zu. Es half nichts. Eine Angst nnd Traurig­keit lag in mir, die mich furchtbbr quälte.

Ich hab' zwar immer nach einer Freud' eilt äugst-! liches Gefühl gehabt. Das hab' ich aus meiner Jugend her. Ans dem engen Leben, aus dem wettig Freudigen. Ich bin nie ein Mensch gewesen, der Freuden ertragen konnte. Ich mußte immer im Hellen an das Dnnkle den-, feit. Aber diesmal war's seltsam ahnungsvoll und schwer. Und richtig, da wir daheim waren, war die Ahnung er­füllt.

Es lag eilt Brief da vom Water. Schon beinahe drei Wochen zurück. Tie Mutter war gestorben, und nun schon begraben, schon lange begraben. Und ich war der-i weilen leichtsinnig und guter Dinge in Gottes freier Welt herumgewandert. Halt' vielleicht grad ein übermütig Lied­chen gesungen, da' sie daheim an meiner Mutter Grab! gestanden hatten.

Was ging mir nun all durch den Kopf! Da ist das Lehen da sind wir, die Lebendigen! und da ist der Tod, und da sind die Toten! Wie das nebeneinander liegt!

Keine Mutter mehr! Und der'Gedanke, daß sie nun erlöst sei, und daß es meine .Mutter sei, der ich. mein, Leben verdanke. Daß ich fern war während ihrer letzten Stunde, daß sie mich vielleicht gern noch einmal gesehen, noch einmal gesprochen hätte. Und daß sie so gerne leben wollte. Sie sei sanft eingeschlafen, schrieb der Baler, nudj daß sie nun schon ganze drei Wochen in der Erde liege.

All das fiel zentnerschwer auf mich. Tage saß ich so und sann und grübelte. Und Vorwürfe machte ich mit- die Menge, schwere Tage lang und Nächte, lange Nächte lang. Mein Freund sprach mir keinen Trost. Das müsse der Mensch allein in sich austragen.

Er hatte recht.

Da kam ein zweiter Brief meines Paters. Hart und barsch, wie das leicht seine Art war. Daß ich keinen Funken- Kindesliebe im Herzen habe, keinen Schimmer Dankbar-^ feit. Daß ich ein verbummelter Mensch sei, wie er sich das immer gedacht habe, ans dem sein Lebtag nichts wer-, den könnte. Denn daß ich zur Beerdigung nicht gekommen sei, nehm' er mir am Ende weniger übel; aber daß tch drei Wochen nach der Mutter Tod noch keine Zeile heim-j geschrieben habe, sei doch eine Schande.

Nun, das war aufzuklären. Am Ende des Briefe» aber stand eine Bemerkung, die seltsam auf mich wirkte. Ich wußte zunächst nicht, sollte ich froh, sollte ich traurig sein.

Es ist eilt Glück für mich, daß das Luischen da ist und mir den Haushalt führt. Ich müßt' nicht, wie ich's sonst machen sollte. Sie ist sehr fleißig und tüchtig, und sie hat der Mutter in den letzten Lebenstagen brav gc-l Holsen." . r,,

Da war die Mutter vergessen. Ja, 's ist furchtbar, für eilten Menschen, das sagen zu müssen; aber ich bin allezeit ehrlich gewesen und sag's. Herrgott, da schrie was in mir. Da schrie das Leben in mir! ,,

Das Leben, junger Freund, das achtet nicht des Grabes nnd Sarges. Das kennt nur sein Recht. Das setzt sich ans Leichen nnb lockt nnd jubiliert. Herrgott, das Leben!

Ich schrieb dem Pater einen Brief, und es gingen ein paar noch hin und her. Znletzt ward ausgemacht, daß ich vorderhand nicht heimkommen solle. Es sei besser so. Wegen mir und, wie der Vater vorsichtig durchblickeul ließ, wegen dem Luischen. ,

Ich fühlte mich noch nicht reif zur Heimfahrt und folgte ihm.

(Fortsetzniig folgt.)

Die Welt ist grün und weih und blau.

Unter diesem Titel veröffentlicht unser Mitarbeiter Joseph Aug. Lux imTürmer" eine Plauderet über Blumenschmuck im Zimmer.Ein Raum, darin nicht sie farbige Wirkung der Blumen zur Geltung kommt, ist em ästhetisch vollkommen mißlungener Raum, und wäre er auch mit verschwenderischem Reichtum ausgestattet. Zumiuoep