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Der arme Lukas.
Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holzamer.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.).
Ich wohnte mit meinem Freunde zusammen. Schlecht Und gerecht hausten wir. Unsere inneren Stürme tobten wir zusammen aus.
Ach, es tut wohl, einen Menschen zu haben, einen einzigen, vor dem wir unsere Seele nicht zu verhüllen brauchen. Mag das Leben an äußerem Unglück bringen, was es will, es läßt sich allein verwinden; aber der Kummer, der tief in der Seele zehrt, der ruft nach Mitgefühl.
Endlich ging mein Freund auch von der Akademie weg. -,Mir machen uns selbst, Lukas," kam er eines Tages. -Milt das auch vor der Welt nichts, es ist genug, wenn es vor uns was gilt. Wir brauchen keinen Stempel, keine Schule und kein Examen. Vielleicht ist die Gefahr größer, unterzugehen, aber wenn wir nicht untergehen, sind- wir zwei harte, stolze Kerle, Lukas! Auf also!"
In dieser Zeit schafften wir beiden mit neuem Mute. Mein Freund hatte vor mir viel voraus. Er war härter als ich, tätiger, beweglicher. Er hatte eine weit fertigere Hand, und er bekam leicht jeden Kunstgriff los. Er war ein Nachahmer comme il saut. Das brachte mich- manchmal halb zur Verzweiflung. Denn die meisten Talente waren damals so wie er. Es ist merkwürdig, wie da die Natur manchmal ihr Spiel macht. Oder tut's die Zeit?
Es war eine Zeit der „Fertigen". Eine Zeit der Macher und der Mache. Man war so ganz sicher in den Mitteln. Es tat's einer wie der andre. Und so fand ich nirgends ein Mittel und einen Ausdruck für mein Empfinden. Es blieb alles unbeholfen in mir und naiv, und unbeholfen und naiv war alles, wäs ich machte. Ich blieb das Landkind. Niemand wollte das verstehen. Es tvar etwas ganz Fremdes. Da tvar nichts vom Theatralischen, von der Pose und festgelegten Form. Gewiß war noch nichts aus der Hohe von mir. Aber ich verzweifelte von vornherein, auf vre Hohe zu kommen. Was ich ringsum sah, entmutigte mrch. Die Zeit tvar mir nicht günstig.
Nur mein Freund stand manchmal sinnend vor meinen Sacyen: „Es fehlt ja in allen Ecken, Lukas, in allen Ecken. Gar nichts Kunstschule. Gar keine Schulung; aber rein gar keme. Aber Kreuz-Kanonen, das, und das — toas gab rch drum!" Das machte inich ein wenig stolz. Nur könnt' ich nie begreifen, tvas das und das für ein Besonderes wäre. Es war mir ja so selbstverständlich.
Ja, so lebten tvir hin. Skizzierten und malten und wuchsen innerlich aus mancher Enge heraus. Nur wuchs ich halt mit dem Leben nicht zusammen. Ich blieb cüt unpraktischer Träumer, der mit sich und den Verhältnissen Nichts anzufangen wußte.
Da war nun mein Freund anders. Eines Tages faßte! er inich am Kragen: „Lukas," sagte er, „wir sind am End', 's muß Geld herbei! Ich mach' eilten tollen Streich, gib acht!"
Ich tvar gespannt. Er saß zwei Tage vom Morgen bis zum Abend im Schweiße seines Antlitzes vor der Staffelei. Gott, was machte er doch! Ich weiß es heut nicht mehr.
Er machte bald so viel Derartiges. Ein ganz kleines Bildchen. Ganz in brauner Sauce. Recht alt. Heute Cin-i quecento, morgen Quattrocento, übermorgen Holländisch, Alles, tvas alt ultd braun war, gefiel. Er klatschte in die Hände, als er fertig war, und umarmte mich: „Lukas, jetzt gibt's Geld!"
Er trug's zu einem Händler. Vielleicht war's ein Trödler oder ein Antiquitätenhändler. Ich weiß nicht, ob! der wußte, was er kaufte. Vielleicht kannte er auch seine Kunden. Er kaufte es. Für ei» paar Gülden nur, viel zu viel aber dafür, lind am andern Tag machte mein Freund wieder eines, und so eilt paar Tage lang. Fast noch nutz — nur wenn tvir Geld hatten, blieb der Vorrat stehen —j trug er's zu seinen Händlern. Er hatte sich ein paar ge-i sichert.
Vollständig skrupellos machte er das. Meine Ein-t wände verlachte er. Einmal, als ich ihm eine gar zu strenge Predigt gehalten hatte, gab er mir trocken Brot, und er faß daneben und aß Eier und kalten Aufschnitt zum Abend und trank seine paar Maß dazu. „Leben!" sagte er.
And daran ist er auch verdorben. Es tvar so eine Zeit. Man mußte schon sehr stark sein, wenn man sich in ihr er« halten und hochbringen wollte. Ich glaub' nicht, daß es an Talenten fehlte. Es fehlte vielleicht nur an ihrer Frei-, heit und Selbständigkeit. Nein, ich. glaub', es fehlte an der Bewegung in dieser ganzen Zeit, an der Beweglichkeit in jedem Einzelnen darum. Es war alles nur gemalt, — es war kein Ausdruck, kein eigenes Erleben, kein lluter- scheiden. Man hatte zu viel „gelernt", und man tvollte alles mit dem „Gelernten" zwingen. Uebrigens aber, das nicht zu vergessen, es tvar immer noch viel Spannung in mir, viel Vertrauen und Wollen.
Ich lag löie früher draußen im Freien, an der Isar, im Gebirge; ich saß zur Marktzeit auf dem Markt zwischen den Hökerwcibern — der Münchner Markt ist nämlich einzig in seiner Farbigkeit — nichts war mir zu gering. Ich war nicht der Mann der großen Motive, ich ging nie auf das „Bedeutende" aus. Eine Wiese und ein Wässerlein, — ein altes Haus und blühende Bäume int Gärtchen, — ein Obststand und die Hökerin dabei, die gescheckte Katze auf dem Schoß. Man zuckte die Achseln: das tvar gemeine Kunst.
Ich hatte bis jetzt versäumt, einen großen Flatschen zu malen. Vielleicht: „Alexander durchhäut den gordischen Knoten." Aber ich vertraute ans meine kleiiien"Bildchenwenn sie auch uiemand wollte. Ich war in ihnen, mein Schönstes und Bestes. Das genügte mir.


