Ausgabe 
28.4.1909
 
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des alten Weidenbaumes sesthalten und dann sachte ins Wasser hinabgleiten. Und wenn sie es mit geschlossenen Augen tat, dann würde ihr nicht grausen; dann war es schnell vorbei.....

Jan hatte Tine über den Steg kommen sehen. Er wunderte sich darüber, daß sie nicht ins Haus kam. Er ging in die Küche, aber auch durch die Hintertür kam sie nicht. Weshalb ging sie in den Garten? Was sah sie sich so scheu um? Was hatte sie vor?

Jan ging hinaus, dem Mädchen nach. Jetzt war sie am Graben; sie blickte ins Wasser. Jetzt trat sie einen Schritt vorwärts und noch einen. Sie ging ins Wasser mit ge­schlossenen Augen. Er hörte ein leises Wimmern wie von einem Kinde. Das Wasser war kalt, sie stand bis zu den Knien darin. Jetzt versank sie, nein, noch hielt sie sich mit einer Hand au dem Weidenzweig.

Jetzt ließ sie den Zweig los; sie stieß einen Angstschrei dabei aus, und in demselben Augenblick fühlte sie sich unter den Armen erfaßt und unsanft zurückgerissen.

Sie kamen Leide zu Fall. Jetzt rafften sie sich auf und standen einander gegenüber.

Wer Tine!" sagte Jan sanft und traurig, wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht.Aber Tine!"

Tine schluchzte herzbrechend. Sie bebte vor Kälte. Die nassen Kleider klebten au ihren Beinen, und der kalte Wind durchschauerte sie.

Komm ins Haus," sagte Jan, und als sie sich nicht vom Fleck rührte, nahm er sie am Arm und führte sie mit sanfter Gewalt hinein.

So," sagte er, als sie im Wohnzimmer waren,nun sag mir bloß, warum wolltest du das tun?"

Er hatte die Lampe angezündet und das Mädchen in den Korblehnstuhl gedrückt, sie aber sprang aus, wie eine Feder, die zurückschnellt.

Weil ich in Schimpf und Schande komme. Und der mich ehrlich machen und heiraten wollte, ist tot. Morgen kommt meine Mutter, aber dann bin ich nicht mehr; ich will nicht hören, was meine Mutter sagt. Ich will fort!" , Sie sprach die Sätze abgerissen, in leidenschaftlichem Schmerz, in Seelenangst und Verzweiflung. Ihr Gesicht war geisterhaft bleich und verzerrt.

Sie rang die Hände.Wo soll ich hin? Wer nimmt mich arme Seern ? Wer macht mich ehrlich? Wo soll ich hin?"

Sie lief in ihrer Herzensangst hin und her, das nasse lange Kleid legte sich um ihre Füße, ihre Schuhe waren glitschig; sie rutschte aus und fiel hin.

Jan hob sie mit kräftigen Armen empor.

Aber Tine!" sagte er wieder, und in seiner Stimme klang ein schöner Ton von Herzensgüte.Tine, ich lasse dich ja nicht fort, du bist mir doch von meinem Bruder und meiner Tante vermacht, ans Herz gelegt. Du bleibst bei mir, und dein Kind wird Thomsen heißen. Ich weiß wohl, Qaf. hat an dir gesündigt, ich will es wieder gut machen."

Tine verstand nicht alles, und von dem, was sie ver­standen hatte, begriff sie nicht alles. Sie war zu aufgeregt und verwirrt. Nur wenige Worte waren haften geblieben; sie hatten sich in ihr armes, gequältes Herz gesenkt wie frische Tautropfen. Um diese Worte Jans drehten sich ihre Gedanken.

Ich lasse dich nicht fort, dein Kind wird Thomsen heißen. Ich mache es gut!"

Sie war so wirr, daß sie Jans Worte auffaßte als ein Heiratsversprechen. Einen Augenblick drückte fie sich fester in seinen Arm, wie ein müdes, verwirrtes Vöglein. Ein Gefühl der Sicherheit, des Geborgenseins überkam sie, und die Lust am Lebeu erwachte wieder. Alles Blut strömte zu ihrem Herzen, ihre Augen glühten in Ekstase.

Du willst mich ehrlich machen? Du willst gutmachen, was Jak an mir verbrochen hat! Ach, Jan, ich bin man eine arme Seern, aber ums Geld wollte ich dich nicht nehmen. Aber du bist gut, du bist der einzige, den ich lieb haben könnte. O, Jan, ich will dir eine gehorsame, treue Frau sein. Nie sollst du ein böses Wort von mir hören. Ich will schaffen und sorgen für dich von früh bis spät. Du guter, lieber Jan!"

Durch die Tränen in ihrer Stimme klang ein heller Jubelton. Sie brauchte nicht zu sterben, sie durfte leben, atmen, die Sonne wieder sehen!

Fester, immer fester klammerte sie sich an ihn, als

hätte sie Angst, daß ihr jemand den einzigen Halt räubert würde.

Nicht um hunderttausend Taler lasse ich dich!"

Jan war einen Augenblick verblüfft, ratlos. Er wollte den Irrtum aufklären, er wollte rufen: Nein, nein, das nicht! Als er aber das Mädchen vor sich sah, wie eine Wahnsinnige, wie eine Trunkene, die schwarzen Haare in wirren Locken ums Gesicht, die flammenden Augen ver­zückt auf ihn gerichtet, da besaß er nicht den Mut und die Kraft, die Aermste wieder in die Verzweiflung und Todes­angst zurückzustoßen.

Ich werde morgen mit der Mütter reden," dachte er.

Tine," sagte er bann sanft und ernst, während er sich aus der Umschlingung frei machte,geh jetzt zu Bett. Pack dich warm ein, damit du dich nicht erkältest. Nun geh, mein Kind, morgen sehen wir weiter. Ich fehe draußen nach dem Rechten."

Still und gehorsam, wie ein folgsames Kind ging Tine in ihre Kammer. Als sie sich bei dem flackernden Blech- lämpcheu ihrer nassen Kleider entledigte, kam ihr wieder Schanes Prophezeiung in den Sinn: Der dich nicht will Und den du nicht willst, den heiratest du.

Ja, er ist mir bestimmt," dachte sie,ich muß ihn heiraten." Und sie faltete die Hände wie zu einem Dauk- gebet. Dann kamen ihr die anderen Worte in den Sinn: Und den du heiratest, den behältst du nicht. Tief und schmerzlich senfzte sie auf:Das böse Schicksal!" Sann schlief sie ein, und zum ersten Male nach Jaks Tode schlief sie fest und traumlos bis zum Morgen.

Jan ging am Abend noch lange mit sich zu Rate, wie er bett Irrtum aufklären, was er für Tine tun könne. Das Versprechen, das er der Taute auf dem Sterbebette ge­geben hatte, lag ihm schwer auf dem Herzen. Sollte er Tine mit Geld abfinden und zu ihrer Mutter znrückschicken? Nein, es ging nicht, fie würde das Geld nicht nehmen, und wenn die Mütter es nehmen würde, bann würde das Mäd­chen den Tod suchen er wußte wo.

Und doch konnte Tine hier nicht bleiben, der Leute und vor allem Fraukes wegen nicht, Franke, die hier als Herrin einziehen sollte.

Bei dem Gedanken au Franke verklärte sich Jans Ge­sicht. Er malte sich aus, wie er vor den Kantor treten und um sie werben wollte, wie er sie dann endlich in die Arme schließen würde als seine Braut, wie er ihren hellen Kopf in feine Hände nehmen und das feibenfeüte Haar küssen würde.

Aber Tine! Hatte es jemand gesprochen oder hatte er es selber gesagt. Nein, nein, das konnte Tine nicht ver­langen, daß er ihretwegen sein Lebensglück von sich stieß.

Ain andern Morgen hatte Jan die Sache beschlafen und war doch noch nicht mit sich ins reine gekommen. Er­ging Tine, die ihn mit den Augen eines treuen Hundes verfolgte, aus dem Wege. Es war ihm nicht möglich, sie anzusehen.

(Fortsetzung folgt.)

Abdu! Hamids Thronbesteigung

Von Adolf Struck (Athen).

|S)er Kampf, den Sultan Abdul Hamid in diesen Tagen um seinen Thron führt, erweckt lebhafte Erinnerungen an die Um­stände, unter denen vor mehr als 32 Jahren der heutige Gebieter der Osümnen zur Macht empowestiegen ist. Auch damals schon standen die Forderungen einer Konstitution im Mittelpunkte, die an die Erhebung des neuen Herrschers' geknüpft wurden.

lAbdul Asis war am 20. Mai entthront worden. Er tetr ettt beschränkter und fanatischer! Mann geliefert, dessen Reise nach Europa nur dazu beigetragen hatte, seine Verschwendungssucht «och bedeutend zu erhöhen. Ser Ruin den türkischen Finanzen, der Niedergang des Osmanischen Staates waren sein Werk gev toefen; eine völlige Katastrophe konnte, so lange der türkische Herrscher in seiner autokratischen Person die ganze Gewalt ver­einigte, nur durch einen Thronwechsel vermieden werden, Be­kanntlich ist der Sultan zugleich der oberste Kalif aller Osman cm und während die Staatsgewalt erblichen ist, hängt das Kalifat nicht unwesentlich von dech Willen des Volkes ab, namentlich schreiben die religiösen Satzungen vor, daß ein Kalis seines Amtes entheben ist, sobald er untauglich geworden ist, oder sich nicht mehr im Vollbesitze seiner geistigen Fähigkeiten befindet; es be­darf hierzu nur des Fetwas (Rechtsspruches) des' Scheck ul Jslaw- Mit der Entziehung des Kalifates fällt auch der Sultan. Wär! für Abdul Asis erkannt wo'chen, daß erin den Geschäften do Staates und der Kirche Verwirrung angerichtet hatte, und da» sein weiteres Verbleiben auf dem TWn eine Gefahr für Von