Ausgabe 
28.4.1909
 
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M9 Nr. 66

JMS

Spätinghof.

Roman von K. b. d. E i d e

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Endlich war alles hergerichtet. Die Toten waren in ihren Särgen in der besten Stube aufgebahrt, die Wände waren mit weißen Sterbelaken verhangen, und die Toten­lichter brannten.

Biele Leidtragende kamen, mit selbstgebundenen Buchs- baumkränzen über dem Arm. Auch die Kantorsfrau und Frauke waren dabei. Das junge Mädchen wechselte mit Jan nur einen stummen, festen Händedruck und einen innigen Blick.

Tine hatte viel zu tun in diesen Tagen., Sie mußte glles sauber und blank machen, die Gäste bedienen, in der Küche helfen und überall zur Hand sein. Es war gut für sie, so blieb ihr feilte Zeit, an ihr eigenes Leid zu denken.

Sie trug ihr bestes schwarzes Kleid, das sie sich beim Nähenlernen als Meisterstück angefertigt hatte. Es war aus feinem Kaschmir, mit Spitzen besetzt, und so, lang, wie es die feinen Damen trugen. Wie eine Königin sah sie darin aus, bleich und stolz und wunderschön. Nur wer sie genau beobachtete, merkte, daß ihre Bewegungen rein mecha­nisch waren, daß der Glanz ihrer schönen dunklen Angen getrübt war.

Tine hielt sich tapfer bis zuletzt. Bis die Särge hiuaus- getragen wurden und Jan sich noch einmal zu ihr um- wandte und sagte:Tine, halt gut Haus." Bis sich die Haustür klingend hinter dein Letzten int Zuge der Leid­tragenden geschlossen hatte und sie allein, ganz allein zu­rückgeblieben war in dem großen, öden Hause.

Da schrie sie wieder auf, wie sie nach Jaks Tode ge­schrien hatte; da schrie und schluchzte und weinte sie sich satt.

Draußen heulte der Novembersturm. Draußeu an Jaks Grabe standen viele gleichgültige fremde Menschen, die zogen ihre dünnen schwarzen Rocke über der Brust zusammen und dachten:Wenn der Pastor es nur nicht zu lange macht, sonst holen wir uns noch einen Schnupfen." Das Weib aber, das dem Toten allein nahe gestanden, das er geliebt hatte, das ein Kind von ihm unter dem Herzen trug, das mußte fernbleiben, das gehörte nicht zu der Trauergemeinde; an das hatte niemand gedacht.

Die Trauerfeier dauerte nicht lange. Als Jan nach Hause kam, fand er Tine still beschäftigt, die Reste der Trauermahlzeit fortzuräumen.

Jan sah ihr nachdenklich zu. Ihn rührte das Mädchen in ihrer schwarzen Tracht, mit den bleichen Wangen und dem unsagbar traurigen Ausdruck in ihrem Gesichte. Er war jedoch noch nicht mit sich ins reine gekommen, was er

für sie tun könne. Nur so viel war ihm klar: Geld durfte er Tine Klaseu nicht anbieten.

Als es anfing zu dämmern, band Tine sich ein schwarzes Tuch um den Kopf.Ich geh mal nach dem Kirchhof," sagte sie.

Jan nickte. Er fand es ganz in der Ordnung, daß ste Jaks Grab aufsuchte.

Tine flog mehr, als sie ging. Auf, und ab jagte ste die Gräberreihen. Dort war das Goossche Erbbegräbnis, und da waren auch die beiden frisch aufgeworfenen Gräber.

Tine wollte sich auf die frische Erde werfen, aber welches war Jaks Grab? Sie wußte es nicht. Sie kniete am Gitter nieder, faltete die Hände und betete still. Dann stand sie ans und ging langsam nach Hause. Immer lang­samer, immer zögernder wurden ihre Schritte, je näher sie Spätinghof kam. Sie überlegte jetzt in Ruhe, was das Leben und der Tod ihr zu bieteu habe. Ganz genau erwog sie alles. Sie stand jetzt vor der Entscheidung. Morgen kam ihre Mutter. Die Stutenfrau hatte ihr Be­scheid gesagt. Morgen würde ein böser Tag werden. Die Mutter würde sie mitnehmen, nein, sie würde sie nicht mitnehmen; was sollte Anndortjen Klasen mit einer großen Tochter, die ihr Schande ins Haus brachte?

Morgen, dann würde sie in Elend und Schande gehen, in den Tod.

Wenn sie nur der Mutter nicht unter die Augen zu treten brauchte, unter die scharfen, hellblinkenden Augen, denen sie solange ausgewichen war.

Es mußte etwas geschehen, morgen nein heute was geschehen mußte, konnte gleich geschehen, ehe etwas dazwischen kam.

Tine kam an den Hofgraben und sah vom Steg ins Wasser hinab. Er war sehr tief, Entengrün schwamm darauf, und die Jauche vom Düngerhaufen floß hier hinein. Nein, es war zu gräßlich, solches Wasser zu schlucken. Aber der Graben, der hinter dem Garten floß, war auch tief, das Wasser war klar und rein, er lag im Gebüsch versteckt, hier sah sie niemand, und hier nein, hier war das Wasser auch nicht so kalt.

Tine schlich ums Haus herum in den Garten. Jetzt dämmerte es schon stark; aber auf Spätinghof brannte noch kein Licht. Es war totenstill im Garten; nur das welke Laub raschelte unter ihren Füßen. Gespenstisch starrten Bäume und Büsche das Mädchen an, das scheu vorübereilte. Was war das? Stand dort nicht Jak und streckte seine Arme nach ihr aus. Nein nur weiter weiter; Jak lag auf dem Kirchhof unter der kühlen Erde.

Jetzt war Tine an die Stelle augelangt, wo int Sommer das Wasser znm Gießen des Gartens geschöpft wurde. Hier war der Rand des Grabens seicht und niedergetreteu. Das Wasser schimmerte durch die Dunkelheit; es war klar und rein. Tine brauchte sich nicht zu fürchten. Bon dieser Stelle aus konnte sie bequem ins Wasser hineingehen, sie konnte sich dabei ein wenig an den überhängendeu Zweigen.