Ausgabe 
28.4.1909
 
Einzelbild herunterladen

263

M Staat bedeuten WrVe", sv war dämit MW den Scheik Kl Islam Hassan Hairullah der Ketwa gesprochen, ddr die Absetzung rechtskräftig Mächte.

Murad V. wurde sein Nachfolgern Schpst als junget Prinz genoß er den Ruf eines durchaus gebildeten,, lebhaften Mannes!, der beit Despotismus verabscheute, gerecht und wohlwbllend war, ganz deut Fahrwasser des aufgekWten Jungtürkentums angel- Mrend. Aus ihn hatte mjän die größten Hoffnungen gesetzt, ihm sollte die Aufgabe zufallen, das Land mit einer Verfassung zu bedenken, die alten Mißstände durch umfassende Reformen zu be­seitigen. Und als er, ciis 36 jähriger Monarch!, durch die Straßen Konstantinopels geleitet wurde, um' in der Svphieu-Moschee, beim ersten Selamlik die Huldigungen entgegenzuuehmen, jubelte ihm das Volk begeistert zu: es war ein großes Freudenfest, das Er­lösung und neue Hoffnungen brachte; und als der Fürst, seit erdenklichen Zeiten zstnr erstenmal, dem jubelnden Volke für seine Huldigungen durch freundliches Kopfnicken dankte, da schien Man Wer die glückliche Wiendstng der Dinge Maßlose Frvude zu empt- finden. Murad kehrte in den Palast zuhück und seitdem haben düstere Schatten seinen Geist umuachtet. Man weiß nicht, wäs die Ursache seiner Krankheit ward, aber der schpn Nervenschwäche, durch übermäßigen Genuß geistiger Getränke entkräftete Fürst blieb nur wenige Tage im Vollbesitz seiner Geisteskräfte: die Fülle der dramatischen Ereignisse, die Schlag auf Schlag auf den ans einer beschaulichen Zurückgezogenheit heransgerissenen Prinzen einwirkten. Mögen in ihm Zweifel hervorgerufen haben, ob alles mit rechten Dingen zugehe. Tie Entthronung des Abdul Asis, seine eigene nächtlicherweile, fast genmltsanr erfolgte .Fnthroni- sierung, der am 4. Juni folgende Selbstmord seines Onkels Abdul Asis und am 15. die Büordszenen in der Sommerresidenz Midhat Paschas, dies alles Ereignisse von tragischer Bedeutung, sollen den jungen Sultan mit Verfolgungswahn erfüllt haben. Die Zere­monie der Schwert-Umgürtung, die das Gesetz vorschreibt, mußte von Wpche zu Woche verschoben werden, das Volk sah es ungern, daß der Sultan auf den Freitagsgang in die Moschee verzichten mußte und die fremden Diplomaten und- Wgesandteni warteten vergebens auf den Tag, wo sie ihre Beglaubigungsschreiben dem neuen Monarchen vorlegen konnten. Als schließlich, des ewigen Wartens Müde, viele Jmmams, Mollahs und UleMäs sich weiger­ten, den Sultan in ihr Freitagsgebet einzuschließen, die Unzu­friedenheit in den verschiedenen Volksklassen zunahM und gab keine Aussicht auf eine Besserung des Gesundheitszustandes von Murad bestand, beschlossen die Minister seine Absetzung.

Don den beiden Prinzen, die bei einer Neubesetzung des Thrones in Betracht kamen, Abdul Hamid und Mehmet Reschad, beides Brüder des Asis, war die Wahl auf den ersteren, fcen jüngeren, gefallen, doch sollte ihm die Proklamierung der Ver­fassung zur Bedingung gemacht werden, gleichzeitig mit der! Ver­pflichtung, daß er sich zur Erledigung der Staatsgeschäfte nur verantwortlicher Minister zu bedienen haben werde. Hamid soll sich damals gegenüber Midhat Pascha schriftlich verpflichtet haben, diesen Bedingungen zu entsprechen und den Thron an Murad zurstch- zngeben, wenn dieser seinen Verstand wiedergewinnen sollte. Murad hatte in Wirklichkeit nur zwölf Tage regiert. Nachdem durch ärztliche Untersuchungen festgestellt worden War, daß auf eine baldige Heilung des Monarchen nicht mehr zu rechnen war, sprach derselbe Scheik ul Islam Hassan Hairullah am 1. September den Fetwa aus, der Murad wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit entthronte. Murad wurde in den Tscheragan-Palast am Bosporus überführt, wo er! bis zu seinem Tode in strenger Haft gehalten! wurde. Ob er je wieder genesen ist, hat man nie erfahren können, ja selbst an seiner Existenz hatte man lange gezweifelt. Der edle Fürst, der ohne Glück und Stern volle 28 Jahre verschollen ge­blieben war, ist erst am' 29. August 1904 im. Alter von 64 Jahren eines natürlichen Todes gestorben.

Am selben 1. September 1876 bestieg Abdul Hamid den Thron. Die. fast überwältigenden Ereignisse hatten das Volk niedergedrückt, teilnahmslos und taub ließ es alles, was drun geschah uitb mit der Person d.s Legierenden Fürsten zusammeuhmg, an sich vvrüber- zichen. Als der junge Fürst noch an dem gleichen Tage von den Würdenträgern, hohen Zivil- und Militärbeamten durch die große Perastraße nach Stam-önl ritt, drängte man sich, so erzählt Ali Haydar Midhat Bey, Wohl, uni den glänzenden Zug zu sehen, aber mau war stumm geblieben und bekundete keinerlei Enthusiasmus; man war ängstlich geworden und witterte ein Unglück. AM 4. September fand in dem Ejnb-Kloster die übliche Zeremonie der ersten Investitur statt und Hamid wiederholte seine reformatorischen Absichten. Die nächste Zukunft sollte ein anderes lehren! Schon in dem aM 9. September veröffentlichten Haiti Humayun, der! gewissermaßen das Programm der Regierung darlegen sollte, hatte Hamid die wesentlichsten Stellen, die die Reformen betrafen, ge­strichen. Als endlich nach einem erbitterten Kampfe zwischen dem Ministerium Midhat Paschas unb dem Paläste das Konsti- tntionsprojekt nicht ohne erhebliche Text-AenderUngeu vomS ultan angenommen und am 23. Dezember in der neuen Fassung proklaj- miert wurde, sollen des Sultans Entschließungen längst gefaßt gewesen fein.

Als dröhnender Kanonendonner! über dem! Bosporus die Ein­führung der Konstitution bekundete, zog erst jetzt wieder eine begeisterte Menge, einer Deputation folgend, durch die Straßen. Ali Haydar gibt uns eine lebendige Schilderung : Der Scheik ü!l

Islam an der Spitze der UleiMas, die von ihren Patriarchien geMcte, christliche Geistlichkeit, hie Minister, b'etl hervorragende Gelehrte Schakir Effendi, gefolgt von dm Sostas und Studenten, und eine ungeheure Volksmenge, sie alle mit Fähnchen, die die Aufschrift Freiheit trugen, zogen zup Wohnung Midhat Paschas. Am' Abend wurden die Moscheen beleuchtet, die Bevölkerung zog mit Fackeln durch die Stadt und brachte Hochrufe auf den Sultan und auf Midhat aus. Aus allen Teilen des Reiches liefen Glückwünsche' ein, die der überraschenden Freude Ausdruck gaben. Christen und Mohammedaner waren voller Begeisterung, auch der katholische Vikar in Konstantinopel gab über die durch! die Konstitution zu­gesagten Reformen seine Befriedigung zu erkennen, kurz, her Jubel war allgemein. Nur dey Palast von Beschiktasch verblieb in der Dunkelheit der Sultan war leidend!

Ein starrer Eigensinn machte die verheißungsvollen Absichten zunichte. Die Verpflichtungen, die Hamid auf den Thron gebracht hatten, waren vergessen und schon am! 4. MKr'z 1877 war das Parlan ent aufgelöst,-seine Schöpfer tojaMen beseitigt worden.

Volksleben in Siam.

I.....,Mte Bilder vom Volksleben in SiaM,entwirft Katha­

rina Zitelmann inlieber Land! und Meer!". Auch in Siam sind die Errungenschaften moderner Kultur eingezogen, seitdem König Tschulalongkorn sein Land den europäischen Reformen erschlossen hat. Besonders in Bangkok dröhnt schon der! Lärm der Fabriken in die Stille ehrwürdiger Tempel und Klöster, steht die Billa des Europäers unter den bescheidenen Hütten der Siamlefen. Durch die Hauptstraße rasseln elegante Equipagen und elektrische Bahnen. Handel und Industrie liegen fast ganz in den Händen der Chi­nesen und der etwa 1200 Europäer; nur die SiaMesrN, me viel geschäftstüchtiger ist als ihr männlicher Genosse, ist bemüht, es den verschmitzten Söhnen des Himmlischen Reiches gleichzutun. Man sieht sie auf dem Markt vor den Fisch,- und Grüukrchnl- auslagen sitzen, das Kleinste an der Brust, während der Gatte im Hintergründe bequem ausgestreckt den Schlaf des Gerechten oder des Faulpelzes schlummert. Dafür wird der Siamese wieder von europäischer Eleganz magisch angezogen; ev. trügt Strümpfe und Stiesel auf seinen bisher gänzlich, unbekleideten Füßeit, und auf dem kurzgeschorenen Haar den Hut. So groß ist feine Lehn- sncht nach einer Kopfbedeckung, daß er sogar zum Diebe wird und nicht selten dem Fremden, der in der Rikscha dahingetragen! wird, den Panamahut von hinten vom Köpfe reißt, um wmd- schnell zu verschwinden. Die Kultur Siams ist durch Ehma stark beeinflußt, hat aber doch ihre entscheidende Prägung durch das Nachbarreich Kambodschah empfangen und alles, was von der Gesittung des Abendlandes allmählich eindringt, i|t vorläufig nur sehr äußerlicher Firnis. Selbst der König, der ohne Zweifel der aufgeklärteste Mann seines Landes ist, bleibt Orientale; es ist ein todeswürdiges Verbrechen, nach seinen Frauen zu fragen oder sich nur nach dem Hanse zu erkundigen, in bem sich muer­halb des königlichen Palastbezirkes der Harem befindet. Die ge­heiligte Person der Königin darf bei Todesstrafe niaft berührt werden, und so ist es denn vorgekommen, daß 6ei einen Festlich­keit die junge Herrscherin ins Wasser fiel unb während Hunderte aus ihrem .Hofstaat schreckensbleich zuschauten, doch elendiglich umkam, da niemand wagte, ihr zu helfen. Der König fall sechzig Nebensraucn haben und viele Tänzerinnen halten. Seme Tpchteu müssen fast alle unverheiratet bleiben, denn es gibt für iie keine ebenbürtigen Partien. Wenn sie aber ein Liebesverhältnis cm- gehen, so droht ihnen nach der Entdeckung der Tod. Komgsbmt darf aber nicht vergossen werden, und so werden die Verurteiltest mit Stöcken edlen Holzes zu Tode geprügelt. Das Volk hangt mit Leidenschaft seiner alten Religion, dem Buddhismus, an; es gibt etwa 80 000 iKöndje in Siam imd in Bangkok allem oOO Klöster. Jeder Jüngling des Landes bleibt einige Jahre int! Kloster. Mit dem Bettelnapf, den gelben Mantel würdevoll drapiert, schreiten die Mönche von Hans zu Haus, neigen den glattge- schvrencn Kops bittend und erhalten überall reiche Gaben, denn; das Volk verehrt sie hoch und steht ganz unter! ihrem Einfluß.. Eifrig sind die Siamesen dem Glücksspiel ergeben, dessen Formen sie wahrscheinlich von den Chinesen gelernt haben. Um! eine große Matte herum hocken in den Spielhöllen schon in der Morgenfrühe zahllose Menschen und folgen gierig der wechselnden Laune des Glücks. Von einem großen Hausen MufchclN wird aufs Geratewohl ein Teil abgesondert, von dem wieder einzelne Muscheln je vier zu vier abgezählt werden; auf die übrigbleibende Zahl kommt es an, je nachdem diese eins, zwei oder drei ist. Auf diese Zahlen setzen die Spieler und gewinnest oder verlieren, in kürzester Zeit grüße Summen, da die Spiele einander sehr schnell folgen. Hier gibt der Siamese sein Letztes hin, verspielt all sein Hab und Gut und schließlich sogar seine Frau. Im Ganzen! ist jedoch die Stellung der Frau in SiaM eine weit bessere als in Vorderindien oder China. An die Polygamie ist man gewöhnt, und die erste Gattin gebietet über die anderen Frauen, ist die Herrin des Hauses und erzieht die Kinder. Die Frauen habest ziemliche Freiheit, besuchen Theater und Festlichkeiten. Sie sind in ihrer Jugend zu ist Teil sehr hübsche, aber sie altern rasch; zu­dem emaillieren sie auch in den besseren Ständest die Zähste schwarz. Die Tracht ist hei den beiden Geschlechtern dieselbe und besteht eigentlich nur aus dem kurzen Rock, dem bei den