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Kunstblüte ist untergegangen. Auf hunderttausend Einwohner fommen keine zwei Porträtmaler. Wie werden wir unseren Enkeln im Gedächtnis bleiben! Wird unser Bild in ihren Seelen leben, gegenwärtig sein, mitwirkend in ihrem Tun und Lassen, geliebt und verehrt, wie unsere selige Großmutter? Wir lassen uns photographieren. In einer Anzahl von Jahren ist die Photographie verblaßt, ausgeblasen, unkenntlich, eine Fratze. Vielleicht heben sie die Nachkommen auf, vielleicht! Aber ansehen tut ncan sie nicht, zeigen noch weniger. Es ist unerquicklich, Name sind wir dann, leerer Schall. Und dann erst wirklich gestorben. Liebe Großmutter, du lebst. Nein, wir lassen uns auch porträtieren. Wir gehen in eine große photographische Anstalt, wo viele junge Maler im Taglohn an- gestellt sind, und bestellen das „Porträt". Es ist zwar nur ein photographischer Grund, aber schön angesärbelt. Sehr süß und schmeichelhaft, als ob wir nicht Menschen, sondern Porzellanpüppchen wären. Aber es gefällt den Leuten und es ist modern. Darum tut es nichts, daß dieser Schund 70—80 Gulden kostet. Meistens soll es eine Ueberraschung sein, ein Geschenk für die Frau des Hauses, für den Ehegatten. O Glück! O Wonne! Alles ist Festes- fren.de. Am Geschenk darf man nicht mäkeln, darum wird der kritische Verstand beizeiten totgeschlagen, wofern er überhaupt da war. Zum Schlüsse liebt man, ivas man hat, und sieht nur MS sündhafte Geld darin, das' es gekostet hat. Für dasselbe Geld bekomint man auch ein gutes Porträt. Man wende sich an die Akademie, an die Kunst- Vereine, an die jungen, fertigen Künstler. Sie gehöre mit Feuereifer daran, sie brauchen nicht mehr unwürdige Arbeit tun, Bilderbogen kolorieren, Nikolo und Krampusse für den Christkindmarkt fabrizieren, um das Leben zu fristen. Alle Porträtmaler hätten aus einmal zu tun. llnb in jedem Haus könnten ein paar Bildnisse sein, die einen wahren Familienschatz bilden.
Aber dem steht manches entgegen. Leider zum Teil die jungen und fertigen Künstler selbst. Sic sind betört durch das Riesenphautom, das „Künstlerpreis" heißt, den die Künstler von Ruf zu erzielen pflegen. „Warum sollten wir nicht auch -----?" Kommt man in eine von jungen
Künstlern veranstaltete Ausstellung, fällt nichts so sehr auf, als die hohen Preise. Es ist ein offenes Geheimnis, daß dieselben Bilder um tatsächliche .Kaufbeträge erhandelt werden, die zwergenhaft sind tut Vergleich zu den ver- langten Riesensummen. Mehrstellige Künstlerpreise kom- me-t mit dem steigenden Ansehen u;tb Alter von selbst. Während unsere Künstler darbeil, sind beispielsweise die französischen Maler das Verkaufen gewöhnt. Das machen die billigen Preise.
Und dann die Leute. Die sagen, die Photographie tut denselben Dienst. Das ist nicht wahr. Die Photographie gmi zwar alle Einzelheiten genau wieder, aber rein äußer- irch, auf chemisch-mechanische Weise. Darum hat sie immer ktwas Mechanisches, Seelenloses. Ich • finde es • ganz (>;•■ Kreislich, daß Leute die gelungenste Photographie zurück- wetfen: „Das bin ich nicht!" In den photographischen Ateliers kommt das täglich vor. Nicht w-ie wir im Auae des^ leblosen, mechanischen Apparates uns darftellen, da- raus kommt es an, sondern darauf, wie wir im Auge des -Nenschen erscheinen. Darauf ist unser Empfinden, ja unser ganzes Sein gestellt. Darum kann die Photographie nie die Geltung eines Porträts haben.
Dm gibt es Leute, die behaupten, die Bildniskunst sei dw niedrigste Gattung der Malerei. Es ist gelegentlich schon geschrieben worden, daß es eigentlich recht widerwärtig sem müsse, täglich fremde Augen, Ohren, Nasen zu malen, nichtssagende Gesichter, die dem Maler doch langweilig """.Olelchgrrltig sein müssen. Da tut er eben seine Pflicht, schafft treu uild fleißig wie ein Handwerker, und was derlei Aussprüche mehr sind. = .
^be immer eine heimliche Sehnsucht gehabt, Por- Ä£a-eE M letr‘ Blldniskunst, sie ist der Gipfel der -ca.cret. Ich habe die ganz klare Empfindung, daß ein
Maler, der Künstler ist, nichts malt, was ihitt gleichgültig ist, daß er Psycholog genug ist, um in jedem Antlitz einen Schimmer Seele zu entdecken, und daß er den Pinsel nicht eher anrührt, bis er sich über den inneren Menschen klar geivorden. Denn das ist seine Kunst, daß er den Menschen nicht wie die Photographie in der äußerlichen Zufälligkeit des Augenblicks darstellt, sondern dessen innere Züge ergreift und den Charakter mit allen seinen Möglichkeiten offenbart. Diese innere Aehnlichkeit ist künstlerisch wichtiger als die bloß äußere. Jhnr werden die feinen Linien und Fältchen des Antlitzes, die der ungeschickte Photograph, der schnteicheln will, mit Vorliebe wegretouchiert, besonders kostbar sein, und er wird das Auge, das wir immer zuerst suchen, tote beit Weg zur Seele, als wichtigste Offenbarungsquelle behandeln. Das Porträt ist Gcschichts- malerei im höchsten Sittne. Nicht allein für den Maler ist die Sache interessant, auch für den Besteller. Der weiß, der Künstler malt aus innerer Anschauung heraus, also das Bild, das er in seiner Seele von ihm gewonnen hat. Er malt ihn, wie wir im Auge des Menschen erscheinen. Es liegt darin etwas, das uns allen sehr nahe geht. Das Auge des Nächsten ist in Wahrheit unser Wächter. Der einsame Mensch verwildert. Unsere gesellschaftliche Kultur ist auf das fremde Auge gestellt. Sie spitzt sich im Kern auf die unausgesprochene Frage zu: „Werde ich gefallen?" Das Maßgebendste aber wird sein, wie uns der Künstler mit seinen verfeinerten und verschärften Sinnen auffaßt. Er wird uns mit keiner Wahrheit verschonen. Wir werden in seiner Darstellung nicht aussehen wie im stumpfen Alltag, sondern wie an einem Festtage des Lebens, etwa in seinem höchsten Augenblick, in dem sich unser verborgenstes Wesen zum stärksten Ausdruck sammelt. Kann "das die Photographie leisten?
Ich habe von der Großmutter keine Photographie, das gab es zu ihrer Zeit noch nicht. Angenommen, es gäbe eine solche, und ich besäße nichts von ihr als diese Photographie, so Erde sie wirken, wie erblindete Spiegel. Ma Großmutter wäre sodann nie für mich gewesen. Tie Bild- nisknnst hat sie mich verehren gelehrt.
Vst'MZscMsK.
, Bureaukratie in Messina. Die schon verschie- demnch aufgetauchten schwerwiegenden Anklagen gegen die Leitung des, Rettungswerkes in Messina erfahren jetzt eine herbe Be- statcguag im (Sortiere della sera durch die Ausführungen des bekannten italienischen Journalisten Luigi Barzmi, der sofort nach dem Bekarmtwepden der Katastrophe feinen Posten tu Rewvork verlassen hat, ummach Sizilien zu eilen. Er schildert das Leben tm Hasen von Messina, das so Hut kontrastiert mit dem toten Schwingen der Ivetten Trümmerstätte am Lande, und übt eine herbe Kritik an der italienischen Bureaukratie, deren Orgaui- satronsirast dem unvorhergesehenen Unglück gegenüber völlig zu- sammenbrach und auch heute noch nicht den Weg zur entschlossenen Tat und ein methodisches Zielbewußtsein wiedcrgefunden hat. „Was sofort nach der Katastrophe wieder in Tätigkeit trat, das war die wmoaurratte. Das erste, was ilieber erstand, waren die Armier,. tu.Wefonoe.re .die fiberfluffigen. Die Zahl der Beamten, die hier zufammengestromt find, ist erstaunlich. Die Stadt ist vernichtet, vw Bewohner sind tot, aber die bureaukratische Maschine hat sich mcht verändert. Es ist fast unglaublich, aber die Ministerien in <wom. behandeln mit einem merkwürdigen Beharrungsvermögen » tiodt genau so, als ob nichts geschehen wäre. Anweisungen, Ztrmlare, Bekanntmachungeu und Rundschreiben aller Art werden ruhig weiter ausgeschickt an Aemter, die zu existieren längst auf- gehort haben. Ganze Säcke von amtlichen Postsachen treffen hier täglich em, nur um mit der Inschrift versehen z» werden: „Empfänger verstorben". Ich erfahre von einem umfangreichen Sendschreiben vom Ministerium dcs Unterrichts, das an die Direk- wren der Schulen und der technischen Institute abgesandt tourbe. Dre Schulen, das Institut, die Direktoren und die Schüler find mzwnchen längst nicht mehr. Wann endlich wird sich die Bureau- kratie mit dem Gedanken vertraut mach«!, daß Messina tot ist und daß der ganze schwerfällige bureaukratische Apparat, diese Erlasse, Formulare, Stempel, Kontrollmarken, Unterschriften und Gegenrmterschrtstur einem Volke von Leichen gegenüber nur eine grausige Ironie bedeuten kann? Ich weiß nicht, wieviel von
gegenivürtigeii Untütigkeit auf die Bureaukratie entfällt, wo alle Tatkraft am Werke sein müßte, die WiederherstellungSarbeitert m me Wege zu leiten. Die schwersten Probleme harren der Lösung, aber wemg oder Nichts geschieht, als die tägliche Austeilung von Lebensmitteln. Die Trümmer sind verlassen, es wird nicht mehr


