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ton Fenster gesessen — tot einem so schönen Frühlingstage — Hb er denn noch immer nicht gesund ist? Er tut mir ja zu leid."
Sie seufzte schwer auf und lockerte mit der freien Rechtest die tippige, goldbraune Haartolle, die sie, bei schiefem Scheitel, auf der rechten Seite durch einen Kamm tief in die Stirn geschoben trug. Das Gesichtchen darunter war hübsch von kindlich zarter Rundung und einem Teint von der Farbe jener blaßrosa Rosen, die man Mädcheuer-röteu nennt.
Ihre ein wenig schräg stehenden, grauen, dunkel bewimperten Augen hatten einen träumerischen und zärtlichen Ausdruck, und auch die sanft geschwungenen Linien des blaßroten Mundes unter dem feinen, kurzen Näschen und das weichgxformte Kinn deuteten auf ein Bedürfnis zu lieben uild sich anzuschmiegen.
In ihrer mittelgroßen, sich eben erst rundenden, feingliederigen Gestalt und in ihren Bewegungen lag noch die Ehrende Unbe- hokseNheit allererster Jugend. Ganz anders ihre Freundin, zu der sie denn auch mit ehrlicher Bewunderung aufzublicken pflegte.
Lisbeth Schäffer machte mit ihrer großen, schlanken, voll entwickelten Gestalt, ihrem oft etwas zu stark geröteten, großzügigen Gesicht, mit den kühlen, grünlich schimmernden, aufmerksamen Angen und den schmalen, aber auffallend roten Lippe»« einen vollkommen erwachsenen und stark selbstbewußten Eindruck. Daß sie das üppige blonde Haar völlig aus der hohen, weißen Stirr« zurückgekämnrt und hoch aufgebauscht am Hinterkopf in dickem Knoten trug, erhöhte noch diesen. Eindruck. Das Lächeln, mit dem sie in die schwärmerischen Angen. der Kleine!« sah, hatte eine leichte Färbung von gutmütigem Spott, und sie sagte beschwichtigend:
„Nmr, krank sah er eigentlich nicht aus, im Gegenteil, recht vergnügt sogar, und frech wiro er auch — wenn die Werk die Kußhand, die er dir zugeworfen hat, aiifgefangm hätte, könntest du dir gratulieren."
Helene wurde rot.
„Ach du, Frechheit gehört zum richtigen Leutnant, ich kann ihm deshalb nicht böse sein. Hübsch und lieb und vornehm ist xr doch. Nicht wahr?"
Lisbeths kühle Augen bewiesen, daß, sie auch schalkhaft aus- blitzen konnten.
„Nun, natürlich Schatz!" stimmte sie bei, „es fehlt Nicht diel, ß» könnte ich dich um diese Eroberung beneiden."
„Ach was nützt sie mir!" seufzte Helene, sorgenvoll die Haartolle von der Stirn zurückstreifend, was eine Angewohnheit von ihr war, „wenn man in einem Käfig sitzt —"
Sie waren nun auf dem oberen Weg angelangt, der sich Mer den Tennisplätzen zu einem Rondell erweiterte, von dem «ms man einen hübschen Blick auf das Hotel Heidelberg hatte.
Im Hintergründe öffnete sich eine große, mit Bänken versehene Felsgrotte. Dorthin wandten sich die beiden Mädchen, aber am Eingänge stockte ihr Fuß. Helene Falk machte, erglühend, eine fluchtartige Bewegung, wurde aber von der mutigeren Freundin am Arme festgehalteu.
So blieb sie denn stehen und sah mit ihren durch die schräge Stellung <tn und für sich schon träumerischen und scheuen Äugen verlegen auf den großen, schlanken Herrn, der sich etwas «»- beholfen von der Bank zur Sette erhob und ehrerbietig den grünlichen, kleinen Lodenhut lüstete.
Ein verlorener Sonnenstrahl zitterte über seinem peinlich glatt gescheitelten und gebürsteten Haar. Sein Wnales, leicht- gebränntes. Gesicht. erhielt durch eine tiefe Falte, welche seine steie Stirn über ihre ganze Länge bis zu den leicht vvrstehendm- Schläfeu durchzog, etwas seltsam Charakteristisches. Ker Jung- leutnantsfrvhpmn, der aus seinen blaugrauen, länglichen Äugen blitzte, war ganz sicher nicht der Grmidzug seines Charakters. Ebenso widersprechend wie Augen und Siir»« wirken die hoch- mutigen Flügel der großen, graben Rase zu dem gutmütigen Linien des für einen Mann ausfallend kleinen Mundes. Es war alles in allenr ein männliches, aber kein energisches Gesicht, keins toi« denen, deren Träger rücksichtslos über alle Hiuderniise einem ersehnten Ziel zustreben.
Er war auch noch sehr jung und nicht frei von einer gewissen Verlegenheit, die ihn über und über erröten ließ, als er mit gedämpfter Stimme sagte:
„Es wäre mir schmerzlich, wenn ich den Damen ihren Stamm- Pllrtz weggenommen hätte und sie durch meine Gegenwart störte —", ein Blick in Helenens, das Gegenteil verratendes Gesicht er- pmtigte ih>« hinzuzusetzen: „Darf ich mich Ihnen vorstellen, meine Damen? von Hassingen." Seine Verbeugung kostete ihm sichtliche Anstrengung, und der Schatten, der plötzlich sein Gesicht verdüsterte, machte es mit einem Schlage gereift und ernst. „Verleihen Sie, ich mutz mich setzen, mein Knie will rwch nicht so recht Parieren."
Er Mchelte schwach. Und Helene fand dieses mühsame Lächeln so rührend, daß sie ihre Scheu vergaß und rasch näher trat.
„Ist eS sehr schlimm?" fragte sie ängstlich, während Lisbeth sich ungeniert auf die Bank ihm gegenüber setzte und ihn mit ihren grünlichen Augen ruhig und aufmerksam ausah.
„Ach, Nun geht es ja schon!" sagte er, „aber ich habe eine böse. Zeit Hinter mir. Wenn Sie mir die letzten Wochen nicht sq verschönt hätten" —- er blinzelte neckend mit den Augen —: „es wäre gar zu traurig gewesen, —"
„Wirklich?"
Es klang wie ein Fubellaut. Helenens Gesicht!var verklärt Vor Glückseligkeit. Etwas verwirrt, unruhig musterte er sie. Ge- fülMüberschwänglichkeiten verursachten ihm immer ein peinliches Gefühl.
„8a, gewiß!" schwächte er seine Worte ab, „ich freute mich, daß Sie mich immer so teilnehmend ansahen, man wird nämlich sentimental bei dem langen Kranksein und hat so eine Kinder- fehnfucht, sich pflegen und verhätscheln zu lassen — na, und daS verstehen doch mir die Damen —", er verneigte sich lächelnd gegen die beiden Mädchen, und der Schalk zuckte jetzt um seine hübschen, vollen Lippen. „Ein Jammer, daß die einen armen, kranken Junggesellen nicht besuchm dürfen!" vollendete er, zu dem Mädchen vor sich aussehend.
Helene fand diese Bemerkung nun wieder „furchtbar frech" von ihm und flüsterte verlegen zm der blonden Freundin hinüber, erst jetzt bemerkend, daß sie noch immer wie festgewurzelt vor Entzücken dicht neben dem angebeteten Offizier gestanden hatte.
Lisbeth zog sie neben sich auf die Steinbaiik, während sis m einer eigenen reifen Art herausplatzte:
„Fragen Sie doch mal bei Fräulein Möller an, Herr Leutnant. Vielleicht erlaubt sie uns. Ihnen nächsten Sonntag nachmittag einen Krankenbesuch zu machen."
„Aber Lisbeth!" mahnte die Freundin, hochrot im Gesicht.
„Run, was "wäre schließlich weiter dabei? Du wärst doch die erste, die mitginge!" fuhr die große Monde unbeirrt fort. „Wir haben uns doch schon oft genug gewünscht, mal zu wissen, wie's bei einem Leutnant ausjieht."
(Fortsetzung folgt.)
Porträt und Photographie. Bo» Josef A u g n st L u x.
Eine Stadt, die hunderttausend Einwohner hat, kann in der Regel keine zwei Portriitmaler ernähren. Das gibt zu denken. Im Nebenzimmer hängt das Porträt der Großmutter. Sie sieht aus, wie in ihren besten Jahren, als Fran, da sie schon alle ihre Kinder gehabt hat. Acht an der Zähl. Wie gut sie aussieht! Die dnukleu Haare sind in der Mitte gescheitelt und ziehen in schönem Schwungs stark in die Schläfen hinein. Das blaue Seidenkleid ist tief ausgeschnitten, ein seines Spitzeutuch trügt sie darüber. Um den schönen Hals lauft eine neunfache Perlenschnur, vorne von einer großen Brosche zusammengehalten. Sie trägt die großen, aber ungemein fein und leicht gearbeiteten Ohrgehänge aus den dreißiger und vierziger Jahren und schon gefasste Ringe: Topas, Amethist und Ehrchopras. Stundenlang könnte man sie ansehen. Wie schön sie ist! Ueherall hin folgen einem ihre Blicke. Stellt man sich links, rechts in die Mitte, immer blickt sie einen an mit den braunen, klaren, gütigen Augen. Der Maler ist gar > nicht bekannt. Aber das Bild lernt man lieben und im Bilde die Frau. Bald hat sie einen unverlierbaren Platz in der Seele und lebt mit uns, obzwar sie längst tot ist. Jur Lebe« haben wir sie nie gesehen. Ein Jugendbildnis ist noch da. Da war sie noch Mädchen, trug einen bebänderten Jlorentinerhut und weiße, duftige. Tüllkleider. Ein Pastell, blaß und rührend anzusehen. Ausgebleicht, aber rosig umhaucht, wie verdorrte Rosen. Das lvar eine kuustfrohe Zeit, Großmutters Jugendtage. Aus allen Familien sind klns von danlals Bildnisse überliefert, Oelporträts, Pastelle, Lithographien, Miniaturen, von Daffinger und Genossen auf Elfenbein kunstreich gemalt. Dieselben Personen, meistens in den verschiedensten Lebensepochen dargestellt, Grillparzer, die Fröhlichs, Schubert, all die Großen ihrer Zeit, noch ans ihren unberühmten Tagen, was das Bemerkenswerte ist. Bon den Bildnissen Unberühmter, die nur Familienwert haben, gar nicht zu reden. Diese ganze


