Ausgabe 
27.11.1909
 
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Nu, was beim, schon?" Der alte Herr blinzelte das Mädtt-en freundlich an.Heul' so früh? Bekomme ich feilte Hand? Adieu, Kindchen!"

Adieu, Herr Schmolle!" Kurz nickend ging Nelda aus dem Zimmer. Wohin sollte sie? Das Berliner Zimmer war alles, was Mutter und Tochter besaßen; darin wohnten sie und _e§ war auch zugleich Eßzimmer.

,Da. stand, von Morgen bis Abend, immer der längliche Eßtisch mit dem weißen, nicht ganz tadellosen Tuch und den Brotkrumen darauf. Born die zwei schönen Stuben hatte Herr Schmolke inne; das eine große Hinterzimmer der junge Doktor, das andre kleinere Fräulein Berg. In der letzten Komurke schliefen Mutter und Tochter; jetzt plättete die Magd dort.

Nelda stand in der Küche, lehnte den Kopf an die Scheiben und schaute in den engen Hof hinab. Kein Strahl von Sonne stel zwischen die vicw hohen Manern, selbst hier oben, drei Treppen, blinzelte sie kaum auf's Fenster­brett. Nelda stöhnte sie hätte nie geglaubt, daß sie's so packen würde, jetzt nach langen Jahren, in gänzlich ver­änderten Verhältnissen und doch! Wenn sie darüber nach-

da.chte. ire konnte sich eigentlich kaum mehr sein Gesicht vorstellen; waren seine Augen braun oder blau gewesen? Und doch genügte der Name, ihr das Blut aus den Wangen zu Wgen und ihr H^rz still stehen zu lassen. Der Name war da und mit einem Schlag auch die ganze Vergangenheit. T*T ~ T., ", Wo war sie? Sie ging über die Schiff-, drucke in stürmiger Nacht, oben auf dem Ehrenbreitstein flackerte ein einsames Licht, wie ein Stern. Sechs Jahre waren seitdem verflossen, aber sie fühlte noch den Wiud- hauch, sie hörte feine Stimme zwischen dem Weilenrauschen: Lockt Sie's nicht, da hinab zu springen, sich treiben zu lassen, Gott weiß wohin?"

Ich bin auch hinabgesprungen," murmelte sie,ich habe die Augen zugepreßt, die Hände zu Fäusten geballt. Ich treibe noch immer, ich hab? noch nicht wieder Land gefunden. Land, Land!" Sie erschrack fast über die eigne Stimme, sie hatte lauter gesprochen, als sie gewollt, es klang wie ein Ruf.

Die Tür des Berliner Zimmers klappte, Iran Rätin steckte den Kopf mit den sliegenden Haubenbändern und dem abgehetzten Rot auf den Backen zur Küche herein.Rief einet? Was, Nelda, du bist noch hier?! Erst tust du so eilig, stehst nicht Rede Und Antwort, nur weg, und jetzt drehst du dich noch hier herum? Ich will dir was sagen" sie kam vollends herein und zog die Tür hinter sich zu ,du, warst wieder gräßlich unfreundlich, ich habe mich ordentlich geschämt. Der gute Schmolke! Auf die Art wirft du dich nie versorgen, da bekomme ich, weiß Gott, noch eher einen Mann, ich mit meinen Zweiundfünfzig! Ja!" Sie nickte triumphierend, die tärrierte Schleife von halb­seidenem Band oben auf ihrer Morgenhaube wackelte.

Ich will auch gar keinen," sagte die Tochter und sah dis Mutter mit starren Augen an.

Aber was denn?!" Der Kopf mit den, Haubenbändern wurde znrückgeworfen.Da hätten wir doch auch in .Koblenz bleiben können, da hättest du mich nicht herzuschleppen brauchen in die wildfremde Stadt. Bei dem Klavierspielen und der Singerei ist doch nichts Extras herausgekommen! Nun muß ich mich Plagen mit der Pension und den fremden Leuten; mau zittert immer, hat mau die Stuben besetzt oder nicht. Schrecklich! Sage bloß, was willst du denn hier?*

Mit einem trostlosen Blick sah die Tochter um sich ! ja, was wollte sie hier?Ich wollte frei sein," sagte sie undeutlich, und dabei, blieb ihr Auge au den Wänden der kleinen Küche haften; es klebte sich ordentlich fest au den Sellanenen Töpfchen, die in Reih und Glied auf dem ,.sims standen. Die Preßkohlen schwellten, es roch nach gewärmtem Kaffee. Sommers und Winters stand der Tops mit heißem. Wasser auf der Herdecke, darin briezelte die Porzellankanne mit der angeknickten Schnauze; wer konnte immer für jeden Nachzügler frischen Kaffee machen!

(Fortsetzung folgt.)

- henkt an sie," flüsterte die junge Frau,Ich weiß esi Trane auf Träne rieselte über ihre Wangen, her- unter zu dem schmerzlich verzognen Mündchen; sie biß sich auf Lis zuckenden Lippen, das laute Schluchzen zu Unterdrücken.

Erinnerung aus meiner Jugendzeit.

Bon I. Sch weitzer, Lehrer, Odenha u s e n.

(Bei unserem Preisausschreiben lobend erwähnt.)

Herr Schullehrer fe komme!" so meldete der Ecke- hannes eines Tages, im Frühjahr48", meinem Vater, oem Legrer eines nahe an der kürhessischen Grenze ge­legenen Dorfes, das Kommen der int Hanau'schen gebildeten Freischärler.Ja, Hannes, was wollen sie beim?" fragte mein Vater den Verkündiger, dessen Gesicht in der Hoff­nung der neuen Weltordnung strahlte.Jo, seh' Se, heut- zutag es die Wett goar komisch engericht. Bon Freiheit nix, vo Gleichheit wirrer nix; eit von Brürerlichkat ivill m'r goar nix wesse. Do muß. mohl die Welt geännert warn und dozou Honri mir etzet die Leut, däi doas besorge wolleI",Ach lieber Hannes, das ein schwer Geschäft, was deine Freiheitsleute besorgen sollen; ich glaube nicht daran, daß sie es fertig bringe!" war meines Vaters! Meinung. Hannes nrachte große Augen:Was, näit ferdig vrenge! Doas m"r en meint domtne Verstand so klar! En Sai wolle doas net begreife? Der Hecker un der Struwe hon de Plon g'moacht, do git nix driwer!" 'S) horte als Junge das Gespräch der beiden; die Welt» änderung war mir gleichgültig; interessant war mir der Aufmarsch derSensenmänner", wie sie bei uns genannt wnroen. Hgnnes verkehrte viel in meinem Elternhaus,

. III.

öu mein Himmel, das ist ja eine ganz gräßliche Geschichte! R. Fran v. R. Kommandant Spieler­prozeß i Herrgott, das ist am Ende die Mutter von unserm Rainer! Nelda, du mußt es doch wissen! Denn feine Mutter war in Sinzdorf, nicht wahr? Hier lies mal hier!" Fran Rätin Dallmer schob der Tochter das ZeitunMblatt über den Frühstückstisch hin und fuhr mit deni Finger dis Zeilen nach,Sichst du, hier steht's!

Vermischtes.

.. Sinzdorf, 27. Febr. Heute ereignete fich in der berühmten Irrenanstalt des Doktor M. ein bedauerlicher Vorfalls Die Gemahlin des seiner Zeit in den berüch- ' iigteu Spielerprozeß zu H, verwickelten Kvminandanten - v. R., die schon lange Jahre an Größenwahnsinn litt, stürzte, sich in einem plötzlichen Wutanfall auf ihre , Wärterin, eine baumstarke Person; schlug dieselbe mit . einem Stuhl zu Boden, entriß der Betäubten den Schttissel- " piinh und entfloh. Die Unglückliche rannte die Treppe herunter, dann durch die Gänge des ausgedehnten Parkes, niin'.er laut schreiend:Jetzt weiß ich, wer ich bin! Ich will sterben, ich will sterben!" Die Bediensteten wurden 'aufmerksam, mau verfolgte sie; von allen Seiten um- . stellt, flüchtete sie wieder ins .Haus zurück, hinauf, zum dritten Stock, riß das Flurfenster auf und stürzte, sich mit einem gellende!: Schrei hinab, ehe Hilfe zur Stells war. Aus dem Pflaster des Hofes lag die zerschmetterte Leiche. Dieser Vorfall ist umsomehr zu bedauern, als .Frau v. R. bis dahin eine sehr leicht zu behandelnde Kranke wär und auch in ihren Wahnvorstellungen ein - äußerst angenehmes Leben führte. Die Wärterin scheint < Mit dem bloßen Schrecken davon gekommen zu fern, sie . hat sich wieder erholt.

' (Kölnische Zeitung.)

Huh, gräßlich, nicht wahr, Nelda?"

Die Tochter nickte; der Löffel, mit dem sie in ihrer Kaffeetasse rührte, klapperte an den Rand.

Das Fräulein wird ja so blaß okh" sagte die gut- Nrütigs Stimme des alten Herrn, der den Frauen gegen­über saß.Liebes Fräulein, geben Sie mir doch mal die Schwedischen!" Er sagtejeden"; das G war immer seine schwache Seite.Zum Morgenkaffee gehören meine zwei Zigärrchen, sonst schmeckt er nicht. Bitte!"

Aber so mach' doch, Nelda! Du hörst doch, daß Herr Schmolke Feuer wünscht. Hier, lieber Herr Schmolke; Streichhölzer, Licht, Aschbecher. Was wünschen Sie noch?"

Nichts, danke! Aber nm auf besagten Hamme! zu kommen, ne, lassen Sie doch mal sehen!" Herr Schmolke streckte die Hand nach dem Zeitungsblatt ans.Wer ist diese Frau von Naderer oder Rader? Ich habe nicht recht verstanden!"

Mama, ich gehe jetzt zu dcu Stunden!" Nelda schob den Stuhl zurück; sie stand mit wankenden K'nieen am Tisch.Adieu!"