Ausgabe 
27.10.1909
 
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int letzten AstgestMck zur Fahrt, Hals über Kopf teifte er ach Westd allein! ab, nachdem er hastig einige Kleidungs- und Wäsche­stücke, die er schnell in' einem Laden in Turin gekauft, in die Reisetasche gestopt hatte. Man empfing den italienischen Gelehrten in Moskau mit grofjeW Ehren, der Gouverneur entsandte ein Peloton Kosacken, die Lombroso vom! Bahnhof zum Krechl ge­leiten sollten, Wo die Gemächer für ihn bereit standen. Bei der Fahrt kam es zst einem amüsanten Zwischenfall. Lombroso reiste im allgemeinen Wenig und ungern, er besaß daher auch keine be­sonders widerstandsfähige Reisetasche, sondern hatte sich für bil­liges Geld eine Leistwandtasche getatft, die den Strapazen einer russischen Reise nicht gewachsen. war. Und es gab auch ein Un­glück; auf der Fahrt zum Kreml brach aus Lombrosos Reisetasche der Boden aus, mit elegantes Bogen flogdn Stiefel, Hemden und der Kongreß-Frack in den Straßenschmutz. Lombroso, der bis- Weilen mißtrauisch bis zum Verfolgungswahn sein konnte, schwor, daß es sich hier um eine Schikane der russischen Polizei handele und gelobte feierlich, niemals wieder nach Rußland zu kommen. IN jenen Moskauer Tagen lernte Lombroso auch Tolstoi kennen. Tie Zusammenkunft der beiden berühmten Männer erfolgte unter komischen Umständen. Lombroso War sehr klein und beweglich', er trug stets eine feierliche weihe Krawatte. Als er Tolstoi gegen­übertrat, regte sich sofort in ihm der Anthropologe, mit scharfern! durchdringenden Blicke begann er Schädel und Profil des großen russischen Dichters von vorn und von der Seite zu 'betrachten Und hörte nicht auf, Tolstoi unbarmherzig zu fixieren. Tolstoi Wurde bei diesem forschenden Blicke Höchst unbehaglich. Er reckte sich empor und erhob sich ungeduldig. Während Lombroso ungestört begonnen hatte, Notizen über die Schädelbildung des Grasen in sein Taschenbuch zu schreiben, denn er wollte eine anthropolo­gische Studie über den Dichter der Auferstehung abfassen, den er sehr bewunderte und füranormal" erklärte. Tie beiden WUrdeit übrigens sehr gute Freunde, und als sie voneinander schieden, waren sie gegenseitig voneinander entzückt. Daß seine Studien und seine Ideen auch auf die äußeren Tinge in Loms- bvosos Leben übergriffen, war eine gewöhnliche Erscheinung und Mehr als einmal die Quelle heiterer Episoden. Eines Tages be­tritt der Gelehrte einen Handschuhladen, um Handschuhe zu kaufen. Die Verkäuferin will seine Hände messen; plötzlich fällt der Blick Lombrosos auf die Finger des Fräuleins, er erklärt ihr, daß sie blattförmige Hände habe, d. h. die Schwimmhaut an den Finger- Wurzeln sei stark entwickelt; und dies sei ein atavistisches DegenÄ- rationsmerkMal, Darwin habe das entdeckt. Vom Hundertsten kam Lombroso ins Tausendste und zum Schluß hielt er dem Laden­fräulein einen regelrechten Vortrag über Darwins Theorie von der Abstammung des Menschen, indes die Verkäuferin sich ver­geblich bemühte, ihr Lachen über diesen' eigenartigen Kunden zu verbergen. Geschäftlicher Sinn ging dem Forscher völlig ab. Eines Tages besuchte ihn eine Fran aus der Provinz; nach der Kon­sultation zog sie ans dein Portemonnaie einen bereitgehaltenen Zehnlireschein; als sie jedoch das gutmütige Gesicht Lombrosos sah, fiel ihr ein, diesem guten alten Herrn könne nmn gewiß auch Weniger bieten und sie sagte ruhig:Können Sie mir nicht 5 Lire herausgeben?" Lombroso gibt ihr die 5 Lire und die Frau geht. Aber 10 Minuten später kommt sie wieder sie hatte sich viel- leicht noch bei der Portiersfrau über den Pvofessor erkundigt und meint treuherzig:Ich habe mich geirrt, Sie können schließlich doch auch mit 2 Lire zufrieden sein, geben Sie mir die andern drei wieder". . . Noch gleichgültiger war Lombroso in Fragen seiner Kleidung. In Rom hatte er einmal seinen Ueberziehev vergessen und mußte sich einen neuen kaufen. Der Händler, der sofort erkannte, welche Art Kunde ihm der günstige Zufall da in den Laden geschickt hatte, hing Lombroso ein grünes Ungetüm Von Mantel über, das bis zu den Füßen hinabreichte. Als

Lombroso in dieser Toilette nach Turin zurückkehrte, wär seine

Frau entsetzt über den Karnevalsaufzug, in dem ihr sorgloser

Gatte glücklich und zufrieden in Rom umher gepilgert wär. . .

* Die Jugend der Liselotte. Ein kürzlich in Paris erschienenes Buch von Arvsde Barine:Madame, die Mutter des Regenten" behandelt in einer für uns Deutsche interessanten Meise die bekannte Gestalt der Pfalzgräfin Elisabeth-Charlotte!, genannt Liselotte. Es ist ja schon viel über Liselotte geschrieben! Worden; auffallend ist, daß in neuerer Zeit die Franzosen sich so viel mit ihr beschäftigen und Meistens sie mit einer Sym­pathie behandeln, auf die ihre durchaus germanischen Eigen­schaften ihr eigentlich keinen Anspruch verschaffen könnten. Aber es ist ja eine von sehr vielen Geschichtsschreibent bezeugte Tat­sache, daß diese so deutsch gebliebene Liselotte, die nm Hof Lud­wigs XIV. mir deutsche Gerichte (Sauerkraut und Würste), die allem Zeremoniell trotzte, die laut alles Französische tadelte und alles Deutsche lobte, daß diese in Versailles von allem Her- konimluhen so abstechende Persönlichkeit die allgemeinen Sym­pathien des Hofes besaß, Was vielleicht beweist, daß ein starker Charakter sich überall durchsetzt, er mag sein, wo er will. Barine erzählt uns nun in besonders pikanter Weise feit der Jugend Elisabeth-Charlottes; in der Schilderung ihrer heimatlichen Zu­stande trägt er vielleicht die Farben etwas stark auf. Wir geben die,e nach einem Auszug, den derGmchois" bringt, wieder.

Im Schlosse zu Heidelberg kam ach 27. Mai 1652 Elisabeths- Charlotte, die zukünftige Schwägerin Ludwigs XIV,., zur Welt, als Kind eines barocken Souveräns, der über ein in kläglichem Zustande befindliches Volk herrschte. Barine erzählt über den Zustand der Pfalz, als.deren Regierung nach dem Westfälischen! Frieden irt die Hände des Kurfürsten Karl Ludwig kam, haar­sträubende Einzelheiten:Tie Hungersnöte waren dort derartig, daß man, um zu leben', das Aas der gefallenen Tiere verschlang, die Leichname aus den Friedhöfen grub und die Gehängten am! Galgen aufaß. Für eine kurze Zeit Würben selbst Garküchen von Menschenfleisch aufgemacht, Schlachtereien, wo man Eiir- gesal'zenes von Kindern verkaufte. Abgesehen vom Kannibalismus teilte der Kurfürst vollständig das Elend seiner Untertanen. Er ging in durchlöcherten Schuhen einher, knickerte um die Butter und sparte an jeder Kerze. In dem Jahre, als Liselotte gut Welt kam, war er genötigt, eine Reise zu machen; er erhöh also von seinem Volke eine Steuer von 50 Gulden, die reichlich für seine Ausgaben reichten. Rach zehn Jahren einer solchen Regierung War es ihm übrigens gelungen, das Gleichgewicht seines Budgets herzUstelleN, und die Pfalz ward wieder ein bewohnbares Land. Als Fürst also sehr achtenswert, war Karl Lud'ivig es weniger als Privatmann, und man kann ihn unsern Moralisten nicht als Muster anempfehlen. Im Besitze einer reiz­losen und zänkischen Gattin, entschloß er sich nicht zur Schei­dung, denn der widersetzte sich die Politik, sondern zur .halb legalen Trauung mit einer angenehmern Gefährtin. Er wählte zu diesem Zwecke eine Ehrendame der Kurfürstin, Luise von Degenfeld; ein gewaltsam herbeigeschleppter Pastor nahm die Eidesleistung an, ein in ähnlicher Weise hinzugezogener Notar verfaßte beit Ehevertrag. Nach dieser Beruhigung seines Ge­wissens verwies der Kurfürst seine erste Frau! in ein altes Zimmer des Erdgeschosses im Schlosse; er selbst ließ dann die zweite Frau in den Prachträumen sich einrichten und genoß friedlich die Früchte seiner praktischen Bigamie . . . In dieser eigenartigen Umwelt verfloß die Jugend der zukünftigen Ma­dame, bis ihre Taute Sophie, die Frau des hannoverschen Kur­fürsten, sie zu sich 'nahm und sich mit ihrer Erziehung befaßte. Tis Sache war nicht überflüssig, denn Liselotte war bis dahin eine Halbwilde, die Tag und Nacht im Freien lebte, auf die Bäume kletterte. Um Kirschen zu pflückest, schon um 5 Uhr mor- gens mit einem Butterbrote in die Berge ging, ihre Gouvernante durchprügelte, mit allen Straßenjungen der Stadt auf du und du stand, kurz, eher ein halber Junge.als eine kleine Prinzessin. Tie Tante Sophie mußte oft schonungslos die Rute brauchen. Um diesem wilden Teufel ist Unterröcken ein bißchen Erziehung, ein« Ahnung von Wohlanständigkeit beizubristgen. Physisch war sie ein großes pausbäckiges blondes Mädchen, frisch, kurz und dick, mit kleinen funkelnden Aeuglein, von einer auffallendest Häßlichkeit, aber mit einem heiterst, offenen Gesichtsausdruck, immer lustig und von einer unzerstörbaren Gesundheit, die keine Aderlässe und Purgieruugen kannte." Dieser deutsche Wildfang kam also mit 19 Jahren, im Oktober 1671, an den überkultivierten Versailler Hof, um Monsieur, den Bruder Ludwigs XIV,, zu heiraten, nachdem innerhalb vier Wochen Lisoletie sich noch rasch genug überzeugt hatte, um deck notwendigen Glaubenswechsel vor­nehmest zu können. Die Ehe mit Monsieur ging übrigens besser, als man geglaubt hatte. Liselotte hatte sich dann ihren Namen in der Weltgeschichte hauptsächlich als Briefschreiberin gemacht. Was aber seelisch an ihr das Interessanteste ist, Was den ge­heimen Roman ihres Lebens ausmachte, das war ihre tief ver­borgene Leidenschaft für Ludwig XIV. selbst, für den sie einest wahren Kultus halte. Ja, dieses Wilde Mädchen, diese robuste Frau liebte den blasierten Sonnenkönig wie ein echter, sen­timentaler deutscher Backfisch, und das ist vielleicht das sonder­barste unter den vielen Sonderbarkeiten, die Liselotte geliefert hat. Wenn je Gegensätze in der Liebe sich angezogen haben, so War es hier in dieser bizarrsten aller Leidenschaften.

* Rechtschreibung. Knebbchen:Schreibst du Brot mit einem Werften d oder einem harten t?" Bliernchen:Ist das Brot srisch, so schreibe ich es mit einem Werften d, is es alt, mit einem härtest t; bin ich aber über beides un­gewiß, so schreibe ich dt."

Logogriph.

Wo harmlos und heiter man lachen kann, Da pflegen mite" sie zu walten.

Mitü braucht es Hausstau und Handwerksmaun, Nicht lange ist's sauber zu hallen.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Dicuuanträtsels in voriger Nummer:

I

A t h Stamm Italien Fritz Seb n

Redaktion: K. Neurath. - Rolationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießern