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tetoegmigeii verfolgen können. Und so ist es auch bei allen anderen Fange-, Wurf- und Haschespielen. Während sich bei ihnen die Entwicklung mehr ans äußere, körperliche Eigenschaften erstreckt, so entfalten sich bei anderen Spielen wieder mehr Gaben des G«i st e Z, Gemütes und Charakters. Wenn ein Mädchen seine Puppe täglich an- und auszicht, wäscht und kämmt, füttert, schlafen legt, spazieren führt, liebkost, schilt und straft, so tverden dabei eine ganze Menge echt kindlicher, mütterlicher, weiblicher und menschlicher Gefühle und Instinkte wach und bereichern sein ganzes Wesen. Wie tief die Zärtlichkeit und die Herzeus- hingabe des Kindes an seine Puppe — die ihm doch das Sinnbild eines Kindes und wirklichen Menschen ist — werden kann, das zeigt uns ein Vorkommnis aus der Jugend Wilhelms v. Kügelgen. Seines Schwesterchens Puppe war an „Tiphthcritis" „erkrankt" und totabe von ihrem Puppenmütterlein aufs tteueste gepflegt. Einmal ließ Wilhelm unachtsam die Türe offen stehen. Ta begann die Schwester bitterlich zu weinen und war ganz trostlos', denn! sie meinte, in .der Zugluft hätte sich die Puppe den Tod geholt.
Aehuliche BoobaHükwgcn machen wir, so schreibt die Türer- Kund-Korrespondenz, trenn wir die Spiele der Knaben von diesem Gesichtspunkte pus betrachten. Einmal sah ich einen kleinen Knirps mit mifgekrempelten Hostm, nackten Beinen und krebs- rcteii Händen in einer seichten, sandigen Stelle des Baches stehen türd Gräben, Kanäle, Teiche, Häsen, Wehre und Brücken bauen. Saud, Steine und .Lehm, Brettchen, Holzstäbchen und biegsame Nuten ivären' das Baumaterial. Riß das .strömende Wasser ein Wehr oder einen falsch angelegten Tamm entzwei, dann stand der Kleine stirnruuzelnd und überlegend M bis er zur Erreichung seines Zweckes das rechte Mittel entdeckt und ausprobiert hatte. Ideen ausdenkend, Zwecke setzend, Mittel und Wege suchend Pud prüfend, Hindernisse überwindend, mit scharfen, Auge alles übersehend, mit geschickter Hand gestaltend, stand er im Bache, bis das Werk gelungen war. So ist die Jugend beim Spiele schöpferisch tätig, so wird das Spiel zu einer Quelle der Schaffenslust und Schaffenskraft.
Beim Räuber- und Soldatenspiel durch Hof und Scheune, Feld und Busch gilt es, Kraft und Gewandtheit, Schlauheit Und List, Geistesgegenwart, Entschlossenheit und Mut zu zeigen; da ertragen die Knaben sogar körperliche Schurerzen, blutende! Rasen, Beulen und Schrammen, ohne mit der Wimper zu zucken. Wer «s allen zuvortut und die anderen geistig überragt, der wird zUM Führer erwählt. Ohne Murren ordnen sich ihm die anderen unter; mit einem ungehorsamen Rebellen oder einem Feigling wird kurzer Prozeß gemacht, er wird mit Schimpf und Schande als Spielverderber aus der Gemeinschaft ausgestoßen. So entfalten sich schon aus dem Spielplätze soziale Tugenden: Kameradschaft, BerantwortlichLitsgesühl, Rechtsgefühl und anderes mehr. Vor allem aber freiwillige Unterordnung unter einen Führer oder unter eine Idee, Unterdrückung des eigenen Willens im Interesse gemeinsamen Handelns und zum Wohle des Ganzen. Hier ent- wickelu sich scheinbar ganz von selbst, aus innerer Notwendigkeit hieraus die ersten Forinen menschli chen geselligeit Zusa m m enlebens, die Urformen der Gesellschaft und des Staates.
Bon allergrößter Bedeutung sind auch die Spiele unserer Kleinsten. Ta Hat so ein Hemdem.*ntz den Schlüsselbund der Mutter in seine Güvalt gebracht, und nun beginnt eilt vielfältig Hantieren mit diesem Dinge. Es wird vvn allen Seiten angc- ichaut und betastet, gedreht und gewendet; dann wird es an die Ohren gehalten, mit der Nase, der Zunge und den Lippen genau Untersucht und zu guter Letzt auch in den Mund steckt. Endlich scheuert das Büblein mit den Schlüsseln heftig die Stube, daß es laut auskreischt vor Lust über das kräftige Geräusch und über das Gezappel der blinkenden Dinger. Run schlägt der Kleine wieder den Schlüsselbund aus die Diele, trifft ungeschickt eines seiner zarten Händchen, verzieht das Gesicht und beginnt ein kräftig Zetergeschrei. — Auf diese Weise gewinnt das Kind seine ersten Vorstellungen und Erfahrungen von den Eigenschaften der Tinge (Licht, Farbe, Größe, Schwere, Härte, Stoss, Zahl, Bewegung, Temperatur usw.) Es lernt Ursachen und Wirkungen 'miteinander verbinden, lernt ausmerken, merken, überlegen, denken, fühlen, wollen und handeln. Colozza, Enderlin, Gross, Preyer, Sikorski, Sigismund, Sully, Ufer und andere Psychologen haben Nus ausführlich bewiesen, wie die ersten Spiele des Kindes ein fortwährendes Experimentieren mit seinen Muskeln imd Sinnes- werkzengen, seinem Denken, Fühlen und Wollen sind. So gewinnt das Kind nach und nach die H e r r sch ast über seinen Kör - per, seinen Geist! und über die Dinge der Außen- wel t. Bom biologischen Standpunkt aus bedeutet also das Spiel eiito unbewußte Vor- und Einübung derjenigen Triebe, Kräfte und Tätigkeiten, die der Mensch in seinem späteren Leben int Kampfe ums Dasein braucht, oder mehr pädagogisch ausgedrückt: „Die Methode der Selbstausbildnilg des Menschen, das Natur- versahren seiner Selbsterziehung." (Enderlin.)
Wir können alle Kinderspiel« der Reihe nach chernehmen — Mit Ausnahme derer, bei welchen das Kind durch allzu natur» getreues oder Mechanisches Spielgerät zu geistiger Untätigkeit gezwungen wird — und wir werden finden, daß in jedem einzelnen Bildungswerte enthalten sind. Es mögen Turn- und Be- wegungsspivle, Bau- und Auftzellspiele, dramatische oder andere
fern, immer werden irgendwelche Anlagen,. Neigungen, Fähigkeiten Und Kräfte entwickelt und gefördert: der spekulative Verstand und die ästhetische Phantasie, die Schärfe des Auges und die Geschicklichkeit der Hand, die körperliche Kraft und Gewandt- beit und die Beweglichkeit des Geistes, Gefühl und Wille, Geschmack, Gemüt und Charakter. Dazu kommt noch, daß Beim1 Spiel tote bei keiner einzigen anderen Tätigstit diese Kräfte! sich so vielseitig und so Mächtig esttsalten und entwickeln, denn cs beruht aus den stärksten Quellen des Schassens: auf Freiheit und Neigung; außerdem fällt die Blütezeit des Spieles in den wichtigsten EutwickÄungszeitraum des Menschen, in feinen LebnsfrülLing, in dem er für solche Befruchtung und für alle Eindrücke am empfänglichsten ist.
Tie ganz verkehrte, aber immer Noch allenthalben verbreitete Auffassung des Spieles als einer „Spielerei" wollen wir nun endlich über den Haufen rennen. Wirkliches Spiel ist keine bloße Tändelei und kein „Zeitvertreib", es ist ein Schaffen, bei dem alle Kräfte des Leibes und der Seele lebendig werden; es ist der Ausdruck einer natürlichen, gesunden körperlichen und geistigen Entwickelung, es ist für das Kind ebenso natur» no tweud i g wie Atmung und Ernährung', Ruhe mW Bewegung. Gerade so, leie das junge Tier im Spiele zuerst seine Kräfte, Sinne Und Instinkte übt, die es später int Kampfe ums Dasein braucht, ebenso ist das Spiel' für das Kind Lebensbedingung, Lebensinhalt, Lebuszweck;, es ist wesensberwandt mit der Arbeit und mit der Kunst, es ist der Ausdruck eines und desselben LebenH- prinzips, nur gehört das Spiel einer früheren 'Entwichtimgsstufe an. Tas Spiel beruht auf einer inneren Kraft des jungen! Menschen, die nach Betätigung und Entladung drängt, es beruht auf Trieben, die mit Naturnotwendigkeit Befriedigung verlangen. Im Spiel kann sich die Kmdesnatur ungehindert aUsleben; wird ihr das nicht gestattet, so sucht der Krastüberfchuß und Bewegungsdrang^ entweder einen anderen Ausweg in Form von Unarten und Schlechtigkeiten ober1 diese ursprüngliche kindliche Kraft verkümmert und vertvelkt.
Ter Gedanke von der Naturnotwendigkeit und der bildeudeUj Krast des Spieles ist durch Fröbel und seine Schule zwar ins Leben um!gesetzt, zur Tat geworden', aber er ist sozusagen im K i n b e r g a r t e n stecken geblieben, ohne die Erziehung in © ch u l e « n d Haus stark genug zu befruchten. Die entwickelungsgcschicht- liche Bedeutung des Spieles ist ja nun auch von anderen Männern und von anderen Seiten her erforscht und beleuchtet und wissem schastlich begründet worden; wir brauchen nur noch die praktischen Folgerungen zu ziehen. An Fröbels Ideen, die bisher säst nur dem Kindergarten zugute gekommen find, müssen wir wieder anlnüpfen, sie ausbauen und iveiterbilden, damit sie auch für die Erziehung in Schule und Haus fruchtbar werden. Der elementare Unterricht ist aus den Fröbelscheu Gedanken zu gründen, daß das Kind 'nicht in erster Linie, ein anschauendes' und lernendes, sondern ein dar ste l l e n d e s und schassendes Wesen, ist. Aus diesem Gedanken soll sich die Schule der Zukunft — die „Arbeitsschule" — aufbauen, in der das vorwiegend ausnehmende ersetzt werden soll durch daS „schaffende Lernen". Aber auch das Elternhaus bedarf heutzutage der dringendsten Ermahnung, das Kinde länger Kind fein zu lassen und seine Entwickelung nicht noch künstlich zu beschleunigen.
von de? Pfarrchrom? vsn Nrsfssrf bei Gießen zum Uriegsjahre 1759.
Zu dem unter dieser Ueberschrift in Nr. 166 veröffentlichten Aufsatz, macht uns der prakt. Arzt Dr. F. Schäffer in Meßen folgende interessante Mitteilung:
Vielleicht interessiert es einen oder den anderen Leser des Gießener Anzeigers, daß heute noch Nachkommen des Verfassers jener Chronik hier leben.
Der erste protestantische Pfarrer von Krofdorf-Gleiberg wurde 1640 M. Jo'h. Ph. S ch m i d t b o r n, geb. 1616. Nach dessen 1683 erfolgtem Ableben übernahm der Sohn und seitherige Kaplan Mathäns die Pfarrei, darnach dessen 1697 geborener Sohn Georg Philipp. Wenn dieser der Verfasser oben erwähnter Chronik war, so muß er es allerdings sehr schmerzlich empfunden haben, ans ein „kleines Kämmerlein eingedrängt" zn sein, da er 10 Kinder hatte. Eines derselben, der dritte Sohn, wurde der vierte Pfarrer von Krofdorf, Johann Friedrich ©., dessen ältester Bruder der Großvater meines 1896 hier in Gießen verstorbenen Großvaters Gustav Schmidtborn ivar, der uns' diese Aufzeichnungen in seinem Tagebnche hinterlassen hat.
Vskmßschtes.
* Lombroso - Auekdote n. Ter Tod des bcrühmiett Anthropologen gibt italienischen Blättern Anlaß, eine Reihe charakteristischer und amüsanter Züge und Anekdoten aus dem' Leben des Gelehrten zu erzählen. Vor einigen Jahren empfing Lombroso eine Einladung zu einem wissenschaftlichen Kongresse, der in Moskau stattfinden sollte. Lombroso entschloß sich erst


