Ausgabe 
27.10.1909
 
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Mainz,). August. Hochverehrtes Fräulein!

Acht Tage sind seit unserem traurigen Abschied ver­strichen. Ich siirchte und doch hoffe ich auch wieder. Sie denken meiner in Groll; das letztere wäre das beste. Sie würden leichter über die Enttäuschung hinweg­kommen, die ich leider gezwungen war, Ihnen zu bereiten. Ich würde nicht gewagt haben, nochmals an Sie zu schreiben, wäre ich mir selber nicht eine Rechtfertigung schuldig; diese erst wird mich beruhigen. Ich 6üt kein leichtsinniger, kein undankbarer, aber ein unglücklicher Mensch.

Lassen Sic mich weit ausholen. Sie wissen, welch traurige Familienverhältnisse mich Niederdrücken; ich habe Ihnen von Anfang an kein Hehl daraus gemacht, daß ich auf jede Freude im Leben zu verzichten habe, ver­zichten muß. Trotzdem kamen Sie mir so freundlich entgegen mit der großen offnen Liebenswürdigkeit Ihres Charakters, daß es mir wohl reicht zu verdenken war, wenn ich den Wunsch hatte, als ein im tiefsten Schatten Wohnender, auch ein wenig dieses Sonnenscheines zu gemeßen. Hätte ich geahnt, daß Ihr gütiges Interesse an mir ein tieferes sei mein Ehrenwort ich hätte auch hierauf verzichtet; ich hätte mich zurückgezogen.

Sie wissen selbst, wie es kam. Als Sie an jenem Unglückseligen Ofterabcnd in der Dämmerstunde am Rhein unerwartet vor mich traten, als ich in meiner grenzen­losen Vereinsamung Ihre wohltuend warmen Worte hörte, der Strahl der Liebe aus Ihren Augen leuchtete, da Gott im Himmel ist mein Zeuge, ich werde in meinem Leben nichts schmerzlicher bereuen, als diese Stunde! Sie mögen unglücklich sein, aber was sind Ihre Tränen gegen die Nächte, die ich in Gewissenspein verwachte, da doch niemals von intimeren Beziehungen zwischen uns die Rede sein konnte. Ein Mädchen ist anders organisiert als ein Mann; Sie werden es nicht begreifen können, daß man Zärtlichkeiten bezeigt, wo man doch nicht liebt.

Ich habe die tiefste, die lebhafteste Verehrung für Sie, eine Schwester kann mir nicht teurer, liicht heiliger sein; gerade darum wurde es mir unsäglich schwer, Ihnen die Wahrheit zu eröffnen. Ich v -schob das Geständnis > sei es Feigheit, sei eS RücksHytnahme von Tag zu Tag. Meine Versetzung traf '"ein; der Abend kam, der Sie in meine Wohnung führte, gerade als ich an Sie schreiben wollte; ich war gezwungen, Ihnen einen Schmerz zuzufügen, der glauben Sie es mir, hoch­verehrtes Fräulein bitterer war zu bereiten, als zu empfangen.

Sie werden mich nach Jahren vielleicht milder beurteilen. Sie werden sich dann eines Menschen erinnern, dessen Herz unter den Wunden des Daseins verblutet; der nicht Muße hat, an Liebe und Glück zu denken, den: ds nur gegeben ist, sein schweres Schicksal, seine geknickte Ehre zu betrauern.

Haben Sie Dank für alle Ihre Freundlichkeit, und seien Sie versichert, daß in steter Verehrung Ihnen ergeben bleibt

Ferdinand von Rainer."

War's möglich? Da stand es, heut wie gestern und ckll' die Tage! All' die Worte drum und dran so unnötig! Brutal, nackt, überlaut schrie es aus jeder Zeile:nicht geliebt nicht geliebt!" War sie denn blind gewesen? Er hatte sie los seiir wollen längst und sie hatte nichts gemerkt!

Mit einem dumpfen Wimmern schlug sie die Hände vor's Gesicht. Ein schneidender Schmerz im Herzen, eine große körperliche Qual preßte ihr das Wimmern aus und dazu die Scham, die furchtbare Scham! Die war noch frisch wie am ersten Tage; nein, sie verschärfte sich mehr Und mehr.

Relda krümmte sich, sie bückte den Kopf tiefer und tiefer, bis er auf ihren Kuieen lag. Wo war ein Ort, an den sie sich verkriechen konnte gleich dem totwunden Tier wo wo?!

Regungslos blieb sie zusammengekauert. Der Zeiger auf der Uhr rückte langsam vor, Minute um Minute; eine Viertelstunde verging, und noch eine. Bon der Küche kam Geräusch. Der Suppeutopf brodelte über, die Brühe zischte auf der Herdplatte. Relda fuhr in die Höhe. In allem Elend empfand fic's doch noch ivic einen Schrecken die

Suppe kochte über, sie sollte ja Acht geben! Die platteste Wirklichkeit rief sie zu sich selber zurück, toie stürzte hinaus, als sei Gefahr im Verzüge; sie riß den Topf vom offenen Feuer.

Es qualmte in der Küche und roch häßlich. Eben jetzt kam Frau Rätin mit der Magd vom Einkauf zurück wie würde sie schelten. Wer sie hatte keinen Blick für der Tochter Unachtsamkeit, einer Ohnmächtigen gleich schwankte sie in die Stube nnb ließ sich in die Sofaecke fallen. Ihr Mantel hatte sich verschoben, der Hut saß ihr im Genick, die Ledertasche hatte sie auf den Tisch geworfen; die Düte darin war ausgegangen, die Kaffeebohnen quollen heraus.

Mein Gott, mein Gott, wie schrecklich!" Sie jammerte laut.Wie schrecklich!"

Was ist dir? Was ist passiert?" Relda wunderte sich selbst, daß der Mutter Gebaren sie nicht mehr erschreckte.

Es war traurig mitanzusehen, die kleine Frau Rätin war ganz außer sich.Mein Gott, mein Gott!"

Mama, was ist dir?" Relda neigte den müden Kopf zu dem der Mutter und legte ihr die Hand schlaff auf die Schulter.

Geh nur, geh, du ungeratenes Kind!" Frau Rätini Dallmer sprang" auf und stieß die Tochter heftig zurück. O die Schande, die Schande! Nichts wie Schande bringst du über uns! Was wird der Vater sagen? O mein Gott, mein Gott, was hab' ich mich vor der Zünglein geschämt! Aus dem Markt hat sie mich gestellt, die Schmidt kam auch gerade dazu, hie hatte eine Gans gekauft der arme Dallmer, es ist sein Tod! Die ganze Stadt weiß es, mit Fingern zeigen sie auf uns. Ich habe mich so geschämt, ich bin gerannt wie eine Diebin, die Eier im Korb sind uns zerbrochen. Muß ich das erleben, ach, ach!" Sie rang die Hände.

Mama, was ist denn?" Die Stimme der Tochter war noch ruhig, aber auf ihrem Gesicht malte sich eine unbestimurte Angst; unwillkürlich griff sie in die Tasche das Briefblatt knisterte da unter ihren Fingern.Was ist denn?"

Und bit fragst noch? Hast noch das Herz zu fragen? Haben wir das um dich verdient, daß du uns hintergehst mit dem Menschen aus der heruntergekommenen Familie, dem Ramer, dem ehrlosen Lump, dem"

Mutter!" Ein einziger häwflehender, halbdrohender Blick. Reldas Hand spannte sich fest um das Handgelenk der Rätin.

Ja, das soll ich nicht sagen, du nimmst natürlich seine Partei ha ha!" Die arme Fran lachte bitter. Und dabei zeigt er's dir doch deutlich genug, daß er dich nicht will! Reist ab, ohne adieu zu sagen! Müßte er sich nicht vorher erklären!? Da wäre doch noch zu sprechen gewesen, es hätte sich! alles nett machen können aber heidi fort, läßt nichts chehr von sich hören! Die Leute lachen dich ja aus. Du, sonst immer so hochfahrend, bist dem Kerl nachgerannt ja ja, die Zünglein weiß cs genau o die Schande, die Schande, ich überlebe sie nicht! Du abscheuliches, pflichtvergessenes Kind deine arme Eltern und noch dazu so dumm! Aber ich hab's ja immer gesagt, auf mich wurde nie gehört, das hat man davon! Er mag dich ja gar nicht, er will dich ja gar nicht dein Mädchenstolz hätte dir das sagen müssen aber ich hab's ja immer gesagt, du bist nicht wie andere Mädchen, keine Spur von Weiblichkeit, von Zartgefühl. Was soll aus dir werden?!" Sie schlug jammernd die Hände zu-- sammen und sank wieder in die Sofaecke zurück.

(Fortsetzung folgt.)

DK Bedeutung des Spieles für die Entwicklung des Mndes.

Von Max Brethfetd.

Beobachtet einmal Mädchen beim, Ballspiel. Wie flink und geschickt die Hände den Ball dutzende Mal ohne Fehlgriff aus- langen, wie gewandt und anmutig sich die kleinen Ballspielerinnen dabei drehen und wenden, Ivenn sie den Ball über den Kopf hin­weg oder unter den Armen hindurch werfen und die verschieden steil Zwischenbewcgnngen ausführen, während er noch in der Luft schwebt. Wer sich einmal die Muhe geben wollte, batlspiclcndeN Mädchen täglich zuzuschaucn, der würde deutlich die mit der Hebung wachsende Sicherheit des Blickes, die zunehmende Ge­schicklichkeit der Hand, die Anmut und Gewandtheit der Körper-