Ausgabe 
27.10.1909
 
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Mittwoch den 27. Oktober

Rheinlandstöchter.

Roman von Clara Biebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

XII.

Langsam fallen die Schneeflocken. Wie fie wirbeln, wie sie sinken! Weiß und duftig kommen sie herab, ahnungs­los ihres dann liegen sie unten im Kot. Sie

sind vergangen.

Auf den: Stuhl am Fenster, im Zimmer zu ebener Erde, kniet Nelda Dallmer, drückt das Gesicht an bte Scheiben und starrt auf die schmutzige Chaussee. Nebel draußen, trostloses Novemberlicht: an den schwarzen Aesten der Bäume klammern sich die Flocken fest, die Büsche im Vorgarten hängen tief nieder. Kein Fußtritt, kein Wagen­gerassel.

Unter dem glühenden Hauch aus Neldas Mund liefen die Scheiben an; sie konnte nicht mehr hinaussehen; oder war es der Flor, der ihr vor Iben Augen hing? Sie rutschte vom Stuhl, stand einen Augenblick rmt krummem Rücken und hängenden Armen, dann sank sie auf dem Srtz in sich zusammen. Die Näharbeit lag am Boden, die Garn­rolle unter'm Sofa, die Schere in die Diele gespießt. Sre war allein, der Vater auf der Regierung, die Mutter mit der Magd zur Stadt gegangen; man machte da gleich Einkäufe für die ganze Woche.

Scheu sah sie sich um niemand! Mit zitternden Fingern fuhr sie in die Tasche; ein Papier knisterte, nun hielt sie's in den Händen, ein kleines dünnes Briefblatt. Sie weintet Unaufhaltsam rannen ihr die Tränen aus die halbverlöschten Schriftzüge; es tat nichts, sie kannte sie auswendig.

Wie oft schon gelesen! Ach Gott, seitdem sie im Sommer den Brief empfangen, schon viele, viele hundert Mal; des Abends beim Schlafengehen, des Morgens beim Aufstehen, am Tag, wenn sie allein war. Ihre Blicke bohrten ;uh immer wieder in die Schriftzüge, da standen sie schwarz auf iveiß irrte sie sich denu nicht?! War's möglich, wirklich wahr er, dem sie am Halse gehangen, den sie geliebt mit der ganzen Kraft ihrer Seele, vo>i dem> oh, sie mußte aufstöhneud das Gesicht verbergen sie sich wieder geliebt glaubte, er schrieb ihr das?!

Jener Abschiedsabend in Rainers Wohnung war nicht das Schlimmste gewesen; der Schlag war zu plötzlich- gekommen, sie hatte seine volle Wucht nicht empfunden vor lauter Betäubung. Gleich einer Nachtwandelnden war sie die ersten Tage darnach ins Bienhorntälcheu geschlichen, wo sie o vft mit ihm gewandert; dort saft sie allein auf dem Stein am Bach, stierte vor sich nieder und sagte sich mit krankhafter Zähigkeit vor:Es kann nicht sein, es darf nicht sein! Nein, es kann, es kann nicht iem!

Er liebt dich doch. Wach auf, Nelda, du träumst! Er muß dich lieben, du liebst ihn ja so sehr!" ,

Inbrünstig blickte sie zum Himmel empor mit über­großen, heißen Augen. Gott mußte ein Wunder tun, er mußte! Ihre erregten Nerven ließen sie im Wispern des Gesträuches eine Stimme vernehmen es war die Stimme des eignen sehnenden WunschesGeduld, es klärt sich alles auf! Wer weiß, warum er so zu dir gesprochen hat. Halte du nur aus!"---Dazumal war fie noch ver­

hältnismäßig glücklich gewesen; sie träumte mit wachen Augen, über ihrem Bewußtsein lag ein Schleier. Uber dann?! Dann kam sein Brief. Sie hielt ihn in den zittern­den Händen, sie riß fc) *. auf, sie las; halt, das war der Ruf, der NachtwaMl. erschreckt! Sie fühlte, daß sie stürzte, abgrundtief. Ö. ne Tage der größten Pern, des Ringens mit der VerDeiflung, mit dem Gefühl, wahn­sinnig zu werden!

Alle Frauen sind geborne Schauspielerinnen, und sind sie noch nicht vollkommene, so werden sie's, wenn sie lieben; die größten aber sind sie, wenn der Geliebte sie verschmäht.

Nelda hielt sich äußerlich aufrecht, sie brach nicht zu­sammen; mit wankenden Knieen stand sie vor den Eltern, aber sie lächelte. . ,

Gott sei Dank, Lorchen," sagte Dallmer zu seiner Frau,ich habe mich.c uscht! Ich fürchtete immer, umre Nelda interessierte - doch am Ende für Rainer. Sie sieht ja merkwürdig angegriffen aus, aber sie ist ganz vergnügt. Was meinst du?"

Da kam er schön an! , .

Frau Rätin erhob eine Klagelitanei über Nelda, die mit Vorwürfen gegen Manu uud Tochter endete.

,Kab' ich's nicht gesagt? Aber ich habe immer unrecht, nie laßt ihr' mich ausreden. Was ist das überhaupt für ein Leben?! Eine traurige Existenz, ganz und gar kein Glück! Und die Zünglein, die Schmidt und die anderen sind auch lange nicht mehr so fremidlich; sie haben was gegen uns. Die Mander ist bekniffen, und Agnes ist ewig nicht hier gewesen!" Und sie rang die Hände.

Der Rat sprach nicht mehr von seiner Besorgnis, er fragte die Tochter selbst nicht, eine zarte Scheu hielt ihn zurück; sie hätte doch auch nichts gesagt, die vertraulichen Dämmerstunden fanden nicht mehr statt. Zu Zelten war sie von einer so munteren, fast übertriebenen Lebhaftigkeit, daß der kranke Mann sich beruhigt einen Narren schatt.

Ja, Nelda konnte lachen. Den Klang der zersprungenen Saite hörten die anderen nicht heraus; erst in der Nacht lag sie vor ihrcnt schmalen Bette und rang ivild die Hande. Brennend flössen die Tränen auch heut in der Morgen­stunde im einsamen .Haus. £ _ . .

Draußen fiel der Schnee, langsam und kalt; drinnen sielen die Tropfen, rasch, heiß. Mit einem Stöhnen hob sie das Briefblatt näher zum Gesicht da stand's univider- ruflich, oft gelesen, in den zierlichen, gleichmäßigen Buch­staben seiner Hand.