Ausgabe 
27.9.1909
 
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Kärlich, ist, daß man $. B. den Diakonns Orth in der Pfarr­kirche begrub, obwohl er an der Pest verstorben war. Aeußerst zahlreich find übrigens unter den Verstorbenen Frauen und be­sondersKindlein".

. In den -hiesigen -Kirchenbüchern befindet sich auch ein Rezept Contra pestern (gegen-die Pest): s - ,

Es lautet: 1 Handtvoll Angelica.Kraut- und Wurzel, I Handl- voll Bocks Würtz w'urzel Uno Kraut, 1 Handt Vol weinranken, 1 Handt voll Brvmb.'rbletter, 1 Handt Vol Wermet. Dieses alles klein geschnitten und in em Zinkauk getahn. Ein maß wein Essig darübergegossen Und also dreh stund stehen lassen, Wol- verdeckt, darnach mit der Kank Zugemacht, daß teilt Dampf daransgeht, In einen Kessel mit wasser gesetzt und 3 stund sieden lassen. Wann diesser Widder kalt worden. In einen Helm getahn Und zu Wasser gebraut, Essig und Kraut mit ein­ander. Wan bau ein alt Persohn die Pest anftößet, gibt mau! ihm Vier oder fünf Löffel' Vol. Darunter muß einer Hasselnnß groß guter Tiriack gerieben werden. Und läßt man ihn, ob er kau, schwitzen, darauff sich Wol bewegen', damit er schlaffe. Dieses, hat, Gott lob. Viel Kranken geholsfen. Man sieht aus diesenr Rezept, daß man den Schweiß als gutes. Zeichen der Genesunlg!' ausah und Schweiß Hervorrusen wollte, Wer denkt da nicht an oll die GewaltzSchwitztNren, die wir in unserer Jugend bei Erkrankungen durchmachen mußten.

Dar Ende einer riteraturcafer.

Wenn die Fremden in den nächsten Jahren nach Wien kommen, werden sie eine Sehenswürdigkeit nicht mehr vor­finden: das Cafs Griensteidl. Das gilt allerdings nur für die literaturinteressierten Reisenden, die .an das weitverbreitete Schlagwort von der Wiener Kaffeehausliteratur glaubten. Zur Kaffeehausliteratur gehören natürlich Kaffeehäuser, in denen ja die Literatur gemacht werden soll. Und wenn die Fremden nach Wien kamen, so ertvarteten sie, in allen Kaffee­häusern die langhaarigen Jünglinge und die alternden Bohemiens anzutreffen, die in endlosen Debatten die Probleme der Kunst und des Lebens lösten und noch erfüllt von diesen mit Koffeinrausch und Zigarettendampf durchsetzten Gesprächen ihre Bücher schrieben. Aber sie sehen sich nach dieser Gesell­schaft vergeblich um bestenfalls im Cafö Griensteidl ließen sich Spuren entdecken oder nur Erinnerungen.

Das Cafö Griensteidl, das übrigens schon vor Jahren seinen Namen gewechselt hat, wenn es unter Eingeweihten auch immer noch so genannt wurde, liegt im Herzen der Stadt, an der Ecke des Michaelerplatzes und der Herrengasse, der Hofburg gegenüber. Ehemals war darin tatsächlich das Kriegslager der modernen Literatur aufgeschlagen. Was sich zuJung-Wien" zählte, war hier versammelt. Hier wurden die Losungen ausgegeben. Hier residierte in den 80er Jahren Hermann Bahr, soeben aus Paris zurückgekehrt, mit den neuesten Stichworten vom Montmartre versehen und der zier­lichsten Stirnlocke der Welt ausgcstattet. Um ihn scharten sich die jungen Talente, die ein- für allemal die Vergangen­heit über Bord geworfen hatten und, ähnlich wie das Fähn­lein um die Freie Bühne in Berlin, eine neue Kulturepoche einleiten wollten. Hier fand diehistorische" erste Begegnung zwischen Hermann Bahr und dem achtzehnjährigen Loris (der kein anderer als Hugo von HofmamiSthal war) statt. Da saßen Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hofmann, Peter Alten­berg, Felix Salten, I. I. David, Felix Dörmann und viele andere, deren Namen weniger bekannt geworden sind. Hier wurden Genies entdeckt und Genies gestürzt, Zeitschriften ge­gründet, Gedichte und Dramen vorgelesen, die Wortschätze der deutschen Sprache in kühnster Weise bereichert, eine elektrische Atmosphäre herrschte hier. Bei allem Karikaturhaften der Wiener Publizist Karl Kraus hat es seinerzeit, als das alte Griensteidl niedergerissen und an seine Stelle das neue Kaffee­haus trat, in der BroschüreDie demolierte Literatur" witzig verewigt wird man dem Kreise nicht fruchtbare Wirkungen absprechen können. Ein großer Teil dessen, was heute die österreichische Literatur repräsentiert, ist hier aufgekeimt.

Das alte, rauchdurchzogene Kaffeehaus wurde, wie ge­sagt, demoliert und ein prächtigeres entstand an seiner Stelle. Es lebte vom früheren Ruhme, ohne ihn zu vermehren. Wieder einmal bestätigte sich eine alte Erscheinung. Sobald die Dichter und Künstler Erfolg haben, ziehen sie sich in die Bürgerlichkeit zurück.Jung-Wien" war berühmt geworden

und war zugleich vom Kaffeehaus ausgeblicben. ES be­wohnt jetzt elegante Wohnungen und Villen. Dec einzige Peter Altenberg, der Bohemien aus Lcbensberuf, blieb dem früheren Leben treu, aber auch er wechselte das Stammlokal. Immerhin zog noch der verblichene Glanz des Griensteidl die junge, nachdrängende Generation an. Waren Bahr und Schnitzler und Hofmannsthal nicht zu sehen, so kamen Raoul Auernheimer, Stefan Zweig, Franz K. Ginzlcp, Paul Wert­heimer, Hans Müller, nicht um eine Tasse Kaffee zu trinken, sondern um über Literatur zu reden. Und aus alten Zeiten war einer da: der Heinrich, der Zählkellner, ein Original. Er kennt alle literarischen Koryphäen (nur die lebenden) beim Namen und auch ihre Bücher. Er kolportiert litera­rische Urteile und ist bereit, Ratschläge zu erteilen.Dem Hermann Bahr hab' ich's gleich damals gesagt . . ." be­ginnt er, um von seinem Scharfblick und seiner Propheten­gabe jovial zu erzählen. Im Hinblick auf ein gutes Trink­geld vermag er Schriftsteller wie ein Kollege anzuschwärzen. Wenn er Geld herausgeben muß, so seufzt er:O Schmerz!" Das ist sein Lieblingswort. Damit philosophiert er, klopft sich auf den Bauch und spricht wehmütig über die Nöte seiner Nase.

O Schmerz!" das Cafe Griensteidl und mit ihm der behäbige Heinrich wird demnächst verschwinden. Es ist einfach ausgemietet worden, und da der Geschäftsgang nicht glänzend genug ist, wird cs nicht ein drittesmal neu er­stehen. Wieder ein Beweis, wie wenig literarischer Ruhm rentabel ist. Hat aber die österreichische Literatur das letzte und einzige Kaffeehaus als Unterkunft verloren, was wird mit dem Schlagwort von der Wiener Kaffeehausliteratur geschehen? ____________

Vermischtes.

* Die erste D a m p s e r p ass a g i e r f a h r t. Tin hübsches Bild aus der Frühzeit der Dampfschiffahrt, das bei der Fulton- Feier in Newport diese hundertjährige Vergangen­heit anschaulich wiedererweckt, entwirft E. Dupuy int Figaro auf gründ zeitgenössischer Quellen. Nachdem Fulton seine ersten Probefahrten gemacht hatte, war er sich übeck die Bedeutung feiner Erfindung für den Verkehr int Klaren und suchte nun sogleich zwischen Newyork und Albany eine feste Verbindung mit seinem! Dampfschiff eiitznrichten, dessen Abfahrts-nud Ankunftszeiten genau festgesetzt wurden. Zum erstenmal strebte dieser Künstler und Träumer, der sieh bisher nur mit der Ausführung seiner genialen Ideen beschäftigt, einen materiellen Nutzen seiner Erfindung an. In den ersten Tagen des September 1807 brachte die Albany Gazette die erste Ankündigung' eines Dampfschiffverkehrs. ,,Tas Nord-Flnß-Tampfbovt" wird Paul M. S. Hook Ferry um nenn Uhr am Freitag verlassen morgens und am Samstag um neun Uhr abends in Albany eintreffen. Man wird an Bord an Nahrung! und Bequemlichkeit alles finden, was man nur wünscht. Tie Fahrpreise betragen: nach Newburgh drei Dollar bet vterzehn- stündiger Fahrt, nach- Esopns fünf Dollar bei zwänztgstündtgcr Fahrt, nach Albany sieben Dollar bei sechsunddretßigstündtgerl Fahrt." 24 wagemutige Reisende meldeten sich auf diese Annonce hin und fanden sich am 7. September 1807 frühmorgens xm, nm sich an Bord des DampfersClermont" einzuschmen. Stele Leute erfüllte diese neue Einrichtung mit großer Furcht. Ern angstvoller Vater schickte einen seiner Freiende noch nach dem Quat, nm feilten Sohn zum letztenmal aufleheu zu lassen, von dieser Reise abznstehen:John, willst du dein Leben um einer solchen Sache willen miss dspiel setzen? Ich wiederhole dir, es ist! die entsetzlichste Erfindung, die es gibt, und dein Vater schickt mich, um dich unter allen Umstäitden daran zu verhindern.^ Aber John ließ sich nicht erweichen und stieg mit den anderen au Bord, während eine große Menge den Quai erfüllte. Die Sacha verzögerte sich etwas: cs juuktionierte nicht alles richtig, und erst "nach einiger Zeit wurde das Signal zur Abfahrt gegeben. Spöttische Bemerkungen regneten von allen Seiten aus die Passa­giere ein, aber die ruhige und feste. Stimme Fultons übertönte den Lärm. Endlich stieg der Rauch zischend empor, die Räder ließen ungeheure Wasserstrahlen aufwirbeln und in dem' allgemeinen Hurra- und Beisallgeschrei verloren sich die letzten Bemerkungen der Spötter. Die Fahrt war . ein einziger langer Triumph; dte Ufer des Hudson waren mit Menschen dicht besetzt; Boote er- warletm überall mit Ungeduld die Vorbeifahrt des Clermont, der! mit endlosen Jubelrufen begrüßt iMrde. Bet Hawerstraw-Bay näherte sich eüt wackerer Mann in einem Kahn und bat um die Erlaubnis, an Bord zu kominen; man warf ttzm ein Seil zu und zog ihn hinauf. Es' toto ein Muller, der erklärte, er hatte noch niemals eine Mühle über daS Wasser fahren sehen, und er Wolle sich überzeugen', was das.sei. Fulton ließ ihm dte Ma­schinerie zeigen uNd den Mechoitismus.des Triebwerkes erklären.