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Nelda Dallmer stand ruhig an der einen Seitenwand, weiß und klar hob sie sich von ihrer bunten, unruhig trippelnden Umgebung ab. Was sich die Mädchen nicht alles zu sagen hatten! Sie waren plötzlich die intimsten Freundinnen, besonders wenn ein Herr sich näherte, einer mit klirrenden Sporen und siegreichem Schnurrbart, oder ein befrackter, chapeau claque uuter'm Arm. Dann steckten sie die Köpfchen zusammen und tuschelten und kicherten und bebten wie Blumen vor'm Sturmwind. Und die Herren der Schöpfung strichen herum, schlugen die Hacken zusammen, naschten hier ein wenig Honig und dort, setzten den schärfsten Klemmer auf die Nase und suchten die beste Ware aus. „Schwer reich" ging aut reißendsten ab, dann „schön" und „tanzt gut"; das übrige wurde verauktioniert.
Neldas Tanzkartc war noch nicht gefüllt. Ein paarmal war schon der ängstliche Blick der Mutter fragend zu ihr herüber geflogen, sie hatte als Antwort gelächelt. Jetzt setzte die Musik ein, als sollte eine Kavallertebrrgade in's Feuer rücken, die Tänzer stürzten auf ihre Erkorenen los — ein Scharren, ein Beugen in den Knien — heidi, fort ging's!
„Darf ich bitten, Fraulein Relda?" Hauptmann Xylan- der hielt dem Mädchen seinen Arm hin. Er sagte nicht „gnädiges Fräulein"; er kannte sie ja schon, als'sie noch mit wehenden Zöpfen auf der. Chaussee Seilchen sprang.
Ter lange Hauptmann mit den kurzsichtigen Augen, UM dessen Mund es oft so gutmütig sarkastisch zuckte, war kein großer Tänzer vor dem Herrn; erließ mit den Knien und trat vorzugsweiße gern auf fremde Füße, doch war er Nelda lieber als der schneidigste Ballöwe. Er raspelte kein Süßholz, er sagte nie, was er nicht wirklich meinte. Er war Nelda sympathisch und ihr jedesmaliges Kvtillon- bouquet stammte entschieden von ihm; das war schon usus.
Mit einem freundlichen Nicken legte sie die Hand auf seinen Arm; sie tanzten davon, ein, zweimal herum, dann suchten sie ein Plätzchen in einer Ecke.
„Fräulein Nelda," sagte Hauptmann Lylander, „machen Sie nicht so finstere Augen, es steht Ihnen nicht. Sehen Sie sich nur einmal die Jugend rund umher an! Ihre Freundinnen verstehett es alle besser, die Blicke spielen zu lassen."
„Es sind nicht meine Freundinnen." Die Antwort klang herb. „Ich danke dafür."
„Nun, nun, ich wollte Sie nicht beleidigen, Pardon!" Er machte eine leichte Verbeugung. „Wie konnte ich Sie auch mit den Gänschen auf dein Gänsemarkt vergleichen? Ha ha, Fräulein Nelda, der hübsche Vergleich ist mir zu Ohren gekommen. Sehen Sie, drüben schnattern ein paar recht lustig!"
Er wies mit den Augen auf die andere Saalseite, ivo gerade Lena Rühling und Anselnra von Koch in lebhaftester Unterhaltung mit ihren Tänzern begriffen waren.
Lena Rühling — Tochter eines Großindustriellen, Vater machte in Eisenbahnschienen — war klein, dick, lachlustig, sehr begehrt; hätte nicht nötig gehabt, so zu kokettieren, wie sie es eben tat. Doch zweierlei Tuch, besouders wenn ein Adelswappen darauf klebte, war zu außerordentlich einnehmend. Sie legte den Kopf auf die Seite und blinzelte von unten herauf den jungen Offizier an, schelmische Grübchen erschienen in Wangen und Kinn; man sagte, sie hätte Perlenzähne, nun nutzte sie auch jede Gelegenheit, sie zu zeigen. Jetzt kicherte sie hell auf, hielt sich mit deut Fächer die Augen zu und hob neckisch drohend das Fingerchen.
Anselma von Koch, die Freundin der kleinen Dicken, machte es anders. Als Tochter des Kommandierenden war sie stets von Leutnants umlagert, die bunten Jacken verdrängten jedes befrackte Individuum aus ihrent Strahlenkreise, aber die moderne junge Dame hatte praktischen Sinn; sie zog das Reelle vor. Heut hatte ihr ein günstiger Wind — „Fügung" 'würde die Oberkonsistorialrätin sagen — den kürzlich nach Koblenz versetzten Landrat schon znM sersten Tanz in die Arme getrieben. Hübscher Mann, wenn auch nicht ganz jung, und sehr wohlhabend; sie nagestte rhn gleich ordentlich fest. Es wirrde ihr nicht schwer, sie war ein schönes Mädchen mit voller Büste und Wespentaille, dazu hatte sie prachtvolle, blaue Augen und etwas Sieghaftes im Ton. Die Sache konnte sich machen.
Den Leutnants würde angst, sie maßen den unverschämten Zivilisten mit durchbohrenden Blicken und schlugen die Hacken zusammen, daß die Sporen klirrten. „Gnä'ges Fräulein, befehlen Extratour?" „Gnä'ges Fräulein — ä — ä
— so ungnädig heute abend? !" Es verfing nicht, die Leutnants blitzten ab, Anselma vo>t Koch blieb bei dem! einmal für gut Befundenen.
Nelda Dallmer mußte laut lachen, und Hauptmann Lylander stiinmte mit ein. Eine Weile lachten sie, bauu hob das Mädchen, plötzlich ernst werdend, die Augen zu dem Partner, kluge Augen voit einem weichen Grau unter dunklen Brauen.
„Tanzen wir, ich werde sonst wieder boshaft, und ich hasse mich, wenn ich boshaft bin."
„Wie Sie befehlen."
Sie machten noch eine Tour, mitten int Drehen fragte Xyl ander:
„Warum sind Sie boshaft? Wenn Sie nicht wollen, müßten Sie doch! so viel Gewalt über sich haben — wie?" Sie murmelte etlvas Unverständliches. „Gewalt über mich? Oh!" Die Hand auf seinem Aermel zückte. „Ich habe keine Gewalt über mich," stieß sie hervor. „Ich könnte manchmal alles znsammenschlagen, mich selbst mit — gräßlich — ich känn's nicht ändern — manchmal könnt' ich auch lieb fein — dann muß ich jedes Kind auf. der Chaussee küssen — albern — ich kamt's auch nicht ändern! Nein, ich habe keine Gewalt über mich — o nein!"
Sie tanzte beschleunigt fort, fast wild und riß ihn mit; sie kamen aus dem Takt. Gut, daß die Musik mit einem Paukenschlag endete.
Kleine Pause. Die Konversation int Saal wurde lebhafter. Geschwirr, Rauschen von Schleppen, Lachen, Scharren; man konnte sein eigenes Wort nicht verstehen.
Lylander warf verstohlen einen Blick auf Neldas Tanz- karte — gerade der erste Walzer nicht besetzt, tote unangenehm für das Mädchen!
„Soll ich Sie zu meiner Frau führen? Elisabeth würde sich so freuen mit Ihnen zu plaudern. Sie find erhitzt, Fräulein Nelda, es wäre besser, Sie pausierten den nächsten Tanz. Bitte, tun Sie es!"
Sie lächelte und sah ihm gerade in die Augen.
„Wie nett Sie sind! Aber verstellen Sie sich nicht. Ich bitt nicht erhitzt und wenn auch! Es ist Ihnen um angenehm, daß ich den nächsten Tanz schimtnle. Mir nicht. Aber bitte, bringen Sie inich zu Ihrer Fratt!"
(Fortsetzung folgt.'
Aus der Zchretkeuszeit Nidda'4.
Bott Pfarrer W c r u c r.
Wenn matt daS Totenregister der Pfarrei Nidda zur Zeit des 30 jährigen Krieges zur Hand nimmt, so fällt sofort die vermehrte Zahl der Todesfälle in der doch kleinen Stadt Nidda mit ihren Filialen Kohden, Unter-Schmitten, Michelnau auf; auch Wallernhausen war zur Johanniterpfarrei eingepfarrt. Man! findet da häufig Bemerkungen über die Todesart der Beerdigten, z. B. von mörderischen Soldaten aus dem Wege von der Kirche erschossen (so ein Pfarrer mit seinem Küster), oder beim Futter- holen erschossen. Die meisten Todesfälle liegen zwischen O k- tober 1 6 3 4 und Ende 1 635. Es sind 1768, wobei noch zu bemerlen ist, daß laut Anmerkung im Kirchenbuch iroch Zahlreiche mitbeerdigt wurden, „so nicht angezeigt worden". Es war das die Pestzeit zu Nidda. Die schliminsten Monate waren Mai, Juni und Juli 1635. Wo aber, wird inan fragen1, sollen in deut Städtchen, das damals, nach seinen Stadtmauerresten ztt urteilen, doch 'bedeutend kleiner geweseir, als.jetzt, wo es etwas über 2000 Einwohner birgt, die Leute' alle hergekommeü sein? Das erklärt sich daraus, daß die in Nidda Beerdigten, außer aus den genannten Filialen, aus noch 60 Orten der näheren und weiteren Umgebung stammten. Alle int Umkreis VON 2 Stunden liegenden Orte sind da vertreten. Aber noch viel weiter liegende, z. B. Södel, Banernheim, Staden, Lißberg, Stamnw heim, Ässenheim, Ostheim b. Hanau, Höchst a. d. Nidder, Lind- heim, BindsachseN, Birstein, Steinheim, Wenings, Düdelsheim', Florstadt, Oberau. Die Leute sind jedenfalls vor beit’ „mörderischen" Soldaten hinter die Mauern Niddas geflüchtet, um dort Schutz zu finden, fanden aber dort einen' schlimmeren Feind — die Pest, welche unter der zusammengepfropften Menge ihre Ernte hielt. Fragt man, wohin man wohl die Leute alle be- grabetk hat, so gibt die Umgebung des Johanuiterturmes, der in! solcher Zeit sein Kirchenschiff verlor, Auskttnst. So oft nämlich dort in' der, Umgebung der Spaten angesetz-t wird, um Fun- damente! zu irgend welchem Bau zu graben', so stößt man auf Lchchwl und ToteUbeine. Die damals Beerdigten gehörten den! verschiedensten Ständen aN; auch mehrere Pfarrer werden erwähnt, w Pfarrer Cuntz von Walbenhausen, Tiakomis Orchitis (Orth) zu Nrdda, Hermanuus Kirchnerus aus Whuings (Wenings),! Mar- tinus. Fenchelius aus tzitzkircheü; auch ein Lehrer Stier aus Schwickartshausen. Merkwürdig, aber für die damalige Zeit fite.


