1909
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Wie big.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Es war schon ziemlich spät, als Dallmers am Kasino anlangten, die letzten Wagen rasselten eben vor. Auf der Treppe waren Teppiche gelegt, hellgrau, mit pompös roten Rändern; die schmutzigen Galoschen der beiden Fußgängerinnen ließen häßliche nasse Tappen darauf zurück.
9hm waren sie in d-er Damengarderobe. Heiß, voll- aedrättgt. Ein Gewirr von blauen, gelben, grünen, rosa Toiletten. Dazwischen Mütter in steifseidenen Kleidern, raschelnd, sich blähend wie ausgetakelte Fregatten. Erregte Water, galante Gatten draußen wartend auf dem Gang; vor der Saaltür ein ganzer Trupp junger Männer — Offiziere, befrackte Herren — sie lassen die Ausstellungsobjekte Revue passieren.
„Du — wenig weiß!" flüsterte Frau Dallmer der Tochter sin's Ohr, als sie vor'm Spiegel an ihr herum- zupfte. „Sehr angenehm für dich! Warte, nein, halt! Hier die Haarnadel muß ich noch mal herausziehen — und was ist denn das? Mein Gott, du hast ja unten die Falbel ganz schief aufgenäht! Nein, so kannst du unmöglich gehen! Gott, Gott, ich habe es zu Hause bei der schlechten Beleuchtung gar nicht gesehen! Nadeln, Nadeln!"
„Laß nur, Mama, es ist ganz gut so!" Nelda schüttelte gelassen die etwas zerdrückten Röcke. „Komm jetzt herein!"
Die beiden drängten sich durch.
„Ah, Frau Rätin! Guten Abend! Ohne den Herrn Gemahl? Und Fräulein Nelda, so strahlend! Ganz entzückend !"
„Nein, wie reizend, daß wir uns treffen!" sagte beglückt die gute Dallmer und schüttelte Frau Doktor Schmidt die Hand. „Sind Oberkonsistorialrats auch schon hier?"
„Freilich, ida stehen sie ja! Sehen Sie nur, wie sie die Töchter wieder gemustert hat — kaum glaublich! Milchen mit dem Rosenkranz über dem finnigen Gesicht, Und Tonchen in Hartrosa bei ihren starken Farben!"
„Gräßlich," stimmte Frau Rätin zu.
Eben kam die geistliche Dame angerauscht; ihre würdevolle Gestalt prangte in Seide von einer unbeschreiblichen braunen Farbe, auf ihrem, mit mächtigen Flechten gezierten Haupt bäumten sich drei weiße Straußenfedern. Rechts und links trippelten Milchen und Tonchen in Blau und Rosa.
„Ah, Meine teuren Freundinnen," — der sonore Kanzel- ton hatte etwas ungemein Schmelzendes — „seien Sie gegrüßt! Welche Fügung, daß wir uns schon hier treffen! Wir wollen uns nachher zusammensetzen. Ich spiele ja keinen Whist, es verträgt sich nicht mit unserm Stand — ach, man handelt schon gegen seine Ueberzeugung, daß man überhaupt hier ist! Aber —" sie zuckte die Achseln
und streifte Blau und Rosa mit einem mütterlich stolzen Blick — „was tut man nicht, seinen Kindern zu Liebe?!"
„Natürlich, natürlich! Nein, wie einzig Fräulein Milchen und Tonchen aussehen! Wie ein FrüK- lingstraum!"
Blau und Rosa kuixteu, verschämt errötend, und um« schlangen dann Nelda.
„Ich bin schon zu drei Tänzen engagiert," wisperte Tonchen mit den Apfelbacken, und Milchen mit, dem Finnengesicht überlief schnellen Blicks das weiße Kleid der Kränzchengenossin:
„Du hast nur Satin drunter, nicht? Ich habe Seide, das ist doch viel angenehmer." Und dann zwitscherten beide unisono: „Zu nett, daß wir uns gleich getroffen haben, liebste Nelda!"
„Ja, zu nett," war die eigentümlich betonte Antwort. Dann schritten alle drei, in lieblich schwesterlicher Eintracht, zur Garderobe hinaus.
Draußen auf dem Gang empfing der Herr Oberkon- sistorialrat die Seinen; er reichte seiner Frau heu Arm, Blau und Rosa schwebten vor den Eltern her. Die Grupps an der Saaltür machte mit untertänigen Bücklingen Platz, aber Frau Züngleins scharfes Ohr fing doch eine nuL hingehauchte Bemerkung auf. „Sie sieht aus, wie ein aufgezäumtes Schlachtvoß des Altertums" — „und die beiden Bunten wie die Läufer, die voran plänkeln", flüsterte eine zweite Stimme. Frau Oberkvnststorialrätin zuckte zusammen. Heut war ein entschiedener Pechtag, schon beim Aussteigen hatte ein Gassenjunge „dat Elesantenbein!" gerufen, und die Gaffer hatten gelacht.
„Unverschämt," murmelte sie und gab Blau und Rosa einen kleinen Puff in den Rücken. „Haltet euch nicht steif, nicht so wie Nelda Dallmer, die einen Ladestock im Rückert hat. Werneigt euch doch!" Und Blau und Rosa verneigten sich.
Im Saal standen massenweis junge Damen an den Wänden herum, Tanzkarten in den Händen. Auf der Estrade stimmte die Militärkapelle ihre Instrumente.
Eine erwartungsvolle Stille schwebt über dem großen, glänzend parkettierten Staunt — die Stille vor dem Sturm. Eine Gaskrone und viele Kandelaber strahlen, ein leicht beklemmender Duft von Blumen und Parfüms schwebt in der Luft.
lieber dem großen Kronleuchter hockt etwas Seltsames; man sieht es nicht, aber man fühlt es. Es senkt sich von da oben herab in den Saal, es treibt die jungen Herren zu schwänzeln und zu tänzeln, die jungen Damen zu lächeln und zu äugeln, die biedern Elternpaare verbindliche Dinge zu sagen und im Herzen das Gegenteil zu fühlen. Es rst etwas Merkwürdiges, etwas Lauerndes wie auf der Jagd, was im Saal heriünstreicht — gleich wird der Kapellmeister den Taktstvck heben — schnedderedengdeng! Huß! heißahj! saß! Die Hatz geht tos!


