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Tas Leben hatte Haydn wahrlich nicht verwöhnt. Unter durstigen Verhältnissen ausgewachsen und ohne jedes Familien- gllick hat er die Kraft zu seinem musikalischen Schaffen ganz aus sich selbst geschöpft. Er entwickelte auf künstlerischem Gebiete zum mindesten eben so viel Energie, wie etwa ein amerikanischer Self- mademann auf geschäftlichem. Nur daß. er keine Millionen an- hänste, sondern Werke der Tonkunst schuf, die von unvergänglichem Werte sind und schon Millionen Menschen edle Genüsse verschafft haben.
Franz Joseph Haydn ivurde om 31. März 1732 zu Rohrau an der Leitha, einem kleinen Marktflecken in Niederösterreich, nahe an der ungarischen Grenze, geboren. Er war von zwölf Kindern das zweite.
Sein Vater war ein einfacher Wagner, aber „ein von Natur aus großer Liebhaber der Musik". Er war durch die deutschen Länder bis nach Frankfurt herumgewandert und hatte die Harfe spielen gelernt, auch ohne die Noten zu kennen. Abends nach der Arbeit spielte der Vater seine „simplen kurzen Stücke" und sang mit der Mutter die einfachen Lieder, die sie gelernt hatten. Der kleine Sepperl paßte gut auf, und so lernte er die Stücklein nach- singen. Sein Vetter, Matthias Frankh, der in dem benachbarten Städtchen Hainburg Lehrer und Chorregent war, lernte bei einer solchen musikalischen Abendseier das Talent des Knaben kennen Inti) nahm ihn mit sich, um ihm den ersten Unterricht zu erteilen. Tie Eltern dachten allerdings nicht daran, daß er Musiker werden sollte, dcNN namentlich die Mutter wünschte, daß er Geistlicher würde. Aus letzterem Grunde lvar es ihnen erwünscht, daß der Knabe, die Schule in Hamburg besuchen konnte.
Schon mit sechs Jahren konnte der kleine Haydn im Chor mit- singeN und er lernte Klavier, Violine und andere Instrumente kennen. Er wurde aber schlecht behandelt, denn er erzählte später selbst, daß er mehr Prügel als Essen bekam. Dennoch blieb er dem „Herrn Vetter" sein ganzes Leben dafür dankbar, daß er ihn zu so vielerlei angehalten; es war ja auch gerade die frühzeitige Vertrautheit mit den Orchesters ustrumenten, die für seine künstlerische Entwicklung von Bedeutung wurde.
. Nach zwei Jahren nahm ihn Georg Rentier, k. k. Hofkom- positeur und Tomkapellmeister zu St. Stephan in Wien, mit nach der Hauptstadt, weil der stimmbegabte Knabe ihm für den Chordienst geeignet schien. Im Kapellhause erhielt Haydn Unter» richt in Latein und in den übrigen Schulfächern, sowie in der Musik und zwar int Gesang, Klavier- und Violinspiel. Ta ihm fast teilt Theorieunterricht zuteil wurde, suchte der strebsame Knabe sich mit Hilfe einiger Lehrbücher weiter zu bilden, und er begann daun eifrig zu komponieren. Im übrigen mußte er tüchtig arbeiten, aber wenn auch die Kost schmal lvar, so verlor er doch sein heiteres Gemüts nicht, da er an Entbehrungen gewöhnt war.
Als der Knabe heranwuchs und seine schöne Sopranstimme verlor, benützte Rentier einen von ihm begangenen Schülerstreich als Anlaß, nm ihn einfach vor die Tür zu setzen, nachdem er seinen jüngeren Bruder Michael als Ersatz für ihn angenommen hatte. So stand der achtzehnjährige Jüngling im Spätherbst 1749 ganz mittellos auf der Straße. Er brachte die erste Nacht hungernd ii»y frierend im Freien zu. Morgens fand ihn ein Bekannter, der Chorsänger Spangler. Dieser war zwar selbst arm, aber er nahm sm) seiner doch an und gewährte ihm für den Winter Unterkunft tu dem Tachzimmer, das er mit Frau und Kind bewohnte. Seine Eltern konnten ihm nicht helfen, und so mußte er sich durchschlagen, indem er bei Gelegenheitsmusiken mitwirkte, Musikunterricht gab, Noten abschrieb und Musikstücke arrangierte.
Ein Wiener Bürger, namens Buchholz, erbarmte sich seiner und gab ihm ein zinsfreies Darlehen von 150 Gulden. Haydn konnte itch nun eine eigene Dachkammer im sogen. Michacler- hause am Kohlmarkt mieten und eilt altes kleines Spinett kaufen Den Luxus eines Ofens durfte et sich nicht leisten, aber er konnte nun wenigstens ungestört arbeiten. Er selbst erzählte später: „Wenn ich an meinem alten, von Würmern zerfressenen Klavier saß, beneidete ich keinen König um sein Glück." Die Sonaten von Philipp Emanuel Bach wirkten auf ihn wie eine Offenbarung, und er kam nicht mehr von seinem Klavier weg, bis> er sie durchgespielt hatte.
Der Zufall wollte es, daß in demselben Hause der damals sehv bekannte Operndichter Metastaio wohnte. Durch diesen wurde Haydn dem vornehmen italienischen Maestro Porpora empfohlen.
Einige Zeit versah er die Stelle eines Akkompagnisten bet Porpora in dessen Gesaugsunterrichtsstuuden. Er wurde hier wie ein Bedienter behandelt, doch erhielt er einigen Kompositivns- Nn tert ich t und wurde auch mit Gluck und Dittersdorf bekannt, jjn diesen Kreisen erwarb er sich die Gunst verschiedener musik- Itebeuber Edelleute. Seine Kompositionen, zunächst Klavier- sonaten, zirkulierten zunächst in Bekanntenkreisen, wenn auch nur un Manuskript. Die ersten Streichquartette komponierte er auf Anregung des Barons K. I. v. Fürnberg, der auf seinem Landgut Weinzierl kleine musikalische Unterhaltungen veranstaltete
Nach einem kürzeren Aufenthalte bei dem Baron von Fürnberg wurde er Organist bei den Karmelitern in der Leopold- Vorstadt.
.„.Auf Veranlassung des Schauspielers Kurz komponierte er 1751 das Singspiel „Der hinkende Teufel", allein dieses wurde schoni Nach der dritten Ausführung wegen seiner satirischen Tendenz verboten. Die Musik selbst ist uns nicht erhalten.
Durch Baron v. Fürnberg erhielt Haydn 1759 die Stelle als Musikdirektor der Kapelle des Grafen Morzin zu Lukavee bei Pilsen, wo er seine erste Symphonie komponierte. Obschon er nur 200 Fl. Gehalt bekam, konnte er jetzt daran denken, sich zu verheiraten (1760). Seine Wahl fiel aber sehr unglücklich aus, denn feilte Frau, Maria Anna, Tochter des Friseurs Keller in Wien, war zänkisch, verschwenderisch, herrschsüchtig und ohne jedes Musikverständnis. Haydn hatte eigentlich die jüngere Tochter Kellers geliebt, allein diese war in ein Kloster gegangen. Keller redete ihm nun die ältere auf, und Haydn ließ sich bewegen, sie zu heiraten, weil er früher von dem Vater unterstützt worden war. Seine Fran hatte so wenig Verständnis für seine Kunst, daß sie seine Partituren zu Lockenwickeln benützte. Daß sie eine richtige Xanthippe war, ersehen wir daraus, daß der so liebenswürdige und geduldige Haydn sie in einem Briefe an die ihm befreundete italienische Sängerin Boselli geradezu „eine höllische Bestie" nannte und daß er. zu Griesinger sagte: „Ihr ist es gleich, ob ihr Mann ein Schuster oder ein Künstler ist." Trotz alledem hat er vierzig Jahre bei ihr ausgehalten; nur die letzten Jahre lebte er von ihr getrennt.
Ter Fürst Paul Anton Esterhazy berief Haydn 1761 au die Spitze seiner Hauskapelle in Eisenstadt. Tie Kapelle umfaßte 16 Mann und wurde 1762 unter Fürst Nikolaus Joseph auf 30 Mann verstärkt. 1769 wurde die Kapelle nach dem neuen prachtvollen Schlosse Esterhaz am Neusiedler See verlegt.
In Eisenstadt und Esterhaz konnte Haydn sich zu feiner künstlerischen Vollreife entwickeln. Er selbst erzählte Griesinger: „Mein Fürst war mit allen meinen Kompositionen zufrieden. Ich erhielt Beifall; ich konnte als Chef eines Orchesters Versuche machen, beobachten, was den Eindruck hervorbringt und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen, wegschneiden, wagen. Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so mußte ich original werden."
In dieser Zeit entstanden die meisten seiner schönen Sinfonien und seiner herrlichen Quartette. - Haydn ist bekanntlich der Vater unserer heutigen Instrumentalmusik. Auf dem von C. Ph. E. Bach, einem der Söhne I. S. Bachs, eingeschlagenen Wege weitergehend, hat er die Formen der Sonate und Sinfonie nicht nur erweitert, sondern auch durchgeistigt. Für die Instrumentation gewann er neue Gesichtspunkte, indem er jedes Instrument individualisierte und in seiner Eigenart verwandte.
Haydn hatte bei dem Fürsten Esterhazy'eine zwar bescheidene, abev angenehme Stellung, und er blieb deshalb dort, bis 1790 der Fürst Nikolaus starb. Fürst Anton löste die Kapelle ans, doch gewährte er Haydn eine Jahrespension von 1400 fl. Nun konnte der Komponist als ziemlich unabhängiger Künstler sich in Wien niederlassen. Dem Drängen des englischen Violinisten und Konzert- nnternehmers Salomon folgend, begab er sich Ende 1790 nach London, wo er eine so glänzende Aufnahme fand, daß er nochmals dorthin! zurückkehrte. Er wurde nicht bloß in London als Dirigent sehr gefeiert, sondern auch auf den Landsitzen englischer Großen, die ihn mit Aufmerksamkeiten und Geschenken überhäuften.
Tie künstlerischen Früchte dieser englischen Reisen waren die 12 sogenannten Londoner Sinfonien, die reifsten Arbeiten, die er auf diesem Gebiete hinterlassen hat. Auch die beiden Oratorien „Tie Schöpfung" (1795—98) und „Die Jahreszeiten" (1799 bis 1800) sind auf englische Anregung entstanden, namentlich infolge der vorzüglichen Aufführungen Händelscher Oratorien, die Haydn in Loudon kennen lernte. Geschrieben hat Haydn seine beiden großen Oratorien allerdings erst in Wien und zwar in dem Mariahilfer' Gartcnhause, das er bis zu seinem Tode bewohnte.
Auf der Rückreise von England lernte er in Bonn den jungen Beethoven kennen, J>cr bald darauf (November 1792) in Wien eiutraf und sein Schüler wurde. Haydn war allerdings kein hervorragender Lehrer. Beethoven weigerte sich sogar, auf einem feiner ersten Werke seinem Namen den Zusatz „Schüler von Haydn" hinzuzufügen, weil er nichts von ihm gelernt habe. Später sah er doch ein, daß er Haydn vieles verdankte. Ter Unterricht dauerte übrigens nur bis Ende 1793, wo Haydn seine zweite Reise nach England antrat.
Fürst Anton Esterzazy errichtete 1795 die Kapelle wieder und übertrug Haydn wieder die Kapellmeisterstelle.
Er erfreute sich noch einer vollen Schaffenskraft. Er hatte bereits 65 Jahre überschritten, als er seine beiden größten Werke schuf, die „Schöpfung" und die „Jahreszeiten". Beiden Werken liegen englische Dichtungen zugrunde: der „Schöpfung" ein von Lidlev ans Miltons „Verlorenem Paradies" zusammengestelltes Gedicht und den „Jahreszeiten" das gleichnamige Gedicht von Thomson; beide wurden von dem Baron van Swieten ins Deutsche übertragen. Die „Schöpfung" wurde am 29. und 30. April 1798, die „Jahreszeiten" am 24. April 1801 znm erstenmal im Palast des Fürsten Schwarzenberg aufgeführt.
Mit Haydn drang zum erstenmal deutsche Musik ins Ausland. Ende 1800 wurde die „Schöpfung" mit ungeheurem Erfolge in der Großen Oper in Paris mit französischem Text von Sögur aufgeführt, und Anfang 1803 schrieb der Pariser Korrespondent der „Allgemeinen musikalischen Zeitung": „Ohne Haydnsche Sinfonie gedeiht nun einmal hier kein Konzert."
Haydns Musik durchfließt die Wiener Fröhlichkeit; feine gemütvolle Tiefe war allem Grübeln fern, aber er vermag auch


