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und schmuck in ihrem Lederstuhl am Fenster und strickte. Nn- ablassig regten sich ihre Finger, die Nadeln klapperten, ihre Blicke aber schweiften über den sauber gefegten Hof- Platz und ivieder zurück zur Ofenbank.
Hier saß ein Mann in den Vierzigern in Stalljacke und blauer Leinenhose, der Tracht nach ein Arbeiter oder Knecht. Er junr vom Futtern hereingekommen, hatte gefrühstückt und stopfte sich nun die kurze Pfeife.
„Niele," sagte Frau Harbek. „Morgen früh kannst du mal nach Hellingstedt hinübersahren und die Rähdeern und ihre Maschine holen. Sie wohnt in Uhrmacher Petersen sein Hans. Die soll mir mein Schwarzseidenes zurechtmachen und noch ein neues Wollenes nähen und einen Beiderwandrock; acht Tage werden Wohl darüber hingehen. Nimm man den Schweinewagen, mit dem Einspänner; der Leiterwagen sieht so simpel aus, und in der Kutsche kann ich sie doch nicht holen lassen."
Niels Sönkfen beobachtete, wie das verglimmende Zündholz dem Tabak sein letztes Lebensflämmchen einhauchte.
„Dann bleibt sie wohl so lange hier?" fragte er.
Frair Harbek seufzte. „Ja, was soll man machen. Sie muß wohl in der Fremdenstube schlafen. Es soll ja 'ne feine Person sein, sogar aus Hamburg."
„Ich trau' die Hamburger Deerus nicht."
„Ja, Niele, das verstehst du nicht. Man muß heutzutage froh sein, wenn man 'ne ordentliche Nähersche kriegt. Mars sagt, das soll die beste Nähersche sein. Für Rieke Fips soll sie das Hochzeitskleid genäht haben, das soll ja ein wahrer Staat sein. Tie Kanfmannsche hat sich auch schon ein Staatskleid nähen lassen, sagt Mars."
„Mars muß das ja wissen."
„Ja, Niele, er hat nicht unrecht, mit meinem alten Wollenen kann ich mich nicht mehr sehen lassen."
„Hm, hm," machte Niels Sönksen. Er ging in den Stall, um hier nochmals nach dem Rechten zu sehen. Draußen traf er den sohn des Hauses.
„Niele," sagte Mars Harbek. „Willst du mir einen Gefallen tun?"
„Jh, warum nicht?"
„Du, Niele" — Mars faßte Niels an den Knopf seiner Weste und hielt ihn daran fest — „du sollst morgen früh die Nähersche holen. Stimmt's?"
„Stimmt!"
„Ja, und ich muß nach, der Fohlenkoppel. Hör', da könntest du bei der Koppel absteigen, ich hole das Fräulein, und du siehst dich während der Zeit ein bißchen nach den Fohlen um. Wemr ich zurückkomme, steigst du wieder auf."
„Junge, Junge!" Niels kratzte sich hinter den Ohren. „Das ist ja 'ne verteufelte Sache. Sag mal, ist das die, wo du neulich mit zum Punsch gewesen bist? Wo du mir damals die Ohren von volltutetest?"
„Ja, Niele; aber sag nichts davon. Mutter hat keine Ahnung. Nicht wahr, Niele, du tust es?"
„Junge, Junge, und darum und deswegen muß sich Mutter Harbek ein neues Kleid machen lassen?"
„Niete!"
„Jung, du bringst mich in 'ne gräßliche Bedrängnis."
„Aber du tust mir den Gefallen, Niele, ja?" Der Westenknopf hing nur noch an einem Faden.
„Ja, Junge, ja." Niels lachte. „Du bist ein gräßlicher Junge."
Janne war nicht wenig erstaunt, als Mars Harbek selbst mit seinem Wagen vor der Tür hielt. Flink brachte sie die Maschine heraus und kletterte daun selbst zu ihm hinauf. Bon oben herab winkte sie der Mutter am Fenster einen glückstrahlenden Gruß zu.
Sie war während der Fahrt etivas verlegen dem jungen Männe gegenüber, aber sie suchte dies durch ihr Plaudern geschickt zu verbergen.
So sprachen sie über dieses und jenes, über das Wetter und die Gegend, über Hamburg und über die Menschen hier und dort.
Janne hatte längst die Verlegenheit überwunden. Ihr Plappermäulchen stand jetzt still, sie gab sich dem süßen Zauber dieser Stunde hin.
Es war Vorfrühling. Bäume und Büsche waren voller Knospen, hoch über ihnen zwitscherten die Lerchen. Der Himmel war bewölkt, der Acker war noch schwarz, fein grünes Blättchen hatte sich hervorgewagt, und doch ahnte alles den Frühling.
Mars hielt die Leine lose und ließ den Braunen langsam gehen.
„Ich sollte dich gar nicht holen," gestand er. „Ich habe mit unserem Großknecht getauscht, ich wollte ja so gern."
„Sagt denn der Knecht nichts nach?"
„Nein, der ist tren wie Gold."
„Weißt du," fuhr er fort, „ich mußte alle Tage an dich denken, seit der Hochzeit."
„Ich auch."
„Es war doch schön. Weißt du noch?"
„Ich weiß noch alles."
„Du bist ganz anders als die Bauernmädchen, viel feiner und hübscher. Die anderen Mädchen sind so grob und dabei sp geziert; das kann ich nicht ausstehen!"
„Ich auch nicht. Du bist auch viel netter als die anderen."
„Weißt du, was ich möchte?" Mars Harbek nahm Seine, und Peitsche in die rechte Hand und legte die links um Jannes Schulter. „Ich wollte, du wärest meine kleine Braut und würdest meine Frau. Was sagst du dazu?"
„Du machst Spaß mit mir."
„Nein, ich mache keinen Spaß. Ich halte ja viel zu viel von dir. Hast du mich auch ein bißchen lieb?"
„Ach, Mars, ja, ach, laß mich doch!"
Aber er ließ sie nicht. Er küßte sie und sah ihr in die Augen und küßte sie wieder. Der Braune ging sachte, kopf- nickend weiter.
Als sie bei der Fohlenkoppel ankamen, stand Niels am Heck und sah mit einem pfiffigen Ausdruck seines ]en Gesichts auf das junge Paar. Mars sprang vom :r, er winkte und grüßte hinter Niels Rücken.
Dieser saß ernst nnd ehrbar neben dem jungen Mädchen. Er sprach nicht viel. Ab und zu warf er einen verstohlenen Seitenblick auf seine Begleiterin.
Als er merkte, daß Janne unter seinen Blicken verlegen wurde, machte er Versuche, eine Unterhaltung anzi-bähneir.
„Es gibt gräßlich viel Regen dies Jahr", hn an.
„Ja, es gibt viel Regen."
„Das ist man schlecht fürs Pflugland."
„Ja, sehr schlecht."
„Die Wintersaat kommt all auf."
„Ja."
Niels machte noch einen letzten Versuch.
„Ob die Butter sich so im Preise hält?" Das' wär doch ein Thema für Weiber, aber auch dies schlug fehl.
„Ich weiß nicht", sagte Janne verlegen.
Jetzt gab Niels es endlich auf, sich mit der Stadtdeern zu unterhalten; ziemlich still legten sie die letzte Viertelstunde des Weges zurück. ...
„Nun, was sagst du?" fragte Mars, der bald nachgekommen war und jetzt zusah, wie Niels die Pferde abspannte.
Niels machte ein krauses Gesicht. „Hm, eine ganz rare Deern," meinte er, „abdr ob sie Roggen und Weizen auseinander kennt, ist die Frage."
„Ach, das lernt sie, klug genug ist sie."
„Ja," Niels dachte nach, „sie sieht einer ähnlich, die ich gekannt habe, als ich noch jung war, bloß die hatte braune Augen nnd schwarzes Haar. Sie war blaß und größer nnd viel ernster und lange nicht so plietsch; aber sonst ganz ähnlich."
Mars lachte. „Ja, wenn alles anders war, -Ain; bestand denn die Aehnlichkeit?
Niels kratzte sich hinter den Ohren. „Das weiß ich selbst nicht. Aber gräßlich ähnlich war sie ihr, und 'ne Maschine hatte sie auch,"
(Fortsetzung folgt.)
Aus Haydns Leben.
Zu seinem 100. Todestag (31. Mai).
Von I. Lützelburge r.
(Nachdruck verboten.)
Als vor hundert Jahren Vater Haydn in Wien die Augen für immer schloß, waren alle, die seine Werke kannten, sich darüber klar, daß ein Großer im Reiche der Tonkunst geschieden war. Aber Haydns Talent war doch verhältnismäßig spät erkannt worden, und. es war gerade der Umstand, daß er in London bei seinem dortigen Aufenthalt viel gefeiert worden war, der dazu beitrug, auch rn den deutschen Landen die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf ihn zu ziehen.


