Ausgabe 
27.3.1909
 
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Das ist- bitter wenig und für solche reiche Fran wie Sie gewiß nicht der Mühe wert," antwortete Gert etwas ärgerlich.

Na, das wird sich ja finden. Nun komm er man rein, Nachbar, und trink 'ne Tasse Kaffee, oder mag er lieber 'nen Aalbeerenschnaps?"

Mit diesen Worten nötigte Mamsell den Mann aus dem verwilderten Garten ins Hails. So viel war von der althergebrachten Gastfreiheit auf Spätinghof noch übrig- geblieben, daß sie einen Besuch nicht ungestärkt gehen ließ.

Während sie hineingingen, überlegte Gert Klasen kurz, daß die Kaffeekanne hinsichtlich ihrer Sauberkeit wellig Ver­trauen verdiene, und daß in den engen Hals einer Flasche Stand und Ungeziefer nicht so leicht einen Eingang fände. Er bat deshalb um einen Aalbeereilschnaps. Als Mamsell ihm aber die Flasche hinhielt, fiel ihm ein, daß der Schnaps am Ende behext sein könne; da bezwang er seinen Durst. Er setzte die Flasche wohl an die Lippen, aber tat nur, als ob er tränke; dann reichte er sie zurück.Bielen Dank, Mamsell."

Das war ein hartes Stück Arbeit", sagte er, zu sich selbst, als er wieder auf dem Landweg war.Richtig war die Spekulation wohl, die armen Jungens kommen unter Dach. Aber, je o je, wie sieht es hier aus. Da darf ich nichts von laut werden lassen. Die Jungens würden ja angst lind bange werden. Ta muß Gert Klasen ein bißchen was schwindeln."

Gert Klasen bog in die Mtzworter Dorfstraße ein. Langsam ging er vorwärts. Einen' Augenblick blieb er vor dem Hause des Bäckers fteheii und sah sich das Schild mit braungemalten Schwarzbroten an; einen Augenblick atmete er den Geruch von frischdamofendem Brot ein, der aus der Tür des Bäckerladens strömte. Dann, als ob ihn dies schon gesättigt Hätte, schritt er weiter.

Bald hatte er die Dorfstraße hinter sich lind ging den ebenen Marschweg, der das flache Land durchschnitt, ent­lang. In der Ferne sah er die Hügel der Geest auftauchen. Er sah den spitzen Kirchturm voll Ramstedt, und wie ein Pferd, das die gefüllte Kripp^ wittert unb rascher heim­wärts läuft, eilte er den einsamen Marschweg entlang nach Hanse.

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Die Kate Gert Klasens war eine der kleinsten an dem Ramstedter Deiche. Sie hatte niedrige Fenster und eine grüne Dachluke über der kleinen Haustür. Unter dem stroh­gedeckten Dache nisteten Schwalben. Auf dem Stückchen Land, das die ckate von dem Landwege trennte, war ein häßliches, kurzgeschorenes Schaf angetüdert, das emsig an dem kurzen Grase rupfte.

Die.kleine Tür des Hänschens war geöffnet, und auf der Schwelle saßen mit hochgezogenen Knien drei Knaben, eng aneinander gedrängt. Die beiden Größeren stießen sich hin und her und drängten dadurch den Kleinsten immer mehr in feine Ecke. Sie waren ehmi dreizehn Jahre alt und von gleicher Größe, nur war der eine breit gebaut und hatte dunkle, graubraune Augen, dunkles Haar und einen trotzigen Zug um den Mund, während der andere dünn und schmal war, ein langes Gesicht mit wasserdlanen Augen unb einen, blonden Wnschelkopf hatte. Der Kleinste war ein blasses, weißblondes Bübchen von gutmütigem Aussehen und etwa zehn Jahre alt. ,

Schupfe doch nicht so", sagte der Stärkere, der beit größten Platz einnahm, während er seinem Nachbar einen Rippenstoß versetzte.

Ich schupfe doch nicht", entgegnete ber Wnschelkopf.

Onkel Gert ist nach meiner Tante gegangen; wir kommen vielleicht nach ber Marsch", sagte bas blasse Bübchen. Nicht wahr, Jak?" ,

Ja, Niels, wir kommen nach ber Marsch", bestätigte der Breitschulterige.

Niels Sönksens langes, schmales Bubengesicht wurde noch länger.Meine ;Öbe (Großmutter) sagt, die Leute in der Marsch -wären gräßlich stolz."

Ja, das müssen.sie auch sein; dafür sind sie auch fürch­terlich reich", sagte der andere wichtig, und ber kleine Brüder bekräftigte es.

,Wie ein König, nicht wahr, Jak?"

Ja," entgegnete Jak stolz,die essen Käsbutterbrot Und noch Fleisch beizu."

Das Wort zündete.Wißt ihr!, was fein schmeckt?" fragte Niels eifrig.Schwarzbrot mit dick Butter unb

Speck darauf und bann Senf und obenauf Käse, das! schmeckt sein!"

Blntmehlbentel schmeckt auch fein", meinte ber kleine Jan.

Ja, mit gebratenen Schweinsrippen", bestätigte Jak.

Unb was noch viel feiner schmeckt, Jungens?" Der, 'magere Niels war in seinem Eifer aufgesprungen.Eine! ganze Masse Eier und ein Berg Zucker dazu, das zu­sammengerührt und in reine Bauernbutter gebraten, bas! schmeckt gräßlich fein, sage ich euch!"

Hast du bas schon mal gegessen?" fragte Jak, der genau, wußte, daß Schaue Sönksens Küche gerade nicht an Ueberslnß litt.

Ne," meinte Niels,aber wenn ich reich werde, esse! ich bas alle Tage zur Frühkost."

Du wirst bein Lebtag nicht reich, Niels," sagte Iah bedächtig,deine Großmütter hausiert mit Seife unb Zwirn, davon wirb mau nicht reich."

Oh, in den Karten liegt Geld, sagt Ode, unb baust habe ich mächtig viel Haare auf beit Armen; bas ist ein gutes Zeichen. Guckt mal her!" Niels schob bie blau­gestreiften Äermel seines Hembes zurück.

Währenb bie anderen beiden bie Haare auf Niels Sönksens Arm bewunderten, kam durch das Gartenpfört- cheu neben dem Hanse ein etwa achtjähriges Mädchen mit großen, braunen Angen und dunklen Hängezöpfcheu. Es trug in seinem Schürzcheu behutsam etwas, auf bas es zärtlich niederblickte. Scheu unb zögernd blieb! bas Mäd­chen an ber Pforte stehen.

Was hast bu ba, Tine?" fragte Niels, und auch bie anderen traten näher.

Eine ganz kleine Schwalbe, die noch nicht fliegen kamt."-

,,^cig mal her!"

Hier, aber nicht drücken! Pfui, Jak, bu brückst ihren Seih."- Sie hat Hunger," meinte Niels.

Hat feiner von euch ein Stück Stuten (Weißbrot) ?" fragte Tine aufgeregt.

Alle sahen ihn an.Nein!"

Ob sie wohl Sichtenroggen mag?" (Brot ans ge­sichtetem Roggen.)

Natürlich, Sichtenroggen ist doch etwas Feines!"

Niels war mit einem Satze in bas Hans unb brachte ein Stückchen graues Brot.

Wo habt ihr den her?" fragte Jak.

Den hat Ode von Bäcker Stier aus Schwabstedt gekriegt."

Da wird sich die kleine Schwalbe freuen," meinte Jan,so'n seines Brot."

Piep, piep, Sichteuroggeu!" piepste Tine.Sie will nicht." Tines Augen füllten sich mit Tränen.

(Fortsetzung folgt.)

Dem 5iidpol am nächsten.

In beut ausführlichen Bericht des Leutnant Ernest H. Shack- leton über seinen kühnen Vorstoß nach dein Südpol, den die Daily Mail veröffentlicht und dessen nichtigste Resultate bereits tel-graphisch gemeldet worden sind, erregt besonderes Interesse seine Erzählung bcS entscheidenden Marsches, der ihn und seine Begleiter! bis zu dem südlichsten Punkt der Erde führte, den je ein Mensch betreten. Wir geben daher diese Schilderung in ihren Einzel­heiten wieder. Shackletous Begleiter waren die Mitglieder der Expedition Adams, Ioyee, Marshalt, Marson und Wild.Wir verliehen," so erzählt Shackletvn,unsere Station Hut Point am 3. November mit Proviant für 99 Tage. Bei White-Island! wurden wir am 5. November vier Tage lang von einem Blizzard aufgehalten". Infolge des ungewissen Lichts zwischen den Eis­klüften hätten wir fast Mr. Adams und einen Pony verloren. Ain! 13. November erreichten wir das im September angelegte Devot in einer Breite von 79° 36' und 168° östlicher Länge. Wir be­luden einen Pony mit dem Mais und dem anderen hier srnheü zurückgelassenen Proviant und fingen an, unsere täglichen Rationen ciuzuschrnnken. Daun ,zogen wir südlich weiter am 168. Meridian entlang über nnc Oberfläche, auf der Schneeklippen und -Berge mit weichem Schnee abwechselten. Die Ponys sanken ost bis an den Leib ein. In einer Breite von 81° 4 erschossen wir Ibeni Pont)Chinese" und legten ein Depot von Oel, Biskuit und Ponyfleisch an. Den Rest des Ponysleisches nahmen wär mit, mit unsere arg zusammen geschrumpften Rationen zu vergrößern. Am 26. November erreichten wir den südlichsten Punkt derTis- evvery"-Expedition. Die Oberfläche dehnte sich nun weit aus in breiten Wasserlinien. Tie Ponys wurden von Schneeblind­heit ergriffen. Am 28. November 'wurde der PonyGrisi", am! 30. der PonyQuan" erschossen. Wir ließen in 82° 45' Breite unb 170° Länge ein Depot zurück. Nach Süden und Südosteü