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Spätinghof.
Roman von K. t>. d- Eide r.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Mamsell Goos hatte Rüben gepflanzt. Ihre schmutzigen Hände an der groben Sackschürze abreibend, kam sie näher, Unit mißtrauischem Blicke den Fremden musternd.
Sic war eine lange, magere Person, der die Kleider um den Leib schlotterten. Ihre Züge waren scharf, ihre §aut runzlig, der zahnlose Kiefer war groß und vorspringend. Mas Gert Klasen aber am meisten ausfiel, waren die häßlichen, großen, grauen Augen, in denen das Weiße geblich schinnncrte.
Gerts Haltung wurde der häßlichen, unfreundlichen Frau gegenüber noch unterwürfiger. Verlegen drehte er seine Mütze in den Händen.
„Ja, Mamsell," begann er endlich, als sie ein kurzes, vufrüttelndes „Na" hervorstieß, „ich soll Ihnen ein Grüßnis bringen von Ihrer Schwester Annagret."
„Behalten ©' für sich!" sagte Mamsell kurz und schroff.
„Hm," fuhr Gert fort, „Annagret läßt Ihnen bloß sagen, sie wäre nun glücklich tot und hinüber, und Mamsell möchte man so gut sein und die beiden Jungens hernehmen."
„So, dafür bin ich gut genug?" polterte die Alte heraus, während unter den buschigen Brauen hervor ein stechender Blick auf den armen Gert schoß.
Er wich einen Schritt zurück. „Ja," meinte er, „der Herr Pastor hat es gesagt und der Bauernvogt auch, Sie wären die Nächste dazu."
„So, die Nächste?" Sie lachte. Mer ihr Lachen klang wie ein wildes Schluchzen. „Weil sie den schwarzen Jak geheiratet hat und ich hier sitzen geblieben bin und mich allein sauer getan habe, darum soll ich nun ihre Jungens füttern, die mich gar nichts angehen."
„Ueberlegen Sie sich's, Sie tun ein gutes Werk."
„Will nicht," knurrte sie. „Hab' selbst nichts zu Liegen Und zu brechen."
„Sie haben doch den Hof. Die beiden Jungens könnten Ihnen gut helfen. Sie sind schon herangewachsen; Jak ist dreizehn und Ian bald elf Jahre alt, da hätten Sie schon was von."
„Ja, das kenn' ich all! Nachher kriegen sie einen unter und lauern schon auf meinen Tod; ne, ich laß mich nicht unterkriegen."
„Na, einmal kriegen die Jungens den Hof doch so wie so; mitnehmen können Sie ihn doch nicht, wenn Sie sterben."
„Ne, mitnehmen kann ich ihn nicht," wiederholte sie Mit saurer Miene, als täte es ihr leid, daß sie den großen Marschhof nicht mitnehmen könnte in ihr enges Grab. „Aber das ist egal, solange als ich da bin und noch eine Hand rühren kann, gebe ich nichts weg, nicht eine Spier
Stroh," keifte die Alte. Sie hielt Daumen und Zeigefinger! wie zu in Schwur empor und preßte sie fest zusammen.
„Das ist ja auch gar nicht nötig," sagte Gert begütigend. „Die Jungens brauchen ja nichts als ein bißchen Essen und Trinken, das wächst Ihnen hier ja alles zu. Wenn sie in Pflege ausgetan werden, müssen Sie doch auch bezahlen."
„So, muß ich? Sie sind wohl der Kurator?"
„Ich bin man bloß der Sohn vom alten Besenklas," sagte Gert demütig. „Wir waren nun mal die nächstes Nachbarn von Annagret. Da Laben wir denn die Jungens 'rübergenommen, als sie starb. Der eine schläft Lei uns und der andere nebenan bei Schaue Sönksen. Sie kennest doch gewiß die Seifenschane, die mit Seife und Zwirst hausiert; sie kann auch Karten legen und Teegrus lesen. Kommt sie nicht auf Spätinghof?"
„Ne, Seife und Zwirn brauche W nicht, und Ms! Wahrsagen ist mir das Geld nicht wert; wenn's nicht eintrifft, ist man seine Groschen umsonst los."
„Na, bei Schane trifft cs allemal ein. Und gesterst hat sie uns erst aus den Karten prophezeit, daß Jak un8 Jan hierherkommen. Ja, ganz gewiß; sonst hätte ich mir! den Weg gespart."
Mamsell zog ein saures Gesicht. „Das hat sie bloß, prophezeit, um mir 'nen Tort zu spielen, weil ich nichts bei ihr kaufe. Wozu brauche ich als einzelner Mensch Seife und Zwirn? Ich kann mich nicht ans Fenster setzen, gM nähen, wie die feinen Frauen und mich putzen und mit Stückseife waschen. Ne, das ist 'ne Schlechtigkeit von Schane; das stimmt nicht."
„Doch, Mamsell, es stiinmte ganz genau. Das hatte! seine Richtigkeit mit den Karten. Ich habe es selbst gesehen; die beiden Bauern, was die Jungens vorstellten/ lagen dicht bei der Pikfrau."
„Was, ich soll die Pikfrau sein? Hab' ich denn schwarze Haare? Da hört sich ja alles in der Welt auf!" Mamsell drehte den Kopf so aufgeregt hin und her, daß die grauen Haarsträhnen flogen. Dann sah sie finster vor sich hin und schien nachzudenken. Etwas ruhiger, aber noch grollend, fragte sie: „Was nimmt sie fürs Kartenlegen?"
„Anderthalb Groschen, und wenn einer für fünf Groschest bei ihr kauft, tut sie's aufzu. Sie hält auf feste Preise."
„Anderthalb Groschen für nichts und wieder nichts? Ne, dann kann sie man ihre Weisheit für sich behalten!"- Mamsells düstere. Blicke flogen über Hof und Garten hin. Gert Klasen sah nur das Gelbweiße tu ihren Augen. In ihrem Gesichte zuckte und arbeitete es. Plötzlich wandte sie sich ihm zu. „Meinetwegen will ich die Jungens nehmen," sagte sic, „wenn kein andrer Rat ist; aber das sage ich ihm: tun sie nicht gut, dann jag' ich sie weg! Ich will sie man morgen selbst mit dem Wagen holen; dann; kann ich gleich den Kram mitnehmen, der nachgebliebeii ist. Sie wird doch noch was hinterlassen haben?" fuhr sie mit lauernder Miene fort.


