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Uber diö zahlreichett Passanten hinwegsehenden Blick ihrer gold- braunen Äugen kam sie ihm entgegen. ~
Sie trug wieder ein knapp anliegendes Schneiderkostüm, dies- Mal' aus Samt von der Farbe ihrer Augen-, dazu eine bis zu den Knieen reichende breite Blaufuchsboa und einen barettartigen, mit demselben Pelzwerk garnierten Samthut, einen braunen Schleier ML Lke'lliLLtuLsm vor dem blassen.Gesicht......
Ten« jungen Ossizier erschien sie ganz fremd, nicht nur des Veränderten Anzuges wegen, auch nicht, weil ihr heut das kindlich Schelmische des Ausdrucks fehlte — es waren die zwei Millionen, die eine Kluft zwischen ihm und ihr gerissen hatten, die ihm die Unbefangenheit raubten, die sie heut nacht fo. rasch vertraut miteinander gemacht.
Sie hatte wohlhabend sein können, eine landläufige „gute Partie", aber sie durste keine Millionen haben.
Lena Vock Rieding, wie er sie nun nennen konnte, hatte ihn ziemlich spät erst bemerkt. Sie standen bereits dicht voreinander, als ihre Blicke sich trafen. Ihr Begrüßungslächeln verlieh nebst einem leicht rosigen Schinnner ihrem Gesicht den eigenartigen, fesselnden Liebreiz, unb wenn er vorher bei ihrem- Anblick sich flüchtig gesagt, daß sie ihre Blütezeit bereits überschritten hatte, so kam sie ihm jetzt wieder noch- sehr jung vor.
Während er sich über ihre Hand im weißen Lederhandschuh Neigte und der Veilchenduft, der all ihren Sachen anhastete, ihn schmeichlerisch umwehte, tat er die abgedroschene Frage:
„Wie ist Ihnen der Ball bekommen, meine gnädigste Frau?"
„Tanke, miserabel!" sagte sie mit einem Lachen, das ihn zweifeln ließ, ob ihre Antwort Ernst oder Scherz war, obgleich die blauen Schatten unter ihren Augen sie nicht Lügen straften.
An ihre linke Seite tretend, sprach- er, indem sie in der ruhigen Selbstverständlichkeit wie zwei alte Bekannte ' gemeinsam Vie Wilhelmstraße hiuunterschlenderten, einige bedauernde Worte, wobei er nicht ganz mühelos gegen seine Befangenheit ankämpftc.
„Oh, es hat gar nichts aus sich!" plauderte sie in einer lebhaften, aber etwas nachlässigen Art. „Ich schlafe ost schleckt, ich gehöre überhaupt zu den Menschen, bereit Lebensfähigkeit sich mit dein sinkenden Tage steigert:—Sie haben mich nun gerade zu einer lebendigen Zeit kennen gelernt — gestern abend und nachts — Sie wissen noch gar nicht, >vie sehr man sich mit mir langweilen kann."
„Erlauben Sie, daß ich das letztere bezweifle, gnädige Frau?" Sie zog mit einer müden Bewegung die Schultern hoch. „Nun, die Zeit wird Die belehren — aber kommen Sie, lassen Sie uns hier nach deut Kurpark herüberbiegen, ich- bin manchmal so empfindlich gegen Menschengewühl und neugierige Gaffer. Meistens kümmere ich mich ja nicht darum — cs sind eben nur manchmal die Nerven. Solche Tanger kennen ßte wohl nicht, Herr —," sie stockte, und in einem allerliebst schelmischen Ton sagte sie dann „Herr Leutnant"?
Er atmete unwillkürlich, zugleich ein Lächeln in den schmalen, graublauen Augen, befriedigt auf.
„Gott fei Dank, nein, gnädige Frau — Nerven kenne sch noch nicht trotz Krankheit und Sorgen —"
„Eie sind eben noch jung, beneidenswert jung."
Es klang wie ein Seufzer. Sie zog ihre kostbare Pelzboa fröstelnd unter dem Kinn zusammen, wobei es Hassingeu auffiel, daß der dünne, seidene Regenschirm-, den sie in der Hand hielt, als Griff eine goldene Schlange mit Augen von Smaragden hatte, die ihn tückisch anblitzten. Wieder kam ihr Reichtum ihm peinlich zum Bewußtsein, und seine neckenden Worte: „Gnädige Fran sind wohl schon sehr alt?" kamen etwas gezwungen heraus.
Sie merkte es nicht, sie blickte durch die noch naßglänzenden, kahlen Zweige eines Bosketts nach einem Seitenwege, wo Menschen auftauchten, die ihr Interesse zu erregen schienen.
Ein leichtes Stirnrunzeln, emporgezogene Augenbrauen.
„Lassen Sie uns rascher gehen, ich sehe dort drüben Bekannte, denen ich> unauffällig ausweichxn nwchte — ich- kann Sie ja nicht einmal vorstellen — mir ist's amüsant — aber die strenge Welt der Formen verlangt es."
Sie gingen rascher, ohne zur Seite zu sehen, und ihm schien der Moment gekommen, ihr zu sagen, was ihn -wie eine Art Schuld bedrückte.
„Es tut mir leid-, Ihnen den Spaß verderben. zu müssen, gnädige Frau!" meinte er, stärker denn je errötend. „Aber Mir ist Ihr Name feit einer halben Stunde nicht mehr fremd- — ganz ohne mein Zutun ward er mir verraten."
. Sie wandte sich ihm zu. Um ihre Lippen lag der müde, -lasierte Zug, der sie oft so alt erscheinen hieß.
„Ich konnte mirs ja denken," sagte sie herb. „Unsereins! kann ja nie irgendwo allein und unbekannt sein'. Immer hat Wan die Herde nm sich, und das Gespenst des „guten Tons"
zwingt einen, mit ihr zü lausen, Hunderten zu gestatteiß sich einzumischen, sich um das zu bekümmern, was man tut und läßt. Man rebelliert innerlich dagegen, aber man läßt sich's gefallen. Es ist wohl die Erziehung, über die man nicht hinaus kann, vielleicht auch das Schicksal der Turchschnittsfrau, die immer nur halb ist, im Affekt alles wagen zu können meint und vor? der Tat kläglich in die engen Grenzen zurückkriecht."
„JiH ineuic, es- ist eoen utf sfrcktk, ÄS -straf fühlt!" warf der blonde Offizier halb tröstend- ein. „Ter Frau! hat schon die Natur engere Grenzen gezogen als dein Manne-, und das Natürliche ist wohl das Richtige und- das Gute. Ich denke mir so in meinem bescheidenen Leutnantsverstand-, daß die Frauen, welche die Grenzen ihres weiblichen Reiches überschreiten-, schließlich doch sehr einsam dastehen, äußerlich und innerlich, oder glauben Sie nicht, daß manche Frau, welche die Sitten pudi Forderungen der „Herde", wie Sie es nennen, mißachtet und! verlacht hat, später ihr höchstes Ideal darin sieht, wieder zurück? zukehren —" .
„Als das berühmte reumütige Schaf!" Tie junge Fran hätte ein humoristisches Zucken um die Mundwinkel, die sich vorher so herbe gesenkt hatten. „Ja, das glaube ich Wohl, ich selber täte es ja am ersten, denn ich kann, ohne hochmütig zu sein, doch nur i!n einer gewissen Luftschicht leben — ich- will jo| auch nicht gleich den großen Sprung wagen — aber sehen Sie, das hätte ich mir so nett gedacht, wir beide, in das Lohengrin-Ge^ heimnis gehüllt — und Rosenmontag in Mainz — Fastnachtsspuk und sorgloses Genießen —"
Sie warf ein wenig den Kopf zurück, und im seltsanr wech? selnden Spiel ihrer goldbraunen Augen stand jetzt eine große, Sehnsucht, als wünschte sie den schneeweißen Wolken zu folgen, die soeben eilig über den tiefblauen Hiinmel segelten.
„Und das Ende?" fragte er unwillkürlich
Sie kehrte tvie ans- einem! Traum zurück.
„Tas Ende?" wiederholte sie, mit der Spitze ihres Sch-irmeS kleine Kiesel beiseite schleudernd, die klappend- in das matte Grün des Rasens fielen und ein paar Sperlinge aufscheuchten. „Sie wissen ja, tvie ich darüber denke. TaS Ende ist immer häßlich! und schal. Am Aschermittwoch- stechn sich zlvei (tzeselischnsts- Menschen gegenüber und erzählen sich, daß- es in Mainz wirklich „ganz nett" gewesen fei, und dann machen sie einen Strich dahinter und erinnern sich später nur „sehr dunkel" einer Sache, die doch eigentlich! recht unpassend war, und, die man pflich-tschuld-ig längst bereut hat. . Tie Menschen bereuen immer die Stunden, in denen sie einmal ganz sie selbst waren. TaS Leben ist das Maskenspiel, und im Mummenschanz nur zeigt der Mensch sein wahres Gesicht. Aber nun ich! mein .Inkognito nicht tvahren konnte, frag ich auch Sie, werter Ritter, tves Nam und Art Sie sind."
Ta sie einen scherzenden Ton angeschlagen, erleichterte sie ihm das Peinliche dieser befohlenen Vorstellung.
Ter Weg vor ihnen lag menschenleer. So blieb ei stehen, klappte die Hacken zusammen, nahm den Stock als Säbel an die linke Seite, lüstete den Hut und sagte-, sein sorgfältig frisiertes Haupt neigend:
„Hans Eberhard Nikolaus von Hassiugen, Leutnant im! 7. Hannoverschen Infanterie-Regiment Nr. 187 hat die Ehre, sich Frau von Rieding in unbedingter Ergebenheit zu Füßen zu legen."
Er wußte nicht, wie sympathisch er in diesem Moment aussah.
Frühlingssonne lachte über seinem blonden Haar und in seinen hübschen, länglichen, blaugrauen Augen, die Stirnfalte, schien geglättet, die Hochmutslinien verwischte der Leutnants^ srohsinn, neckischer Uebermut zuckte um seinen Mund.
(Fortsetzung folgt.)
Hänschen.
Eine politische Bogelsgeschichte aus dem Jahre 1866.
Von G. Zitzer, Nicdereisenhanseit.
Nachdruck verboten, t
Schluß.
Nach und nach würden solche Gespräche seltener, und als dev letzte Heller des Sündenlohns aufgezehrt war, gedachte man noch kaum des ungeratenen Hausgenossen. Auch hatten die Henners jetzt viel Arbeit in Garten und Feld'. Kartoffeln und Gemüse mußten eingebracht werden, wenn sie nicht draußen erfrieren sollen; denn ein scharfer Wind strich vom Gansbach her über die Berge. Dem Henner war dieser Umstand besonders lästig', wenn er frühmorgens die Wasserscheidt hinauf zur Arbeit ging-.- Sein Winterrock war der beste schon lange nicht mehr. Vor lauter Flicklappen hielt es schwer, den ursprünglichen Stoff und dessen Farbe zu erkennen. W mußte an baldigen Ersatz gedacht werden. Das war auch Koatreis Meinung-,
So zog- denn der VinMenner nach dem nächsten Lohntag-


