1909
Samstag den 27. Februar
hotoar- aufg. H.NOH. GiessgjT
Auf Liebespfaden.
Roman von H. Ehrhardt.
'Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Er ärgerte sich auch über den frivolen Ton, den Meisenberg immer gleich in die Unterhaltung brachte.
Die junge Frau hatte recht, es ivar etwas Beleidigendes darin, während der kleine Keßler ähnliches in ganz anderer, humoristischer Art vorbrachte.
Eben sagte er, sich Hassingen zuwendend:
„Mit meiner „Studentin" war es auch nichts Dauerndes — sie hatte doch ihr Verhältnis mit, ein ganz richtig gehendes Verhältnis — der Kerl umschlich uns wutschnaubend und rache- dürstend und mußte von ihr zuweilen durch ein paar gute Worte gezähmt werden — nun, ich war schließlich doch nicht hartherzig genug, seine Qualen länger auzusche» und — entsagte."
In das letzte Wort wußte er einen solchen Pathos zu legen, klappte den Mund zu einem so resignierten Lippenpaar zusammen, daß schallendes Gelächter ihm lohnte.
Darauf riß er die braunen Augen weit auf, sah sich erstaunt um und machte ein Gesichr, aus dem bittere Anklage scher die Gefühllosigkeit seiner Gefährten sprach rind sagte mit gekränkter Stimme, die Hanse über, dem Leib faltend:
„Darüber lacht man doch nicht!"
Und immer mit seinem erheuchelt ernsten Gesicht, nm dessen Teint ihn manche Dame beneiden mochte, fragte er:
„Und was gab Ihnen diese verrückte Karnevalsnacht, Hassingen?"
Ehe der stark Errötende eine Antwort fand, warf Meisenberg, eilte Zigarette im Mundwinkel balanzierend, ein:
„Dem hab ich zu einem Schweineglück verholfen, in allerdings ganz üubewußteni Edelmut " ■
Hassingen, der eilt starkes Unbehagen empfand, seine Dame: in die Unterhaltung hincingezogen zu sehen, wehrte hochmütig und sichtlich peinlich berührt ab.
„Lassen Sie doch, Meiseuberg!"
Ter Husar, der bis dahin stummen Zuhörer gespielt hatte, mischte sich ein. Er hatte ent häßliches, scharf markiertes, aber gutmütiges Gesicht, matte blaue Augen unter einem Simpli- zifsinmsscheitel, dessen Blond ins Graue spielte, ebenso wie der spärliche Anflug eines Bartes.
„Warum soll Meisenberg Sie nicht beneiden, Herr Kamerad? Das wird mancher tun, ohne daß Sie's ihm verargen dürfen."
r Es ist besser, ich mache gute Miene zum bösen Spiel! dachte Hassingen. Ich schade ihr mehr, als ich nütze, wenn ich mich zu empfindlich zu ihrem Ritter aufwerfe.
Und er sagte, etwas ungeduldig lächelnd:
„Mein Gott, wozu der Neid? Daß ich der Kavalier einer anmutigen, liebenswürdigen Frau sein durfte? Meisenberg hat sich auch amüsiert diese Nacht, chaeun ä son gont! Der nufere R sonst, so viel ich weiß, sehr verschieden."
„Sie werden feindlich, Hassingen, und das ist schlecht von Ihnen!" tadelte der hagere Oberleutnant und blinzelte den jungen Kameraden an. „Sie bitten mir's noch mal kniefällig ab, passen Sie auf."
Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber das kleine Lokal füllte sich im selben Moment mit netten Gästen, unter denen sich Bekannte der vier Offiziere befanden und in der allgemeinen Begrüßungsszene gedachte Hassingen sich unauffällig zu drücken.
Als er in seinen Paletot führ, stand plötzlich Meisenberg neben ihm.
„Mir scheint beinah, als wüßten Sie noch gar nicht, ztk welcher Bekanntschaft ich Ihnen verholfen —"
- Hassingen wurde abermals sehr reserviert,
„Allerdings nicht!" sagte er steif und griff nach seinem Hute.
„Sehen Sie, ich weiß schon wieder alles. Erinnern Sie sich an den Automobilmenschen, der bei der ersten Herkoinerfahrt, das heißt, eigentlich bei der Fahrt zu derselben tödlich verunglückte, von Rieding hieß er? Ihre Dame von heut nacht ist seines Witwe, zwei Millionen schwer, sagt man."
„Unmöglich!"
Der blonde Offizier ivar ganz fahl geworden.
„Nee, die lautere Wahrheit mein Lieber! Ocks kennt sie jck genau, hat in Wannsee, wo sie eine Billa besaßen, bei ihnest verkehrt, wie er zur Kriegsschule in Potsdam kommandiert war. Biet umworbene Frau, tadelloser Ruf, aber etwas sonderbar —"
Er mußte seinen flüsternden Bericht unterbrechen, denn aus der Nische, in welche die andern. sich unter. Lachen und Lärmen mühsam alle hineingepfercht hatten, rief man nach ihm.
„Wo rennen Sie denn hin, Hassingen?" rief der kleine Artillerist, und als der blonde Offizier in seine -grüßende Handbewegung die nicht mißzuverstehende Bitte legte, sein Fortgehen möglichst zu ignorieren, kniff er das linke Auge zusammen und. markierte mit den Lippen ein: Sieh da den Schwerenöter!
Auf der Wilhelmstraße wogten festlich geputzte Menschen. Seidene Damenröcke rauschten, der Flirt gedieh üppig. Gänseblümchen und farbenprächtige Giftblumen, die erste Jugend und das gereifte Alter pflegten ihn gleichmäßig.
Im Knopfloch der Herren dominierte die rote Nelke, die da besagt „ich bin noch zu haben", sie glühte um die Wette mit rosigen Mädchenwangen, und ihr Leuchten erblich vor dem Glanz schöner Augen.
Es lag Frühlingsahnen in der Luft und rheinische Fastnachtsfreude.
Hans von Hassingen blieb einen Moment zögernd, unschlüssig stehen. Das Halbe in ihm ließ ihn bereuen, daß er seine Ball- dame suchen wollte, aber tot. immer fehlte ihm die Energie!, einem Impulse zu folgen, der ihn aus einer vorgezelchneten' Bahn reißen wollte, und er wandte sich nach links dem Theater zu,
Ter. Zufall wollte es,e>aß sie ihm schon nach wenigen Schritten! entgegenkäin. Hätte er sie in diesem Moment zum erstenmal gs- sehen, er hätte sie sofort als das erkannt, was sie war — dis Dame der großen Welk.
Richig und sicher, mit einem etwas hochmütigen, gleichgültig


