Ausgabe 
26.8.1909
 
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MH den großen Matsch- und Empfangs tag der ländlichen Familien darstellt. Wahrend der drei, vier Tage ihr« Dauer wird gebacken und gebraten, was das Zeug und der Geldbeutel halten oder auch nicht halten. Jedermann! frißt sich hh man verzeihe den hier allein zutreffenden Ausdruck H bei Jan und Hendrik durch und Jan und Hendrik mit Kind und Angebinde machen es ebenso bei Jeske und Pieter. Und wenn dann alt und jung bis oben heran voll und übervoll ist, dann wird auf die Kirmes ge­gangen, wo sich diemeulekes" bei uns Karussells ge­nannt drehen, die Karabiner knallen und die Schaukeln wilde Schwingungen vollführen. Dort springen Cents und Gulden um die Wette, als hätte der liebe Herrgott von Flandern jedem Bauern Und Tagelöhner ein unerschöpfliches Geldspind verehrt. Vormittags Prozession, abends Sabbät- Treiben > aber immer lustig und obenauf: es kann ja nicht genug Geld kosten! Wir besitzen in den Bildern von Rubens, Deniers und anderen flämischen Meistern packende, fast geschichtliche Dokumente von niederländischen Kirmes- tagen. Soviel Humor und Realistik diese Maler auch an ihre Bilder gewendet haben mögen der Uebertreibüng kann man sie kaum zeihen. Zivilisierter, etwas manierlicher geht es vielleicht heutzutage auf der Kirmes in Belgien Und Holland zu. Aber der Geist ist geblieben, Völlerei und Uebermut ebenfalls; kaum daß die Szenerie etwas gewechselt hat. Psychologisch läßt sich das Wesen der niederländischen Kirmes damit erklären, daß das dabei herrschende Unge­bundensein am schlagendsten dem ununterdrückbaren Frei- heitssinn der Flämen entspricht. Der ernste und sittenreine Josef II. hatte es versucht, an der geheiligten Ueberlieferung der Kirmes M rütteln. Er hätte kein unglücklicheres Mittel wählen können, um das Regiment der Oesterreicher in den Niederlanden verhaßt zu machen.

Was nun die Jahrmärkte in den großen Städten Hollands Und Belgiens betrifft, so muß man hier nicht nur die Kultur- und ethische Frage in das Auge fassen, sondern jauch den wirtschaftlichen Standpunkt. Und dieser fällt Un­gemein erschwerend in das Gewicht. Man beschwichtigt die Einwände und das Gewissen derer, die für die Abschaffung der in den Städten wochenlang dauernden Kirmessen sind, damit, daß der cm§ den Standmieten und so fort sich er­gebende, bis in die vielen Tausende gehende Reinertrag wohltätigen Anstalten zugute kommt; auch der Erziehung der Schaubudenbesitzerkinder, die, weil sie 9 Monate im Fahr von Ort zu Ort rollen, sich- natürlich herzlich, wenig um den Unterricht ihter Nachkommenschaft kümmern können. Wiegen gb« diese Vorteile einzelner und einzelner Anstalten die Ungeheure materielle Schädigung auß die die breiten Massen der Bevölkerung durch die Kirmes erfahren ? Man braucht nur an Sonntagen öder abends einen Gang durch die Kirmes einer großen Stadt in den Niederlanden zu machen, um einen Begriff zu bekommen, welch ungeheure Summen hier für geistlose Vergnügungen und für Essen und Trinken ausgegeben werden! Aus wessen Taschen nun fließen neun Zehntel dieser Gelder? Aus denen der Reichen sicher nicht! Aber da hilft kein Reden, kein Predigen. Der Fläme muß seine Fettkuchen und gebackenen Kartoffeln, seine Muscheln Und geräucherten Aale, seine sauren Gurken, süße Melonen Undbeignets" inmitten des Gekreisches der Ausrufer, der Kakophonie der Orchestrions, des betäubenden Lärms und Gestanks dieses Jahrmarktstreibens alle Jahre von neuem jessen Und dazu Ungezählte Gläser Biers und Genevers durch die Gurgel jagen. Was ist gegen solche unvernünftigen Ksnder auszurichten? Nichts; sie müssen ihren Willen haben.

Vermischtes.

' ' * Dis Eröffnung der Mont Blänc-Bahw Dis ersts Strecke m dem Whnen Werke moberner JNgeuieurkuNst, der Bahn, die durch Fels, Stein und Eis sich den Weg bahnen soll bis zum Gipfel des höchsten Berges Europas, des Mont Blanc, ist NUN vMeudet. Am 27. Juli, um y212 Uhr vormittags, ward M dem kleinen Bahnhof viost le Fahet das Abfahrtzeichen gegeben Und der erste Zug der neuen Bergbahn begann keuchend seinen Aufstieg zu Heu Mpenricseu. Viels Jahre haben dis Männer

der modernen Technik in stiller Stube gerechnet und gearbeitet^ ehe stei dazu schreiten konnten, den kühnen Wan in die Wirklichkeit Umzusetzen. _ Ursprünglich batten Projekte bestanden, die die Bahn- strecke sogleich in das Innere ,der Berge hineinführen und so emevöllig gedeckte Linie bis zum Gipfel schaffen wollten, dis aalchsm Wmter fahrbar wäre. Aber nach sorgsamen Erwägungsst entschloß srch der Unternehmer Duportal, so stihrt E. Mugniot in der Nature aus, den größten Teil der Strecke ins Freie zu ver­legen, um den Reisenden die erhabenen Schönheiten der Alpen!

verbergen. , Man mußte einen Weg wählen, der dis südliche Sonne empfing, also im Sommer schneefrei wurde und' dK zugleich die mannigfachen Gefahren der Gebirgswelt mög­lichst verringert. So entschied man sich für die rechte Wand des! Bronnasiah-Tales; bis weit hinauf zur Aiguille-du-Goüter emp- wstgt dre Linie das südliche Sonnenlicht, die Schneentassen schmelzen früh dahm und von Juni bis September werden die kleinen Loko­motiven Bewunderer der Alpenschönheit zu den Bergen empor- fuhren. Bis Col de Boza, bis zu einer Höhe von 1700 Metern, ist der BaN jetzt vollendet. Emile Berr hat an der denkwürdigen erst«i. Fahrt dieser neuen Zahnradbahn teilgenommen und gibt rm Figaro eine anschauliche Schilderung seiner Eindrücke.Drei Zuge gehen ab, je zwei Wagen, die bald das Dorf Fayet hinter sich lassen und an der Zahnradschiene emporklimmen. 7y2 Kilo­meter haben die kleinen Lokomotiven vor sich, herbe Steigungen', die bisweilen auf vier, Meter eine Steigung von einem Meter erreichen. Die Lokomotiven finb hinter die Züge gekoppelt; totitn1 bet starken Steigungen ihr Keuchen sich verstärkt, überkommt einem fast der Eindruck Menschlicher Anstrengung. Den Reisenden wer nimmt schnell die Schönheit der Bergwelt gefangen. Glesch nach Verlässen der Felsschluchten taucht vor dem Blicke das an- wNtlge Arvetal. auf, dann Saint-Gervais mit seinen bunten fröh­lichen Villen, die sich im Grün Nm den kleinen Kirchturm drängen. Bald aber breitet sich in der Tiefe ein neues herrliches Bild: das Bonnant-Tal. Nach der Station Saint-Gervais kommt MotivoN. Das kleine Dorf ist in buntem Festestrubel und um den funkel- Nagslneuen Bahnhof schären sich die Feierlustigen, um die zu sehen, dievon uNten" wmmen. Nach kurzem Halt geht es weiter. Unter uns beugen sich "wie grüßend Felder mit Alpenrosen vor dem Winde. Und jetzt sieht man ihn vor sich, den Mont Dorchet; stine weißen Firnen zeichnen sich schärf ab vom bläuen Horizont. Der kleine Zug windet sich vorwärts, zur Rechten sieht man das Glacier von Bionnassah. Dann eine Strecke, wo der Zug über einW Hochfläche gleitet; zu unseren Füßen liegt Chamonix, tief unten; rings eine unbeschreibliche Sinfonie von Grün und Weiß. Col do Voza ist erreicht. Hier, in der Höhe von 1700 Metern, ist der letzige Endpunkt der Linie. Bis hierher durchmißt die Bahn ver­hältnismäßig wenig steile Bergabhänge; die Landschaft zeigt noch Vegetation. Vor einem liegt jetzt die erste große Gesamtansicht der Mont Blänc-Basis und leicht kann der Reisende den benach- Harten Gipfel dos PriarioN erreichen. Aber schon haben die Ar­beiten an der Fortführung der Strecke begonnen. Sie wird bei Chalet de Bellevüe in einer Höhe von 1812 Metern die Waldgrenze hinter sich lassen und dann der Südseite des Mont Lachat mit anfangs mäßiger Steigung folgen. Hier türmen sich die Schwierig­keiten. Bis Tste-Rousse sind häufige Bergrutsche zu befürchten; es gilt, die Strecke zu decken; in Galerien wird sie sich hineinwindöni und zahlreiche künstliche Wasserabläufe werden den Abfluß des Gletscherwassers ermöglichen, ohne daß, der Bahnkörper beschädigt wird. Die Steigungen mehren sich, in vielfachen Windungen strebt die Bahn aufwärts, bis endlich Tste-Rousse mit seiner Höhe von 2230 Metern erreicht ist. Von hier aus beginnt der gewaltigjü Tunnel, durch den die Bahn sich bis zur Aiguille-du-Goüter empor­windet. Zahlreiche' senkrechte Schächte ermöglichen die Ventilation, bisweilen kreuzt die Linie eine Art Balkon, der herrliche Aus­blicke gewähren' wird; ja, man hat sogar daran gedacht, an einem dieser Balkons eine besondere Station aNzulegen. Die Station Aiguille-du-Goüter ist an der östlichen Seite des großen Gletscher­feldes vorgesehen, das. sich vom Dome-du-Goüter abwärts er­streckt. Dies ist die' zweite Strecke, an der bereits gearbeitet wird. Diü dritte wird dann in einem einzigen riesigen Tunnel bis Unmittelbar zur Spitze des Mont Blanc emporführeu.

*Ausden Erinnerungen eines Automaten. Als Napoleon 1806 in Berlin einzog, befahl er auch, daß ihm der berühmte schachspielende Automat vorgeführt werde, den der ungarische Finanzrat de Kempelen konstruiert hatte, um die Kaiserin Maria Theresia zu erheitern. Diese Ma­schinerie, Wohl der berühmteste Automat, der je vorhanden war, stellte einen lebensgroßen Türken dar, dessen rechter Arm auf einem Kasten ruhte, während der linke eine lange Pfeife hielt. Der Türke saß auf einem reich drapiertest Sessel, so daß nur ein Teil für einen Spiegel frei blieb, durch den man das äußerst komplizierte Räderwerk sehest konnte. Bor dem Automaten war ein Schachbrett ange­bracht, auf dem nun der Türke mit jedem beliebigen Gegner eine Partie Schach spielte. Bei der Vorstellung wurde dep Apparat einen Augenblick geöffnet, um zu zeigen, daß nie­mand in dem Kästen wäre, und dann begann die Vorstel­lung, bei der der automatische Schachspieler nach dem Zuge des Gegners langsam den Arm ausstreckte, zu überlegest