Ausgabe 
26.8.1909
 
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den er sehen konnte, stiMdey ein Paa» «lerne. Er sah lange hinauf.

D-ctzrn klang wieder der schwere Schlag der Domuhr. Der Peter löschte sein Licht. Es war ganz! friedlich! in! ihm.

*

Aus dem roten Schilde am Hause des Michel Sieben war der alte Name ausgestrichen, undPeter Nockler" war in kräftigen, schwarzen Buchstaben dafür geschrieben worden.

In derselben Werkstatt, wo der Peter einst gelernt hatte, saß der Peter Nockler jetzt als Meister. Er hatte sich den­selben Platz gewählt, den sonst der Meister Sieben gehabt hatte ein wenig näher dem Fenster, und wenn er von der Arbeit aufsah, ging sein Blick ins weite Feld. Obst­bäume standen da weithin, rechts unten im Wiesengrund die Mühle, links der Kirchhof, von dem er jetzt die ganze Mauer sah, längs des Kirchhofswegs hin, das große, eiserne Tor darin und den dunkeln Zypressenstmrd unten an der Ecke. Und der Peter sah manchmal auf und sah lange ins Feld hinaus und lieh die Nadel ruhen. Und träumte ins weite Feld hinaus.

Peter Nockler bewohnte mit seiner Frau Elise den un­teren Stock, !vo die Werkstatt war, der Michel Sieben hatte die zwei Stübchen im Kniestock inne, die nach- der Straße gingen. Hinten hinaus hatte er sich eine Küche einrichten lassen, und so lebte er in den wenigen Räumen ganz be­haglich und konnte seine paar alten Tage noch genießen.

Es war niemals laut in dem Schneiderhause. Ganz still waren die Jungen. Der Peter war überhaupt nicht zu Lautheiten veranlagt, die Elise hatte ihre Jugendmun­terkeit eingebüßt. Sie litt. Und dazu kamen öfters die Schmerzen ihres Zustandes. Und immer war sie still.

Der Peter war sanft und gut gegen sie, sorgte für sie junÄ tat ihr alle Liebe. Die alte Meisterin hatte bald den Zustand der jungen Frau erkannt. Und einmal, zwischen Tag und Dunkel, auf der Treppe, grad noch so im letzten Moment vorm Weggehen, fragte sie den Peter genau aus. Ms ihre Vermutung! bestätigt ward, kam fast etwas wie eine Freude über sie. Die Freude der Großmutter so ähnlich war ihr Gefühl-

Sie hatte ihrem Manne schon neulich gesagt, wie gut ihr die Elise als Hausfrau behage. Sie sei so freundlich und tüchtig- so flink und still. Sie sei keineTralatsch" und vergesse überm langen Reden ihre Haushaltung nicht. Und sie verstehe die Haushaltung aus dem Effeff. Alles sei blank und sauber bei ihr.

Besonders hatte ihr gefallen, daß sie von der Elise einige Male um Rat gefragt worden war. Die Aner­kennung der eigenen Tüchtigkeit, die der alten Frau darin lag, hatte ihr geschmeichelt, hatte ihr herzlich wohl getan. Sogar ein wenig stoH war sie darauf. Das setzte ihr die Elise in ein noch besseres Licht.

Auch so gefällig war die junge Frau. Sie hatte ihr wiederholt bei schweren Arbeiten, die ihr, der Wien, nun doch xin wenig zu sauer geworden waren, ganz aus sreien Stücken geholfen. Und hatte ihtre Hilfe für alle Fälle angeboten und gebeten, daß man's ihr immer ungeniert sagen solle, wenn sie nötig wäre für etwas. Sie tu's gern, und es mache ihr einen rechten Spaß, der alten Meisterin was zu Gefallen zu tun.

Jetzt, überlegte «aber die Mte, hatte sie's nötig, die junge Fran. Es mußte ihr jetzt manchmal beigestanden werden, mit einem belehrenden Wort, mit einer Erfahrung, mit -einem guten Trost. Und ihre Mutter wohnte da drüben im Odenwald, und sonst hatte sie ja gar niemand in der Gegend. Da war's zu allererst an ihr, Mütter zu sein. Auch sie war's ja einmal gewesen, junge Mutter, und Hatte ein werdendes Leben im Schoße getragen.

Den Fehltritt der Frau hatte sie überhaupt vergessen, Und zudem war sie ja auch nicht ganz sicher, ob es da her­rührte. Das Weib in ihr fühlte ganz nur das Weib in der -andern, Mutter zur Mutter, ganz instinktiv und- heiß und ehrlich

Die Elise errötete ja, als ihr die Frau Siebendavon" sprach. Aber bald verlor sich das. Schnell hatte sich das Vertrauen eingestellt. Und es wuchs immer mehr und wurde bald zu dieser innigen Vertraulichkeit, in der Frauen ganz vufgehen können und rein und ohne Scheu alles einan­der sagen, was ihr Geschlecht zu leiden hat und sie doch so ruhig macht. Von nun an besprachen die beiden jede Klei­nigkeit miteinander und taten immer heimlich und glück­lich. Denn ein Schimmer des Mutterglücks lag doch auf

der Elise. Ein kleiner Schimmer war's freilich-, und- er wärmte sie umsomehr, wenn sie ihn einen Augenblick ganz fühlen konnte. Aber es war nicht das ganze, große und schwere, schmerzensreiche Mutterglück selbst. Denn da­für war die eine Bitterkeit nicht verwunden in chr. O, wenn der Peter der Vater des Kindes wäre, der Peter, der so gut und so ehrlich! und treu war und nie ein böses Wort, gar nie einen leisen Vorwurf gegen sie hatte, nur immer voller Besorgnis war und- Güte. Ach, wenn das nur nicht so arg an ihr nagte! Und immer ärger, je weiter die Zeit vorschritt.

Sie sagte von diesem großen Leid weder dem Peter noch auch der Frau Sieben etwas. Das behielt sie ganz für sich. Mitten in Träumen und Sinnen fiel ihr das ein und schreckte sie auf und peitschte sie, daß sie hätte auf­schreien mögen, davonlausen mögen, weit in die weite Welt. Oder ins Wasser.

Ja, oft dachte sie, sie hätte doch ins Wasser gehen sollen. Der Peter war zu gut. Er hätte eine Bessere ver­dient. Selbst wenn ihre Meinungen auseinander gingen, wenn sie sich mal zanken mußten, er war doch immer gut gegen sie und voller Rücksicht. Drum fühlte sie sich nur noch viel schlechter ihm gegenüber.

Sie lstitte sich die Haare ausraufen mögen. Mer sie blieb still. Sie verbiß alles, sie rang alles in sich nieder. Aber es fraß furchtbar an ihr. Es riß sie oft zu vollstän­diger Schwäche zusammen. Und sie weinte dann bitter! und schmerzvoll. Aber auch das heimlich.

Denn es würde den Peter schmerzen und auch die alte Frau oben ach-, und alle waren doch so gut gegen! sie. So mußte sie auch ihre Tränen verbergen, , (Fortsetzung folgt.)

Mederlan-ische Kirmes.

Bon Ostern bis in den November hinein hallen die Niederlande und Belgien von einem einzigen Rufe der Freude und Befriedigung wieder: Kirmes! Gewisse Schich­ten der Bevölkerung auf dem Lande wie in den Städten, haben nur einen Gedanken: Kirmes! Die Niederlande schmachteten in den spanischen Ketten und beugten sich unter österreichisches Joch; aber trotz der bösesten Gräueltaten und Unterdrückungen der Spanier, trotz der strengen Herr­schaft der Oesterreicher, trotz der frechen Ausschreitungen der Sansculotten, klang zur gegebenen, Stunde der alles Ungemach im Augenblick vergessen machende frohlockend-ü Ruf durch die Mederlande: Kirmes! Sie den Holländern und Fläm-en nehmen, hieße ihnen das Herz aus dem Leibg reißen. Sie würden es eher auf eine Revolution ankommen, als die Kirmes unterdrücken lassen, die bestehen wird, so lange die Maas, die Schelde und der Rhein ihrs Wogen in die Nordsee senden werden.

Und das ist natürlich: paart sich doch! in keiner anderen Rasse Ehrbarlichkeit, Frömmigkeit selbst und rastlose Arbeit mit einer so unersättlichen leiblichen und fleischlichen Genuß­sucht, der -aber das Beleidigende und die gute Sitte Ver­letzende genommen ist, weil diese Bölleret aus reinem Natur­triebe begangen wird. Der alte Spruch der Römer, daß Natürliches nichts Schimpfliches sei", findet eine berechtigte Anwendung auf das materielle Leben der Niederländer, mögen diese Holländer oder Flämen fern. Während der Kirmes ist alles -erlaubt, mag sie in der Stadt oder auf dem Lande abgehalten werden; während der Kirmes wird! alles verziehen, und die Kirche sieht mit vielleicht scheelem/ aber nicht bösem Auge dieses Sündenleben ihrer gläubigen Schafe geduldig an aus Furcht schon, unpopulär werden, wenn sie mit Strenge einschreiten wollte. Der Kirmestag löst alle Bande der Scheu, der frommen Sitte- und des Gehorsams. Ich möchte die Hausfrau sehen, die im­stande ist, ihr Mädchen zurückzuhalten, wenn im Dorf Jahr?, markt ist. Das ist ein geheiligter, mehrtägiger Urlaub, der ohne Widerrede bewilligt wird. Und ist in der Heimat des dienstbaren Geistes zweimal im Jahre Kirmes, so reist die Dienstmagd -eben zweimal dorthin. Nicht etwa, uni ihren Burschen wiederzusehen oder um mit einem Augeu- blicksgeliebten umherzutollen. Nein, nur weil die Kirmes