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schien und dann seinen Zug machte. Hatte der Gegner Mhhi gespielt, dann schüttelte die Figur den Kopf und nahm den Stein; kamen allzuviel Fehler vor, so warf sie Wohl auch das ganze Spiel um. Kempelen zog mit feinem schachspielenden Türken durch die ganze Welt; meist war dieser siegreich, wurde aber auch von ausgezeichneten Schachmeistern besiegt. Schließlich kaufte Friedrich der Große den Automaten, der ihm außerordentlich gefiel, aber nach dem Ankauf kümmerte er sich gar nicht mehr um das einzigartige Spielzeug und ließ es in einem Wiykel seines Palastes verstauben. Dort fand man den Türken, als Napoleon ihn zu sehen wünschte. Kempelen war tot und so wurde er von dem Uhrmacher M-älzel wieder her- gestellt. ,9cnn tzegann eine neue Aera des Ruhmes für den Automaten, der in der wundersüchtigen Zeit der Romantik gewaltiges Aufsehen erregte und viele kluge Köpfe mit seinem Rätsel narrte. Poe z. B. hat diesem Phänomen einen langen Aufsatz gewidmet, in dem er äußerst scharfsinnig das Problem zu lösen suchte. Man weiß heute, daß das Ganze ein sehr geschickt inszenierter Betrug war; in dem Kasten des Automaten befand sich ein Mann, der für den Tiirken spielte und durch den Spiegel das Schachbrett des Gegners beobachten konnte. Sobald der Kasten vor der Vorstellung geöffnet wurde, kroch er in einen engen Geheimraum. Kempelen hatte einen Gehilfen namens Raucourt gehabt; der Komplize Mälzels wurde ein gewisser Mouret, der später seine Erinnerungen ausgezeichnet hat, aus denen Paul Ginisty im Journal des Dsbats allerlei mitteilt. Mouret war früher Schauspieler gewesen und war ein geschickter Schachspieler. Er erzählt voll Stolz, wie er in dem Automaten mit Napoleon gespielt hat und den Sieger auf so vielen Schlachtfeldern auf dem Schachfelde besiegte. Napoleon wurde über diese Niederlage so wütend, daß er den Automaten zertrümmern lassen wollte, und nur ein Kniefall Mälzels rettete den Türken und seinen Insassen vor dem Verderben. Der Prinz Eugen Beauharnais war so entzückt von der Maschine, daß er sie für 30 000 Lire kaufte, aber sein Entzücken schwand, als ihn: Wälze! nun das Geheimnis mitteilen mußte. Wie für Friedrich den Großen hatte auch für ihn der Türke jeden Retz verloren und er gab Mälzel für die Hälfte des Kaufpreises den Türken zurück. Lange noch wurde das Geheimnis vor dem erstaunten Publikum bewahrt. Einmal wäre es beinahe verraten worden, denn ein eifersüchtiger Quacksalber, dem das Erscheinen des Türken in einer kleinen deutschen Stadt den ganzen Verdienst vernichtet hatte, schrie plötzlich während der Vorstellung: „Feuer!" Eine allgemeine Panik brach aus und dem eingeschlossenen Mouret gelang es, mit Anstrengung aller Kräfte aus dem Kasten herauszukommen. Doch die verwirrten Zuschauer hatten genug mit sich selbst zu tun und achteten nicht viel auf den Automaten, zumal Mälzel noch die Geistesgegenwart besessen hatte, den Vorhang herunterzulassen. Endlich- wurde der Automat nach Amerika verkauft und hier fand nach weiteren Triumphen die öffentliche Enthüllung des Wunders statt, wozu Poes Erklärung nicht wenig beitrug.
* Theaterloben in China. Von dem Theaterleben! int fernen Osten und der Theaterleidenschaft der Söhne des Himmels entwirft ein Franzose, der jahrelang im Reiche der Mitte geweilt hat, im „Gil Blas" ein fesselndes Bild, das zeigt, mit welcher Begeisterung die Chinesen von Jugend auf zu der Welt des schönen Scheins sich hingezogen fühlen. Die Freunde des Friedens und des Gedeihens, so haben schott die alten chinesischen Historiker die Schauspieler genannt, die von der Küste des Gelben Meeres bis zu den entlegensten Dörfern der Mandschurei Nnd den vielen unwegsamen Gebirgen des Altais das Volk erbauen und belustigen. Bei allen Festlichkeiten spielt das Schauspiel eine wichtige Rolle; der Mandarin, 'der sein Amt antritt, der Groß- kausmann, der sein Geschäftshaus eröffnet, der reiche Vater, der die Geburt eines Sohnes feiert, sie alle vergessen nicht, sofort Nach den Schauspielern Ausschau zu halten, um ihren Angehörigen. Bedienten und dem Volke eine Unterhaltung zu bieten. Bei großen Banketts öffnet sich nach dem ersten Gange die Türe und ein reich gekleideter Sch!äuspieler überreicht dem Ehrengäste das Repertoire der Truppe, damit der Gast bestimme, was gespielt werde. Aber am deutlichsten äußert sich die Theaterleidenschäft der Chinesen in den öffentlichen Vorstellungen. In größeren! Städten stehen besondere Häuser für die umherziehenden Schauspieler leer, in anderen Städten werden rasch hölzerne Baracken, errichtet, um als Musentempel zu dienen. Im Genüsse der Kunst verwischen sich bann die Standesunterschiede und zwischen den Privilegierten, den Mandarinen und Schriftgelehrten, die ihre
reservierten Plätze! haben Md bezahlen, und dem Volke entwickel sich ein ungezwungener Verkehr. Oft kann man hören, wie ein Kuli dem Mandarin zunickt und eine beifällige Aeußerung über das Spiel macht, die der hohe Beamte dann durch eilt kleines Geschenk, eine Tasse Tee oder einen Leckerbissen erwidert. Von der primitiven Bühne herunter kommen buntgekleidete Schauspieler in ihren Kostümen, Um plaudernd die Tasse Tee zn genießen, zu der irgend ein Bewunderer sie eingeladen. Bei den Klängen des für europäische Ohren furchtbaren chinesischen Orchesters nimmt inzwischen auf der Bühne das Drama seinen Gang. Alle Frauenrollen werden von Männern dargestellt. Klassische Werke, deren Stoff meist der alten Mythologie entstammt, werdeit gespielt, daneben realistische Komödien: alle Scherzworte und Anspielungen werden mit frenetischem Jubel begrüßt. Die lebhafte Phantasie des Chinesen ergänzt 'die mehr als primitiven! Bühnenbilder. Ein Tisch, ein Bett, zwei oder drei Stühle, das ist die Szenerie. Andere Requisiten sind überflüssig. Wenn auf der Bühne ein grimmer Ritter mit struppigem Schnurrbart sein Streitroß besteigen will, braucht ihm kein Diener ein Pferd zu bringen: er hebt den rechten Schenkel, setzt die Füße in eingebildete Steigbügel und trabt über die Bühne; das Publikum sieht ihn! nun auf feurigem Hengst im Galopp dahinsprengen. Der Feldherr, der eine Stadt in Brand steckt, entzündet nur ein« Fackel und nähert sich unter furchtbaren Grimassen der Rampe; das Publikum weiß, daß nun die Flammen in der ganzen Stadt tmiten und die unglücklichen Bewohner vernichten. Ein Schauspieler hält in der Hand zwei viereckige Stosfstücke mit vergoldeten Strahlen und das Publikum bewundert den mächtigen Mandarin, der in prunkvoller Sänfte dahingetragen wird. Aber wenn hier eine leicht angeregte Phantasie die arme Wirklichkeit mühelos zum farbenreichen Bilde wandelt, gibt es doch auch einen chinesischen Buhnenluxus: die Kostüme. Hier entfaltet sich üppige/ orientalische Pracht, kostbare alte Rüstungen glänzen, prachtvolle vielfarbige Seidenfahnen werden entfaltet, hinter reich gearbeiteten phantastischen Masken treten Verbrecher auf und entfalten ans der Bühne in wilden Kämpfen eine Körpergewandtheit, die hinüber greift zn meisterhafter Akrobatik. Bilderreiche Worte entströmen dem Munde der Darsteller; am höchsten aber-ist der Jubel, wenn in realistischen Sittenkomödien der Uebermut der chinesisch-en Schauspieler aufschäumt und sich in grotesken Improvisationen entladet, die immer von nettem brausenden Beifall entfachen.
* Von d er amerikanischen S e kund ärb ahtt. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat, genau tote wir, Eisenbahnen, die den Witzblättern -guten Stoff liefern. In Newyork erzählt man sich gegenwärtig zwei närrische Geschichten, die die idyllischen Zustände der Erie-Eisenbahn kennzetchnen: Eines Tages bestellte ein Reisender im Speisewagen der Erie-Bahn ein paar gekochte Eier. Der Kellner kam jedoch sogleich achselzuckend zurück und erklärte, der Koch könne Eier nur kochen, wenn die Eisenbahn hielte — die Strecke sei so holperig, daß Eier im Kochtopfe sogleich zerbrechen würden. — Ein anderer Reisender ärgerte sich über alle Maßen über die geringe Geschwindigkeit, mit der das „Bähnele" fährt. „Wie weit," fragt er den Schaffner, „haben wir noch bis zur nächsten Station?" — „50 Meilen," war die Antwort. —• „Wie lange fahren Sie denn schon auf dieser Strecke?" — „O, gerade 25 Jahre!" — „Dann ist dies also Ihre zweite Reise?"
* Fatal. „DuMme Geschichte — jetzt fängt das leichtsinnig^ Leben wieder von vorn an! Hab meinem Schwiegervater irü- tümlicherweise fünfzigtausend- Mark Schulden zu viel gebeichtet."
* Reflexion. Bettler: „ . . . Immer schlechter werden die Zeiten! . . . Bier Wochen hab ich nur gekriegt! . . . Jetzt müß man schon einen umbringen — um den Winter über vep- sorgt zu sein!" - J
Zitaten-Rätsel.
Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, sa daß sich ein neues Zitat ergibt:
1. So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.
2. Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!
3. Das^Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.
4. Ein Tor ist immer willig ....
5. Welch' Schauspiel I aber ach! ein Schauspiel nur.
6. Was dem Manue das Leben
Nur halb erteilt, soll ganz die Nachwelt geben.
7. Es ist unser Binder, Fleisch nnd Blnt.
8. Versunken und vergessen! Tas ist des Sängers Fluch.
9. Sein Mut erstarb, schwach ward sein Arm.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer:
Weber, Weser.
Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,


