Ausgabe 
26.7.1909
 
Einzelbild herunterladen

459

Paar Reflexlichter dieses harten Beamtenkampfes im Ue- dächtnis geblieben.

Eines Tages, als ich mit der Mutter im Garten schanzte, kam von irgendwo aus der Umgebung eine Be­amtenfrau angefahven, um ihre Bisite zu machen. Mama wusch die Hände, nahm die Schürze herunter und führte den Gast zu einer von Blumen umdufteten Gartenbank. Die blau aufgedonnerte Dame, die einen großen schillernden Bogel auf dem Hut hatte, sah neben meiner Mutter aus wie ein hohes Kirchenfest neben einem Werkeltage. Diese fremde Frau redete furchtbar schnell und stellte viele Fragen, um herauszubringen, wieviel die Revierförsterei Melden eintrüge. Die Mutter gab Antwort. Und da sagte diese blaue Dame mit eigentümlichem Lächeln:No ja, Und 's Nefasle wird wohl au no e bissele was bringe?"

Mama machte verwunderte Augen:'s Nefasle? > . Ich weiß nicht, was Sie meinen!"

Die fremde Frau wurde verlegen, fing aber dann lustig zu lachen an, drohte mit dem Finger, als hätte meine Mutter etwas witzig Schelmisches geredet, plapperte immer hurtiger, ließ den schillernden Bogel auf ihrem Hut sehr flinke Be­wegungen machen und empfahl sich mit etwas auf­fälliger Hast.

Als Papa gegen Mittag heimkam, fragte die Mutter gleich :Du, Gustl, was ist denn das: das Nefasle?"

Der Bater hob den Kopf:Warum?"

Mama erzählte. Und stellte wieder die gleiche Frage: Das Nefasle? Mas ist denn das?"

Papa sah die Mutter mit ernsten Augen an und sagte: Sei froh, Lotte, daß Du das nicht weißt! Und in unser Leben soll das auch uie hereinkommeu. Dafür sorg' ich schon!" Dann ging er in seine Kstnzlei.

Es gibt ein lateinisches Wort: nefas. Und dieses Wort bedeutet: Unrecht. Unter dem schwäbischen DiminutivNe­fasle" verstand man ein kleines, ein halbes Unrecht, bei dem die Gerechtigkeit ein Auge zudrücken konnte und mit diesem Terminus der Gutmütigkeit bezeichnete man Beamteneinkünfte, die gerade nicht unehrenhaft, aber doch auch nicht anständig waren.

Eines Wends hörten wir Papa in seiner Kanzlei so laut und heftig sprechen, wie es sonst nicht seine Art war. Und dann kam ein fremder Mann heraus, der flink davon­ging. Dem rief der Vater durch die Türe nach:Sie Kerl! ging. Dem rief der Vater durch die Türe nach:Sie Holzhändler. Papa hatte ihm eine große Partie Sägblöcke zugeschlagen, weil der Händler unter mehreren Konkurrenten den besten Preis geboten hatte. Der Fremde glaubte sich bedanken zu müssen und hatte den Versuch gemacht, eine Banknote auf Papas Schreibtisch zu legen.

Einmal um die Mittagszeit, als wir bei Tisch saßen, gab es für uns Kinder einen vergnügten Jubel, weil die Mutter eine große Zinnplatte mit einem Berg von dampfenden Leberwürsten hereingetragen brachte. Der Vater machte .erstaunte Augen.Lotte?"

Mama lachte:Geh, Gustl, das sind billige Wärst! Der neue Metzger hat sie geschickt, mit einem schönen Gruß."

Sooo? Und gestern war er bei mir und hat Waldstreu haben wollen. Und ich habe sie ihm abschlagen müssen. Und jetzt meint er wohl, durch die Küche wär's leichter zu machen, als auf dem ehrlichen Weg in die Kanzlei! Marsch, fort mit den Würsten!"

Wer Gustl! Man kann sie ja bezahlen! Und jetzt find sie doch schon gesotten."

Wer noch nicht gegessen! Gott sei Dank!" Der Vater packte die zinnerne Platte, riß das Fenster auf, die schönen rauchenden Leberwürste flogen in hoher Kurve über den Staketenzaun auf die Straße hinaus und Papa sagte mit einer Härte, wie sie sonst nicht in seinem Wesen lag: Würste? Wirrste? Wozu braucht ein Staatsbeamter Würste? Der soll Kartoffel schlucken, bis ihm der Dampf zum Hals herausfährt!"

. Wir Kinder wurden nicht satt bei dieser Mahlzeit. Und nr den Nächten, die dann kamen, verbrannte Papa sehr viel Petroleum. Weil bei der schwülen Sommerszeit auch in der Nacht alle Fenster offen standen, konnte ich's droben in meinem backosenheißen Mausardenstübchen häufig Horen, Ivie die Mutter nach! Mitternacht aus ihrem Schlafzimmer gegen das Kanzleisenster hinimterrief:Ach, Gustl,. schau, so geh doch endlich schlafe!"

Immer seltener ging Papa auf die Birsche; er mußte die schönen Tage, wie Mama sich auszudrücken pflegte,

atn Schreibtischverhocke". Aber diese bösen Zeiten bauten eine Brücks zu besseren Jahren; bei den vielen Artikeln, die der Vater für Fachjournale und Zeitungen verfaßte, weitete sich ihm der Blick des Forstmannes; drei Jahre später publizierte er unter dem PseudonymSilvius" eine Broschüre mit Vorschlägen zur Reorganisation des Forsti- wesens; die Wirkung dieser Broschüre, die viel Aufsehen machte, verwandelte sich für Papa in eine Leiter, über die er zur höchsten Stelle seines Faches emporstteg. Da bekam er schließlich einen schönen Gehalt. Und lachend Pflegte er

sagen:Jetzt Hütt' ich mehr als genug zu essen. Aber inzwischen sind die Zähn' ein bisserl schlecht geworden. Jetzt kann ich nimmer beißen."

Vermischtes.

* Ein Kampf der Leipziger Universität irnt ihre Freiheit. Die bevorstehenden Festtage der Leipziger Universität erinnern an die Kämpfe, in denen die junge Hoch­schule um ihre Existenz ringen mußte. Man darf dabei des Jahres 1446 nicht vergessen, in dem die Unwersität wohl das schwerste Ringen um ihre Freiheit mamchaft durchgeführi hat. Ein Streit der bevorzugten, freiwaltenden Artistenfakultät mit den anderen Fakultäten führte dazu, daß schließlich der Landes­herr der Universität Kurfürst Friedrich und der Bischof ton Merseburg eine Kommission zu umfassenden Reformen einsetzten, die aus dem Rektor Konrad Thüne, Dietrich v. Buksdorff und dem Brandenburger Dompropst Peter Klietzke bestand, Mle drei waren Gegner der Artistenfakultät, und die Knebelung der Frei­heit war daher ihr Ziel, während man allgemein von ihrem Wirkest erhoffte, daß sie die Gehalter der Dozenten erhöhen und vor allem! die lästige Bierstener wieder aufheben würden, deren Einführung! die braNenden Professoren und die trinkenden Studenten besonders empfindlich berührt hatte. Am 11. Januar 1446 wurden der gesamten Universität die von dem Kurfürsten genehmigten Be­schlüsse vorgetragen. Zunächst bestieg der Dompropst Klietzke das Katheder und hielt eine feierliche Predigt im scholastischen Stil. Er verbreitete sich, so erzählt Zarncke, über die Geschenke, welche die heiligen drei Könige dem Christnskinde brachten, und schließe- lich verglich er mit diesen das Triumvirat der Reformatoren, die heute der Universität ebenfalls reiche Geschenke brächten, das! Gold des Glanzes und des Reichtums, den Weihrauch des Ruhmes, dis Myrrhen gesicherter Dauerhaftigkeit. Freilich, fügte er etwas spitz hinzu und hier mag schon der eine ünb der andere stutzig geworden sein, freilich für einige, gewiß nur wenige, würden ihre Geschenke auch des bftteren Geschmackes der Myrrhe nicht entbehren. Dann verlas Buksdorff die Statuten, und da tvar nichts zu finden von voller Steuerfreiheit des Bieres, nichts von Besoldung des Dekans und des Vizekanzlers, nichts von! Sicherstellung der versprochenen Einkünfte, sonderst in barschem ToN wurde der Universität eine nahezu klösterliche Zucht vvst vbeil herunter vorgeschrieben, zu deren Aufrechterhaltung vier Exekutoren vom Fürsten ernannt wurden. Eine gewaltige Auf­regung entstand unter ben Professoren u. Magistern: man empfand! diese Befehle als einen Eingriff in die heiligsten Privilegien bet Sel bstpetwaltung und lehnte es 'höflich, aber bestimmt ab, sich das Recht der eigenen Statutengebung irgendwie schmälern zst lassen. Darauf versuchte man mit Geivalt, Drohungen und Ver­sprechungen, die widerspenstigen Magister umzustimmeN, aber das mißlang völlig; alle Mitglieder der Universität verlangten viel­mehr einhellig, direkt an die Person des 'Kurfürsten Friedrich zu appellieren. In langem Zuge wälzte sich nun die Schär der Magister rind Doktoren, umwogt von der gesamten Studeuten- schast, an der Nicolai-Kirche vorüber über den Markt durch die Burgstraße in den Schloßhof der kurfürstlichen Pleißenburg. Völlig! überrascht, aber in rasch gefaßter Würde trat der Fürst der Deputation entgegen in demselben Saale, in dem spater die be­rühmte Disputation zwischen Luther und Eck stattgefunden hat. Der Theologe Johannes Kone führte das Wott; er erklärte frei­mütig, kein König, kein Kanzler habe sich imt die Gesetze der Universität zu kümmern; die Professoren ließen sich nicht be­handeln,gerade Ivie wenn wir Knaben unter der Rute wären". Auch andere leidenschaftliche Stimmen erhoben sich und riefen drohend, daß nie und nimmer die Universität dem Fürsten die Aussicht über sie zuerkennen werde. Eine wilde Szene entstand-, als nun noch die drei voni Kurfürsten eingesetzten Resormatorest hereinstürmten, übel behandelt, ausgepfiffen und verhöhnt vost den Studenten, die Straßen und Burghof füllten. Gewaltiger Tumult und starkes Schimpfen Hub an vor des- Kurfürsten Majestät. Und sollte er zur Hölle fahren, schrie Johannes' Koste, so werde er doch nie und nimmer diesen Gesetzen gehorchen; als ihn bet kurfürstliche Kanzler schmähte, antwortete er mannhaft:Herr Kanzler, man kennt Euch schon als Verleumder!" (Cancellarie, Vos bene Prius prottckistis alias blasphemias!) Jnbigniert ber­eit bete der Kurfürst die grimmige Szene, indem er mit seinem! Gefolge den Saal verließ, während die Mitglieder der Universität trotzig, ohne zu grüßen, nach der änderest Seite abgingem Doch hatte dem Kurfürsten dies ungestüme Aufbegehren ber Magister bewiesen, daß es sich hier stnj einen Kampf der Ideen handelte.