Ausgabe 
26.7.1909
 
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Ein seines' Lied, ein süßes Lied. Gelt? Hi hi hi! Wärst du ein Vöglein, Meisterin, flögst zu ihm. Gott behüt', nicht in den Himmel, wo alles mit goldenen Platten ge­pflastert ist. Zum Friedmar flögst ölt nach Ortend ach. Bon da greifst bn mit der Hand nach Dietkirchen. Ei,, du mein Vater, was für Dinge gehn in der sündigen Welt vor. Trau, schan, wem."

Er trat an den Tisch, auf dem der Hausierer seine Waren ausgelegt hatte.

Was für wunderschöne Sachen, Herr Schwadtke. Ge­segnet sei dein Eintritt. Du schenkst alles den lieben Men­schen um Christi willen. Du braver Mann! Denn dein ist das Himmelreich Herr Schwadtke, Herr Schwadtke, ich weiß dir gute Kundschaft. Drüben in Dietkirchen. Kennst du den Weg? Rechts und links Pappelbäum'. Ei wie hoch! Zwei Stündchen, und du bist da. Du braver Mann! Gleich vorn liegt das 'Einhorn. Drin, blüht ein Blümelein. Ei was für ein schön' Fräulein. Die nimmt dir alles ab. Und der Fried­mar bezahlt's bei meiner Seligkeit. Der tut alles, was sie will. Rote Wänglein, weiße Händchen und ein Paar Augen. Ei du mein Mater, ist der Friedmar ver­narrt. Scheut Falk und Habicht nicht und fliegt zu ihr. Und bezahlt's, Herr Schwadtke, auf Heller und Pfennig. Ei du mein Pater!"

Die Meisterin wechselte die Farbe, und ein Schauer lief ihr über den Rücken.Nachbar," wandte sie sich an Kipping,ich bitt' dich, tu' ihn hinaus." Der Schlosser faßte Balduin beim Kragen und setzte ihn an die Luft. Dieser pflanzte sich draußen vor dem Fenster auf und blies unaufhörlich:Ach, wie ist's möglich dann." Der Hausierer parkte still seine Sachen zusammen, strich! die Münze ein,, die bte Meisterin. aus ihrem Lederbentelchen hervorgesucht hatte, und machte sich! fort.. In der Stube war's auf einmal still, ganz still. Der Schlosser, dem die Pfeife ausgegangen war, rauchte kalt. Die Meisterin saß ihm regungslos, den Blick zu Boden geheftet, gegenüber, lieber eine Weile hob der Alte an: -

Nachbarin, du wirst dir doch kein' Floh ins Ohr! setzen lassen hon dem Simpel, dem Balduin?"

Die Meisterin schwieg, der Schlosser aber sprach weiter:

Der Balduin ist das Mundstück von deinem Mann selig seinen Verwandten. Die haben 'ne Wut auf den Friedmar, 's ist nicht auszudenken. Und möchten ihm was anhängen. Da ist ihnen nichts zu schlecht und zu dreckig.. Ich hab's in auch gehört, was so geträtscht wird,"

Die Meisterin richtete sich auf.

Was hast du gehört?"

Daß er's mit dem Mädchen in Dietkirchen hat, der Medmar. Wer ich glaub's nicht. Nein, ich glaub's- nicht."

Warum glaubst du's nicht?"

Weil ich durch den Friedmar guck' wie durch! 'ne. Glas- scheib'. Der hat nichts Gelüstriges an sich und ist nicht auf die Frauenzimmer versessen, 's gibt ja unter! den Mannsleut', die hinter jeder Schürz' hergeilen. Aber der Friedmar nicht. Da möcht' ich einsteh'n."

Die Meisterin erhob sich und sagte kalt:

Du kannst für kein' einsteh'n, als für dich selbst."

,Meisterin, weißt du, bit tatst mir leid, wann du dich wild machen ließ'st von dem Narr."

Kinder und Narren sprechen die Wahrheit."

No gut," stieß der Alte rauh heraus,wann du deinem Mann nicht traust, kuudschaft's doch aus."

,/K'ch?" sagte sie stolz und verächtlich.Da bin! ich mir gut. Darum tu ich noch kein' Schritt. Wann der Friedmar schlecht ist er hat freie Bahn!"

Ms der Alte sich entfernt hatte, verlor die Meisterin ihre mühsam behauptete Selbstbeherrschung, und eine quälende Unruhe trieb sie in ihrer Stube hin und her. Der Balduin war ein Schwachkopf, aber ein Heimtücker war er auch. Und er hatte große Löffel. Das Gerede über den Friedmar hatte er irgendwo aufgefangen und gleich wieder austrompetet. Nun lief er womöglich von Haus zu Haus. Dessen braucht es gar nicht mehr. Die Sache war stadt- kuiwig, denn der Nachbar Kipping wußte bereits davon. Und der Hausierer wohl auch. Der Nachbar sprach freilich den Friedmar von vorneherein frei. Wer seine Meinung wog nicht schwer. Offenbar wollte er die Geschichte vor; ihrver- tuckeln", weil er den Friedmar immer als Muster hinge- stellt und mächtig herausgestrichen hatte. Und klein bei- tzeben, daß er ihn falsch geschützt, tat er ums! Leben nicht.

Lieber verstopfte er sich die Ohreil und sagte schlechthin, ich glaub's nicht. Und das war billig.

In Dietkirchen, ging die Sprache, hatte er sich einge­lassen. Und im Einhorn war das Mädchen. Wie mochte sie ausschauen? Jüng und hübsch? Auf jeden Fall.' Sonst wär' er nicht in die Hitze geraten! Jiung und hübsch! Hätte sie sich's doch früher überlegt.

Alte Frau und junger Mann

Haben nie nit gut getan."

Jetzt war das Unglück da. Zwei, drei Nächte trieb er sich draußen herum. Daß er den Weg von Ortenbach herein scheute, war nur die Ausflucht, seine Schlechtigkeit zu ver­decken.

Sie sank gebrochen auf einen Stuhl, und iwührer Brust fühlte sie einen nagenden Schmerz. Es kränkte sie tief, sich so schändlich betrogen zu wissen. Aber dochswieder stieg ein Zweifel an Friedmars Schuld in ihr auf. Deh Kipping sagte, er tat für ihn einsteh'n. So fest glaubte er an seine Bravheit. Ja, war's denn bewiesen, daß er sie hinterging? Oder war's wieder ein böswilliges Gerücht, das die gott­lose Verwandtschaft aussprengte? Wie lange war's denn her, daß der Friedmar mit ihr vor dem! Tisch des Herrn gestanden und ihr eheliche Treue gelobt hatte, Treue bis in den Tod. War er aller Gottesstrrcht bar, daß er solch Gelöbnis abschüttelte, wie den Staub von seinem Arbeits­kittel? Der höchste Richter sah in sein .Herz. Bor dem gab's kein Heimlichtun und kein Verbergen. Wenn man's bedachte, was Gott den Männern und Frauen, die nicht verheiratet waren, miteinander zu tun verbot, das befahl er ihnen in der Eheschaft. Also strafte er gewißlich die doppelt, die sein Gebot mißachteten und außerhalb ihrem Gelüst nachgingen. Gott hatte unter den Menschen das! höchste Richteramt. Und sie sollte auskundschaften, riet der Nachbar, ob der Friedmar sich versündigt hatte? Am! Ende ihn gar selber fragen? Nein, dreimal nein. Mist anklägerisch Wort sollte über ihre Lippen kommen. Mär' er unschuldig, war schon die Frage frevelhaft. Und sie wollte sich nichts vorwerfen. War er schuldig, kam's doch ans den Tag, so wahr Gott lebte, der den Treuebruch strafte.

(Fortsetzung folgt.)

s Nefasle.

Von Ludwig Ganghofer*).

.... Es schien, als hätte der Vater das Bedürfnis, seinen nachdenklichen Ernst zuweilen in solche ein schallendes Lachen aufzulösen. Um diese Zeit bekam er eine tiefe! Furche zwischen den Brauen. Und durch viele Nächte brannte die Lampe seiner Kanzlei bis in den Morgen hin­ein. Eine immernahe Sorge umschlich dieses grüne Haus des Lachens, ohne doch einzutreten. Die Eltern hatten ihr kleines Vermögen int Laufe der Jahre langsam zugesetzt, der bescheidene Gehalt für sich allein wollte nimmer aus- reichen und dieBeamtenaufbesserung", von der an den Konsumvereinsabenden unermüdlich geredet tottrbe, wollte halt gar nie kommen. Und wenn ich einen Wunsch hatte, der über das Nottvendige hinansging, bekam die Mutter feuchte Augen und sagte":Kindle, das geht nicht! Der Papa muß das teure Geld so viel hart verdienen!'' Damals fing die Mutter auch an, ivas sie ihrgrünes Geschäftle" nannte allen Erfolg ihrer Gartenmühe, die Blumen, das Obst und Gemüse/verkaufte sie an einest Handelsgärtner in Augsburg. Und Papa begann für Fach­zeitschriften und für die Augsburger Wandzeitung zst schreiben, machte Wirtschaftspläne für GemeindewaldungeN und übernahm die Forstkontrolle über herrschaftliche .Guter. Der Tag gehörte seinem Amte, die Nacht seinem Neben­verdienst. So kämpften Vater und Mutter sich über die Sorgen hinüber.

Es sind mir aus dieser Zeit, in der die Mutter seltene« lachte und der Vater immer so ernste Augen hatte, eist

*) Das am 23. Juli erschienene Augustheft der SiiddeutsckM Monatshefte bringt den Schluß desBuchs der Kindheit" aus Ludwig Ganghofers ErinnerungenLebenslauf eines Optimisten". Wir entnehmen daraus Mit Genehmigung des Verlags die folgende Episode aus einer Zeit, da Ganghofer seine Eltern mit schlurrest morgen kämpfen sah. Das Kapitel bildet gleichzeitig' euren » tereffanten Beitrag zur Psychologie des Beamtentums und eist« schone Erinnerung an dqn späteren hervorragenden Vertreter der bayenscheu Beamtenschaft- Gaughofers! Vater, der damals Revier- forster tn Melden war.