erst klopfte er die Honoratioren, alsdann die Bürger des Städtchens ab, schleppte unermüdlich seine vollgepackte Kiepe treppauf, treppab und schwätzte den Leuten allerlei Wolt- waren auf, wie sie in Apolda massenweise fabriziert werden. Er war in allen Familien wohl gelitten, weil er sich die Jahre her niemals aufdringlich oder wegen einer W-- weisung verdrossen gezeigt. In mancherlei Verhältnisse gewann er Einblick, machte sich seinen Vers dazu und> hätte über Menschen und Dinge in seiner Art ein gesundes Urteil.
Die Meisterin befremdete es, daß der Hausierer, pin sonst so höflicher Mann, sich nicht nach dem Ergehen Friedmars erkundigte, ja, es ängstlich zu vermeiden schien, ihre häuslichen Angelegenheiten zu berühren. Er breitete seine Artikel vor ihr mt§, pries deren Güte und Billigkeit, gab einen „Mordiucks" zum besten, rühmte sich seiner Beziehungen zu angesehenen Bürgern der Stadt und plapperte soviel, daß der Meisterin der Kopf weh tat. ?
„Här'n Se, wie wär's mit dem Halstuch, Meisterin? Für Sie aus Freindschaft eene Mark fufzig. Oder'n scheenest Unterrock. Hübsch wärm für'n Winter. Jediegene Ware. Für Sie für fünfundzwanzig. Die Frau Bäcker Fuß hat noch eenen jenommen. Här'n Se, haben die Leite Bech. Drei Jungen und dangen alle nischt. Die kriegen's kleiii, ivas der Alte zusammengebacken hat. Oder'n Kopftuch? Sähn Se mal, wirklich elejant. Wie ist's, junge Frau? Halb geschenkt. Eene Mark zwanzig. Här'n Se, Herr Gipping, wieviel Kopfticher hab' ich Sie ihrer lieben Fran verkauft. Schade um die Frau. Die war treu wie Jold und konnte nich handeln. Nee, wahrhaftig nicht Wie ist's denn mit Strümpfen, Meisterin? Nee, nu bitt' ich ihnen, lassen Sie man das Stricken. Das machen wirj jetzt billiger in die Fawriken. Da ist der Steuereinnehmer Mendel, ein guter Bekannter von mir. Trägt nur noch jewebte Strümpfe. Här'n Se, is der dick jeworden. Ich jlauöe, den fittert seine Frau aus lauter Zärtlichkeit dot."
Also schwadronierte der Hausierer; Kipping hörte ihm, sein Pfeifchen schmauchend, vergnüglich zu, und die Meisterin, die Schwadtke selten leer ausgehen ließ, legte allerlei beiseite, iras sie ihm abzukaufen gedachte. Da öffnete sich leise die Türe, und der „narrige Balduin" schob langsam seinen verwachsenen Körper durch den Spalt. Kichernd zog er eine kleine Flöte ans der Tasche nnh'blies die Melodie des Volksliedes „Ach, wie ist's möglich dann". Den Schlosser stampfte zornig mit dem Fuß auf und rief:
„Mach, daß du hinauskommst, Buckel!"
Die Meisterin aber sagte in ihrer Gutmütigkeit:
„Laß doch den armen Teufel."
Balduin, die Blick unverwandt aus die Meisterin richtend und die Flöte int Takt auf und ab schwingend, sang jetzt mit ividerlich krähender Stimme:
„Du hast die Seele mein. So ganz genommen ein, Daß ich kein' andren lieb Als dich allein."
Montag den 26. Mi
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Die Pflastermeisterin.
Roman von Alfred Bock.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Der Händler nahm zum Schein für Friedmar Partei, nur um den Bürgermeister noch besser ausholen zu können.
„Fatal, fatal! Da ist nicht leicht raten. Sie dürfen sich nicht verhehlen, daß Sie einen braven Mann und ein unbescholtenes Mädchen schwer gekränkt haben."
„Selbigmal hab' ich nachgeschwützt, ivas in aller Leut' Mäuler war."
„Das war sehr unvorsichtig von Ihnen, mein Lieber."
„No, und jetzt —"
„Was denn?" -<
„Jetzt hab' ich ’nen Zeugen im Notfall."
„Wer's glaubt."
„Weiß Gott, Herr Freigäng. Der Lorenz Becker, wissen Sie, der Schmied, gegenüber dem Einhorn —
„Ja, ja."
„Der hat den Friedmar um drei Uhr früh aus dem Einhorn kommen seh'n."
„Bei Nacht sind alle Katzen grau."
„'s war schon dämmerig. Und er ist ihm ein Stück Wegs nachgegangen und hat ihn erkannt."
„So, so. Wenn sich das so verhält, können Sie's darauf änkommen lassen. Ich überlege eben. Der Straßenaufseher und die Gemeinderäte waren dabei."
„Schon deswegen —" ।
„Ich will Sie nicht aufhetzen, Bürgermeister. Sie sind tätlich beleidigt worden. Wollen Sie's einstecken, gut. Aber bei .ihrer amtlichen Stellung. Nein, Sie können's hoch nicht güt auf sich sitzen lassen."
„Das denk' ich auch." !
„Gehen Sie doch gleich mal zum Doktor Sternbeck. Da haben Sie einen tüchtigen Advokaten."
„Was kann's dem Friedmar eintragen?"
„Das kommt darauf an. 'ne Geldstrafe. Unter Um« ständen auch lacht Tage Loch."
„Der Schubiak soll dran glauben."
„Der Friedmar ist ja halb unb halb ein Verwandter von mir," sagte der Händler mit einem Anflug von erheucheltem Bedauern. „Ich hätte sonst ein gutes Wort für ihn eingelegt. Wer wenn so'u Hungerleider aus GUad' Und Barmherzigkeit in ’ne wohlhabende Familie ausgenommen wird und hinterdrein seine Frau so gemein betrügt, verdient er feine Rücksicht. Also aus ihn!" —
Während im Ladenstübchen des Kaufmanns der rach-, süchtige Plan gegen den jungen Pflastermeister geschmiedet wurde, saßen im Wohnzimmer der Meisterin diese selbst, der Nachbar Mpping und der Hausierer aus dem Thüringischen beisammen. Aus feiner beschwerlichen Wanderfahrt machte Schwadtke die Gegend wieder unsicher. Zu


