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„Du kannst mm na® München gehen," fuhr er fort, i,fdj hab' das Stipendium für dich onrchgesetzt. Es war schwer genug. Und nun gleich morgen dein Bündel gepackt und fort! Der Lungerei im Hanse bitt ich müde. Im Leben heißt's arbeiten. Die gebratenen Tauben fliegen feinem ins Maul. Au® dir nicht." —
Ich hatte mich nie darum gekümmert, ob' LuiZchens Eltern reich wären oder arm, wie sie lebten überhaupt. Und ich wußte mitt auch nicht, ob sie an dem Unglück schuld trügen. Wenn aber, was konnte das Lutschen dafür? Unglück ist feine Schande, auch Armut nicht.
Mein Entschluß stand fest. Nach München aber ging ich jetzt gerne. Es galt uns beiden. Eine Aufgabe, ein Ringen, ein Kampf! Und — eine Freudigkeit! Alle meine Kräfte waren gespannt."
8. Kapitel.
Ein miserabler Regentag. Trübe bom Morgen bis zuttl Abend, vom Morgen bis zum Abend Regenfall.
Ich stand daheim am Fenster den ganzen Tag und sann. Und sah die Tropfen vvtt den Blättern rinnen, die Blasen in den Rinnen schwimmen — Kommen und Vergehen.
Der arine Lltkas hatte mir schwer getnacht mit feiner Erzählung. Dazu dieser langweilige, trübe Tag! Da waren die Fragen aufgewacht, die mau sich stellt, nut sie uicht zu beantworten. Matt weicht ihnen beständig aus. Matt beantwortet sie höchstens nur halb. Immer muß mau an sich denken. Man hat Angst. Man sieht das Leben so bunfeb tnon sieht sein Ziel nicht. Und man bedeutet selbst nichts im Verlaufe des Lebens. Wenn man jung ist und wird angeregt, zu fühlen, wie man eingesetzt ist in ein großes Ganzes, Wie man kaum ein Zahn ist an einem Rädchen und mit mufj, unaufhaltsam, — und wie das Räderwerk doch weitergeht, ob man auch breche, dann fürchtet man sich. Mait meint, man könne das Leben nicht mehr leben, wenn man sich das Zugeständnis mache. Man meint, es müsse das Ende fein.
Man ist jung, und hat sein Streben und Schaffett vor sich. Man will ihm seinen eigenen Sinn, seinen eigenen Weg geben, und fühlt man zum erstenmal, daß da" noch ein anderes, ein Geheimnisvolles und Fremdes ist, das dabei mitspricht, verzweifelt man leicht. Man hat keinen Trost. Das Leben will aber Trost. Das Leben selbst ist kein Trost. Es hat tausend Lösungen uttb keine. Und der Mensch fällt von einem Rätsel ins andere. Und enträtselt sich nicht.
So philosophierte ich in den Regentag. Ich stand ja in den Jahren, in denen der Lukas damals auch gestanden hatte, da er diese Erlebnisse hatte. Kein Wunder, daß ich mich eins sah mit ihm. In einigem wenigstens. Und so verbildlichte ich mein Sinnen: es ist wie eine Straße in den Bergen, die man von der Höhe aus betrachtet. An jeder Biegung verschwindet ein Stück, nach jeder Biegung sieht man sie neu. Wie eine neue Straße, 's ist aber die gleiche, die eine.
So ist's mit neuen Lebensstraßen. Kommt einer daher und läßt uns von oben auf die feine blicken, deckt sich wohl auch da und dort ein Stück zu, das einem nicht bekannt wird, da und dort kommt aber wieder eines zum Vorschein, das man wohl kennt, und an dem einem alles Kleinste deutlich wird. Man ist's selbst gegangen. Was mich aber noch mehr quälte, war das Ferne meiner Lebensstraße, das ich nun noch nicht bei ihm absehen konnte, um einen Vergleich, eine Gewißheit daraus zu gewinnen. Ich war ja noch jung. Anfang der Zwanzig, und obschon ich manches gesehen hatte im Leben und mauchen besonderen Menschen kennen gelernt hatte — es stand doch ein Weiteres, Stärkeres vor mir aus einmal. Es führte zu anderem und weiterem, dieser Einzelfall: der arme Lukas.
Ich konnte den Abend nicht erwarten. Ich brauchte nun diese Stunden bei dem Alten. Es war aber mehr als bloße Neugierde. Es war mir, als dürfe ich in einen Spiegel des Lebens sehen. Ja, ja, es wuchs mir weit über das. .Einzelne hinaus.
Der arme Lukas schien schon auf mich gewartet zu haben, als ich am Abend hinkam. Es war ihm nun wohl auch ein Bedürfnis geworden, sein Leben zu erzählen, und es quälte ihn wohl auch, bis er's ganz aufgerollt hatte. Und tat ihm doch so wohl, es vor sich aufzurollen. Er begann auch ohne Umschweife und sogleich, nachdem wir uns begrüßt hatten:
„Ich will gleich fortfahren, wo ich gestern aufgehört.
habe. Merkwürdig, ich konnte den Augenblick nicht abwarten, daß ich fortfahren konnte. Wenn man ins Erzählen gerät und alles mal vor sich ausgebreitet sieht! Ja, und tveitn man halt alt wird. . .
Ich,bin also nach München gegangen. Da trieb ich's em wenig toll. Das heißt, einmal ganz anders als seither. Ich lebte. Es war alles so selbstverständlich und kam so selbstverständlich. Und ich tat mit. Es war wie beim ersten Freischwimmen. Man gebraucht die Arme und Beine mit zehnfachem Kraftüberschutz. Recht und Notwendigkeit der Jugend. Mir freilich zunächst ein wenig ungewohnt. Drum macht' ich mir bald Skrupel.
Aber bald fand ich mich auch wieder. Ich, war nur ein wenig aus meinen Träumereien anfgeschreckt worden, großen Gewinn an sich zog ich aus der neuen Lebensweise nicht. Ich fuhr nicht aus meiner Haut. Ich war von jeher keine aktive Natur. Ich hatt's von beiden Eltern geerbt. Und ich habe nicht umsonst mit der Mutter geseufzt gc<i habt und war nicht umsonst all die Jugendjahre ohne Freund und Bruder einsam geivefen. Ich halt' mich von der Sonne bescheinen lassen, wie sie wollte. Wo ich lag, lag ich, und selbst diese junge Liebe, diese Liebe der Jugend, hatte ich nicht gewendet, nicht zu ihrem Beginn, nicht zu ihrer Heimlichkeit. Sie war gekommen und ich hatte sie hingenommen.
So war ich zwanzig Jahre und darüber geworden. Das wirkt durchs ganze Leben.
Aber eines gab mir München: einen Freund. Den ersten! Es kam auch ohne jedes Zutun meinerseits. Wie wir uns fanden — ich weiß es nicht.
Mir waren Gegensätze. Wir waren aus ganz ver-i schiedenen Lebenskreisen.. Aber wir verstanden uns. Es ist was Seltsames: sich verstehen. Man kann nicht sagen, was es ist. Es spricht sich selbst niemals aus. Man fühlt es nur. Und so wird matt eins, einander unentbehrlich. Herz zu Herz, selbst wo matt meint, Geist zu Geist. Das .Herz hat immer die direktesten Wege, und die Gedanken: benutzt es als Boten seiner Gefühle. So verstanden und ergänzten wir uns. Ich die Schwere uttb verträumt, er die Leichtigkeit und der Lebenssinit.
In die Akademie war ich hauptsächlich durch das Bild des Mädchens mit der Kaiserkrone aufgenommen worden. Man hat Bild und mich mit Erstaunen angesehen. Was das fein solle? fragte man sich uttb fragte matt mich. Aber ich wußt's ja nicht. Ein Kind, das eine Kaiserkrone gepflückt hat und sie freudig über den Rasen trägt. Aber man hatte damals keinen Sinn für so einfache Motive und fo tta- türliche Farben, glaub’ ich auch.
Na ja, man nahm mich. Matt besah meine anderen Bilder und sagte mir, daß ich noch viel fernen müsse. Das wußte ich. aber so schott. Ich iuar nun begierig, was es wäre, das ich lernen müsse. Es war halt mancherlei, das nicht in mich wollte. Ich war ein zu schlichtes Natur-, find, um mich konstruieren zu lassen. Auch meine Kunst war so. Ein Einfall, ein Eindruck, eine Stimmung. Immer ein Ausdruck meines Innern. So malte ich. Gewisser-, maßen ohne alle Regel.
Und so lernt' ich gewiß nicht viel auf der Akademie. Schon nach ein paar Monaten hielt ich's nicht mehr aus. Ich brauchte die Natur und meine Einsamkeit. Ich formte mich nicht zur Schönheit leiten lassen, ich konnte nicht Kunst lernen. Dazu empfand ich fie zu stark. Darum ward ich nie ein Könner. Ich wäre es vielleicht geworden, wenn ich einen gefunden hätte, der mich aus das Wesentliche in der Kunst aufmerksam gemacht hätte, auf mein Empfinden eingegangen wäre und mir den Glauben an seine tiefsten Momente gelassen hätte. Aber mit der Schablone ging's halt nicht. Ich mußte mit meinen Augen sehen, konnte nicht lernen, wie die „Meister" zu sehen. So war und blieb alles unzulänglich in mir. Ich fand keinen Lehrer, keinen, dem gegenüber ich Lerner geworden wäre. Dazu gehört Herzenseinigkeit Und Empfindungsgleichheit. Ich wüßte wirklich ein Lieb davon zu singen.
(Fortsetzung folgt.)'
Graf Zeppelin über feine pfingftfahtt.
Graf Zeppelin hat über die Dauerfahrt mit dem Lust- schiff „Z H" an Pfingsten den nachstehenden im „Reichs-- anzeiger" veröffentlichten Bericht ermattet:
Eine erste Probefahrt mit dem als Erfatz für das bei Echterdingen zerstörte, aus Mitteln der Bolksspende erbaute


