1909
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Spätmghof.
Roluü von K. v. d. Eider«
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Rascher als gedacht war alles erledigt, der Hausrat verkauft, geordnet, gepackt, und eines Vormittags geleitete der Schreiber mit seiner ganzen Familie die Frauen zum Bahnhof. Der kleine Steuerschreiber warf sich in die Brust, feine Frau hatte ja auch ein schönes Stück Geld geerbt.
„Adieu, adieu, nächsten Sommer besucht ihr uns, die Grete kommt mit, die muß ihre Bleichsucht auf dem Lande auskurieren!" (Grete war der Liebling der Tante.)
Endlich fuhr der Zug ab. Sie fuhren aus der großen Stadt hinaus. Grüne Felder wurden sichtbar, kleine, strohgedeckte Häuser, Bauern in Hemdsärmeln. Tines Äugen wurden naß, in ihrer kranken Brust regte sich ein leises Gefühl der Hoffnung.
Janne genoß diese ihre erste Reise tvie ein Kind, sie freute sich Wer alles Neue, sie uralte sich alles rosig und schön aus.
„Wenn bloß der See noch da ist, der kleine Wassersee," murmelte Liese.
Ja, er war noch da; er spiegelte den schönen klaren Septemberhimmel wider, der sich über ihm erhob. Er lag hinter der Wiese, auf der noch immer eine Ziege graste. Eigentlich war es nur ein Teich, an den Ufern mit Schilf bewachsen; aber er gewährte einen hübschen Anblick. Nebenan rauschte des Müllers Wassermühle, und des Müllers Enten kamen herangewatschelt, quakten und plumpsten in den Teich hinein. Liefe strahlte vor Glückseligkeit, als sie Tine und Janne alles zeigen konnte.
Die Vorderseite des Häuschens ging auf die Straße; über der Tür war eine Sonnenuhr angebracht. Gegenüber wohnte noch immer ein Schuster, und in dem Rinnstein spielten barfüßige Kinder.
Hinter dem Hause bis zur Wiese war ein Gärtchen, in welchein Immergrün und buntes Gras wuchsen. Auch ein paar Obstbäume und Johannis- und Stachelbeerbüsche gab es hier.
An der einen Seite, dein Teiche zugewandt, war ein kleines Lusthaus gebaut, mit einer runden Bank unb einem Tischchen aus Baumstämmen.
„Hier sollst du sitzen ititb dich erholen. Du sollst es mächtig gut haben."
„Gräßlich gut," dachte Tine mit wehmütigem Lächeln.
Ueber Liese Petersen kam eine fröhliche Geschäftigkeit; sie wurde wieder jung und frisch.
Das erste war, daß sie auf des Bruders Grab einen hübschen, weißen <3teilt setzen ließ. Auch ein Gitter ließ sie machen und pflanzte Efeu und Immergrün aus den Hügel. Der Tote sollte sein Recht haben.
Es war eine Grabstätte für zwei Personen. Der eine Platz war noch frei — für Liese, nicht für die Frau des Mannes, der dort unten ruhte. Diese trieb sich schon seit Jahren draußen in der Welt herum, seitdem sie eines Tages mit einem leichtfertigen Schneidergesellen davongelausen loar.
Jetzt ruhte der verbitterte Sonderling von seiner Lebensreise aus, und seine Schwester wachte über feine Ruhe.
Das Häuschen war ein bißchen verwahrlost, es erhielt jetzt ein anderes Aussehen. Es wurde tapeziert und gestrichen und alles blitzblank gemacht.
Die Frauen lebten sich bald in ihrer neuen Heimat ein. Liese schloß Bekanntschaft mit den Nachbarn und verschiedenen älteren Frauen im Dorfe. Auch Janne fühlte sich ganz wohl, sie bekam Freundinnen und ging fleißig aus zum Nähen. .
Bald hatte sie die besten Nähstellen im Z^orfe, bet Pastors, Doktors und Kirchspielschreibers und bei den reichen Bauern der Umgegend.
Sie war bald eine gesuchte Persönlichkeit. Die Stadt war mehrere Stunden vom Dorf entfernt, außerdem war die Stadtschneiderin sehr teuer; die Nähersche im Dorfe aber führte Nadel und Schere etwas ungeschickt.
Janne wurde auch ihres munteren und frischen Wesens wegen überall gern gesehen. Tine freute sich darüber in ihrer stillen Weise; sie selbst aber ging den Leuten aus dem Wege.
'Bald hieß es von ihr: „Sie ist ein bißchen wunderlich." So nahm man Rücksicht auf sie.
In den schönen Tagen des Herbstes saß Tine im Garten in dein kleinen Lusthause. Sie beobachtete stundenlang, wie die Ziege ihren iveißen. Kopf beim Abrupfen des Grases hob und senkte, wie der Wind mit den braunen Kätzkeulen im'Schilfe spielte. Sie blickte nach den Pappelkronen jenseits des Deiches. Sie sah ganz deutlich, wie die fernen Zweige sich voneinander bogen und wieder zueinander neigten, ivie die Blätter spielten, und sie hatte ihre eigenen, schönen Gedanken darüber. Wenn dann Liese herankam und ihr tief und fragend in die Augen sah, sagte sie nur: „Wie schön ist es hier!" L „
Im Spätherbst, als es draußen zu feucht wurde, saß sie in der Vorderstube am Fenster. Sie strickte ein wenig; baß sie nähte, litt Liese nicht. Dabei sah sie oft aus die Straße, wo die Kinder spielten.
Wenn keine Kinder da waren, dann hüpften sicher ein paar Spatzen über das Steinpflaster, oder des Müllers Musch kam vorbeigeschlichen. Zu sehen gab es immer etwas. Wenn aber eine Nachbarin am Hause vorbeikam und ins Fenster hinein nickte, dann zog Tine ihren Kopf rasch zurück.
Liese Petersen rumorte geschäftig im Hause umher. Sie machte mit vieler Mühe und großem Aufwand von Zeit Butter und Käse. Sie kochte Birnen und Quitten ein, machte Wurste und pflanzte Kohl. Den ganzen Tag hatte


