Ausgabe 
26.5.1909
 
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sie etwas im Hause zu tun, zu kochen, zu putzen und zu scheuern. Sie lebte in der Wirtschaftsarbeit ordentlich aus.

Die Näherei hatte sie ganz aufgegebeu. Sie hatte ihre Maschine mtf den Boden gestellt.Sie ist zu alt," äußerte sie.Das Alter hat seine Micken; ich kann nicht recht mit ihr auskommen."

Tiues Backen wollten nicht wieder rot werden; der Husten wich nicht. Liese wollte zum Doktor gehen, aber das litt sie nicht.

Mein Vater ist bei seinem Husten alt geworden," sagte sie,ich kannte ihn gar nicht anders als mit dem Husten. Ja, was eine ordentliche Erkältung ist, die muß sich aus- kurieren, die dauert ein paar Jahre."

Wie gern glaubten es die besorgten Frauen.

Einmal kamen Zigeuner ins Dorf. Sie gingen im Dors herum, um Kessel zu flicken, und bettelten und stahlen nebenbei, wo es angiug.

Auch in Liese Petersens kleines Haus kam ein altes Zigennerweib. Liese fuhr sie grob au und gab dann mit vollen Händen, wie es ihre Art war. Die Zigeunerin er­griff ihre Hand und weissagte ihr allerlei Schönes, ein langes Leben, Gesundheit nnd Geld.

Die Alte trat auch zu Tine, die in einem Rohrlehustuhl am Fenster saß, und ergriff deren schmale, weiße Hand.

Tine entzog sie ihr.Nein, nein", sagte sie hastig. Eine flüchtige, feine Röte huschte über ihr Antlitz. Nein, sie wollte nicht wissen, wie lang oder kurz ihr Leben noch währte, was ihr noch bevorstand an Freud und Leid, sie wollte alles nehmen, tote es kam, wie Gott es wollte.

Janne," sagte sie. am Abend dieses Tages zu ihrer Tochter,versprich mir, daß du dir nie wahrsagen läßt. Hörst du, niemals. Es ist nicht gut. Man richtet sich doch danach; ob es nun eintrifft oder nicht, es nimmt einem die Ruhe."

Janne lachte ihr Heltes, frisches Mädchenlachen.Da brauchst du nicht bange zu sein, MUtting. Im Ernst glaube ich all so was gar nicht. Bloß aus Spaß hatte ich mir gern mal die Karten legen lassen. Ich möchte wohl wissen, ob ich bald einen Bräutigam bekomme."

Fast erschrocken sah Tine auf. Als sie in die blauen Augen Jannes blickte-, die vor Mutwillen und Lebenslust blitzten, da ward ihr klar, daß ihre Tochter kein Kind mehr war.

Janne," bat sie leise,nicht wahr, wenn du jemals einen gern leiden magst, dann sagst du es deiner Mutter."

Ja, mein süßes Mutiing, du sollst alles wissen", lvar Jannes Antwort, die sie mit einem Kuß besiegelte.

*

Sellingstedt war ein großes, freundliches Dorf in Süder­dithmarschen. Die Gegend war hüglig; die Straßen gingen auf- und abwärts. Die Umgebung war sehr hübsch. Schöne Waldungen, üppige Kornfelder, stattliche Gehöfte, dazwischen Torfmoore und kleine von Gebüsch umgebene Teiche wechselten miteinander ab. Eil: paarmal an besonders schönen Tagen machten die Frauen eilten kleinen Spazier­gang hinten herum zum Dorfe hinaus. Tine lächelte, wenn Liese zufrieden sagte:Siehst du, nun bist du wieder in der Marsch."

Nein, dies hier lvar nicht die richtige Marsch. Die Marsch, in der sie gelebt und gelitten hatte, war eine öde, weite, grüne Fläche, war ein stilles, kaltes Land, nach dem ihr Herz keine Sehnsucht trug.

Nein, sie wollte hier bleiben Hier iv-ar es fast, als wie es zu Hause gewesen war, nur noch viel schöner.

Ende Oktober wurde in Heltingstedt der Pferdemarkt abgehalten. Es war einer der bedeutendsten Märkte der dortigen Gegend. Viele .Händler kamen mit Pferden, und die Bauern aus der nächsten und der weiteren Umgegend fanden sich ein. Auch Schaubuden und ganze Reihen von Kuchen- und Schußerbuden wären - >ttt- sogar ein Karussell fehlte nicht.

Es war ein Fest für groß und klein, für alt und jung.

Tine ging auf Jannes und Liefes Zureden mit den beiden über den Krammarkt; Janne gebrauchte doch aller­hand für ihre hübsche kleine Person. Aber schon nachdem sie eine Reihe der Buden durchgegangen waren, ermüdete Tine. Liese und Janne nahmen sie am Arm und führten sie nach Hause.

Aber sie waren noch nicht bei dem Häuschen angelangt, sie waren erst an der Straßenecke, da sah Tine vor der Tür eines Gasthofes mehrere Männer stehen, von denen der eine

ihr merkwürdig bekannt vorkam. Sie sah ihn noch einmal genau an, ihre Finger fingen an zu zittern, ihre Hände bebten. Es war der Mann, an den sie alle die Jahre hindurch im Wachen und Schlafen gedacht hatte: Jan Thomsen, ihr Mann.

Ist dir nicht wohl?" fragte Janne.

Nach Hause," flüsterte Tine mit tonloser Stimme.

Langsam schleppte sie sich vorwärts, Liese und Janne trugen sie halb. Ihr war's, als ob Bleigewichte au ihren Füßen hingen; langsam zog sic einen Fuß dem audereu nach.

Jetzt ivar sie vorbei. Der yochgewachsene, stattliche Mann an der Tür des Gasthofes blickte einen Augenblick auf, als er die drei Frauen vorüberwanken sah. Ihm fiel aber nur das hübsche junge Mädchen mit den rosigen Wangen und dem vollen Blondhaar ins Auge. Sie er­innerte ihn an irgend jemand, und er fragte sich! einen Augenblick, wo er ihr begegnet sein könnte; dann wurde er durch eine Frage seiner Gefährten abgelenkt. Als Tine nach Hause kam, mußte sie sofort ins Bett; sie fühlte sich von der Aufregung elend und krank.

Von diesem Tage an bekam sie eine Furcht vor Menschen und verließ das Haus nicht mehr.Es ist nicht mehr richtig mit ihr," hieß es im Dorf.Sie ist menschenscheu." (Fortsetzung folgte

Die Vegetation im Buchenwald.

Bon Konrad N o a ck.

Es ist eine leider gar zu häufige Erscheinung, daß die Leute Sonntags ihren Waldspaziergang machen und keine Ahnung haben von der Fülle von zierlichen Gewachsen, die um sie her gedeihen, oder von den gewaltigen Kämpfen, die sich int Walde unter den verschiedenen Pflanzenarten, hauptsächlich den Bäumen, ab- spielen. Die nachfolgenden Zeilen sollen dem Laien, der sich nicht wissenschaftlich mit der Botanik beschäftigt nnd der Freude hat an den Schönheiten der Natur, einen weitläufigen Begriff geben, was man altes int Buchenwald beobachten kann nnd welche Gewächse man dort findet. Ich werde beim Namhaftmachen der Pflanzen, die dort gedeihen, nur solche aufzählen, die hier in der Umgegend von Gießen zu finden sind und die mich der Laie ohne besondere Vorkenntnis erkennen kamt.

Die Vegetation im Buchenwald unterscheidet sich sehr von der Vegetation in anderen Wäldern, seien es Nadel- oder Laubl- wälder. Dies ist begründet durch die Biologie der Buche. Die Buche ist ein ausgesprochener Schattenbaum, d. h. ein Baum, der mit sehr geringen Mengen von Licht auskommt. Die Zweige stehen sehr regelmäßig nnd reichen oft bis fast auf den Boden. Die Belaubung ist ungemein dicht, da die unteren Blätter ja auch in dein .Valbdunkel, welches die dichte Krone hervorrust, Noch güt vegetieren können. Im Gegensatz hierzu sehen wir z. B. daß sich die Kiefer bis fast an den Gipfel von Zweigen säubert, weil die Nadeln, die sehr lichtbedürftig- sind, nicht genug Sonne haben, um zu leben. Die Buche liebt einen humusreichen, mäßig feuchten Boden und dort gedeiht sie am besten. Ist der Bodest zu feucht, so verhindert das stagnierende Wasser die Atmung der Wurzel, ohne die die Buche nicht leben kann. Auf günstigem Boden wächst die Buche sehr rasch, und dies ist der Grund, warum sie int Kampf ums Dasein mit anderen Bäumen fast intimer Sieger bleibt. Fast alle anderen waldbildenden Bäume verlangen mehr Licht als die Buche. Da diese nun aber schneller wächst, so wuchert sie bald ihre Nebenbuhler, schließt ihr Laubdach .über diesen und läßt sie nun aus Lichtmangel zugrunde gehen. Daher kommt es, daß in unserem deutschen Vaterlande allmählich die Eichenwälder immer seltener werden und daß au ihre Stelle die Buche tritt, die zwar nicht minder schön ist, aber uns Deutschen lange nicht so ans Herz gewachsen ist, als wie die stolze Eiche.

Infolge der schwachen Beleuchtung des Bodens gedeihen im Buchenwald verhältnismäßig wenige Pflanzen und zwar nur suche, die der geringen Beleuchtung angepaßt sind und die auch int Halbdunkel noch gedeihen können.

Alle diese Verhältnisse treffen wir jedoch nur auf normnleiN Boden an, der frei ist von Rohhumusbildung. Für die Bildung guten Humusbodens ist es unbedingt nötig, daß die organischen Bestandteile, die sich infolge des Laubfalls nsw. auf dem Boden tit großen Mengen ablagern, gründlich durchmischt werden mit den mineralischen Bestandteilen des Bodens. Dies geschieht be­kanntlich durch die Tätigkeit der Regenwürmer, die nachts große Mengen Laub in ihre Löcher ziehen, dort mit Erde verspeisest nnd dann größtenteils mit den Exkrementen wieder von sich' geben. Hierdurch wird eine innige Vereinigung der organischen und mineralischen Bestandteile erzielt. Dies ist 'von großer Wichtigkeit, denn wenn nun die Bakterien die organischen Stoffe zersetzen, so entstehen große Mengen von Huminsäure, die den Pflanzen sehr schädlich werden kann, wenn sie nicht durch alkalische Mineralien neutralisiert werden. Ist die Vermengung der orga­nischen Und anorganischen Stoffe ungenügend, fo können dtp Satiren nicht neutralisiert werden nnd schädigen die Pflanzen m verschiedener Weise. Erstens wird die Wasseraufnahme der Wnr-