Ausgabe 
26.4.1909
 
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nisten entsandte, die die. endloses Tage ihres Exils in beit schwärzet! Schächten der Bergwerke verbrachten. Pest, Stadtbrände, Kriege, Hunger uttb Wirren fanden hier itrt Weglosen immer noch Pfade, verheerend das Land zu durchziehen. Erschrocken zogen sich die Menschen auf sich selbst zurück; die äußere Welt bot ihnen hier! keinen Halt, so errichteten sie sich WeWe und Burgen im Jwnern; sie flüchteten sich zu ihrem! Gott, zu ihren uralten Traditionen', verschanzten ihie Kirchen, banden sich Nnverrückbar an ihre Scholle jund waffneten sich durch eine starre, alles Fremde abstoßende innere Organisation gegen die wütenden Unbilden den Umgebung. Insbesondere die eingewanderten siebenbupgischen Deutschen, die dereinst von den ungarischen Königen vom Niederrhein Ijee ins Land berufen worden waren, lagen von je mit der unwirtlichen Natur in Härten, grausamer Fehde unbi tun es heute noch!, wenn auch der Kampf, den milderen Zeiten entsprechend, jetzt mehr geistige Formen angenommen hat: wandte er sich einst gegen Urwälder, Sümpfe und reißende Tiere, so gilt es jetzt, seine Seele gegen die Bedrückung all der schweigsamen Enge und lastew- den Dumpfheit dieser vereinsamten Täler, meilenweiter,,schwarzer Forste, wenig, begangener Bergzüge und verschollener Ansiedlungen zu bewahren.

Wenn der Schnellzug, von Budapest Verkommend, den König­steig überwunden hat und man im Morgengrauen in die Wildnis der durcheinanderlaufenden Höhenrücken hineinfährt, die mit ihren Nndcutlichen, vom Nebel umfangenen Massiven- bald nahe an den Bahnkörper heranzuspringen, bald sich in der Weite des Hoch­landes ins Unendliche zu wiederholen und zu verlieren scheinen, während die rasche gewundene Bewegung des Zuges sie bald gestreckt, bald stumpf und geballt, in wechselnden Formen von' Zügen und Kegeln vor dem Auge vorüberwandern läßt, so fühlt man, inmitten dieses veränderlichen und dennoch gleichförmig immer wiederkehrenden Schauspiels, wie das, was hinter einem liegt, Europa, langsam zurücksiukt, verdämmert, fremder Boden Macht gewinnt und- eine neue, unbekannte Ferne sich geheimnis-- voll erschließt.

'Ter Tag steigt: Stunden uM Stunden verrinnen; nur wir in dem brausenden Zuge scheinen Menschenwerk in diese endlose Landschaft zu tragen, sonst nichts als Berge, Wälder und Flüsse, schier unerschöpflich sich erneuernd, schwindend, enttauchend, in unübersehbarer Verwirrung, in Wellen und Kreuzen gelagert, ein Gedränge von Köpfen und Linien, bald durcheinander wimmelnd, bald breit und majestätisch entfaltet. Haben diese Berge Namen? Sind diese Täler bewohnt? Ter Zug hält: müßige Menschen stehen hinter der Holzbavriere des kleinen, öden Bahnhofs, die Männer in Pelzmützen und fremdartigen Kitteln mit Felljacken, die Frauen mit weißen Kopftüchern und kürzen Mänteln aus einem langhaarigen groben Stoff. Es entsteht eine kleine Bewegung, dann liegt der Zug scheinbar zwecklos vor dem Bahnhof, in der Sonne. Tie bräunlichen und ockergelben Hütten des Torfes stehen still an der Berglehne, an einem offenen Brunnentrog trinken Pferde und Büffel. Tann geht es wieder hinein in das weite, fchweigende Land!, zwischen den wimmelnden Höhen und durch die schattenvollen Einschnitte der Bergwälder. Einmal erblicken wir im Fluge die alte Kirche einer Stadt, die von der Höhe eines bewaldeten Felsengipfels in ein gewundenes Flußtal hinabschaut. Tann bricht die Bahn in langsamer Fahrt durch den engcnl Spalt, den ihr die dicht zusammentretenden Waldgebirge übrig lassen, hinaus in die breit ausgeschwungene Hochebene des Burzen- landes, die sie, wie befreit durch die ausgetane Weite, rasch und donnernd durchquert, dem Gebirge zu, das mit seinen verschneiten Gipfeln, die braunen und grauen Schroffen im Glanz der Sonne gebadet, die Ebene mit schwer ersteigbaren, ewigen Mauern rings gegen das südlicher gelegene Rumänien umgrenzt. J'N der äußer­sten südöstlichsten Ecke des Landes aber, sich in alle Winkel und Mulden der Borberge drängend', die zu den Felsengipfeln! der transsylvanischen Alpen hinanführ'en, liegt im' finstern, be­waldeten Tal Kronstadt, die Krone der siebenbürgischen Städte.

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Wenn der Wanderer, aus der Ebene kommend, die Stadt durchschritten hat und'dort, wo sich ihre letzten bunten Häuser in dem herandrängenden Gebirge verlieren, den Anstieg in die Alpen beginnt, begegnet er einem steilen, nur schwer zugänglichen, mit schwarzen Nadelhölzern dicht umwachsenen Felsenkegel, dem auf der andern Seite des von einem Wildbach duvchronnenen Tals der Peatra Corbului (Rabenstein), ein fast kahler Bergrücken, gcgenüberliegt. An dieser Stelle soll dereinst der ungarische König Salomon, nach dem der Kegel heute noch Salomonsfelsen ge­nannt wird, mit einem einzigen Sprung seines Rosses über das Tal gesetzt und so den nahenden Verfolgern seiner entthronten und flüchtigen Majestät entgangen sein. Tiefe Sage ist gewisser­maßen eine symbolische Darstellung der seltsamen Lagerung dieser Stadt; diese ist wirklich kaum mehr als einen Roßsprung breit, ihre Breitseite kann an der ausgedehntesten Stelle in kaum' einer Viertelstunde begangen werden. Rur ihrer Längsansdehnung ver­mag des Wachstum der Stadt noch etwas hinzuzufügen.

Tie Breite ist durch die Berge beschränkt und mit Gassen und Gäßchen, verstreuten Häusern und Gehöften, hölzernen Sommerhütten und steil an den Hängen kletternden Kirschgarten in allen wohnlicheren Winkeln, Einsentüngen und Abflachungen des widerspenstigen Terrains über und über erfüllt, und spürt an allen Ecken und Enden feie drohende Nähe der Wälder und Ge­

birge, die die Menschen, wenn sie mit ihren Wohnungen in sie tzinaufzudringen versuchen, mit ihrer finsteren Strenge nur zu bald in die dumpfe Beschränkung des Tals zurückverweisen; nur mühsam klimmende Ausläufer niedriger, windschiefer Häuserzeilen erinnern da und' dort an die unlohnenden Versuche, bie Hänge, Sättel Und Buchten der Höhe zu besiedeln. Aber die Länge der Stadt dürfte mit anderthalb Meilen kaum überschätzt sein; noch in der Ebene setzt die Altstadt ein, dort wo dasMiralte evangelische Kirchlein Sankt Bartholomä am Rande der Straße steht.

Eine einzige, schier endlose Zeile mit nur wenigen unwoh'n- lichen Hintergäßchen ist die Altstadt, die in der Bauart ihrer fast durchgehends ebenerdigen Häuser noch an den Stil der alten sächsischen Bauerndörfer erinnert. Tie reinlichen Schmalfronten der Straße zugekehrt, mit hohen, vorne abgestumpften, luftigen Giebeln. Eine ungeheure, klirrende Dampfbahn mit schlottern­den Wagen knirscht jetzt hin an den kleinen, verängsteten Hänprn, an scheuenden Pferden und wild durcheinanderrennenden Schaf­herden vorbei, wie wenn jemand der Gedanke, gekommen wäre, einen gewaltigen Schienenstrang mitten durch. eine Puppenstube zu legen. Tann erweitert sich der Raum: ringsum ganz und gar von jenen alten, sonnenlosen Promenaden umgeben, die tu den heißen SomMern alle Gassen und Plätze mit ihrer ewigen! Kühle überrauschen, und an dem überwucherten Gestein der Ltadt- mauerreste, an turmhohen, runden Basteien, unter Manetbogen und geleitet von zischenden Felsbächen unter breitkromgen. .Ka­stanien und Buchen entlanglaufen, liegt die innere stabt mit vielen engen, lichtlosen und wenigen breiteren Gaffen, m denen die bunten Sonnendächer vor den Geschästsläden Mit den fchwarz- lichen Farben der kleinen, schnWlsrontigen Häuser feltfaM duster- lustig kontrastieren. Neben dem glücklicherweise noch wenig her- vvrtretenden Budapester Barock und jenen nüchternen, geometrnch viereckigen Steinkasten, wie sie ostmals in ungarifchen ^andstadten ein langweiliges Tasein vertrauern, gibt es hier noch alte, hoch- dachige Häuser mit gedrehten Treppen, dämmernden Korridoren und schattigen, nachgedunkclten Zim'mern.

Mitten auf dem Marktplatze, dessen volle Sonne, blendet, wenn man aus dem Dunkel der Gasfen hervortritt, steht das Rathaus, das wie ein europäisierter! chinesischer Turm brems chaut; ein kaum stockhoher quadratischer, Unterbau, m dem Ueme Ge­schäftsleute und Handwerker hinter! halb erblindeten scheiben tn ihren winzigen Läden sitzen, trägt ein Dach aus Wettergebraunten Ziegeln, das, von allen vier Seiten ansteigend, em pyramiden­förmiger Giebel zu werden verspricht, jedoch schon in geringer Höhe von einem zweiten, aufsatzartigen Ausbau unterbrochen wird, der durch seine runden, offenen Bögen Einblick in Galerien und Korridore gewährt. Auch! sein Dach bestrebt, sich energisch', sich zu einer flachen Pyramide zu verjüngen, stößt ledoch von allen Seiten an den kerzengradeu, gekuppelten Turm an, von besten Höhe der Feuerwächter die Sturmglocke zu lauten pflegt Dustes groteske Gebäude mit seinen streng vergitterten Fenstern ist nahezu eigelb gestrichen und wirkt auf dem sonnigen Platz tote em Wahr­zeichen alles Skurrilen und Launenhaften, das bte Bewohner dieser düsteren Stadt erfüllt, deren Seele im Laufe der ^ahr-, Hunderte der Enge und beut Dünkel dieses emgeschlossenen Dals mehr als einmal unterlag; die Tollköpfe, Sonderlinge und stadt- narren sind in diesem Bergwinkel hjäusiger zu finden als anderswo.

Nur wenige Schritte durch einen engen Eingang zwischen den Häusern und wir befinden uns aus dem Platze, nuf Dem', alles überragend, das gotische Massiv derschwarzen Kirche steht. Ein Stadtbraud int 17. Jahrhundert hat bte reiche Ver- goldung ihrer Zierraten und Ornamente Mweggeschmolzen und, ihre Mauern geschwärzt; niedrig ist der Turm, als habe er sich vor den Drohungen des nahen Gebirges nicht hoch genug zu strecken gewagt, fast plump der gewaltige Leib des.dunkeln GotteS- hanscs, aus dem au den hohen evangelischen Festen bte Gemng« einer riesigen Orgel hervorhallen. Eng ist der Platz und still, man nennt ihnder Kirchhof", nicht uni einen Gottesacker damit zu bezeichnen, sondern weil er wirklich der Hof diefer ^finstern! Kirche ist; die Gebäude, die ringsum liegen, die alten schulen, Gründungen der Reformation, die Häuser der Stadtpfarrers, der Prediger, des Rektors, sie alle wirke» zusammen wie Trakte eines Ganzen, das in Gemeinschaft mit der Kirche den menschenleeren', wenig belichteten Hof umschließt. Nicht im Stil der Bauten, bte teilweise durch neue ersetzt sind, aber in der Atmosphäre, bte ite heute wie vor 400 Jahren umweht, liegt der verschollene Zauber dieses Platzes. Bon ihm ging die siebenbürgisch-deutsche Refor­mation ins Land, und alle ihre Geister scheinen, unberührt von der Zeit, noch heute diesen von der wahrhaften Kirche und der freien Sclnle umfriedeten Raum zu beseelen, von dein aus ernst die Freiheit jedes Christeumenschen von deutschen, bibelfesten Män­nern in die. Wildnis des Gebirges verkündigt wurde. Denn nirgends! hat sich der zähe, konservative Sachsengeist hartnäckiger bewährt als in der Erhaltung der altbürgerlichen und humanistischen! Ideale. Obwohl die Zünfte längst verschwunden sind, die noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts einen weitansgedehntenl Handel bis in den Orient betrieben, indem besonders die Erzeug­nisse der Lohgerber und Tuchmacher sich einer großen Berühmt­heit bis nach Asien erfreuten, so scheint doch der starre Geist des alten Handwerks im sächsischen Volke unvermindert sich erhalten! zu haben. Kaum daß wir die innere Stadt verlassen, so erinnern! die Rahmen dxr Tuchmacher, in die sie die Tücher zur BleiM