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Der Arzt untersuchte den Inhalt der Tüten; er wandte sich noch einmal der Leiche zu.
„Ja," sprach er zu Jan gewendet, „Ihr Bruder ist ohne Zweifel an einer Arsenikvergiftung gestorben; der Tod muß schon lange eingetreten sein. Wie steht es mit der Alten?"
■ „Schlecht," sagte Jan. Er ging mit dem Doktor nach der Wohnstube, und die Frauen zogen sich wieder in die Küche zurück.
Die Alte lag in den letzten Zügen. Dies erkannte auch der Arzt sofort, und er verweilte auf Jans Bitte! und ließ sich aus einen Stuhl in der Nähe Les Bettes nieder.
Man hörte das ungeduldige Scharren der Pferde vor der Tür, von der Küche her drang das Gemurmel der Weiber, die Uhr tickte laut und vernehmbar, und ab und zu hob ein Röcheln die Brust der Sterbenden.
Der Arzt flößte ihr einige stärkende Tropfen ein. Da kehrte noch einmal das Bewußtsein zurück. Sie öffnete die Augen, ihre Hand bewegte sich tastend.
' Jan trat ans Bett. Hatte sie ihm gewinkt? Wollte sie ihm noch etwas sagen? Hatte sie vielleicht noch einen Wunsch auf dem Herzen? Einen letzten Wunsch, den man einer Sterbenden nicht versagen darf? Vielleicht bereute sie, vielleicht wollte sie in der Todesstunde gutmachen, was sie ein langes Leben hindurch gesündigt.
Ihre Augen flackerten unruhig; ihre Lippen bewegten sich, aber er vernahm keinen Laut. — Ob er den Pastor holen ließ?
Jetzt sprach sie. — Tiefer beugte sich Jan über die Sterbende, so daß sein Ohr fast ihre Lippen berührte. Da vernahm er der Sterbenden letzte Worte, mit der letzten Kraft gesprochen:
„Jak — Tine, seine — Braut —■ Kind."
Jan begriff im Nu. Wie von einem Blitzstrahl erhellt, stand ihm plötzlich vor Augen, was er heute und gestern und schon früher gesehen. Ja, es war klar — Tine war Jaks hinterlassene Braut. Jak hatte an ihr gesündigt, und der Tod verhinderte ihn, es gutzumachen. Jetzt konnte die Tante nicht sterben ohne die Gewißheit, daß Fan sich Tines annehmen und für sie sorgen werde. O, diese einzige gute Tat würde ihr Las Sterben leicht machen.
In Jans Augen lag ein schöner Schimmer von Herzensgüte. „Sei beruhigt, Tante," sagte er sanft. „Tine soll rhr Recht bekommen; ich werde sie nicht verlassen." Und als die Tante noch unruhig die Hand bewegte, fügte er hinzu: „Ich werde gutmachen, was Jak an ihr gesündigt hat."
Froh und leicht war es Jan ums Herz, als er der Sterbenden dies Gelübde gab; er tat es ja zugleich im Andenken des Toten in der Kammer. Es freute ihn, daß die Tante mit einer guten Tat aus dem Leben schied- Der Gedanke, daß er sie falsch verstanden hatte, daß die Alte die letzte Minute ihres Lebens zu einer letzten Bosheit benutzen und das arme Mädchen vom Hofe herunterjagen wollte, kam ihm nicht.
Aber noch einmal flackerte das Auge der Alten haßerfüllt aus, noch einmal bewegte sie die Lippen, die Hand krallte sich in der Bettdecke fest, La tras sie der Tod. Ein Ruck ging durch ihren Körper, ihre Züge glätteten sich, der Kops sank hintenüber. Sie war tot. Der Tod hatte den letzten Fluch aus diesem unseligen Münde in einen Segen verwandelt.
Jan drückte ihr die Augen zu. Er war aufs tiefste erschüttert. Am meisten ergriff es ihn, daß diese unselige Frau, die nie in ihrem Leben einem Armen etwas Gutes getan hatte, in ihrem letzten Stündlein eines unglücklichen Mädchens gedacht hatte. Als jetzt Tine ins Zimmer trat, sah er, wie es um sie stand, und er nahm sich vor, das Mädchen als das Vermächtnis Les Bruders und der Tante zu betrachten, als ein Vermächtnis, das ihm hoch und heilig sein sollte.
Während nun der Doktor vom Hose fuhr, eilten auf dem Seitensteg Lehmbecksche und Heistersche ins Dorf. Es galt, die neueste Neuigkeit unter die Leute zu bringen. Zwei Tote an einem Tage und beide aus dem verrufenen Spätinghos, so etwas war noch nicht dagewesen. Dagegen war Hans Fedder Andresens Tod gar nichts. (Hans Fedder Andresen war von seinem Heuwagen überfahren worden.)
-In dieser Wacht rauschte der Regen auf Spätinghos
hernieder. Es war ein kalter Regen, mit Schnee vermischt. Auf Spätinghos brannte die ganze Nacht hindurch bis zum! frühen Morgen das Licht, und die beiden Menschen, die mit den beiden Toten unter einem Dache weilten, tatest kein Auge zu.
Unruhige Tage brachen über Spätinghos an, Und die Unruhe verdrängte das Grauen, Las sich breit machen wollte. Leute kamen und gingen. Die Leichenmarie kam mit ihrer großen Handtasche und Thoms Zimmermann, der die Särge machte, kam, den Maßstock in der Hand- Die Nachbarsfrau vom Bäkhof kam mit ihrer Tochter Siete herüber und schaltete in der Küche von Spätinghos, als ob sie ihr eigen wäre. Sie kochte, briet und buk sür die Trauergäste, und Lehmbecksche stand mit Heistersche im Windfang, hob die Nase hoch und schnubberte.
Heistersche 'stieß sie an. „Nun haben wir ausgebacken. Nasche!" Traurig zogen sie ab.
Des Nachbars Knechte trieben die Kühe ein, damit sie nicht umkämen. Jetzt hing keines Menschen Existenz mehr daran; jetzt stand der Stall für sie offen.
Lehnsmann Bartels kam mit einigen Herren vom Amtsgericht aus Tönning. Einer der Herren stellte Fragen, und der andere schrieb, und Lehnsmann Klas Bartels riß die hellblauen Augen weit auf, machte ein würdevolles Gesicht und sagte immer dazwischen: „Hm, was ich! sagen wollte." Er sagte aber doch nichts.
Auch Tine wurde verhört. Sie weinte so hestig, daß kein Wort aus ihr herauszubrittgeu war.
Lehmbecksche dagegen tat sich sehr wichtig, aber sie kam zu weit von der Sache ab. Sie erzählte, wieviel Milch und Buttermilch sie schon von Spätinghos bekommen und wieviel Groschen das schon gekostet hätte; das schien die Herren nicht zu interessieren.
Die Hauptperson blieb Heistersche. „Hoher Herr Gerichtshof," begann sie. „Ihnen Herr Lehnsmann nicht ausgeschlossen. Das Rattenpulver war da, das -kann ich bezeugen, und ist keine Ratte daran zugrunde gegangen. Wissen Sie, was meine Meinung ist? Vergangen Jahr brannte hier in Witzwort Peter Behrens sein Hof ab, und er selbst verbrannte mit dabei. Da kam es denn heraus, daß er es selbst angestochen hatte und hatte sich danach wieder ins Bett gelegt, um sich den Anschein zu geben; daß er denn darüber fest einschlief und dabei umkam, das war auch ein Versehen. Und so ähnlich, denk' ich, wird es auch wohl mit Jak Thomsen gewesen sein; ich wollte sagen Jakob Thomsen."
Da hatten sich die Herren vom Gericht groß angesehen, und der Schreiber hatte auch von seinem Buch aufgesehen; Lehnsmann Bartels hatte gesagt: „Ja, was ich noch sagen wollte." Es sagte aber niemand mehr etwas..
Als die Herren dann fertig waren, fuhren sie wieder davon, es wurde niemand mitgenommen und eingesteckt, wie die Dorfjungen, die auf dem Wege standen, vermutet hatten.
(Fortsetzung folgt.)
Bilder aus Siebenbürgen?)
Von Leo Greiner.
K r v n st a d t.
Seit der endgültigen Einverleibung Siebenbürgens irt den ungarischen Staat ist von den offiziellen Landkarten der alte, fast mystisch klingende Name dieses Landes verschwunden: Siebenbürgen, das Land der sieben Sachsenburgen auf den felsigen! Höhen des Gebirges, Erdsly, „das Land der Wälder", wie es der Madjar in seiner Sprache nennt, ist in einen „Kreis jenseits des Königsteiges" verwandelt und seines Charakters' als Großfürstentum entkleidet worden. Die Unterwerfung unter die national-ungarische Staatsidee hat aber die hartnäckige Eigen? willigkeit dieses Landes nicht zu brechen, ja kaum' zu beugen! vermocht: jenseits des Königsteiges, eines verwilderten Passes, durch den sich jetzt die Eisenbahn mühsam ihren Weg aus der ungarischen Tiefebene ins siebenbürgische Hochland bahnt, hebt nach wie vor eine neue, fremdartige Welt an, durch Gebirge nach allen Seiten geschützt und abgeschlossen, nur durch wenige Tore zugänglich, in sich selbst versunken, traumhaft in alten' Erinnerungen, Bildern, Sagen ünd Sitten, lebend, finster, ohne Beispiel.
Hier war einst Dazien, in das Trgjan Sklaven und Kolo-
*) Mit diesem! Aufsatz eröffnen wir eine Reihe von Skizzeü, in Lenen Lev Greiner Eindrücke von seinen Reisen und Wan- Lerüngen in Siebenbürgen WldeHr wird, D!, Red'.


