Ausgabe 
26.4.1909
 
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1909 Nr. 65

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Spätinghof.

Roman von K. v. d. EidkL (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Tine sah die Frau entsetzt an.Ach Gott, Jak!" sagte sie.

Ja, Jak, wer weiß, ob der sich nicht da was von in den Kaffee getan hat und hat gedacht, es wär' Zucker."

Er hat gestern abend Grog getrunken."

Heistersche und Lehmbecksche sahen sich an.

Ne, von dem Zucker nehme ich nichts. Die Pflaumen­suppe könnte wohl ein büßchen süßer sein; aber es geht!"

Ja, es geht!" pflichtete Lehmbecksche bei, während sie einen tiefen Teller bis zum Rande füllte.

Heistersche folgte ihrem Beispiel.

Ja, die Graupen sind schön mürbe."

Und die Pflaumen sind ordentlich weich und voll. Nasche."

Und fein schineckt sie nach Kaneel und Zitrone, !vas, Nasche?"

Ja, Nasche, da kann sich ein kranker Mensch gesund dran essen."

Sag mal, Tine, wer hat das Rattenpulver gekauft?" Jan," sagte Tine mit klangloser Stimme.

Solltest man ein bißchen Pflaumensuppe essen, Deern; wcks sitzest du da zu stützkopfen?"

Ich kann nicht."

Ach was, wir können auch nicht; man muß aber doch seinem Magen was anbieten."

Heistersche füllte ihren Teller noch einmal bis zum Rande.

So saßen die Weiber, aßen und schwatzten, und das Behagen lag um ihren fettigen Mund und glänzte in ihren kleinen, blanken Augen. >

Nun werde ich man Mamsell auch ein büßchen bringen," sagte Heistersche. Sie füllte einen Napf und ging damit in die Stube.

Hier, Mamsell, bring ich Ihnen ein büschen kräftige Pflaumensuppe," sprach sie mit lauter Stimme.Nun pflegen Sie sich man daran, die wird Sie wieder auf die Beine bringen."

Als keine andere Antwort als ein leises Röcheln kam, stellte sie den Napf auf den Stuhl am Bette, sagte laut: Prost die Mahlzeit!" und ging wieder in die Küche.

man. Nasche, daß die Suppe alle wird," sagte sie, während sie ihren Teller zum vierten Male füllte'.

Tine saß noch immer auf dem Torfkasten. Sie regte sich nicht, in ihrem Kopf aber wirbelten die Gedanken bunt durcheinander. Warum hatte Jan Rattenpulver mit­gebracht, wenn er den Ratten doch nichts hingestreut hatte? Warum mußte der Kater tot bleiben und Jak? Jak,

warum mußte er sterben? Er wollte sie doch heiraten. Er mußte sie ja heiraten!

Der dich will, denn willst du nicht, und den du willsL der will dich nicht. Den du nicht willst und der dich nichj will, den freiest du.Der Tod!" murmelte Tine uM drückte die Hand auf ihr Herz.

Draußen fuhr ein Wagen vor.

Das ist der Doktor und der Herr."

Der Herr? Ja, jetzt war Jan der Herr!

Dr. Michelsen ging sofort in Jaks Stube, wo der Tot« noch unverändert lag.

Einen Augenblick später wurde Tine gerufen.

Sic ging mit bebenden Knien; Lehmbecksche un8 Heistersche folgten als freiwillige Zeugen.

Merkwürdig, höchst merkwürdig!" murmelte Dr. Mb» chelsen. Er wandte sich an Tine.Was hat er gestern abend gegessen?"

Nichts, er hatte keinen Appetit." Mühsam brachte sia die Worte heraus.

Und wann legte er sich schlafen?"

Spät", sagte Jan.Er war im Krug gewesen un8 trank noch vor dem Zubettgehen einen Grog."

Aha!" Dr. Michelsen tat einen Pfiff durch die ZähnL Er drehte sich rasch um.Ist das Glas noch da?" >

Ja", sagte Tine bedrückt. Es fiel ihr schwer auf die Seele, daß sie es noch nicht abgewaschen hatte.

Bringen Sie mir das Glas doch mal!"

Die beiden diensteifrigen Frauen eilten Tine Vorau. Aber nicht ausspülen", rief ihnen der Doktor nach.

Heistersche war die erste; triumphierend brachte sie daH Glas, in dem noch ein Rest der goldgelben Flüssigkeit! schimmerte.

Der Doktor untersuchte die Flüssigkeit. Er hielt das Glas gegen das Licht; er goß ein wenig davon auf soeu Handrücken in eine kleine Mulde, die er zwischen Daumen und Zeigefinger machte. Er roch daran und prüfte den Geschmack mit der Zunge.

Sein Gesicht war ernst und ruhig.

Haben Sie Arsenik im Hause?" fragte er unvermittelt,

Ar Ar" stammelte Jan.

Sa, sogenanntes Ratteupulvcr."

Tine schwankte und mußte sich am Bettpfosten halten. Was würde jetzt kommen? Hatte Jan den Bruder ver> giftet?

Heistersche löste resolut die Spannung. Sie trat vor; jetzt fühlte sie sich als Hauptperson.

Ja, Herr Doktor," begann sie,ich hab' es gleich gesagt. Rattenpulver und Zucker lagen zusammen in einem Schub. Ich wollte schon was in die Pflaumensuppe tun, dann" sie führte den Schürzenzipfel an die Augen wären wir alle jetzt, wo der arme Jak ist."

Lehmbecksche brachte geschäftig die Tüten herbei. ,,D« sehen Sie, Herr Doktor, was ist nun Rattenpulver und was ist Zucker?"-