Ausgabe 
25.11.1909
 
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II.

Mr Billa Arnheim, Berlin W-, Rauchstraße 3 war M- sellschaft.

Die elektrischen Kugellampen vor der Auffahrt werfen taghelles Licht über den festgefrornen Schnee. Die Tür- stnfen hinunter und noch eine Strecke weiter weiche, bunt- ,geränderte Läufer; die hohen Türflügel stehen weit geöffnet, man sieht in das Vestibül mit den weißen Marmorwänden, den hohen Lorbeerkübeln, den griechischen Statuen und den galonnierten Dienern.

Die Villa des Börsenfürsten, Herrn Geheimen Kommer- zienrat Leo Arnheim, ist eine Sehenswürdigkeit; und welche Kunstschätze birgt sie! Anläßlich einer Ausstellung für uot- leidende Ueberschwemmte in Honolulu oder irgend wo anders, hatte Leo Arnheim bereitwilligst seine Galerie zur Verfügung gestellt da waren Knaus, Defregger, Gabriel Max, sogar Makart, ein Menzel, beide Achenbachs, Lieber­mann, Böcklin, eine Menge hervorragendster Künstler ver­treten! Und hei keinem sagte etwa der Kommerzienrat Kum Beschauer:Hat mich so viel gekostet,'und der so und so viel großartig, nicht wahr?" Nein, er lächelte nur still und ging, den grauen Kopf zur Seite geneigt, die Hände auf den: Rücken, vor seinen Schätzen auf und nieder.

Man sagte, Herr Arnheim sei jüdischer Herkunft. Geld hatte er jedenfalls, und die Leute ließen sich's wohl bei ihm sein. Seit zwei Jahren hatte er die schönste Frau 'm ganz Berlin;in der. ganzen Welt", wie enthusiastische Bewunderer zu sagen pflegten.

In Kissing en hatte er Änselma von Kgch kennen gelernt, wo diese ihren Vater allmorgendlich zum Brunnen be­gleitete. Auf der Kurpromenade, bei den Klängen lockender Straußscher. Walzer fydtte der alternde Mann sein Herz verloren; vielmehr sein Herz und sein Verstand machten einen Pakt:Das ist eine Frau für dich, die hat deinem glänzenden Haus nur noch gefehlt, die wird zu repräsen­tieren verstehen, und aus vornehmer Familie ist sie auch!" Er brachte jeden Tag ein Bouquet; keine Rosen, nein, Orchideen und seltene Wunderblumen, ganz Kisfingen turn' in Aufregung über diese exotischen Prachtgewtnde. Das schöne Mädchen, das mit Vorliebe einfache, weiße Kleider trug, neigte dankte ein wenig den Kopf.

Sie tvar durchaus nicht kokett; und war sie's früher einmal gewesen, so hatte sie's in letzter Zeit aufgegeben, es stand ihr nicht mehr. Ein flüchtiges Lächeln um den stolzen Mund war alles; sie ermunterte nie den reichen Bewerber, obgleich es der kommandierende Papa an Gelegen­heit nicht fehlen ließ. War Herr Arnheim ihr angenehm? Wer konnte das wissen ! Sie war immer gleichmäßig freund- lich, gleichmäßig ruhig, keine Spur von dem sieghaften Wesen, mit dem sie einst die Leutnants an ihren Triumph- wagen gespannt. Es war nun Zeit, eine gute Partie zu machen, also allons! Und klug war sie. Das verräterische Licht, das mitunter in den Tiefen ihrer großen Augen auf­dämmerte, verschleierte sie rasch mit den schöngebognen .Wimpern. Herr Arnheim erklärte sich und. wurde akzeptiert; Ittit dem gleichest' Lächeln, mit dem. sie feine Orchideen-- bouqnetts genommen, nahm sie seine Hand.

Und jetzt war sie die schönste Frau in Berlin und gab die glänzenden Assenblees. Alles, was zur sogenannten Gesellschaft gehört, Garde, allerhöchste Finanz, zunt Herren­haus anwesender Landadel, sogar eine .jüngere Hoheit, wachten sich ein Vergnügen daraus, Rauchstraße 3 zu'er­scheinen. Mit bildenden, malenden, singenden Künstlern, 'Schriftstellern und dergleichen itraten die Wände tapeziert.

Heute stand Frau Anselma Arnheim an der Tür des großen Saales, der die ganze Vorderfront der ersten Etage pinnimmt und empfing ihre Gäste. Auf dem wundervollen. Packen funkelten die Steine, ihr edles Profil erhob sich scharf ime das einer Gemme von der mattgelbeu Seiden-' tapete der Wand. Hundert Glühlichter funkelten in den Birnen des Kronleuchters, an den Kandelabern in den Nischen; kein wärmerer Strahl verfing sich in dem weißen Gesicht. Sie hatte unglaublich rasch gelernt, große Dame tzu sein.

A Ihr Mann sah sie bewundernd an, leise drückte er Kren Arm.Herzchen, Osten ist noch nicht da! Fatal, Kaß er so spät kommt, er soll doch den Tanz arrangieren! Was meinst du? Er wird doch kommen? Ich bin ganz stnruhrg!" Arnheim trat von einem Fuß auf den anderen, ter war immer etwas aufgeregt, wenn er Gäste bei sich sah.

Sie ließ einen raschen Blick über ihren Mann streifen.

vom Scheitel, seiner grauen Haare Mer die ganze untersetzte Figur, dann drehte sie den Kopf ab.Er wird schon kommen!" Sie sagte das sehr gleichgültig, und doch lag eine versteckte Ungeduld im Ton. Jetzt blitzte ein eigentüm- nches Funkeln in ihren Llugen auf eben trat Hauptmann von Osten mit Gemahlin ein. Er sah famos aus, den Schnurrbart aufgedreht, die gelockten blonden Haare über der weißen Stirn, schön und jung und männlich!

Arnheim umarmte ihn; er hätte das nicht tun sollen, der Vergleich, den Anselmas plötzlich finster blickende Augen darstellten, fiel nicht zu seinen Gunsten aus. Er paßte gar nicht hierher, der Mann mit der ungeschickten Figur und dem Alltagsgesicht er hatte nie einen gutsitzenden Rock, trotzdem der erste Schneider für ihn arbeitete.

Sie wandte sich hastig ab und reichte der kleinen Frau von Osten die Hand.Ah, also endlich auch einmal mit-, gekommen, Agnes?" Sie sagte das ganz freundlich, aber ihr Gesicht blieb vollständig gleichgültig dabei, als ob sie gegen eine Wand spräche; ihr Blick streifte kaum die zarte Gestalt.

(Fortsetzung folgt.)

Wintersport im Vogelsberg.

Von Karl Neurath.

(Schluß.)

Das ist gerade die schöne Eigenart dieses wunderbaren, leider immer noch so wenig gekannten Landstriches, den wir Vogelsberg nennen, daß die hehre, feierliche Stille hoch­ragender, herrlicher Wälder mit weiten, fruchtbaren Fel­dern ^abwechselt, daß kahle, wunderliche Höhen, dem an der Straßen Enge gewöhnten Auge eine erhabene Rund­schau bieten. Und erst in seiner Winterpracht! Weite, weiße Flächen in krhstaklener Helle und stille Wälder mit tiefverschneiten, wuchtigen Bäumen, die au die alten, schönen Märchen erinnern. Ja, es ist märchenhaft schön. Und über all dieser schweigenden, erhebenden Schönheit ein blauer, strahlender Himmel oder das tolle, trubelnde Gewirr trei­bender Flocken.

Das ist der Winter!

Wer hat ihn gekannt, diesen herrlichen deutschen Win­ter mit den klaren, glänzenden Schneefeldern, dem selt­samen, überwältigenden Zauber, der Seele und Sinne ent­zückt, das Herz erhebt, und die Wangen mit roten: Blute färbt? Wer, der nicht auf Schneeschuhen hi'nausgewandert ist aus des städtischen Alltags graudüsteren Fron, um sich auszutoben in der frischen, schneidenden Winterkälte, um wieder einmal frei zu sein, ein Mensch für sich, ohne auf der Umwelt abschleifende Gemeinschaft Rücksicht nehmen zu müssen? Keiner!

Die Herrlichkeit des Winterwäldes erschlossen zu haben, der Uns seit Jahrhunderten ein verborgener Hort war, das ist das ureigenste Verdienst der Schiläufer, die freudigen Herzens in die winterliche Natur hinauszogcu, um Herz und Sinne zu erholen und zu stählen, um sich frei zu fühlen und schnell lote ein Vogel über die weiten Hänge dayiuzusausen mit gespannten Sebuen und blitzenden Augen. Der Sommer ist herrlich, aber der Winter nicht weniger, und nur dem Schiläufer steht auch im Winter die Welt offen.

Leider ist es nicht jedem vergönnt, große, tagelange Schifahrten zu machen, es fehlt den meisten zwar nicht an dem guten Willen, und auch nicht an Ausdauer und Kraft, aber meistens an der nötigen freien Zeit. Die nteisten Schiläufer haben nur den Samstag nachmittag und! den Sonntag für sich, und! da ist eine große Wanderfahrt nicht gut. zu ermöglichen. Wie lange muß man manchmal auch mit der Bahn fahren, nnt an ein geeignetes Gelände zu kommen. Und gerade, darum ist der Vogelsberg so emp­fehlenswert und so angenehm, weil er so lohnende Rund-- fahrtet: ermöglicht und auch dem reiferen Läufer immer' noch beachtenswerte und schwierige Aufgaben stellt. Ist es doch der Wunsch des Schiläufers, der richtig sportmäßig läuft, daß nicht alles «glatt und mühelos gehe, wie das Speckschneiden, sondern daß Geist und Körper'zu besonderen Leistungen erregt werden, daß Kunst und Mut die Hinder- uisse des Weges überwinden und ob es noch so toll sei.

, Hei, das ist eine Lust! Pfeilschnell die Rennbahn hinab, mit kühnem Sprung über einen gestürzten Kameraden, rn keckem, scharfen Bogen nach, rechts, dann bergan zum Bilstein, einem spitzigen Basaltkegel, und mit vorsichtigen