Ausgabe 
25.11.1909
 
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DsMerstag den 25. November

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Rheinlandstöchter.

Roman von Clara Viebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

10. Februar.

Lange habe ich nicht geschrieben, ich habe mich ge- filrchtet, ich war zu betrübt.

Wenn ich am Tag mit Felicitas spielen kann, geht's ganz gut, aber abends, wenn sie schläft oh und die langen Nächte!

Er sagt, ich schliefe wie ein Murmeltierchen, mein Gott, ich tue ja nur so! Er weiß nicht, daß ich wach Hege und auf ihU laure die Uhr schlägt eins, zwei, drei, manch­mal vier und endlich kommt er dann! Er summt auf dein Korridor zwischen den Zähnen; wenn er sich auszieht, lacht er leise in sich hinein. Er sieht gar nicht nach mit hin, er legt sich auf die andre Seite und schnarcht.

Ich könnte manchmal vor Schwertz schreien, und ich habe ihn doch so lieb lieb gehabt, müßte ich sagen! Aber nein, nein, das will ich nicht sagen! Ich habe ihn lieb und werde ihn lieb behalten, er ist der Vater meines Kindes. Gott im Himmel hilf uns!

Warum bin ich auch nicht so geistreich und nicht so schön wie Anselma?! Er kann das verlangen, er ist selbst ein glänzender Kavalier, alle Damen verwöhnen ihn. Ich will mich hübsch machen, so gut ich kann, ich will gesprächig sein, ich will immer mit ihm in alle Gesellschaften gehen ?felicitas ist wieder kerngesund, ich habe ja gar teilte Ent- chuldigung mehr ich will auch nicht empfindlich sein.

Ob sie ihn wohl liebt? Ich weiß nicht, ob sie überhaupt lieben kann. Sie ist schön, vornehm, kühl nur einmal habe ich Blicke gesehen Carlo saß ihr gegenüber Blicke! . , , .

Ich möchte meine Aügeu ausweinen und blrnd sein für alle Zeit. , . , . , _

Mer scheiden lasse ich mich mcht. Nein, Niemals! Feli­citas soll ihren Vater behalten, sie soll nicht das Kind geschiedner Eltern sein, es fällt sonst ein Flecken auch auf sie; vor der Welt bleibt alles untadelig, und mein Kind wird nie einen Mangel empfinden. Meine Felicitas, drr zu Liebe, dir zu Liebe!" *

15. Februar.

Er ist jetzt nicht mehr so heiter, er ist in den letzten Tagen, unruhig, verstört, hastig. 'Er kommt zu mrr und sitzt bei mir und spricht viel mehr mit mrr als sonst, er ist auch zärtlich ich weiß es, seine Zärtlichkeiten gelten einer andren. Es ist, als ob er bei mir Schutz V°r Es" hat"ihn gepackt. Ich sehe die Leidenschaft in seinem Milge, ich fühle die Leidenschaft am Beben seiner Hand tos Leidenschaft für eine andre.

Ich bin ihm nicht böse, ich bin nicht mal empört, ich sage ihm kein Wort. Ich bin nur so unglücklich. WiS soll das enden?!

O, das Leben ist sehr traurig!"

*

19. Februar.!

Heute hatte ich eine große Freude. Ich wußte wohl, daß Nelda Dallmer mit ihrer Mutter in Berlin lebte; sie wohnten schon hier, als wir noch in Koblenz waren, Ich hatte ihr damals nicht einmal ordentlich Wien gesagt, sie zogen Hals über Kopf fort, man kam gar nicht pocht zur Besinnung. , ,

Als der Regierungsrat starb, ivar so viel Klatsch in der Stadt; sie redeten alle über Nelda. Da war ja auch allerhand Komisches passiert, Nelda konnte sich eben nicht in den Rahmen der kleinen Stadt fügen; war sie auch darin geboren, sie war doch ei» freier Vogel im Hühnerhof.

Arme Nelda, wenn ich auch so fein könnte wie du! Ich kann dich jetzt besser verstehen! Ich glaube, ich hab« mich damals auch falsch benommen, ich hätte mich nicht einschüchtern lassen sollen, ich hätte zu ihr halten müssen, Carlo verbot mir, sie zu besuchen; wir begegneten uns wohl mal, aber ich war gezwungen und besangen, sie kam auch nicht mehr zu mir. Und eines schönen Tages war sie weg, nach Berlin gezogen. Cs tat mir sehr leid, ich wollte ihr gern schreiben, aber ich traute mich nicht, jemanden nach ihrer Adresse zu fragen. Als wir nach Berlin ver­setzt wurden, habe ich wohl au Nelda gedacht, aber wie das so geht!---- , , _

Und heute mittag bin ich ihr begegnet! Im Tier­garten war's. Ich erkannte sie gleich, obgleich sie lang­samer als früher ging und ruhiger. Sie trug eine NotenroH« int Arm sie hatte an der Hochschule studiert, es aber nicht besonders weit gebracht, nun gebe sie billige Klavierstunden. Sie sali sehr nett aus. Mich erkannte sie erst mcht, das glaub' ick wohl! Mehr als vier Jahre hatten wir uns. nickt gesehen, vier Iahte verändern! , _

' Sie hat doch sehr schöne Augen, es ist nur früher nw so ausgefallen. Und was für einen tiefen Blick die haben, als ob sie in einen hineinseheti! Ich freute mich so, daß ich weinen mußte; sie gab mir einen Kuß, und nun wollen wir uns öfter sehen. Zu mir kommen will sie nicht, aber ich werde zu ihr gehen und auck Felicitas hinbtingen. Sie wohnt in der Oranienbutgersttaße; sie haben eine Art Pension, sagt sie, weil es ihnen sonst zu teuer ist und ihr«. Mutter immer gern Abwechslung hat. Ob es ihnen schlecht gebtSie wohnen drei Treppen und nicht tm Westen!

Fetzt weiß ich, ich werde nicht so viel mehr tu metn Buck? schreiben, ich will Nelda manches erzählen. Was die Leute von ihr gesagt haben, glaub' ich nicht; und ivenn es auch wäre, ist sie darum schlechter?

Ich stecke so mitten drin in der Schuld; ich sehe rechts, ich sehe links, es ist nichts, wie es fein soll was werden Carlo und Anselma machen?'^