Ausgabe 
25.10.1909
 
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Mtur als Ganzes und in allen ihren Einzelheiten u'nd er vev- slcht sie. Wie er sie sieht ttnid auf sich wirken läßt, gibt er sie wieder. Seine Landschaften sind fast immer belebt, je nach- den Umständen Mit Ziegen, Schafen, Kuhherden, Pferden, Menschen, schassend, ruhend, wandernd. Gar ost hat er länge sinnend uui) träumend die Schönheiten der Natilr betrachtet und in sich anf- gesogen. Davon ist ein gut Teil in seine besten Bilder übers- gega»gen, so daß auch wir sinnend davor stehen bleiben und uns schwer wieder losreisten können. Der empfangene Eindruck ist bleibend. Ich will nur an ein Bild erinnern, wo man durch ein offenesFeilster in eine sonnige Parklandschast blickt mit grünen Grasplätzen, blühendem Gebüsch, einem Schloß inmitten von Baumgruppen und dem lichtblauen Himmel darüber. Auf dem Fensterbrett stehen Töpfe mit Vergißmeinnicht und Goldlack, da- zwischen liegt ein aufgeschlagenes Buch. Wir meinen, es müsse jemand dasitzen, dec eben das Buch fortgelegt hat und nun träu­mend in die Landschaft sieht. Oder: Rheinlandschaft bei Säckingen rn abendlicher Stimmung. Die bläulichen Berge in der Ferne heben sich kaum noch vom Himmel ab. An zwei Stellen blitzt ans der Landschaft der Spiegel des Flusses durch-, in der Mitte steht ein Bauernhaus, von Baumgruppen umgeben und vorne links am Gartenzanni plaudern unter dem blühenden Hollunder tzw-ci junge Leute. Eine köstliche abendliche Ruhe und Harmonie spricht aus dem Bilde. Oder wir schauen mit den Hühnern, die den Hals recken, dem Schulbuben- zu, den abseits vom Hause unter einem Busch sitzt und, vom Kätzchen umschmeichelt, seine Aufgaben auf der Tafel ausarbeitet. Wir schauen den raufenden Knaben zu, oder den auf blumiger Wiese Reigen tanzenden Kindern, dem im Garten Geige spielenden Knaben mit der schnurrenden Kätze zur Seite, oder der Mutter mit dem schlafenden Kind im Arm unter dem blühenden Flieder, dem Mädchen, das, auf dem Hofe sitzend-, die es umgackernden Hühner füttert. Wir freuen uns herzlich an dem Kindlein, das, nur mit dem Hemdchen angetan, auf einem Kissen sitzend und von dec größeren Schwester bewacht, mit ver- w'nnderten Augen auf die Küchlein und Hühner rings herum schaut und von letzteren angestaunt wird. Gespannt lauschen wic mit dem Knaben in Hemdsärmeln den Geschichten, die Großmutter, in der Dämmerstunde int Garten sitzend, ihm aus deut großen Buch-e auf ihrem Schoß vorliest. Und wir schauen mit dem .Wanderer, der im Vordergründe auf der beschatteten Höhe liegt, in die weite sonnige Gebirgsländschjaft, die sich- im Hinter- grnnds auftut. Stundenlang können wir dem zuschauen, was Thoma uns in seinen Bildern schildert. Abwechslungsreich ist der behandelte Stoff trotz vielfacher Wiederholungen. Scharfe Beobachtungsgabe, die große Liebe zur Natur und das Verstehen derselben kommen in all seinen Werken zum Ausdruck, sowie seltene Harmonie; alles Schreierische, Aufdringliche, Effektvolle ist ihm verhaßt.

Bei seinem innigen Naturempfinden ist es eigentlich selbst- v-erständlich, daß er seine Landschaften fast nur mit Landlenten belebt und sein feines Kunstempfinden läßt ihn nie gegen eine, vorzügliche Raumverteilung verstoßen. Dazu gesellt sich- Gr-- zügigkeit in der Auffassung- und Wiedergabe trotz seiner Gewissen­hastigkeit in der Arbeit. Im Kolorit ist er Meist zurückhaltend. Wenn man Thoma einen Heimatkünstlec nennt, so kann dies nur im besten Sinne des Wortes gelten, niemals aber als Einschränkung seiner vielseitigen Kunstschöpsungen. Er liebt die Natnr und schildert ihre Schönheiten da, wo er sich gerade befindet. Ob es in Italien ist oder irgendwo in Deutschland, am Rhein, Main, an der Nidda, im Taunus, im Vogelsberg, oder im Schwarzwald-, das ist ihm gleich'. Daß er sein schönes Heimatland so vielfältig schildert, ist natürlich, er kennt es am besten und hat es lieb, M er seine Jugend und auch , einen großen Teil seines späteren Lebens, oft wohl notgedrungen, dort verbracht hat. Die Liebe zur Heimat hat- er bis ans den heutigen Tag bewahrt, dafür haben die Bernaner ihn- jetzt auch zu ihrem 'Ehrenbürger ernannt.

Thoma ist mit bedeutenden' Künstlern in Berührung gekommen lind hat teilweise Freundschaft mit ihnen geschlossen fürs Leben. Viele große Kunstwerke- hat er Hesehen- in Italien, Frankreich, Holland und England. Aber diese äußere Anregung hat er mir benutzt, nm seine eigene Art immer gründlicher auszubilden und iu vertiefen. Neben den rein landschaftlichen Bildern drängt es ihn oft auch die Gebilde seiner Phantasie herrschen zu lassen, lind wir sind verwundert, tote gestaltungsreich diese ist. Neben dem Ackerpferd schreitet der Nachdenklich Mimkehrende Land-mann Und ahnt nicht, daß ein kleiner Amor sich ihm schelmisch bei- acsellt hat. Ein' Engelchen macht den tanzenden Kindern zit ihrem srolcn Reigen liebliche Musik, andere Putten treiben ihr lustiges Wesest in der Lust, schlingen Reigen, musizieren auf Wolken sitzend, und sehen vergnügt auf die 'Erde herab- Auch das Meer be­völkert Thoma Mit köstlichen Phantasiegestalten. Sein innig from­mes Gemüt, das sich in all seinen Schöpfungen zeigt, läßt ihn immer wieder zit religiösen Motiven hinneigen. Wir sehen solche von Zeit zu Zeit stets einmal' wiederkch-ren, aber vorwiegend hat er sich in beit: letzten Jahren damit beschäftigt. Der eine Saal der neuen Karlsruher Thoma-Galerie enthält einen ganzen Zyklus biblischer Gemälde- -Neben' all diesen- malerischen Schöpfungen hat er sich auch viel mit Zeichnen befaßt. So ist er nach und nach wieder auf die Lithographie znrückgekom- men, die er als Jüngling flüchtig erlernt hatte. In dieser

Manier hat er dann die herrlichsten Kunstblätter geschaffen, die den Künstler in weitesten Volkskreisen bekannt und beliebt machten. Wer kennt den Zanber nicht, der von diesen Blättern ausgeht? Jn tiefer Dämmerstunde sitzt der junge Geigenspieler unter den Bäumen des Gartens, ganz in seine Musik versunken, ihm zur 'Sette das sauste Leuchten der Feuerlilien, und der Mond- über­gießt das ganze Bild mit silbernem Glanz. Ein andermal sitzt die Großmutter unter dem blühenden Baum im Garten und singt der kleinen Enkelin ein Schlummerlied. Dann wieder hat sie die beiden Enkel zur Schummerstunde in bett Garten geholt, um ihnen herrliche Märchen zu erzählen, währeub bie Katze auch von bem geheimnisvollen Zauber ber Stunde gefangen zn sein scheint nnb der Monb langsam über bie Dächer wanbelt. Sein Selbstporträt int Garten, oder dasjenige des alten Bauern, die kraftvolle Gestalt des Säemanns, der säend über das Feld schrei­tet, oder die intimen Ausschnitte ans den Schwarzwaldgärten, sie alle sind Allgemeingut geworden. Wir sehen Thoma so feine Kräfte immer reicher entfalten bis in sein hohes Alter hinein', und dürfen wohl hoffen, daß noch manches Kunstwerk unter seinen Händen entsteht. .Aber selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, hätte er uns doch überreichlich mit köstlichen Werkest von bleibendem Werte beschenkt. L.

Die Inschriften Stadt.

Aus der russischen ZeitungRjetsch" hat Julius' Briesemeister demTürmer" ein paar sehr bemerkenswerte Glossen zur Ver-- sügung gestellt, wonach Berlin zwar noch nicht die schönste Stadt der Welt ist, aber die- ... am reichlichsten und am geschicktesten plakatierte" Stadt ber Welt.

Ich traf, plauderte ber russische Beobachter, in Berlin einen interessanten Laudsmaun von mir, halb russischen Bauer, halst Kaufmann, dec eilte Ladung Tarmwursthäute nach Berlin schasste. Mein drolliger Landsmann liest erträglich deutsch und versteht so ziemlich die Halste des Tnrchgelesenen, aber er kann auch nicht ein einziges Wort aussprechen, und- die mündliche deutsche Sprache ist ihm ganz und gar unverständlich.

Ja, wie helfen Sie sich denn," fragte ich ihn,wenn Sie etwas fragen müssen-"

Ach, dies ist nur bei Uns in Rußland nötig, auf Schritt und Tritt zn fragen, aber hier hat es' keine Not. Alles ist doch ge­schrieben-: WoEingang" und woÄus-g'aug" und w-oDrücken" und woZiehen" und wo2 Stufen oben" und wo2 Stufest unten" und woFahrkarten bereit" usw. Gehe ich wohin, dann lese ich alle Inschriften und merke sie mir. Und- es ist so bequem und geschickt mit diesen Anffchristcn-! Ich komme %. B. an den S-traßen- wegweiser und sehe sofort, in welcher Richtung die mir not- Wendige Hausnummer sich befindet. Ich nähere mich der Tür- und weiß sogleich, wie die Tür ausgemacht wird. Ich habe hier z. B. Geld per Postanweisung nach Rußland geschickt und habe nicht ein einziges Wort dabei fragen müssen, ich habe nur zit lefett brauchen. Ebenso auf den Bahnhöfen. Welche Fragen hat man da nötig! Man liest nur, was- geschrieben steht, und mast weiß alles besser als der Schaffner selbst."

In der Tat, Aufschriften', welche auf alle halbwegs vernünf­tigen Fragen) die im Kopfe eines ankommenden Fremden odep an das Großstadtleben nicht gewöhnter Menschen entstehen können, Antwort geben, machen eine charakteristische Besonderheit Ber­lins aus. Wie ein besorgter Freund- begegnet Ihnen die Auf­schrift am Eingänge irgendeiner Berliner Institution, wie ein alle Winkel und Mauselöcher kennender Führer leitet diese Sie in alle Stockwerke und Säle, und wie ein liebenss- würdiger Hausherr geleitet sie den Fremden wieder zum- AnK- gaug zurück. Manchmal haben diese Inschriften einen geradezu! rührenden! Charakter, z. B.Vergessen Sie nicht Ihren Spazier- stpck!" Und Sie brauchen sich nicht lange- nach einer JnschrifÄ nmzusehen, diese sucht vielmehr Sie. Sie sind stehen geblieben! im Zweifel, welchen Ausgang Sie wählen sollen, aber da. . . drängt sich eine Aufschrift schon in Ihre- Augen, sucht Ihre Auf- merksamKit aus sich zu lenken' und zerstreut alle Ihre Zweifel wie mit einem Schläge. Wie von- einem' Ariadnefaden werden' Sie- mitt-els der Inschrift durch das Labyrinth des modernen Berlins geführt. Es ist tatsächlich kaum notwendig, zu fragen. Mein Därmehändler hatte recht, und Sie finden überall einen gedruckten Ratschlag oder eine notwendige Antwort.

Im Hotel fällt Mir sofort eine dreisprachige Inschrift auf, die mich auf philosophische Betrachtungen bringt.

Di-e Hotelv-crwaltnng bittet seine höchst geehrten (most vcne- rabl-es) Besucher. . ." In tiefen Bücklingen wendet sich bie Aufschrift an bie Engländer.

Messieurs les visiteurs sont pries . . Mit leichter Ver­beugung redet sie den Franzosen au.

Es ist streng verholen, die Zeitungen u'nd Zeitschriften auf seine Zimmer mitzuneh'm'cn," richtet sic sich ohne weitere Umstände ast den Deutschen.

Ja, wie ist dies zu verstehen? Ist es eilte Grobheit oder nur einfach Geschästssprache?

W-äs öS auch bedeutest mag, das französische. s. v. P. 0 tl Mts pla.it) übersetzt man gewöhnlich int Deutschen mit dem Worteverboten".