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Er stieß die Worte Mischen znsaininengebissenen Zähnen hervor. „Nehmen Sie das zurück!"
„Fällt mir nicht ein, auf diesen Ton schon ganz! Und gar nicht!"
„Sie — Sie sind —"
„Noch lange nicht so betrunken tote Sie. Adieu!" Mit einem kalten Lächeln hatte der Aeltere sich verneigt, die Tür fiel hinter ihm ins Schloß. Wütend wollte der Jüngere nach, fünf, sechs Arme umschlangen ihn, man ließ ihn nicht los, man zerrte ihn in den Saal zurück.
„Röntheim, Ruhe! Er hat stark getrunken, Sie haben stark getrunken, morgen macht sich das alles. Jetzt nur uicht nach, um Himmelswillen!"
„Ich fordre ihn — fordre ihn," keuchte der Kleine. „Schieß ihn nieder — lassen Sie mich — los!" Er schlug um sich, sein sonst ewig lachendes Gesicht war verzerrt. „Meine Ehre — Lügen — Lügen — meine Ehre!" Er Weinte fast vor Wut und strampelte nnt Händen und Füßen Wie ein ungebärdiger Junge. Das war ernst; die andren machten große Augen und setzten eine feierliche Miene auf.
„Ja, Sie Werden Wohl nicht umhin können; das ging über die Hutschnur" meinte einer.
Der junge Strehlenheimb drängte sich heran. „Röntheim, Wenn Sie einen Sekundanten brauchen —"
„Viel zu jung", schnob ihn ein Premier an. Wie schade ! Strehlenheimb Wäre für sein Leben gern dabei gewesen; Was Würden da die Cousinen Müumi, Lilli und Titti für Linen Respekt bekommen! Das War ein Ereignis.
Osten War die Sache höchst unbehaglich; er Wußte selbst, nicht Wieso, aber er fühlte sich etwas getroffen, jener Blick von Xylander hatte ihm gegolten — verteufelt unangenehm! Er blickte um sich — die Physiognomie des Saales so gänzlich verändert — der abgegess'nx Tisch, die zusammen- geknüllten Servietten am Boden, verschobene Stühle, Speisengeruch, Zigarrendampf — der Weindunst verflog ihm, er fühlte sich schwer inr Magen, gottsjämmerlich, im Kopf. Es flog etwas Zerrissenes, Zerfetztes durch die Luft !—, die letzten Stücke einer Mädchenehre. Auch eine Ehre, so gut Wie die des Mannes, nur zarter, spinnwebfeiner! Ae, zum Teufel, was würde Agnes sagen?!
„Osten", — er fühlte Röntheims Hand auf feinem Arm und schrak fast zusammen — „Osten, morgen — nein, abend noch Ehrengericht anzeigen — fordre ihn in meinem Namen 7— den — den —" Der Wütende schnappte nach Luft.
Allgemeiner Tumult, Ratschläge jeglicher Art, man drängte sich um den Löwen! des Tages; nur Kalbshorn schlich zur Tür hinaus. In der Garderobe War niemand mehr. Er lief Hurter Xylander drein. An der Schiffbrücke erreichte er ihn. Es war dunkel, der Schnee fiel dicht und legte sich Wie ein Pelz auf Schultern rrnd Mützen der Offiziere.
„Xylander," sagte Kalbshorn und stimmte den Ton auf das gedämpft Düstre unheilvoller Prophezeiungen. „Sie Werden sich schlagen müssen, es ,kommt zum Duell; darf ich mich ihnen anbieten?" Er fühlte sich vollständig als aufopfernder Freund rurd Vertrauter. „Rechnen Sie auf mich, ganz der Ihre!"
. „Wie — Was meinen Sie?" Lylander war in tiefen Gedanken gegangen, jetzt fuhr er auf.
Der Arme! Mitleidig sah ihn Kalbshorn von der Seite an !—sobald zu scheiden von der schönen freundlichen Gewohnheit des Daseins und Wirkens! Er drückte ihm die Hand. „Du hast als Held getan! Der Mut ist's der den Ritter ehret, du hast den kühnen Geist bewähret! Verehrter Freund, gestatten Sie, daß ich Ihnen meine BeWnn- derung ausspreche; sie haben sich in einer Weife benommen r- alle Achtung! Verfügen Sie ganz über mich. Sollten Sie Bestimmungen im Fall Ihres Todes treffen wollen, seien sie versichert" — er drückte ihm wieder die Hand.
„Ihre Familie findet an mir einen treuen Berater, Ihre Kinder, Ihre Frau Gemahlin!"
Das war's! Xhlauder zuckte zusammen — Was Würde Elisabeth sagen?! Kein Gedanke War zu ihr geflogen. Er stöhnte und scheuchte mit der Hand durch die Luft, als! wolle er ein Bild verjagen, das immer und immer wieder sich vor ihn drängte — da stand es im Schnee der Brücke
„Es ist hart" — er legte die Hand auf den. Arm des neben ihm Schreitenden — „kein Blut Wird die Flecken vom Namen jenes armen Mädchens wegwaschen. Schmach über eine .Welt, in der die Ehre schutzlos jedem Hauch des Verleumders preisgegeben ist!" Er schluckte ein paar
mal, als ob er etwas Widriges hinunter würge. „Schweigen wir lieber davon! Wir leben ja bloß in Einbildungen; bilden wir uns ein, es sei so in der Ordnung. Nur daß kein Blut, weder seins noch meins, den Makel von ihr nimmt, das ist furchtbar!" Er drückte die Äugen für einen Moment zu, ein schmerzlicher Ausdruck glitt über sein Gesicht.
„Ja, im Gegenteil" — Kalbshorn zog die Brauen in die^Höh' — „man Wirb noch sagen. Sie hätten ein ganz! besondres Interesse für Fräulein Dallmer."
„Ich — ?!" Glühend schoß es Lylander über die Stirn; die Schneeflocken stachen ihn Wie spitzige Nadeln.
„Gefährlich ist's, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, jedoch der Schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn! Paßt wirklich ausgezeichnet hierher. Wahn! — Wahn! — Sie sollen sehen, lieber Freund, ja, ja, man wird schon so sagen! Aber hören Sie, Lylander, sind Sie wirklich ganz von Fräulein DallmerA Unschuld überzeugt, oder tun Sie nur so?"
„Meine Hand lege ich dafür ins Feuer. Würde ich mich sonst schießen? "Meine Ehre ist beleidigt in der angegriffenen Ehre einer reinen Seele. Und nun guten Abend! Haben Sie die Güte, mit den Herren das Weitere zu besprechen; ich danke Ihnen im voraus."
„Morgen mit dem Frühesten bin ich bei Ihnen!" Kalbs- horn War Feuer und Flamme, er sprudelte vor Eifer. „Ganz zeitig, ja ja, ganz zeitig — rechnen Sie auf mich, werde alles in Gang bringen — unentwegt der Ihre, der Ihre!"
(Fortsetzung folgt.)
han§ Thoma.
(Original-Artikel der Gießener Familienblätter.)
II.
Will man Thoma's Eigenart als Maler kennen lernen, die in all' seinen Werken mehr oder weniger stark ausgeprägt ist, so genügt schließlich das Versenken in wenige gute Bilder, will man aber die umfassende Gestaltungsgabe, die reiche Phantasie des Künstlers und seine verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten kennen lernen, so kann man nicht genug von ihm sehen. Alle scinla Sachen kann man wohl nicht erschauen, der Verbleib von manchen ist unbekannt, weitaus die meisten sind in Privatbesitz, darunter! einige als Wandgemälde. Aber in den letzten Jahrzehnten gab es doch mannigfache Gelegenheit, den Kindern seiner Kunst näher zu treten. Seit einer Reihe von Jahren ist er wohl auf fast allen großen Ausstellungen vertreten, und seine Werke haben ihren Einzug in, die Museen und Galerien genommen. Auch durch Die überall stattsindcnden häufigen Sondernusstellungen ist das Verständnis für ihn in immer weitere Kreise gedrungen. Anfang Oktober wurde eine solche Ausstellung in Frankfurt geschlossen und eine vielleicht noch umfassendere in Karlsruhe eröffnet. Außerdem lvurde daselbst die neue Thonragalcrie der Oeffentlichkeit übergeben.
Etwa 1OOO Bilder sind von ihm bekannt. Damit soll natürlich nicht die Bedeutung des Künstlers bemefsenl werden; wohl aber bekommt man durch diese Zahl einen schwachen Begriff Volt seiner erstaunlichen Produktivität, wenn mau die Gewissen Hastigkeit und Gründlichkeit seiner Arbeit kennt. Thoma ist eine starke Künstlernatur mit ausgeprägter Eigenart und unermüdlich drängt es ihn, seiner Kunst zu dienen, zur eigenens Befriedigung zunächst, dann auch zur Freude seiner Mitmenschen und Nachwelt. Tie Zeitgenossen haben ihn ziemlich spät „entdeckt", aber die Nachkommen werden ihn zu würdigen wissen. Tenn Thoma's Werke sind keine Blender, die für den Augenblick berauschen, aber nach kurzer Zeit dem Gedächtnisse wieder ent» schwinden; sie sind tiefinnerlich erlebt, geben ein klares Spiegelbild, einen bleibenden Niederschlag seiner Phantasie, seiner Seele.
Wir wissen; daß er im südlichen Schwarzwald, dessen große landschaftliche Reize wohl vielen bekannt sind, seine Kindheit Und 'zum großen Teil seine Jünglingsjahre verlebt hat. Er' lvurde durch'nichts abge'leNkt, deshalb prägten sich die in der Jugendzeit empfangenen Eindrücke bei seiner starken künstlerischen Beranlaj-- gung tief in sein Formengedächtnis ein. Er liebte seine Angch hörigen, namentlich 'seine Mutter, wie sie ihn mit Liebe umfingen, liebte die lang auseinaudergezogenell Schwarzwalddörferj in den großen Talmulden mitsamt dem! Vieh! und Menschen, die schönen Tannen, die Blumen, Bäche, die Wellenlinien der Hügelketten mit dein blauen oder bewölkten Himmel darüber. In seinem Geiste formte sich "das Geschaute zu Bildern, er süchts sie wicderzugeben, zuerst stammelnd und unbeholfen, dann Nach Ausbildung im Zeichnen und in der Technik formvollendeter. — Bei meinen Streifzügen in der Gegend seiner Heimat bin rch auf manches Jngeiidwerk von ihm gestoßen und roar, erstaunt über das Können des Anfängers, über den Ernst und die Wahrheitsliebe, die aus den Bildnissen sprechen. Thomä liebt ms


