Ausgabe 
25.10.1909
 
Einzelbild herunterladen

Montag den 25. Oktober

Er

m

«SFsrs»

i H

)t909 Nr. (62

J' 4

ÄÄ

&

Rheinlandstöchter.

Roman von Clara Biebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Unten, vom anderen Ende der langen Tafel, kam eine Stimme her, die Stimme des Hauptmann Xylander.

Bon wem rederi die Herren so eifrig, wenn ich fragen darf? Irre ich nicht, von Fräulein Dallmer?"

Ja, jawohl schneidige junge Dame, wenn auch ein bißchen" Der eine schnupperte vielsagend in der Luft, die anderen lachten.

Ich muß doch sehr bitten!" Die lange Gestalt des Hauptmanns reckte sich; er war aufgestanden und stemmte die Hand auf den Disch, seine Augen funkelten hinter den Gläsern -des Kneifers, als wollten sie die Gesellschaft durch­bohren.Ich habe schon eine Weile zugehört. Herr von Röntheim, ich glaube Sie bereits einmal gebeten zu haben, unzeitige Scherze über genannte junge Dame zu unter­lassen. Was ift's mit Fräulein Dallmer?"

Allgemeines Stimmengewirr die Antwort, dazwischen die krähenden Tone des kleinen Röntheim:Nächtlicher Besuch bei Hauptmann von Ramer Ansprüche geltend gemacht * große Szene et cetera."

Das ist nicht wahr!" Tylauder stieß die Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.

,Dho" Leutnant von Mutheims lachendes Gcmun- gesicht zog sich in ernste FaltenHerr Hauptmann, wie können Sie sich erlauben, mir das ins Gesicht zu sagen?! Mit welchem Recht?"

Mit dem Recht der Wahrheit. Es gibt «Situationen, die Sie mit Ihrer Moral ebensowenig begreifen können, wie die meisten der Herren hier. Ein Mädchen kann einen Schritt übers Hergebrachte tun und doch so rein sein wie t wie" Er suchte nach einem Vergleich.

Quak, quak," qings unter dem Tisch.

Still, Strehlenheimb. Mund halten!"

Da höre einer den Hauptmann! Donnerwetter, i|t der stramm!"

Er hat einen sitzen und sucht Krakehl!"

Xylauder war sehr beliebt, aber heut hatte er aus- uahmsweis wenige auf seiner Seite. Was fiel ihm ein, Röntheim zur Rede zu stellen? Der hatte mm mal die lose Schnauze, das war fein Privilegium und höchst amüsant; das hatte der andere doch zu respektieren.

Seien Sie ruhig, Hauptmann, machen Sie doch der Dallmer wegen keine unbehagliche Stimmung! Was geht Sie.'s denn an?"

Biel, sehr viel! Fräulein Dallmer ist die Freundin meines Hauses, sajudre" ein Seitenblick streifte den Leut­nant von Osten, der ganz in seine Brotkneterei versunken schien,sollten das ebenfalls berücksichtigen! Wer in meinem Hause intim verkehrt, dessen Ehre ist auch die meine;

ich bin durch einen Angriff derselben ebenfalls beleidigt Zweitens finde ich es unwürdig, keinen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen, ein wehrloses Mädchen mit Schmutz zu be­werfen, ihr sozusagen die Ehre abzuschneiden. Pfui!"

Xylaiider hatte ruhig begonnen, mit jedem Satz wav seine Stimme gewachsen, dasPfui" donnerte er nur so über den Tisch. Unwillig stieß er seinen Stuhl zurück und ging mit starken Schritten auf Röntheim zu. Er pflanzte sich ihm gegenüber.

Der andere war gleichfalls aufgesprungen. Zwischen beiden war nur der Disch mit dem verzogenen Tafeltuch-, dem verkrümelten Brot, den Weinflecken. Eine beklommene Pause. Man räusperte sich verlegen, man wechselte Blicke und zuckte die Achseln. Die beiden starrten sich an.

Endlich: .

Ich ersuche Sie, Herr von Röntheim, -die Beleidigungen gegen Fräulein Dallmer zurückzimehmen. Und zwar hiev sofort!"

Fällt mir gar nicht eilt!" Des Leutnants ver­schwiemelte Angett verloren den wässrigen Blick.Auf diesen Ton hin schon ganz und gar nicht. Uebrigens" eme spöttische VerbeilgungSie echauffieren sich unnutz, Sache verhält sich so. Auf Ehrenwort!"

Da hören Sie's Hauptmann, sehen Sie!"

Nun still, um Gottes willen, machen Sie doch keinen Krakehl!" , ' , '

Mail drängte heran, man redete in Xylaiider hinein, man klopfte ihm ans die Schulter. Die Zivilisten hielten sich im Hintergrund was verstanden die von Offiziers'-

djtc?!

Ruhig, Hauptmann, verderben Sie den Spaß nicht!"

Bei Leibe nicht," schrie der dicke Aus der Hoh ängstlich, bei Leibe nicht. Werde ihnen eine Geschichte erzählen; Es war einmal ein Mann, der Ivar so stark"--- ,

Osten tuschelte Röntheim in die Ohren, dieser ließ sich widerwillig auf den Stuhl ziehen.

Ehrenwort Ehrenwort" lute Hohngelachter klang s vor Xhlanders Ohren. Durch einen Nebel sah er Nelda's Gestalt auftauchen; sie sah ihn an mit bittenden, tranen­vollen Augen, sie rang die Hände. Infamie, Lugen! lin- sanft machte er sich von den Umstehenden frei, mit einer gewaltsamen Anstrengung ruhig zu bleiben.Fraulein Dallmers Ehre ist rein wie der Schnee, der srisch vom Himmel gefallen ist. Ich gebe dafür ebenfalls mein Ehren- wort Wählen die Herren, welchem Ehrenwort sie mehr Glauben schenkeil wollen. Empfehle mich, ich bm nicht gewillt an einem Tisch mit jemandem zu sitzen, der fettt Ehrenwort für Lügen verpfändet. Adieu!"

Lügen---!

Totenstille, kein Mensch rührte sich. Der kleine Mul^ heim war kreidebleich geworden, er schüttelte Osten von sich ab, mit wenigen geschmeidigen Sätzen hatte er den Davoneilenden erreicht; er vertrat ihm den Weg.

Sie werden das zurücknehmen, Hauptmann Xylander!