Ausgabe 
25.9.1909
 
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übermütig, fortfuhr:Nun, Fräulein Flieduer, wenn nicht eine Dance zugegeir wäre, dann machte mir das herzlich wenig; heil ist der Strumpf ja zum G-lück, und mit dem Stiefel in der Hand, kommt man auch Wohl durchs ganze Land!"

Und damit setzte er sich, von ihr unterstützt, aufs Rad. Sv fuhren sie nun Seite an Seite hin auf der einsamen Land-- ffraße und durch die braune Heide. Gr sah sie hin und wieder! verstohlen an. Wie anmutig sie immer noch War, welch reines, schönes Profil! Ihm schien es, als ob die achtundzwanzig Jahre chr fast noch besser stünden, als die achtzehn. Nur um die großen Märchenaugen und um den weichen Mund lag doch, wenn sie so ernst und träumerisch, wie eben jetzt, still in die Ferne blickte, ettvas, das deutlich verriet, daß sie viel Leid erfahren, daß herbe Erfahrungen ihr nicht erspart geblieben. Und plötzlich verschärfte sich sein Blick, in diesem wundervollen braunen Haar blinkten schon SilberfädeN!? . . .

Und dennoch empfand er diese Wahrnehmung viel weniger als Borwurf, es tvar ihm beinahe wie eine freudige Genugtuung.

Sie hatte also doch gelitten! Vielleicht in stillen Stunden Noch heute nicht völlig überwunden. Tie Kinder der Heide seien treu in ihren Gefühlen, ein ganzes Leben hindurch, so hieß es. Unb er dachte an ihr Buch und an das Wort vom fonnigen Humor, der unter Tränen lächelt. Da sah er m >.tz dieHerbst- sonNe auf der Heide" plötzlich in völlig verändertem Licht.

Es schien ein sonniges', ein glückliches Buch. Aber lags nicht bei all der friedvollen Heiterkeit doch wie ein Hauch von Resig­nation, von leisem Weh darüber? So wie dem goldigsten Herbst­tage bei aller Farbenpracht, dem lachenden Sonnenschein nicht doch etwas von Schwermut fehlte?

Er mußte darum noch einmal, wo ja das Schicksal in stn- Verkennbarer Absicht so wunderbar sie zusamwengeführt, mit ihr von der Vergangenheit reden, er konnte nicht so darüber hinweg­gehen.

Ihn schrnerzte, tote' er vorgab, der Fuß plötzlich zu sehr, daß er ein Weilchen ruhen mußte. So zwang er sie, sich neben ihn Unter die goldigen Birkenbäume zu setzen.

. Da fuhr ein Windhauch durch die Kronen und ließ in neckischem Spiel unzählige leuchtend gelbe Blättchen auf sie herniederrieseln.

Einstmals, da sie dem Frühling sich vermählten, standen sie iiN lichtgrünem Hochzeitskleide, und, da sie des Herbstes Braut geworden, prangen sie in goldenem Gewand . . .!"heißt es nicht ähnlich in der Herbstsonne?" fragte er sie plötzlich ünd sah ihr forschend ins Gesicht.

Ein helles Rot stieg jäh ihr in die Wangen.Sie wissen-? Und lasen die Herbstsonne!?"

,5,0.! Und erkannte auch die Verfasserin!"

Und wie wie urteilen Sie? Natürlich abfällig, Frauen, die schrieben, toteren nicht Ihr Genre wenigstens damals nicht!"

Nun also berührte auch sie zum erstenmal das Damals.

Ich will es Ihnen sagen, ganz wahr und ehrlich. Ich habe der Verfasserin gegrollt in grassem Egoismus, dast sie dieHerbff- svnne" schreiben konnte, und habe sie beneidet um dieses lieber» wundmhaben, weil ich 'das Buch bis heute nicht verstand. Nun über glaube ich es zu verstehen. Es ist das Buch einer Frau, di« einst irt ihrer Liebe schwer gelitten und doch, wenn auch nach herben Kämpfen erst, sich 'starken Herzens durchgerungen. Zu einer Seelenheiterkeit, die unter Tränen lächelt, zu einer Seelen­größe, die alles Irren verstehend, drum alles Irren auch verzeiht!"

Da sieht er, während er so selbstvergessend auf sie einspricht, wie sangsami Träne um Träne ihr über die blassen Wangen rinnt. Und er nimmt leise ihre Hand und zieht sie ehrfürchtig an hie Lippen.

Herbstsonne?" fragt er dann, nach langem Schweigen, indes et nur ihr stilles Weinen hört.Sollte die Herbstsonne nicht aüch ins Leben übertragbar sein, ein köstliches, geläutertes Ge­nießen? Nach aller Schuld und aller Rene ein großmütig Ver­zeihen, ein Nimmeraufhören zu lieben?!"

Da rieselt es erneut vom goldenen Brautgeschmeide herab, gleich einem glücklichen Omen, und Margret Flieduer sieht ihn an und lächelt unter Tränen.

VsvmrschLss.

* Der Dichter vonPsalter und Harfe". Zu Burgdorf im damaligen Königreich Hannover starb vor einem halben Jahrhundert am 26. September 1859 Karl Johann Philipp Spitta, wohl der begabteste Dichter geistlicher Lieder neuerer Zeit. Während unsere Gesangbücher zumeist von den Dichtungen geistlicher Liederdichter des siebzehnten Jahrhunderts zehren oder Noch 'trüberer, ist Spitta so ziemlich der einzige moderne, dessen Lieder Gemeingut weiterer Kreise wurden, und voN jenen Liedern, die von Becker in Leipzig und Hering in Bautzen komponiert tourten, gehören zum BeispielO komm, du Geist der Wahrheit, Nud kehre bei uns ein",Ich steh' in meines Herrn Hand und Will drin stehen bleiben" undLob sei dir, mein Gott, gesungen, Ruhiic und Preis sei dir gebracht!" zu den beliebtesten Liedern unserer Gesangbücher. Merkwürdig genug entstammte dieser deut­sche geistliche Liederdichter einem ans Frankreich stammenden, wenn auch in Deutschland geborenen Vater und einer jüdischen.

Wenn auch getauften Mutter. Spitta war ctnt 1. August 1801 ifl ter Hauptstadt Hannover geboren und studierte während' der Jahre 18211824 Theologie in Göttingen, wo er mit Heinrich Heine bekannt wurde, 'ter ihn auch in seinen Werken mehrmals! erwähnt. Bon der Universität aUs nahm Spitta eine Hauslehrer­stelle an und würde im Jahre 1828 Pfarradjunkt zu Sudwalde in der Grafschaft Hoya- Später toter er dann längere Zeit Seelsorger an der Strafanstalt in Hameln, 1853 wurde er Super­intendent zu Peine im Hildesheimschen, wo er bis zu seinem Tod wirkte. In religiöser Hinsicht gehörte er ter streng kjrck>-- lichen, konservativen Richlltng an, er war Altlutheraner. Ge­druckt tourten von seinen Schöpfungen außer einzelnen 'Predigten zwei Sammlungen geistlicher Lieder, die beide unter dem Titel Psalter und Harfe" erschienen, und diese machten schnell seinen Namen in den weitesten Kreisen berühmt und geachtet. Spitta selbst erlebte von der ersten Sammlung allein zwanzig Auflagen. Nur zum kleineren Teile waren die darin enthaltenen Lieder für kirch­lichen Gebrauch bestimmt, die meisten toteren der häuslichen Er­bauung gewidmet, alle aber sind durch fromme Begeisterung, Innigkeit des Gefühls und tiefempfundene Gläubigkeit, sowie nicht minder durch ihre wahrhaft bild-'und klangreiche Sprach« ausgezeichnet. In keinem deutschen Schullese- oder Liederbuch, in keiner Anthologie beinahe wird noch heute, ein halbes Jahr­hundert nach seinem Tode, eine Dichtung von Spitta fehlen.

* Wie man sich in Ch i u a d a sM i t t ellä n d i s cho M eer" v o r stellt. Ein Deutscher, der sich einige Zeit in einer abgelegenen süd chinesischen Kreisstadt aufhielt, gibt im Ostasiatischen Lloyd ein hübsches Gespräch zum besten, das et mit den dortigen Honoratioren hatte. So oft inan, erzählt er, zum Plaudern zn- sammengekomiuen sei, habe man allerhand Fragen über die Ver­hältnisse im MittelländischSn Meere cm ihn gerichtet.Es war mir natürlich aufgefallen, warum man gerade über diesen Gegen­stand so viel fragte und so viel Interesse an den Tag legte. Die Reihenfolge der Fragen war etwa so: Bist du durch das Mittel­ländische Meer gefahren? Wie sehen die dortigen Menschen aus? Wie fährt man hinein? Wie koiNrnt man heraus? Wie finden die Schiffe sich dort zurecht? usw. Endlich, am dritten Tage, als map wieder danach fragte, kam Licht in die Sache, und zwar Licht für beide Teile. Mir wurde es nun klar, was meine chinesischen Freunde sich unter dem Mittelländischen Meer vorstellten, und ihnen würde klar, was das Mittelländische Meer eigentlich sei. Die letzte Frage lautete nämlich, wie das möglich sei, daß im Innern, in der Mitte der Erde, wo man kein Sonnenlicht habe, Städte gebaut würden und Menschen wohnen könnten. . . Chinesisch heißt nämlich Mittelländisches Meer Ti-chun-hai; das kann allerdings auch mitMeer mitten in der Erde" übersetzt werten."

* Trinkgläser aus E i s. Wieder hat die Technik ans einfache Weise die Lösung eines Problems gefunden, nämlich einen unbedingten Schutz gegen die Ansteckungsgefahr durch Triuk- gefäße. Während man sich bisher lediglich 'darauf beschränkte, die Reinigung der Gefäße möglichst streng zu überwachen, was in absolut einwandfreier Weise doch nie ausgeführt werden kann, ist ein holländifcher Ingenieur Huizer ist sein Name auf den Gedanken gekommen, das klare Wasser zur Herstellung der Trinkgefäße zu benutzen. In sinnreicher Weise hat er einen Ge- frierapparat ersonnen, der binnen ganz kurzer Zeit eine groß« Anzahl von Gefäßen liefert, die lediglich aus gefrorenem Wasser bestehen und die neben absoluter Reinlichkeit noch den angenehmen Vorzug haben, daß die darin bargefetenen Getränke sich äußerst frisch erhalten. Die Formen, in beiten bie einzelnen Becher her- gestellt werden, bestehen aus einem äußeren Mantel und einem; inneren Sern, zwischen beide Wandungen wird Wasser eingefüllt, das nach dem Gefrieren eben den Eisbecher bildet. Damit nicht ein Zerspringen des Mantels stattfindet, ist ein besonderer Raunt am Boden des inneren Kerns ausgespart. Tie Herstellung der Gefäße funktioniert tadellos und zwar nicht -etwa nur in bete Theorie. Seit einiger Zeit gibt es im Haag einen Laden, wo Ge­tränke nur aus solchen Eisbechern gereicht werden und es hat sich bereits eine Gesellschaft gebildet, die den Vertrieb dieser neuen Gefäße im Großen betreiben will. Die Gefahr eines all­zufrühen Zerschmelzens derGläser" besteht nicht, denn einmal werden sie bis zu ihrem jeweiligen Gebrauch in einem kalten Schranke aufbewahrt, zum anderen ist die Temperatur bei ihrer Herstellung so überkältet, daß. die Becher eine volle halbe Stunde ihre Konsistenz behalten, so daß die Benutzer ihre Getränke in aller Ruhe einnehmen können.

Rätsel.

Frauengestalt aus der griechischen Sage, doch nimmermehr Griechin Am ich, aus fernem Land führten Hellenen mich heim;

Vielen Dichtern diente mein tragisches Schicksal als Vorwurf.

Aenderst du Herz mir und Fuß: Kaufleuten dien' ich als Maß.

Auslösung in nächster Nummer:

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer:

21 m Stirnhaar l a ß den 21 n g e n b l i ck uns fassen.

Redaktion: I. V.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'scheu Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lauge, Gießern