Ausgabe 
25.9.1909
 
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Samstag den 25. September

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Rheinlandstöchter.

Roman von Clara Vie big.

' (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Nelda, Nelda!" Der Vater klopfte leise den Scheitel der Tochter.Das ist ein harter Kopf!"

Zugleich lächelte er aber, und es war Stolz, in seiner Stimme.

Hab' ich nicht recht, Papa?" nickte sie.

Freilich, ganz unrecht hast du nicht doch erörtern wir das nicht Weiter!" Regierungsrat Dallmer. hustete wieder.Als ich jung War und kräftig, dachte ich auch so tote du, aber seitdem ich alt und marode bin, heule ich mit den Wölfen. Sieh zu, wie wleit du kommst im Leben, Nelda! Den eignen Weg zu gehen, ist für eine Frau noch zehnmal schwerer als für einen Manu. Du wirst dir die Seele blutig stoßen und zuletzt mit geknickten Flügeln un­terliegen. Mir ist bange um dich, Nelda! Ich wünschte, ich lebte so lange, bis ich dich Wohl versorgt weiß. Ich' bin oft sehr müde" ein schmerzliches Lächeln huschte um seine schmalen Lippenaber ich darf es nicht fein. Wenn ich meine Stellung aufgebe, wäs sind wir dann? Gar nichts! Das Gehalt fällt weg, Vermögen Veins .wie soll es mir dann gelingen, dich, standesgemäß zu ver­sorgen? Es muß sein! Sowie du dich verheiratest, quittiere ich den Dienst."

Sowie ich mich verheirate," wiederholte die Tochter mit eigentümlicher Betonung. Sie hatte sich so hastig aufgerichtet, daß die liebkosende Hand von ihrem Scheitel glitt; nun kniete sie auf den karmoisinroten Rosen und äh ihrem Vater unruhig forschend in die Augen, die Mme über der Brust gekreuzt.

Ich Hit nicht beliebt, Papa!" sagte sie kurz und trocken.Außer dir hat mich kein Mensch lieb, und ich lieb' auch außer dir keinen so, wie ich lieben könnte!" Ihre Augen flammten auf.O ich könnte lieben ja!" Sie biß die Zähne aufeinander und schüttelte den Kopf.Doch sie sind mir alle egal ja, das sind sie! Sie sind Puppen mit beweglichen Gliedern und beweglichen Zungen, aber das Herz liegt tot wie ein Klumpen in ihnen." Sie machte eine Pause und setzte tonlos hinzu:Ich bin oft sehr un­glücklich, Papa!"

Der Kopf sank ihr auf die Brust.

lieber des Vaters Gesicht huschte ein leichtes Lächeln Und verschwand dann unter dem Ausdruck besorgter Liebe.

Mein Kind., das sind die Stimmungen der Jugend, solche Unglücksgefühle lassen sich tragen. Wer von uns hätte in seinen jungen Jahren nicht das gleiche gefühlt?! Tas wogt in uns und kommt und geht, aber das gibt sich, das legt sich alles; man wird duldsam, die Ansprüche sind nicht mehr zu hoch gewannt. Liebes Kind, was ver- laiigst du von den Menschen? Du verlangst zuviel. Sollen

sie alle immer nur das Herz sprechen lassen? Das wurde ein schönes Durcheinander auf der Welt geben. Nein, mein Kind" er strich wieder mit der heißen Hand, über ihr Haarschick' du dich in die Welt, dann wird sie dir gefallen, und du wirst ihr auch gefallen. Es geht nicht anders," schloß er mit einem Seufzer.

Das ist nicht dein Ernst," fuhr sie auf..Du redest nur so! Kannst du das nett finden, wenn sie im Kränzchen immer nur von Herren sprechen, und was der gesagt hat und jener, und wieviel Geld er hat und was er für eine gute Partie ist?! Und dann necken sie sich gegenseitig und legen sich Karten und kichern und werden rot tote He Krebse und beneiden sich gegenseitig es ist zu erbärmlich! Selbst Milchen Zänglein, die doch voll Frömmigkeit steckt zUm Platzen, macht auch mit. Ich kann das nicht, ich mag das nicht! Ja, einen mal ordentlich lieb haben, so recht ans Herzensgrund, daß einem nichts zu viel toär' für ihn zu tun- gar nichts ja das mag ich! Aber so an jedem herumschnuppern psm!"

Nelda, Nelda, wenn dich die Mutter horte! Sie ist so glücklich, wenn du mit den andern Mädchen verkehrst. Es sind doch auch nette darunter; sei nicht gleich so schroff!

Ach," murrte sie,da muß man mit ihnen einge­pfercht sitzen und könnte statt dessen in die Berge oder den Rhein entlang lausen, wo einem die Brust weit wird und bessere Gedanken kommen. 33a!"

Dallmer sah in das unglücklich verzogene Gestcht ferner Tochter und mußte lachen, aber er wurde gleich wieder ernst. Ein Ausdruck von Pein trat in seine Augen.

Kind, ich will dich nicht belügen," flüsterte die heisere Stimme,mir ist das Getue ebenso unangenehm tote dtr, es gehört aber nun einmal zum Leben, du hast ohne das keine Existenzberechtigimg. Ich habe es nun bald sechzig Jahre durchgemacht, da wirst du mit zwanzig doch Nicht die Waffen strecken? Mir wird oft vorgeworfen, daß ich mich von der Welt zurückgezogen habe; nun, ich bm müde, ich habe die Entschuldigung meiner Kränklichkeit, aber bu?! Du mußt! Du mußt dich versorgen! Willst du dein Lebenlang in abhängiger Stellung vegetieren?"

Warum habt ihr mich nichts lernen lassen--" stieß sie hervor. , , n

O, denkst dn's dir verlockend, fremder Leute unge­zogne Kinder zu hüten? Als Gesellschafterin die Ablage- rnngsstätte für jede schlechte Laune zu fern? Du bist nicht geschaffen dafür oder meinst du?"

Sie schüttelte sich.Gräßlich, Papa!"

Siehst du!" Die bleichen Wangen Dallmers über­zogen sich auf den Backenknochen mit einer hektischen Röte. Du tätest mir auch leid. Also, Nelda, immer en avant! Mühe dich, ein bißchen liebenswürdig zu sein; vom nächsten Ball bringst du mir gewiß mehr Kotillonstranße nach Haus

Kleber den lumpigen einen von Hauptmann Lhlander bring ich's doch nicht!" murmelte sie.