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„Ich bleibe auf und sehe sie mir noch in der Nacht au." Der Vater hob mit dem Zeigefinger das Kinn der Tochter in die Höhe. „Du machst mir die Freude, Nelda, nicht wahr?" '
Sie sah ihm fest in die Augen, ganz lange, ganz ernsthaft — da tönte plötzlich unten int Flur eine klagende Stimme.
„Mein Gott, wer hat die Stnbentür sperrangelweit aufgelassen? "Das ganze Zimmer ist ansgekältet. Laura, Laura, wo stecken Sie, haben Sie das denn nicht gemerkt? Es ist ja rein gräßliche all die Kohlen, das ganze Holz umsonst! Das tst wirklich zmn Weinen!"
Die Verteidigungsrede der Magd war nicht zu verstehen, nur undeutliches Stimmengewirr schallte nach oben.
Jetzt knarrte die Treppe, die Tür ging ans. Fran Rätin Dallmer kam vom Kaffee. Mit kläglicher Miene stand sie auf der Schwelle, ihre zarte Gestalt verschwand fast in dem weiten Abendmantel, ihre Nase guckte spitz und weiß aus der dunklen Kapuze.
„Es ist doch schrecklich," jammerte sie, „kaum kommt. man nach Haus, geht der Aerger los. Nelda, du hast ivicber die Tür sperrangelbreit offen gelassen! Wie konntest du? Ich sage ja —"
„Guten Abend, Lorch en!" schnitt Dallmer ihr die Rede ab.
„Guten Abend, Mama!" kam es kleinlaut hinterdrein von den Lippen der Tochter.
„Guten Abend, guten Abend," nickte Frau Dallmer hastig.
„Nun, wie hast bn dich amüsiert, Mütterchen?" fragte der Mann.
„Ach, ausgezeichnet!" seufzte die Rätin und sank auf den nächsten Stuhl, Mantel und Kapuze lockernd.
„Was sind das für liebe Menschen! Nur die Planke ist verrückt, rein verrückt! Die paßte gut zu Nelda mit ihren verschrobenen Ansichteti. Wirklich ein Skandal, wie sie geredet hat! Aber mein Gott, ich hab' ja gar keine Ehre, was über sie zu sagen, wenn die eigne Tochter —"
„Mutter, wie kannst du mich mit der Planke vergleichen?" unterbrach sie Nelda brüsk. „Die schimpft auf die Männer, weil sie keinen kriegt und hebt das weibliche Geschlecht in den Himmel — ich schimpfe ja gar nicht, ich hebe nur nicht in den Himmel. Sie sind mir alle Jacke wie Hose!"
„Um Gotteswillen!" Frau Dallmer rang die Hände. „Was find das für unanständige Redensarten! Die Ober- konsistorialrätiit hat ganz recht, wenn sie sich über Nelda aufhält und ihr Milchen am liebsten nicht mehr in's Kränzchen ließe; man muß sich schämen. Aber ihr laßt mich ja nie ausreden! An dir, Joseph hab' ich auch gar keine Unterstützung! Ich bin wirklich eine beklagenswerte Mutter!"
Sie schluchzte auf, und die Tränen begannen ihr über die Wangen zu rinnen.
Der blasse Mann auf dem Sofa rückte unruhig hin und her uitb machte Miene aufzustehen — da war Nelda schon bei der Mutter. Sie hatte bis dahin mit trotzigem Gesicht gestanden, die Brauen finster zusammengezogen; nun wurde sie glühend rot und kauerte vor der Weinenden nieder, wie vorher beim Vater.
„Mama, o sei wieder gut! Mama, es tut mir so schrecklich leid, daß du dich geärgert hast" — sie drückte ihr Gesicht an das dünne graüseidne Kaffee-Staatsfähnchen I— „laß doch die Zünglein reden! Und die Tür, das kam, lveil ich den Papa husten hörte, da rannte ich schnell herauf. Meine goldige Mutter, sei wieder gut, weine nicht! Tat sollst nicht weinen," rief sie lauter, mit dein Fuß anf- stampfend.
„Ich meine ja gar nicht mehr."
Frau Rätin trocknete ihre Tränen und machte ein ganz vergnügtes Gesicht.
„Nein, denkt euch, die hübsche Agnes Röder heiratet schon bald! Die Zünglein erzählte es, ihr Mann traut. Die Hochzeit muß ich sehen! Schade, Neldachen, daß du da nicht eingeladen wirst; es wäre eine Gelegenheit. Uebrigens, hast du deinen Tüllrock fertig? Komntt jetzt beide, es ist über neun, ihr habt noch kein Abendbrot — ich kann nichts mehr essen, bei der Doktorin war's sehr- gut. Nimm die Lampe, Kind, unten ist's dunkel."
Frau Dallmer trippelte eilig die Treppe herunter. Bor der großen, Hagern Gestalt des Vaters schritt Nelda
her, die Lampe mit kräftiger Hattd hoch haltend. Der Schein fiel voll auf ihre weichen gesunden Wangen und spielte über die Stirn unter den widerspenstigen aschblonden Haarringeln.
Sie hatte ein tiefes Fältchen über der Nasenwurzel. .
III.
In der guten Stadt Koblenz donnerten die Karossen. Im Kasino war großer Ball; Militär nnb höheres Beamtentum gaben das zweite diesjährige Winterfest.
Wenn ein Ort auch in die 40 000 geht, sämtliche Einwohner nehmen an solch wichtigem Ereignis doch teil, wenn sie auch nur auf der Gasse gaffen und sich von den vorüberjagenden Wagen mit Schmutz bespritzen lassen. In der Käsiuostraße, vor'm Haupteingang, standen die Menschen dichtgedrängt.
„Hau, die is schön!"
„Kuck mal!"
„Die in weiß nn die in rosa — ne, die is nit so schön!" „Potzdausend, is die fein!"
Bei jedem Wagen, der vorfuhr nnb sich seines Inhalts eirtlebigte, ging bie Kritik von neuem los. Wie eine Welle flutete der Schwarm der Neugierigen näher, vorwitzige Buben schlüpften bis an's Trittbrett und stellten Bc- trachtUngen über bie Größe der atlasbeschuhten Füße an, die sich da hinab schwangen.
Mütter hielten ihre berntutnuiicit Kleinen in die .Höh: „Kuckt, was feine Damens!"
„Die sind glücklich!" dachte manch armes junges Ting bei sich, das fröstelnd in der Gosse 'stand, mit begehrlich glänzendeit Augen, bie klammen Finger in die Schürze gewickelt.
*
Nelda Dallmer war durchaus tticht glücklich, als sie mit der Mutter über bie dunkle Chaussee patschte. Tau- iuetter. Sämtliches Eis geschmolzen; von den kahlen Bäumen tropfte es nieder in Lachen und Rinnsale, daß sie aufspritzten.
Beide Damen waren hochgeschürzt, darüber weite Mäntel und Tücher um bett Kopf; in den plumpen Gummistiefeln steckten bie dünnen, weißbestrumpften Mädchen der Rätin und leuchteten gleich Wegweisern vor Nelda her. Mish- mutig schlenderte diese hinterdrein. Ach, der Ball — und bei solchem Wetter! Die Mutter hatte schoit den ganzen Tag lamentiert über daS Opfer, das sie der Tochter bringe, über die unausbleibliche Erkältung und so weiter, und doch hatte sie mit fiebernder Geschäftigkeit an dem Schlachtopfer herumgeputzt. Wie eilt solches ließ Nelda alles über sich ergehen.
Als sie fix und fertig, int weißen Tüllkleid, unten in der Wohnstube vor'm Pfeilerspiegel stand, ging der Baker mit dem Lorgnon betrachtend um sie herum.
„Du siehst gut aus, mein Kind!"
„Ach ja," meinte bie Frau Rätin, „hier zu Hause! Aber sind wir erst da, fällt sie doch sehr ab zwischen all den reizenden Erscheinungen. Du solltest wenigstens die Blumen nehmen, Nelda," — sie brachte ein paar unmögliche Kornblumen herzu — „das macht gleich lieblicher."
„Ich danke, Mama!" hatte das Mädchen kurz erwidert und das blitzblaue Gewinde beiseite geschoben.
„Warum denn nicht?" Und nun hatte es einen kleinen Kampf gegeben, der damit endete, daß die Mutter mit roten Bäckchen, erhitzt, vorausstapfte, und bie Tochter, bleich, mit zusammengepreßten Lippen, folgte — ohne Blumen.
Die Damen Dallmer besuchten stets zu Fuß Bälle und Gesellschaften in der Stadt. Ein Wagen über die Brücke kostete hin und her, mit Warten und allem, gegen zehn Mark, das war denn doch zu teuer; und da man zum! Vergnügen mußte, ging man eben einfach. Xylanders. machten's ebenso; komisch, daß man sich nie unterwegs traf! Tas war so eine unschuldige kleine List der guten Rätin. Sie lauerte hinter'm Fenster, bis Hauptmanns vorüber gewandert waren und blies dann erst selbst zum! Aufbruch. Es brauchte doch keiner vom andern zu wissen^ daß er zn Fuß ging; man konnte e6 en jo gut gefahren sein, (Fortsetzung folgt.)


