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geworden. Dem Nehers-Adärn hab ich' mich hingeworfen. Und hab nicht an dich gedacht. Ich war ganz närrisch, ganz außer mir, und ich Begreif’S selbst nicht. Ich war ganz toll — und schlecht bin ich geworden, reiß nur die Augen auf, Peter — schlecht! 's ist weit genug, man sieht's schon — und bald werden's alle sehen, und tuscheln werden sie all, und ich hab meinen Spott davon. Und meinen Dienst muß ich aufgeben. Schlecht war ich gegen dich, Peter. Ich hab die Strafe dafür. Schlag mich, Peter, schlag mich tot, ich Bitt nicht mehr wert. Schlecht bin ich, so wie eine von der Gasse —"
Das tat ihr Wohl. Sie fühlte sich ordentlich befreit Und erleichtert. Der Pieter blieb stumm.
„Schlecht bin ich," wiederholte sie, „schlecht, schlecht! Guck nur! Und schlag mich, Peter. Geweint hab ich viel. Und erst recht, wie das Unglück immer größer über mich laut. Es geschah mir recht. Recht geschah mir, ich weiß ja selbst. Ich hab rnir's ja all angerichtet, 's härt' ja nicht zu sein brauchen. ।
Ich ging zum Nehers-Adam. Er lachte mich aus. Er ist schlecht. Er ist ein gewöhnlicher, roher Kerl, 's wär von dir, Peter, hat er gesagt, und er wollt andern Leut ihr'n Dreck nit kehren. Ich wär ja mit dir auf die Kerb gezoge komme, Peter. „Gezoge kotnme", hat er gesagt. Wer könnt wisse, was da schon gewese wär! Er wär so dumm nit, da drauf hineinzufallen.
Der schlechte Kerl — einen Ekel hab ich. Und ganz vernarrt war ich. Schon beim Dreher — und dann Beim Walzer. Er tanzte so leicht, er hat mich nur so herutn- geworfen, so stark ist er, so groß und so ein schöner Kerl. Ich hab ja all das Unglück verdiettt, an dir, Peter, all an dir — aber ich war ja ganz vernarrt."
schluchzte.
Der Peter hatte noch kein Wort der Erwiderung ge- sunden. Daß sie so offen und ehrlich alles sagte, schlug ihn nieder. Seine Neugierde war in einen gewissen Respekt umgeschlagen. Der drückte sich ihm in dem Gedanken aus: sie ist doch ehrlich, ehrlich ist sie trotz alledem. Das wiederholte er sich ein paar Mal.
Die Elise sah wieder auf. Sie sah den andern Ausdruck in seinen Augen, sie erkannte ihn mit dem Instinkt des Weibes, und nur das Bewußtsein ihrer Schuld verhinderte es, sich darüber klar zu werden. Ihre Angst wuchs. Sie wollte ihm alles, alles sagen.
„Ganz vernarrt war ich," fing sie wieder an. „Aber stoch nicht schlecht. Nur ganz vernarrt. Ich weiß selbst nicht, wie's gekommen ist. Es ist ganz auf einmal gekommen und so stark. Und Gott und die Welt vergaß ich. Aus Rand und Band war ich. Der Herrgott hat mich gestraft dafür, aber ich konnte nicht anders. Die Straf geschieht mir recht.
Der Adam wollt mich heimführen. Es wär mir recht. Da war's die Scheuer, wir mußten vorbei. Der Adam zog mich.hinein. Und ich ging mit. Ich widerstand gar nicht. Ich ging willig. Und im Dunkeln — da war's halt aus, da bin ich schlecht geworden. Aber jetzt wußt ich, wäs ich getan hatte. Jetzt war die ganze Tollheit fort. Und ich hab weinen und schreien wollen. Da sah ich einen nach der Scheuer kommen. Da lief ich fort — ins Wirtshaus hinein. Nicht heim jetzt, nicht heim um alles in der Welt! Der „Dreher" ging wieder an. Da rief ich den Adam. Und die ganze Nacht hab ich getanzt und hab kein Minut ruhen wollen und sitzen wollen. Ich hab mich geschämt, so geschämt und hab gemeint, ich müßt alles wieder wegbringen, wegtanzen — — gegessen hab ich nichts und nichts getrunken — -n
Ausgehalten hab ich — ich Tarnt’S kein'm Menschen sagen, kein Mensch kann's wissen, was ich ausgehalten hab. Und am Morgen hat mich der Vater geschlagen, und die Mutter hat geschimpft, und an dich haben sie mich wieder erinnern wollen. Aber 's war nit nötig, ich hab jetzt immer, immer nur an dich gedacht. Schlag mich, Peter, schlag mich. Um dich hab ich-'s verdient. Es geschieht mir recht. Schlecht bin ich geworden, ganz verlassen und armselig bin ich. Wer Hütt das gedacht! Ich schäm mich so!"
Der Peter wußte noch nichts zu sageu. Seltsam groß war die Elise durch ihr offenes Bekenntnis vor ihm gewachsen. Er war ganz niedergeschmettert. Er konnte sich gar nicht finden. Er konnte nicht richten. Schlagen sollte er sie — um Gottes willen nicht! Wie sah sitz aus, das arme Ding!
>,Was willst dst jetzt machen?" fragte er fast mechanisch.
„Ja, was? In den Rhein gehen wollt ich schon. Ich kann aber nit. Ich muß halt leben. Ich kann nit sterbe. Ich bring's nit über mich. Ich muß mein' Straf aushalte."
„Ja, das mußt du halt!"
Wie klug llang ihr das starke Wort! Und sie faßte neuen Mut.
„Ach, Peter, verzeihen kannst du mir nit, sollst mir gär nit, ich hab dir zu weh getan, zu weh — ach Gott! Ich hab ja noch ein bißche Hoffnung auf dich — —• Peter," und sie faßte seine Hände und sagte ganz in ihrem Odenwälder Dialekt: „KUmm, Peter, verstoß du mich nit ganz — kumm, Peter, nemm du mich Widder an, mach du mich Widder ehrlich!"
Sie mußte eine Pause machen. Ist ihrer besseren Sprache, wie sie sie in Mainz angenommen hatte, fuhr sie dann fort: „Nichts will ich von dir, Peter, nicht gut sollst du mir sein, 's ist ja zu viel, um was id); dich Blitf. Hungern will ich und gewöhnlich will ich fein, wie die gewöhnlichst Dienstmagd, 's ist ja zu viel, was ich von dir fordere, und nie kann ich gut mache, was ich dir getan; hab, und du kannst ja auch nit tun, um was' ich. dich bitt, aber 's ist mein letzt Hoffnung, mein letzt Hoffnung."
Dem Peter war alle Härte und Besinnung genommen'. Er war im Augenblick wie im Taumel.
Er fühlte ihre warmen, zitternden Hände, er sah ilste geröteten Wangen, auf denen die heiße Erregung glühte, er fühlte ihre Blicke brennen und sah lange in ihre Äugew die noch in Tränen lagen, und es zuckte in ihm' — die alte Liebe — i— das stille Erbarmen.
Da ging fein Blick über ihren Leib, ihre Hüften. Er schrak in sich zusammen. Sie bemerkte es. Sie blieb still. Sie sah ihn mit bittenden, großen Augen lauge an.
Daun schlug sie die Augen nieder.
„Ach, Peter!" sagte sie. Und ihre Augenlider schlugen hoch auf. Dieser Ton ihrer Stimme, dieser Blick! Dem' Peter floß es durch die Adern wie ein Feuer.
Und tiefer rührte ihn das Erbarmen an. Und ohne daß er's hätte halten können oder hätte halten wolle», sagte er ein Trostwort.
„Verderben sollst du doch nit, Elise. Und kein Fehler ist so grpß, er muß doch wieder gut gemacht werden können. Und man muß auch büßen können, und man kann alles büßen."
Ordentlich gescheit und von oben herab kam er sich vor. Es schien ihm nicht das Rechte, was er gesagt hatte, Es war ihm grab1, als Hütt er's ans einem Buch gelesen. So, wie's der Pfarrer redet auf der Kanzel. Er ärgerte sich über sich. Aber wie er sich, auch besann, es fiel ihm nichts mehr ein. i
(Fortsetzung folgt.)
Kranz Lödeckes fünfter Schultag.
Eine pädagogische Humoreske von Ewald Gerhard See ligeä (Nachdruck verboten.)
Er war ein geweckter Junge und machte erfreuliche Fortschritte. Am ersten Tage betrachtete er den Lehrer wie ein Wundertier, am zweiten schloß er Freundschaft mit Paul Brumke, seinem Nachbar, einem kleinen, zarten Bürschchen, in! dessen angstvoll aufgerissenen Augen zu lesen war: Sicher ist der Lehrer ein Menschenfresser! Am dritten Tage erklärte Franz Lübecks feinet Mutter, die ihn vor der Schule erwartete, er wolle nicht mehr abgeholt werden, da er kein Baby sei, am vierten endlich war et mit dem Lehrer schon so vertraut, daß er ihm ein! paar wichtige Fragen zUr Beanüvortung vorletzte.
Mit vier Jahren nämlich hatte Franz das schone Wörtchen: Warum? entdeckt und gebrauchte es bei jeder Gelegenheit MÄ Entsetzen seiner Eltern. Der Vater brummte nur Und schaute tiefer in seine Zeitung, wenn sein SpröUing von ihm wissen! wollte', warum die Aepfel kurze und die Birnen lange Stiele hätten. Das war noch eilte der leichtesten Fragen. Franz bohrte mit seinem „Waarüm'm?" so länge an des Vaters Kopf herum', bis er wütend wurde. Dann versuchte .Franz bei der Mutter sein Glück. Die verlor nicht so leicht die Geduld. SchlieUich aber mußte sie doch die Segel streichen, wenn die knifflerischeü Sachen kamen.
. „Es gibt eheN Fragen, dis MM nicht Beantworten! kann!' wich sie ans.
u -/Nein!" sprach Franz einst. „Das gibts nicht. Du' weißt es bloß nicht."
, „Meinetwegen!" lachte die Mutter. „Wenn du in die Schule gehst, kannst du ja den Lehrer fragen." ,
llnd das! tat Franz am vierten Tage, als der Lehrer bunte


