Donnerstag den 25. März
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Spätinghof.
Roman von K. v. d- E i d e r*.
(Nachdruck verboten.)
„Kommt man hier herum nach Mamsell Goos, Nachbar?"
„Jawohl, Nachbar, dort hinter den Bäumen liegt Spätinghof; dort wohnt Mamsell Goos. Gehn Sie man durch das Heck und dann man immer die Trift entlang, denn sind Sie gleich da."
Die beiden Männer, die sich hier an einem schönen Sommernachmittage auf dem Witzworter Dorfwege trafen und Nachbar anredeten, hatten sich noch nie in ihrem Leben gesehen und würden sich vielleicht, wenn sie nach wenigen Minuten auseinandergingen, nie Wiedersehen. feenn sie sich trotzdem Nachbar nannten, so geschah es, weil es für sie, in ihrem Stande, keine andere Anrede gab; denn die Anrede „Herr" war nur für höherstehende Personen. Wer den Arbeiterrock trug und Plattdeutsch sprach, der war ein Nachbar, und wenn er gleich meilenweit entfernt wohnte.
Hier, in diesem weltabgeschiedenen Marschdörfchen, gingen zwei Menschen, wenn sie sich erst einmal in die Augen gesehen hatten, nicht nach zehn Worten auseinander; man mußte wenigstens das Woher und Wohin, das Warum und Wozu erfahren.
So blieben sie denn stehen, zogen an ihren kurzstieligen Pfeifen und sahen sich an, der eine, als ob er etwas sagen, der andere, als wenn er noch etwas fragen wollte.
Sie waren verschieden an Alter, Größe und Aussehen. Der Fremde, ein kleiner Mann mit blondem Haar und' Kinnbart und schüchternen blauen Augen, trug einen Rock und trotz der Wärme ein Tuch um den Hals; der andere, ein alter großer Mann mit grauem Haar, ging in Hemdsärmeln und trug über die Schulter einen Spaten.
Der Kleine hüstelte und wischte sich mit einem rotbaumwollenen Tuch den Schweiß von der Stirn.
„Es ist heiß heute, Nachbar!"
„Ja, Nachbar, die Sonne meint's gut!"
„Sie wollen wohl Trienlieschen besuchen?" fragte der Alte, während er den Spaten vor sich in die Erde stieß und sich auf den Griff lehnte.
Der andere machte ein krauses Gesicht. „Besuchen just nicht, ich komme von ihrer Schwester Annägret aus Ram- stedt."
„Bon Annägret? Was macht sie? Ist sie gut zuwege?"
„Sie ist tot, leider Gottes!"
„Tot? Was Sie sagen! So jung noch und war so 'ne schmucke Deern, die schmuckste in ganz Wißwort. Biel gut hat sie wohl nicht von ihrem Leben gehabt. Ich hav!'s immer gesagt, wegen dem Knecht, dem schwarzen Jak,*) hätte sie
*) Abkürzung Ur JMtz,
nicht von Spätinghof heruutergehen sollen. Er war kein Guter!"
„Ne, er war kein Guter!" bestätigte der andere topft nickend. „Mer er hatte es in seinem Blick. Er brauchte die Weiber bloß anzugucken, dann waren sie rein toeg,; ließen alles stehn und liegen. Na, hier hat er auf den Hof spekuliert, und als die Spekulation verkehrt ging unZ der alte Jan Goos Annägret vom Hof jagte, da war 8eM Pott ein Ohr ab."
„Sie hat ^s wohl recht schlecht gehabt bei ihrerst Mann!"
„Jv, ja, sie mußte ran. Immer waschen und uälM für andere Leute bis in die Nacht hinein, bis sie die Schwinde sucht kriegte. Zwei Jungens kamen auch dazu, und er lag den ganzen Tag im Krug, spielte Karten und trank. Na, er hat sich am Ende totgesoffen, und sie, ja, sie kann nun auch ausruhen. Es ist ihr zu gönnen; da oben wird sie es wohl besser haben."
„Wie lange ist sie schon tot?"
„Seit letzten Samstag. Am Dienstag haben wir sitz begraben. Ich hatte schon gleich hergeschrieben an Mamsell Goos, daß ihre Schwester gestorben wäre; aber die ist nicht gekommen und hat gar nichts von sich hören lassen. Nun meinte unser Pastor, ich sollte man selbst hergehen und sehen, was Kram ist. Sie muß doch die beiden Jungens von ihrer Schwester zu sich nehmen. Auf stunds find sitz bei mir; wir wohnten nämlich Haus an Haus mit Annägret. Aber wir haben es inan selbst knapp."
„Ja, von Rechtswegen müßte Trienlieschen die Kinder wohl nehmen, aber ich (glaube, sie ist nicht gut auf die Sippschaft von ihrer Schwester zu sprechen. Sie war es ja, ditz den Alten aufhetzte, daß Annägret vom Hof mußte."
„War nicht auch ein Sohn da?"
„Ja, der Peter. Das war eilt guter Junge; wFnn der noch lebte! Aber der arme Junge mußte ja siebzig mit gegen die Franzosen. Da ist er geblieben. Fünf Jahrtz werden es gerade."
„Das ist traurig."
„Ja, da kriegte natürlich Mamsell allein das Regieren. Peter hatte Annägret noch immer mal was geschickt, was ihr zu Hilfe kam, hier mal 'n Sack Kartoffeln und da mal 'n Fuder Torf oder mal 'n Seitenstück Speck vom Einschlachten. Das war mit^einmal aus und vorbei. Mamsell wollt« nichts von ihrer Schwester wissen, die wollte alles für sich behalten; das rachgierige Mensch konnte den Rachen nicht voll genug kriegen."
„Na, der Hof sieht nicht zum besten aus."
„Nicht wahr? Das soll nun ein Marschhof sein ! Ist es nicht Sünde und Schande, 'nen fetten Marschhof so zu verruinieren? — Da wird kein Mist aufgefahren; dä wird kein Weg klar gemacht, kein Graben gekleiet, kein Baum beschnitten. Das wächst alles ins Wilde. Eine polschtz Wirtschaft! — Sehen Sie sich mal die Spätings an. Solch« Wiesen gibts in ganz Schleswig-Holstein nicht mehr. Sie


