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werden wohl erst später grün, Werl sie im Frnhiayr und Herbst unter Wasser stehen, aber nachher wachst da» Gras da so lang als ein sechsjähriges Kind, Jetzr hat sie sie vermietet; das beste Land im ganzen Kirchfpiel! jahrelang hat sie es als Mähland gehabt! Das war Gras! Das konnten bloß Dick-Peter und Grot-Eggert mähen, was die besten Mähder von Witzwort sind. Was tut sie? Lie stellt den lahmen Stosser aus dem Arbeitshaus vierzehn nage hin und der hackt mit seiner alten verrosteten Sense dann herum, als wenn die Kälber darin gehaust hätten. Nachher wurde das Heu nicht gekehrt, nicht gediemt, wurde nicht eingefahren. Es lag draußen in. kleinen Humpeln, bis die nasse Zeit kam. Da mußten sie es aus dem Wasser herausfischen, und als es eingefahren wurde, war es Mist. — Ja, so steht es aus Spätinghof!"
„Hat sie denn keinen Knecht?"
„Keinen Knecht und keine Deern. Da will keiner mehr dienen bei der alten Hexe. Bloß der lahme Stosser aus dem Arbeitshause macht ihr mal für ein paar Grofchen und einen Schnaps das Notwendigste. Er sagt, ihm wäre es egal, ob die Alte ihn behexte, er getraue sich so tote so nicht in den Himmel hinein bei all die feinen Leute!"
„Na, da könnte sie die beiden Jungens gut gebrauchen, die können schon mit anpacken."
„Ja, wenn sie man nicht so ein Geizknüppel Ware! Sie kennen wohl Mamsell Goos nicht?"
„Nein, bis hierzu Nicht."
„Dann sehen Sie sich mail vor. Ich meine von wegeti die Hexerei. — Nicht wahr, Mutter Lehmbeksche?" Bei den letzten Worten drehte er sich um nach einer alten Frau, die mit einem Henkeltopf in der Haust an den Männern vorbeihumpelte.
„Nicht wahr, in acht nehmen muß man sich vor Tricn- lieschen?" wiederholte er überlaut.
„Ja, ja, Nachbar Gosch." Die Alte lächelte Pfiffig. „Ich hol' nun schon seit Jahren meine Milch uni) Buttermilch bei ihr uni) mir hat sie noch meindag nichts angetan, aber ich sage auch immer, sobald ich sie sehe, vor mich hin: Alle guten Geister loben Gott den Herren. Und die Hauptsache? Nur nicht ja sagen! Wenn man dreimal ja gesagt hat, dann hat sie einen in die Gewalt. Und toeuu sie so vor sich hinbrummelt, dann muß man sie rasch was fragen, denn dann sagt sie das Vaterunser rückwärts auf, und was das zu bedeuten hat, weiß man ja."
Mit diesen Worten humpelte die Alte weiter.
Der Fremde sah ein bißchen beklommen vor sich hin. „Na, ich muß wohl machen, wenn ich vor Abend wieder nach Ramstedt will."
„Sie sind wohl in Ramstedt zu Hatlse?" fragte Hinnerk Gosch.
„Ja, ich bin Klas Klasen feilt Sohn. Den Alten haben Sie gewiß gekannt."
„Den alten Besenklas, der mit Schrubbern und Schleesen und Kneifern hausieren ging? Wohl habe ich ihn gekannt. Er ging immer am Stock. Er war ein großer Mann, aber seine Schrubber waren hellisch klein."
„Das soll wohl so sein."
„Handeln. Sie auch?"
„Nein." Gert Klasen, der Sohn von Klas Klasen, warf sich ein klein wenig in die Brust. „Ich bin Bauernschlachter, und im Sommer arbeite ich ein bißchen im Heu und int Korn. Ich fresse mich so durch. Meine Alte ist auch, noch gut zuwege, und dann haben lvir man bloß ein Kind."
„Einen Jungen?"
„Nein, bloß ’ne Deern. Aber mit der woll'n wir mal ein bißchen höher hinaus. Ich spekuliere all auf was. Wenn ich bloß erst die beiden Jungens los bin, die essen mir die Hütt mit die Mütt auf. Na, adj.üs, Nachbar. Nehmen Sie’s nicht für ungut!"
„I bewahre! Ich muß ja auch zum Vesperbrot nach Hause. Adjüs, Nachbar."
So trennten sich die beiden, welche sich vielleicht nie wieder sehen sollten. Hinnerk Gosch ttahm seinen Spaten auf die Schulter und ging schwerfällig mit gebogenen Knien vorwärts; Gert Klasen zupfte seinen Sonntagsrock zurecht, beugte den Kopf noch demütiger als zuvor unst schritt die Trift nach Spätinghof entlang.
Er schritt langsam und mühsam auf dem schlechten Wege, der ehemals durch 'den Regen aufgeweicht und wieder durch die Soune hart getrocknet war. Am Weges- raud standen bestaubte Disteln unst Taubnesseln, von kleinen
Mücken umspielt. Gert Klasen faßte die Umgebung des Hofes mit dem Blick des Kenners ins Auge. Er schüttelte den Kopf, als er die vielen Disteln unst Maulwurfshügel auf den Fennen sah. Vorsichtig tapste er über den morschen Steg, der über die Graft (Hofgraben) führte. Dann schritt er über die Werft, wo Hundeblumen nnst Fünfaderblätter das Gras schier überwucherten. Er kam an das Wohnhaus, ein großes, niedriges Gebäude, an dessen ehemals weiß getünchten Mauern der Stallschmutz vieler Jahre klebte. Seitwärts gewahrte Gert Klasen den Düngerhaufen, ans dem eine Hühnerschar pickend und scharrend umherlief.
Vor der Haustür blieb der kleine Mann einen Augenblick stehen, als wollte er Courage sammeln, denn augenscheinlich besaß er wenig davon. Er legte die Hand auf die Klinke. „Na, denn man rin in die Höhle des Drachen!"- sagte er zu sich selbst und überschritt zögernd die Schwelle.
Er stieß ein wenig dabei mit dem rechten Fuß an mist trat nun noch einmal zurück, um auch mit dem linken Fuß anzustoßen, damit ihm nichts in die Quere ginge.
Fast wäre er über einen Kehrichthaufen gefallen, der hinter der Tür lag und als er diesem auswich, trat er einem großen, grauen Kater auf den Schwanz. Er unterdrückte'einen Fluch, klinkte die Tür zum Wohnzimmer ans, steckte vorsichtig den Kopf durch die Spalte und sagte laut: „Gute Tage!"
Niemand erwiderte den Gruß. Tas Zimmer war leer. Eine rauchgeschwärzte, braune Kaffeekanne und ein Tassenkopf ohne Henkel, die auf dem Tische standen, zeugten! davon, daß hier jemand hauste.
Gert Klasen ging zurück, die schmutzige Zementdiele entlang, er hustete ein wenig; er guckte in die beste Stube und in den Stall hinein und tarn schließlich in die Küche. Ueberall herrschte Schmutz und Unordnung. Eine schlechte Luft erfiillte das Haus. Gert suchte unwillkürlich das Freie und trat durch die Hintertür in den Hof. Er schritt vorbei an dem Scheuerplatz und an dem schwarzen Soot, der gespenstisch seinen langen Arm vorgestreckt hielt. So gelangte er in den Garten. Bedauernd ließ er feine Blicke über die Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche schweifen, deren überreife Früchte fast die Erde streiften. Hier sah er Erbsenrauken ohne Stecken haltlos herunterhängen, dort Bohnen mit zerfressenen Blättern, Sellerie, welcher ins Kraut geschossen war. Drüben an der Erde kroch etwas Granes herum, wär es ein Hund?
Jetzt erhob sich eine Gestalt, schmutzig, zerlumpt, tote eine lebende Vogelscheuche, es war Trienlieschen Goos, die Herrin von Spätinghof. , .
„Gute Tage, Mamsell Goos!" ]agte Gert Klafen mit demütiger Miene. Im stillen setzte er hinzu: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn."
(Fortsetzung folgt.)
Aus der Geschichte der wilhelmshöhe.
Der Spruch, daß der Prophet in feinem Bat erlaubst nichts gelte, bewahrheitet sich vielfach an den großen Kunst? deukmälern unserer deutschen Heimat. Läge der Kolmarer! Altar Meister Grünwalds in einem abgelegenen italischen Städtchen, so ivürde der Reisende den Umweg nicht scheuen; in Deutschland fährt er seelenruhig vorüber. Und nicht anders steht's mit der Würzburger Residenz und noch so manchem Denkmal, das großartiger und schöner kein anderes Land bietet als das unsere. Zu diesen, wenn auch nicht im verborgenen, so doch ganz im stillen blühenden Wundern gehört auch die Wilhelmshöhe bei Kassel, um die ein grandioser Kunstsinn und eine große geschichtliche Vergangenheit einen ganz eigenartigen starken Reiz, eine unvergeßliche Stimmung gewoben haben. Georg Dehio nennt in dem neuen „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler", das iür uns ein deutscher Cicerone werden sollte, dem Burckhardts nicht unebenbürtig an Größe und Bedeutung des Stosss, an Würde der Darstellung, die Gartenanlagen der Wilhelmshöhe „das Grandioseste überhaupt, was irgendwo der Barockstil in der Verbindung von Architektur und Landschaft gewagt hat". Auch Cornelius Gurlitt preist diese machtvoll weitschauende Schöpfung als etwas Unübertroffenes, etwas Unerreichbares. „Die ganze Anlage steht unzweifelhaft über jener der französischen und italienischen Gärten. Versailles und Caserta sind allein mit ihr. in


