Ausgabe 
25.2.1909
 
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UchaffMZweise erkennen. Ein Romanzier, der nach bewstßt fihtil#- lerWen Motiven schuf, das war eine Seltenheit in jenen Jahren, wo eme Reihe ausgezeichneter Erzähler völlig sorglos, ohne jede Forne und Stil, als reine Nnterhaltungsware dasGarn" spannender Handlungen abrollen ließ. Und niit wahrhaft groß­artigem Fleiß und Energie hat der junge Dichter dann durch Jahrzehnte an der Vervollkommnung und Berfeinerungg seiner Technik gearbeitet. Tie denProblematischen Naturen" folgenden Zeitromane feilten das von Gutzkow genial-hastig und unfertig hingeworfene Thema in straffer Gliederung durch. InHammer und .Amboß" gab er, noch in sehr fühlbarer Anlehnung an TickensDavid Copperfield", einen Bildung^- unb Lebeusroman tot der Form der Jch-Gefchichte, und luemt er auch dies Werk an Wärme und dichterischem Glanz der Schilderung nicht übcr- trosfchr 'hat, so sind doch die diesen mehr biographischen Romansti! fortführenden BücherWas null das werden?" uicdSonntags- iind" folgerichtiger entwickelt, geschlossener komponiert. Ten Höhepunkt erreicht Spiel Hagens Technik in seinen beiden stärksten RmnanenSturmflut" undPlatt Land". Als Grundakkord erklingt immer wieder das großartige Symbol derSturmflut", die Land und Gesellschaft unter ihren Wogen begräbt. Wie hier die synthetische, ist inPlatt Land" die analytische Methode zur Vollendung geführt. Prachtvoll werden wir allmählich in die komplizierteren Verhältnisse hineingezogen, erleben und be- vbachten alles mit den Augen des Helden in sich steigernder Lebhaftigkeit; alle toten Punkte sind vermieden, alles aus einem Gesichtspunkt entwickelt. Mas dieProblematischen Naturen" anstrebten, ist hier erreicht; es istein Triumph der Technik", Ivie Wilh. Scherer in einer sein zergliedernden Besprechung sagte.

Mit solchen Werken hat Spielhagen Muster ausgestellt, die weithin wirke« mußten. Dem Roman war ein Platz unter den Kunstiverken der schönen Form" wieder erobert.. Die Jungen lernten von ihm; -besonders stark haben Ossip, Schubin, Kretzer, Mauthner, Sudermann seinen Einfluß erfahren; doch auch viele andere der neueren Erzähler sind bei ihm in die Sdptlc gegangen! Er wieder hat von den Jungen gelernt, aber der knappe, im- prcssiouistische. Stil, die psychologische Klein- und Feinmalerei, die er in seinen Spätwerken zeigte, waren nicht von Vorteil für seine Kunst. Zu deutlich zeigten sich die Grenzen seinen Begabung. Spielhagen hat sich seine Theorie und seine Technik in langen Kämpfen und steten Mühen abgerungen. Ursprünglich steckt in ihm noch viel von dem jungdeutschen Erzähler, denr nicht die Form, sondern Inhalt und Tendenz die Hauptsache sind. Wir haben das eifrige Ringen nach einer Kunstfornr in Spielhagen als das Wichtigste hervorgehoben, tveil er damit den Stil seiner Zeit überwand und sich um| die deutsche Literatur ein bleibendes! Verdienst erwarb. Aber nicht selten schien in deut leidenschaft­lichen Agitator, den» heißblütigen Kämpfer der Trieb nach Ver­fechtung seiner Ansichten den Trieb nach Gestaltung zurückzu- drangeu. Ein Zwiespalt entstand zwischen denr objektiven Dichter und dem! subjektiv seine Weltanschauung proklamierenden Schrift­steller.

, So hat denn Spielhagen gegen das Gesetz einerinnereut Objektivität" der Dichtung sehr häufig verstoßen. Stets will er nicht nur cm Stück Natur darstellen, sondern damit etwas beweisen und lehren. TieProblematischen Naturen" sollen warnen vor einer schrankenlosen Freiheitsbegier; sie zeigen den Untergang eines jener romantischen Helden, wie sie zuerst hei Jean Paul, auftreten, einesWeltschmerzlers", einesZerrissenen". Ter Mensch soll nicht außerhalb der Gesellschaftsordnung, er soll in Reih und Glied" stehen; er soll nicht Herr oder Sklave, Hammer oder Amboß" sein, sondern stets zugleich herrschen und dienen. Solche Lebensregeln predigen seine Romane oder sie werden zu Geschichtslektionen und wollen historische Kenüt- nisse vermitteln. So geben Spielhagens große Zeitromane von Tie von Hohenstein" (1863) bis zuOpfer" (1899) eine sehr lebhaft gefärbte, sfttcngxschichtlich politische Darstellung der Zeit von 1848 bis 1880.In Reih und.Glied" stellt die Persönlich­keit Lassalles ganz deutlich in den Mittelpunkt und gibt die Porträts Friedrich Wilhelms IV. und des Prinzen von Preußen. In derSturmflut" sind es die Gründerzeit und der Kultur-. kämpf; Lasker und Windthorst spielen eine große, nur angedeutete und heute kaum noch interessierende Rolle. InWas ivill das werden?" steht Bismarcks Riesenschatten hinter den Ereignissen. Es ist dieser enge Bezug auf die Gegenwart und ihre Aktualität, die uns, den Söhnen einer andern Zeit, so vieles in Spiel­hagens Romanen entfremdet und nur noch dem Historiker inter­essant macht. Dabei ist Spielhagen stets Partei, woraus er selbst nie ein Hehl macht. Er gibt einmal sein politisches Bekenntnis nut folgenden knappen Worten:Er war ein geborener Tyrannen- has,er, Hafter alles dessen, was nach Autokratie schmeckt. So war nicht der einzelne Adelige, der vielleicht sein lieber Freund war, wohl aber die Adelsinstitution als solche ihm gründlich widerwärtig. Daß die Republik die Pcmacee für alle sozialen Schäden sei, glaubte er keinen Zlugenblick, dennoch sah er in ihr die einzige, eines mündigen Volkes würdige Staatsform. Religion war für ihn Privatfache, wie für die ersten Christen, lieber die welisch-sittlichen Qualitäten, die den Menschen zum Christen -machen, hatte er seine besonderen Ansichten, die von beiten der Kirche gerade in den entscheidenden Punkten beträchtlich abwichen. Alles in allem war sein politisch-religiöses Programm das des

linkeschn Flügels der Radikalen der PaulMrche von 1848, modi- siziert durch die Erfahrungen eines halben Jahrhunderts, die ihn aber nicht weiter nach rechts, sondern nach links gedrängt hatten, soweit, daß er mit den Sozialdemokraten die bestehende» staatliche und wirtschaftliche Ordnung ohne die einschneidendsten Veränderungen aus die Tauer für unhaltbar ansah."

Durch seine stets temperamentvoll unterstrichenen Schwärmer reieu und Antipathien wird er nicht selten in der Satire dazu getrieben, statt Charaktere Karikaturen zu zeichnen, besonders bei Junkern und Geistlichen. Durch seine Feuernatnr läßt er sich überhaupt zu starken Kontraflierungen, zum Schematisieren seiner Gestalten verleiten, Gut und Böse, Schwarz und Weiß stehen sich oft unvermittelt gegenüber.. Eine gewisse Eintönigkeit der Gestalten und Themen geht durch die große Bändezahl seiner Werke, tveil der Dichter immer wieder seine Lieblingsideen und Lieblingstypen gibt. Ta sind seine stets unbändig von ihreml Schöpfer bewunderten Helden, denneine Geschichte ohne Helden", wie Tackeray, kann er noch nicht schreiben, diese Selfmademen! mit den breiten Schullern und dein zarten Gemüt, dann di« heimtückischen Intriganten, die unendlich edlen Heldinnen; stets spielen Witwen und Tauten eine wichtige Rolle. Tie Aerzte, die Junker sehen .sich alle ähnlich. Und sehr häufig kehrt das in Wilhelm Meister" von einem freieren Standpunkt aus behandelte Problem der Annäherung aristokratischer und bürgerlicher Kreise wieder, wobei Spielhagen durchaus auf demokratischer Seite steht. Es ist merkwürdig, wie eng in bestimmte Themen und Fignreil cingeschlossen seine Welt ist, die doch in ihrer breiten dichterisches Gestaltung so vielgestaltig und wechselnd erscheint. Das macht, daß hinter all den Werken eine markante, in sich begründete und abgeschlossene Individualität steht, ein Dichter, der in strenger, künstlerischer Selbsterziehung seine Mittel sich geschaffen hat und sie vornehm meisterhaft verwendet, ein begeisternder und fort- reißender Erzähler, der auch -die Freude am interessanten packenden! Stoff kennt, und zugleich ein warmherziger, reich und sicher fühlender Mensch, der uns Ävingt, an -seinem Geschick und feinem Erleben Anteil zu nehmen. Ter Mensch, der Erzähler und der Künstler Spielhagen, sie schließen seine Werke zu einer 'Einheit zusammen und verleihen auch dem Unvollkommenen darin Be­deutung und -Interesse. Tr. P. L. <

Häuschen.

Eine politische Vogelsgeschichte aus dem Jahre 1866., Von G. Z i tz e r, Niedereisenhausen,

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung statt Schluß).

Herr Stöppel hatte dem ehelichen Auftritt indigniert zuü gesehen.

.,Sie haben da scheinbar eine etwas temperamentvolle Frau, Henner?"

Joa," sagte der, ,:,et iS e Schiuoas, wu se bei Hemd ouriehrt."

Zur Tagesordnung übergehend erkundigte sich der Liebhaber nach Hänschens Repertoire.

Darauf Henner:

Der Jäger aus Kurpsalz,

Der reitet durch den grünen Wald Und bricht dabei den Hals. :,: In, Pa Pu, ja lustig ist die Jägerei :,: Mlhier auf grüner Haid.

Herr Stöppel verzog den Mund zu einem unmerklichen Lächeln.Schon gut, schon gut, wollen ihn mal selbst hören.

Nein," wehrte er Hannes Vermittelung ab,lassen Sie nur-

- ich bin Kenner, mir singt jeder Vogel."

Er näherte sich dein Käsig.

.Nun, Hänschen, denn heg mal los ! Na, bitt schon. Kleiner!" Häuschen schien die hohe Ehre nicht recht schätzen zu können.

Er sagte bloßQüiek" und beendete seelenruhig die angefangene Mahlzeit. Darnach entnahm er seiner Bürzeldrüse etwas Fett, behandelte damit sachgemäß seine Schwingen, um sich dann auf seinen. Lieblingssitz' zu verfügen, und nachdem er äußerst dis­kret Ballast abgegeben hatte, beäugte er wohlwollend den vor ihm Stehenden abwechselnd mit dem. linken und rechten Auge. Ms ob er sagen wolle:Großer Sktlif, was steht zu Befehl, womit kann ich dienen? Sie wollen mich hören? Schön, Wenns Weiler nichts ist, recht gern:

1 1 1-3 5 5 5! Der Jäger aus 9niet quak 5: 3 der Jäger aus Kurpfalz ja: juun ja lustig .ist die Jägerei quiek, quiek, quiek den grünen Wald ----- quietsch quätsch allhier ans grüner Heid quak --- quiek -- quak qüiek ja ju, ja juun!"

Das ist aber konfuses Zeug," wandte sich der Akzeffist an Henner. i

Joa, su macht' es immer, wen» fremde Leure do fein," ent» schuldigte dieser die ungenügende- Leistung seines Schülers, oawcr mer wolle mol enans giehe, dann sollt Ihr mol ebes erlerne."

Herr Stöppel wuirs zufrieden. Henner schloß die Tür bis auf einen winzigen- Spalt und winkte Ruhe. Unterdessen öffnete die listige Kvatrei unten im Keller die Kartosfelklappe im Stuben-»- boden und spitzte das lose Maul. Und während die Beiden im Hausflur gespannt horchend standen, klang hinter dem Bette her