Ausgabe 
25.2.1909
 
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Sütgier. Nun, wenn er ctfü itzre Wohnung luufce, Verriet ihm jnwrgen die Kurliste ihr Inkognito. . - . .

Er half ihr in den langen, heilen, mit dunklem Pelz deichten Mantel, wobei sie sich mit unvergleichlicher Anmut über die Schulter znrückbog, nur ihm zu danken. Natürlich mürbe er rot und hätte sich selber prügeln mögen dafür. Verlegen rückte er seinen vertragenen Lvdcnhut in die faltige Stirn, wahrend sie unbefangen vor dem Spiegel einen, weihen Spitzenschal nur ihr ßichilbraunes Haar schlang, das sie inmitten der Stirn gescheitelt trug, und das natürlich gelockt schien, beim es fiel Hassingeu uns, daß in dem feuchten Nebelhauch, in den sie hinanstratcu, ihre Haare über Stirn und Schläfen sich immer mehr krausten.

Es war eine Häßliche,- sternenlose, naßkalte Rächt. Am öst­lichen HiiUinel kroch schon ein heller, grauer Schein herauf, der nahende Morgen. Sie fröstelten beiöe^ es war ein nüchterner Abschluß heller, warmer und heilerer Stunden.

Sie Hatten so viel geplaudert int Menschengewimmel des Karnevalsballes, nun int fahlen Grau der einsamen, nächtlichen Strafe tvußten sie sich nichts mehr zu sagen.

An einem villeuartigen Hanse in der Sonnenberger Straps blieb die junge Frau stehen.

Hier bin ich am Ziel."

Er schloß ihr höflich die Gartenpforte auf und begleitete sie trotz ihrer Abwehr bis zur Haustür, die er ebenfalls öffnete.

Sie tastete, in den Spalt tretend, nach dem Riegel der Elektrischen Leitung, eine modern stilisierte Messingampel mit rofet verhüllten Glühbirnen flammte ans nud zeigte einen über­aus elegant eingerichteten Vorraum mit englischen Korbmöbeln und grünen Blattpflanzen, hohen Vasen voll frischer Blumen, Hasfingen umfing es mit einem Blick, der schwer zu ent­rätseln gewesen. Er dachte an das schmutzige, düstere Entree, das ihn erwartete, in dem ein winziges Pelrvlenmlämpchcn ckrl- Hasten Gestank verbreitete und denn entsprechend sein Zimmer ausgestattet war er fühlte das Behagen, den Reichtunt aus diesem Raum vor sich strömen, er, der immer darben und sparen mußte, der noch nichts kennen gelernt hatte von den vielen Au- uehmlichkeiten, die ein voller Geldbeutel bot.

War es ein unbestimmtes Gefühl, die schlanke Frau, deren Hand er abschiednehnieud in der seinen hielt, könne ihm die Brücke bauen zu dem Leben, nach dem er mit den Seinen hungerte, oder allein die Sehnsucht, ihr Gesichtchen mit den merkwürdigen, goldbraunen Augen und deut müden Reiz wiederzusehen, er sagte rasch, fast überstürzt, als könne sie ihm vorher entfliehen:

Wann seh ich Sie wieder, gnädige Frau?"

Sie zeigte keine Spur von Befangenheit.

Wie alle Welt, bin auch ich jeden Morgen zwischen 12 und litt Uhr auf der Wilhelmstratzr zu finden, man trifft da immer Bekannte."

Er neigte sich über .ihre Finger und küßte sie durchaus korrekt und flüchtig.

Darf ich mich Ihnen jetzt nicht vorstellen, meine Gnädigste?" Sic fuhr rasch mit beiden Händen au ihre Ohren.

Rein, nein, cs ist Karneval, Mummenschanz. Sie sagten's ja selbst heut, als ich mit dem fremden Mann nicht zuin Ball gehen wollte der Zufall soll die Maske lüften."

Run war sie wieder ganz das lachende, lebensfrohe Kind.

Und als solches entschlüpfte sie ihin.

Als er allein den Weg wieder znrückschritt, geschah's mit Heißem Kopf und wirren Gedanken, von denen keiner klar zunr Ausdruck kam.

Erst in seinem Zimmer verflog aller Rausch, der kunter­bunte Phantasien geboren, das harte, nüchterne Leben faßte ihn an. Und es war doch eine weiche, zärtliche Kinderhand, die ihn ümhnend rüttelte.

Auf dem Nachttisch neben der trübe brennenden Kerze lag Hin Brief von Helene Falk.

Er las ihn im Stehen. Zn dem faltenreichen, schwarzen Tvmiiw, den er der Kälte wegen geschlossen hatte, mit seinem starren, farblosen Gesicht und der düster gefalteten Stirn, sah .er fast Unheimlich aus, und als er den Blick hob und' aus dem hohen Spiegel zwischen den Fenstern ihm sein Bild entgegcntrat, Überrieselte ihn ein Grauen.

Wie das Schicksal selber erschien er sich, düster, starr, un­erbittlich fortschreitend, deut einmal bestimmten Ziele zu, nicht darauf achtend, ob es eine arme, kleine Blume am Wege zermalmte.

Aber eS war ja Unsinn. Noch liebte er seine zarte, klein« Blume, noch hatte die andere, fremdartige mit dem leichten Hauch beginnende» Welkens keine Macht über ihn gewonnen.

Er küßte die weißen Briefblätter, tvas er lange nicht mehr tzeta«, und betrachtete mit einer wilden, fast schmerzhaften Zärt­lichkeit das kleine Bild in der abgegriffenen, schäbigen Brief­

tasche, dachte an die Mondfcheiuuächte im BüchenlvW rttld wir wtenblaß des Mädchens Gesicht gewesen, als . sie Abschied ste-- iwnmien.

9.

Es war einfach zürn Schreien, Kinder. Meine betrunkene Danke hat dann im Cafö H. noch Cancan getanztich sagte ihr immer:Kind, geh nach Hause, du bist, ja betrunken!" und sie erwiderte ernsthaft:Tn irrst dich, ich bin Tiplomatin und ich werde nie die Kvntenance und die vornehmen Allüren ver­lieren." Alles bog sich vor Lachen. Ich habe sie schließlich ge- waltjnnk in. eine Droschke gepackt und dein Kutscher ihre Adresse gegeben. Ob sie glücklich nach Hause gelangt ist, wissen die Götter."

Es war Meiscnberg, der in seiner nervös lebhaften- frivolen Art seine Erlebnisse vorn Maskenball schilderte.

Sic saßen zu vieren in der Bodega auf der Wilhelmstraße bei pikanten Frühstückshäppchen und südlichen Weinen, der Dres­dener Artillerist Leutnant Keßler i Hans von Hassingeu noch eiltHeilmükler", ein Leutnant von den blauen Husaren, der auf den hochadligen, aber schlecht klingenden Namen Freiherr o. Ocks Hörte, und der hagere, blasse Oberleutnant v. Meiscnberg.

Alle sahen sie noch verschlafen aus, obgleich sie eben erst, um! 12 Uhr, direkt vom Kufstehen und Ankleiden ans. Hierher gekommen waren, um die gesunkenen Lebensgeister aufzufrischen.

Hasfingen besonders war in rechter Katerstimmung, die heitere Ballnacht reute ihn, wenn er dachte, wie freudlos und sehnsüchtig- Helene ihr Leben dahinschlepptc und tvie überzeugt sie davon­war, daß lalnch er unter Trennung und Hoffnungslosigkeit litt und keine Freuden kannte ohne sie. Wieder quälte ihn der Zwie­spalt seiner Natur, er sühlic sich schuldig und empörte sich doch dagegen, um dieser Liebe willen seine Jugend vertrauern zu sollen.

Es war doch noch keine Untreue, meint er sich mit einep anderen Frau gut unterhielt.

(Fortsetzung folgt.)

Mönch §p!echagen.

(Zum! 80. Geburtstag.)

Aks Spielhagens 70. Geburtstag gefeiert wurde, hat der Jubilarpost festum" selbst das Wort genommen zu einer lächelnd bescheidenen Abrechnung mit sich und seinem Werk und klarer, sachlicher als in seinem! weitschwetfenden autobiograMschen Be- kenntniswerkFinder und Erfinder" Wesen, Ziele und Schicksale seiner Kmist bestimmt. In einem Aufsatz über Daudet sagt er, daß er tvie der Franzose ein Künstler habe sein roollen. Daudet habe dies Ziel erreicht,, er werde sich wohl Mit dem großen Wollen" begnügen müssen.

Der kritisch-kluge und vielbelesene Mann ist mit einer Aesthtttkk und Theorie des Romans hcrvorgetreten, die im wesentliche» ans den von Wilhelm v. Humboldt ansHermann und Dorothea" abgeleiteten ästhetischen Normen weiterbanend, für die Erzählung ein streiiges Znrücktretrn des Erzählers hinter seinen Gestalten und Begebenheiten fordert, durch eine möglichste Objektivität die poetisch notwendige Illusion der Wirklichkeit hervorbringeitz will. Eine erlaubte Umgehung dieser Regel ist derIch Roman", in dem der Held in eigner Person erzählend auftritt.

Nur ein Uucinsichtiger kann die außerordentliche formale: Wichtigkeit dieser Forderungen leugnen, die der Dichter als erster mit aller Konsequenz aüfstcllte. Tie wirre Arabeskeuart Jean Pauls, bie. sich ins Gestaltlose verlierende Stimmungskuiist des romantischen Romans hatten jede Einheit und Harmonie der Er- zählnng gesprengt. Eine geschlossene Durchführung wohl über­legter technischer Mittel war notwendig geworden, um den Roman als Kunstwerk zu retten. Wohl ist das persönliche Drcinreden des Dichters als Stilmittel nicht völlig zu verwerfen; wie seelisch fein weiß es Raabe oft . zu behandeln ! Aber haß Spielhagen das Rechte wollte, beweist die Tatsache, daß zu gleicher fjeit andere bedeutende Dichter dieses Ziel mit höchster Energie ver­folgten, z. B. Frehtag und Otto Ludwig, vor allem aber Gustavs Flanbert. Die Aufstellung eines solchen Stilprinzips war eine künstlerische Großtat Spielhagens. ...

Als Vorkämpfer dieses realistisch-psychologischen Gesetzes ist der Dichter in vielem« nur Vorläufer geworden, , nicht Voll- I cnder. Ein bedeutender Fortschritt ist ihm aber sogleich von Anfang an gelungen. Man vergleiche die Komposition seines eigentlichen Erstlingswerks derProblematischen Naturen", mit dem! Werk, das ihm aus der großen, Sippe der^Wil-> Helrn-Meister"-Nach?olger am nächsten steht, . mit Immer - mannsEpigonen", und man erkennt die viel überlegter^ Gruppierung und Anordnung, bei denn Jüngere», die sehr feine analytische Führung der Handlung, die Spielhagen bann über­haupt so meisterhaft ausgebildet hat, so daß erst allmählich dm rätselhast dunkellastenden Schatten der Vergangenheit in vielen seiner Erzählungen erklärt und entdeckt ivcrbei.. Spielhagcn Iwt in seiner Autobiographie einige Entwürfe und Skizzen für btt Problematischen Naturen" mitgetcilt; sie lasse» in der Art, smc hier der' Charakter jeder FiMr für sich genau umrisseil imrd, eine Aehnlichkrsi mit Zolas jetzt >o. ausführsich erläuterter