Ausgabe 
24.12.1909
 
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»Also hort: Mr werden' den Oberkellner im' Cafe Central chrpumpen! Theo, dich nehm? ich Ms Mrgen, dich mag!r, ent­rinn' ich, erwürgen!"

Tu vergißt, geliebtes Kamel," meinte der Maler,daß Mr rms infolge größerer Mengen vertilgten, aber nie bezahlten 'Kvfsems nicht mehr in dieses Lokal wagen dürfen: Es siebt auch von außen viel malerischer ans als von innen! Besonders, wenn ntan einmal die prächtigen ArmmUKkeln des' Hau'sl'nechts bewundert hat!"

. Wieder trat eisiges Schweigen ein, bis sich der Maler mit einem Freudenschrei erhob:Heil uns ! Der Nordpol unserer Sehnsucht ist entdeckt!, Der Franz, muß sich dein allgemeinen Wohl opfern! Er tst der jüngste und mich sonst der uniutelligentestp von' u.us: e r muß heiraten!"

Sehr gut! Ter Franz muß heiraten! Ohne Gnade und Barmherzigkeit. Er sieht noch ganz gilt erhalten atisl" stimmten der Bildhauer und der Kvmponist bei. Aber Franz itinr anderer Ansicht.

,Wohl wäre es nicht ausgeschlossen," sagte er,daß. ich mich in em hübslyes Mädchen, das eine erhabene Seele von zwei- hunderttauseud! Mark auswärts besäße, mit allen ausgesrausten Fasern meines .Herzens verlieben könnte, aber wird es gelingen, nr den zwei Tagen bis Weihnachten ein solches Mädchen zu finden? Auch habe ich gar keinen Gehrock, um mich darin Wr loben zu können!"

. Abermals trat eine Pause ritz, dann flüsterte der Bildhauer tiefsinnig:Wir werden 'unseren Eltern durch einen Nachnahme brrrf eine Weihnachtsfreude bereiten müssen!'-

Ich verschwende kein Porto mtzhr für solche zwecklose Makulatur!" erklärte der Literat.

Und ich habe Meine Eltern enterbt!" fügte der Maler hinzu:.

llud ich habe erst vor acht Tagen einen Zuschuß entgegen^ genommen," ergänzte der Kmipouist.

Bor acht Tagen?" schrieen die drei anderen wild durch­einander^ ,/So verwöhnst du deine Eltern? So lange hast du den anständigen alten Leuten keine Gelegenheit gegeben, die deutsche Kunst zu Hebel!? Welche Blasphemie! Kürt, du mußt uns erretten!"

Ich kann nicht! Med» alter Herr ist für Pumpbriese un­glaublich kurzsichtig!"

»So wirst int Hinreisen und ihm eine Brandrede halten, teren Text ich dir unentgeltlich, aufsetzen werde!" befahl der Literat.

Ater woher das Fahrgeld ne'hintzn? Seit der Erfindung! der Perronsperre kaiin ja ein gediegener Künstler keine Studic'm rerse mehr unternehmen! Und d«8 einfache Billet dritter Güte Lostet siebzehii Mark und dreißig Pfennige!"

Ich habe noch vier Mark achtzehn!" behauptete der Bild­hauer.Wir werden zusammen legen! Du wirst deinen Eltern erzählen, du hättest dir das Geld zur Reise während des. Jahres vom! Munde abgespart, um ihnen die Ueberraschung deines Weih­nachtsbesuches zu bereiten. Tie aiif diese Erklärung folgende un- veimeidliche Rührung wirb- dir Gelegenheit geben zu einem in der Weltliteratur beispiellosen Pump, von dessen Erträgnis du uns die Hälfte sofort telegraphisch schicken wirft!"

Bildhauer, du bist ein Genie! So unglaublich es klingt: aus dir wird doch noch einmal 'was!" brüllten die anderen. Noch morgen reist Kurt ab!"

Und er reiste ab . . . Ter Bildhauer gab vier Mark sechzehn zwei Pfennig behielt er fürunvorhergesehene Notfälle" zurück , ber Maler stiftete sechs Mark nenn, der Komponist eine Mark fünf und der Literat gar nichts. Außerdem' lieh sieh jeder von der Hauswirtin seines Nächsten eine Mark fünfzig macht zusammen genau siebzehn Mark dreißig.

Tu nimmst die letzten irdischen. Güter dreier hoffnungÄ- voller Jünglinge mit dir! Halte dir dies stets vor deine ver­katerten Augen, Kurt! Sollten wir uns in dir täuschen, so werden wir uns der pessimistischen Kunstrichtung zuwenden und Deutschland mit einer Flut von Trauerspielen, Grabdenkinäleru Und Höllenbildern überschwemmen!"

Bei diesen Worten nahm der Zug Reißaus Und entsührtÄ den Komponisten in seine Heimat.

II.

Weihnachten war vorüber. Vor der Bude des Komponisten hatten sich drei vermummte Männer, bewaffnet mit biegsamen Haselgerten, aufgestellt. Es waren -der Bildhauer, der Maler und der Literat.

Tie Sonne sank in ihr rokiges Wasserbett," sagte der Literat und notierte sich den Satz auf seine ringle Manschette, weil et tfjn in verzeihlicher Selbstverblendung für poetisch hielt.Es ist sechs Uhr! Gleich muß er kommen', der ruchlose Berrätieri «$9 Mrde ihm das Fell bläuen, daß er Zeit seines Lebens auf keinem Klavierstuhl mehr sitzen kann!"

«Ich werde ihm die Ohren zausen, daß sein Gehör uni einen1 halben Ton zu tief zu liegen kommt!" knurrte der Bildhauer:

Und ich werde ihm den Mozart und den Schubert ver­stecken, dann ist es überhaupt mit seiner Komponiererei aus!" Verkündete triumphierend der Maler.

Nichtsahnend stieg indessen der Kvmponist die Treppe herauf.

Ah, da seid Ihr ja!" wvlltv er ausrufen, aber er kam nur Pis zumsei", da prasselten von allen Seiten die schmechj-

Hiebe geschtvmfter Haselgerten auf ihn nieder Und ent- bockten dem amen Komponisten ein Unharmonisches Wutgeheul. M't vieler Mühe und nach mannigfachen mißglückten Versuchen gelang es ihm endlich, fernen Schlüssel in das Schlüsselloch zu schieben, und die Türe seiner Behausung zu öffnen. Alle-viere stürzten in wildem Durcheinander hinein.

Zuerst erhob sich der Literat.

m t.Äi1a£ur' Hölle!" schrie er.Niederträchtiges, giftiges Repttk! Wo gibt es noch Treue, da dieser uns täuschte, wo gibt es noch Geld, da dieser uns im Stiche ließ?"

/'Wehe! Wehe! Wehe!" gröhlten der Bildhauer und der ckbaler.Es gibt kein Zitat, das hierher paßt. Deiner Greuel smd zu viele, deine Tat zu fürchterlich!"

Ich bin unschuldig, wie ein neugeborenes Kind !" kam end­lich, der Komponist zu Worte.

. »Er hat noch nicht genug!" schrie der Literat.Wenn ich Mir nicht meinen Arm eben so gründlich verstaucht hätte, würde ich Vorschlägen, wir kitzeln ihn, bis er ein reuiges Geständnis! ablegt!"

Hort Mich an!' Hub der Kvmponist von neuem mit der Kraft der Berzwetsümg au.Und so euch ein gütiger Gott di« wWtat der Tränen nicht versagt hat, so wehret ihnen nicht! O Weite beiammernswertes Los' lvard mir gekiest ! O welche"

Mach' mir keine Konkurrenz!" erregte sich der Literat, der Mit geheimem Neid bei seinem Freund dieselbe dichwrifthp Talentlvsigkeit entdeckte, auf die er selbst so stolz war.Fasse dich kurz und vernimm' dann dein Urteil', Nichtswürdiger!"

Also Mitbürger, Freunde, Römer, hört mich an! Meine Ettsrn empfiiigm mich mit großer Ueberraschung und Freude!! Ich bekam zu essen, wie ich schon lange' nicht mehr gegessen hattet UttiL1 ich sage euch, ich fvrdeire jeden auf Variationen über xil» THeina aus derElektra", der mir den vegetabilischen und ani­malischen Wert des Familienlebens noch leugnet!Mutter," sagte i.ch und preßte mir eine Träne aus den Augen.Mutter! Steh dir meinen Much» an! Von diesem Munde habe ich mir das Geld abgespart für die Reise! Ich hielt es nicht mehr aus vvft Sehikfucht nach euch, geliebtes Mlitterlein, geliebtes Väterlein! Nun bin ich da vhu« einen Pfennig Geld! Aber ich vtzrlangjs keines, Gott bewahre, ich verlange Heines'!Tu bekämst auch gar keines!" sagte mein Vater.Tenn wer am vierundzwanzigstcU keinen Pfennig mehr hat, ist ein leichtsinniger Mensch!" Durch meine Gebeine ging em Schüttelfrost, mein Herz stand fiür eine Sekunde still, dann, lachte ich krampfhaft:Tu bist immer noch der alte, scherzhafte Papa!" Aber, leider, es ivar kein Scherz. Als ich bei der Weihnachtsbescherung unter dem Christbaum ein Kuvert mit kursfähigem Inhalt erwartete, kam mir das' Kuvert gleich so unnatürlich dick vor. Als ich näher hinsah, machte ich die nielderschmtzttern.de Bemerkung, daß das Monstrum überhaupt kein Kuvert War, sondern Richard Wagners Partituren im'Taschen- forntat. Ich wtziß nicht, wie mein Vater auf den Gedankest gekommen war, ich hätte mir diese Bücher gewünscht! Als ich am nächsteir Morgen mit der List des Fuchses noch einmal die Rede auf das vom Mund« abgesparte Reisegeld brachte, hielt mir der Alte einen Zettel unter die Nase und hauchte ziemlich laut:Ties ist beim AusbürsteU deiner Kleider aus der Westen­tasche gefallen. Tie Anna hat. es mir gegeben!" Es war die unbezahlte Rechnung über zehn Flaschen Kognak Und fünf Kisten Zigarren.Damit du in Zukunft etwas besser sparen kernst," tönte eine Donnerstimme an mein kraftlos abwärts hängendes Ohr,werde ich dir dein Monatsgeld um zehn Mark kürzen!" Ties ist der Erfolg Meines Weihuachtspumps, nun brecht eure Haselstäb« über mir! Hier steh ich, ein entlaubter Stamm! Kitzelt mich, wenn es euer GerechtigMSsmn noch znläßt!"

Ein duMpfes Schweigen folgte dieser erschütternden Erzählung: Tann schlichen die anderen beschämt von bannten. Der Literat, inn eine Ode an das Schsicksal zu dichten, die dieses' trotz seiner! Grausamkeit nicht verdient hatte; der Maler, um ein Stück Leinwand durch ein Gemäldedas Los der Gerechten" unbrauch­bar zu machen; der Bildhauer, um eine SkulpturGrinsender Faun mit Sumpfdotterblume" ztt meißeln, die aber nicht zur Ausführung kam, weil es füjr zehn Pfennig noch keinen Marmor gibt. Nicht einmal in der Apotheke.

Ter Kvmponist aber setzte sich ans Klavier und komponierte noch einmal das ergreifende Schubertsche Lied:Nur wer dir Sehnsucht kennt, weiß, was« ich leide.....!"

Weihnachten im Felde.

Christnacht welcher Zauber in diesen wenigen Worten! Die allbarmherzige Liebe, sp predigen sie, zieht wie ein Sieger durch die Welt, um Hader, Haß, Not und Leid zu tilgen und die Menschheit schoir auf Erden selig zu machen. Und nun o Ironie des Lebens! Christnacht vor dem Feinde . . . Einsam und All stehen die deutschen Soldaten auf Vorposten, während der schneidende Ostwitrd spitzige Eiskristalle um ihre Glieder segn Aber den Braven, die bei St. Privat, La Montagne und Sedan todestnutig gekämpft, strahlt kein Weihnachtsbaum, souderir nur kalt und mitleidlos das Sternenheer am Firniainent. Gehorsam ihrer Pflicht, spähen sie unentwegt durch das grausilberne Gcwvge der Nacht in Die schneebedeckte weite Ebene nnd nach den dunklen, niedrigen, üfawfo erkennbaren Massen der Forts von St. Denis,