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Himmel nicht lüften, Und die Sonne dahinter stehen, groß, leuchtend?!
Jetzt war sie in Psafsendorf — hier Meigte der Weg ab ins Bienhorntälchen — und hier gings jjim Kirchhof. Sie hatte keinen Kranz, keine Blumen; als sie drüben von Koblenz fortging, waren noch alle Läden geschlossen. Sie kränkte sich nicht darum, sie brachte ihrem Vater ein ganzes, volles Herz; war das nicht weit mehr?
Die Kirchhofspforte angelehnt. Ja, allcis noch wie früher, der breite Kiesweg in der Mitte, tiefhängendes Grün an beiden Sotten, dazwischen versteckt Kreuz bei Kreuz, Stein neben Stein. So war's auch gewesen an des Vaters Begräbnistag; damals aber schien die Sonne und ihr Herz, war voll schwarzen Jammers, heut war der Himmel triib, doch in ihr heller, offner Tag.
Sie lief zwischen den Gräbern durch, da — da — ganz bewachsen mit Epheu, eine Oase des Friedens, grün Und still — des Vaters Grab. Die kleine Marmortafel versteckte sich unter dem üppigen Gerank; und wäre auch keine dagewesen, sie hätte diese Stätte doch herausgesunden ünter tausenden.
„Vater!" Mit einem lauten Ruf sank sie in die Küste stnd stemmte beide Hände auf den Hügel. Sie weinte nicht, nur ihre Stirn neigte sich tiefer und tiefer, bis sie auf den Epheuranken lag und die nrorgenfeuchte Erde hindurch fühlte.
Es war ein langes stummes Zwiegespräch zwischen Vater Und Tochter — ein Fragen und Antworten, von dem kein Ohr etwas hörte, und das doch mit Geisterhauch über Gräber hinwehte.
Endlich stand Nelda auf. Mit einen: freien Blick sah Nelda empor und dann um sich, in einem leisen Windhauch lispelten alle Bäume; es fuhr ein Schauern hindurch. S e griff sich an die Stirn, die war kühl vom Liegen auf dem Grund; ein kleiner Käfer lief ihr durch's Haar, er hatte sich darin verfangen. Sie nahm ihn Und setzte ihn auf das nächste Watt; 's war ein Marienkäfer, ein roter mit schwarzen, runden Punkten. Fetzt fiel ihr ein, der brachte ja Glück. Mit ernstem Lächeln sah sie zu, ivie das Tierchen die Flügeldecken hob und senkte und wieder hob und die Kräfte probierte — fort war es, schneller als ein Gedanke; ein Pünktchen, ein Nichts im ungeheuren Weltall und doch etwas.
Nelda strich mit der Hand liebevoll über die Marmortafel; die Buchstaben waren verwaschen vom Regen. Sie sah noch einmal über den ganzen Hügel, den Epheu und die Büsche ringsum, und dann ging sie, ohne sich umzusehen, Mit fettem, raschem Schritt über den Kiespfad. Sie atmete ruhig, ihre Augen glänzten feucht, das Haar wehte ihr in die gehobne Stirn. Da — ein Schatten fiel auf ihren Weg!
Hinter der angelehnten Pforte trat jemand vor und zog den Hut. Sie sah nicht hin — irgend ein früher Besucher wie sie. Sie sagte nur freundlich: „Guten Mor—" f—1 mitten im Wort versagte ihr die Stimme.
Wer — wer war das —--?!
Groß, schlank. Ein etwas hageres Gesicht, tiefliegende Augen unter starken Brauen.
„Fräulein Dallmer, erschrecken Sie nicht!" Er streckte ihr icicht die Hand entgegen; er machte nur eine tiefe Verbeugung. „Fräulein Dallmer!"
Ein eisiges Frösteln lief ihr durch die Glieder und gleich darauf ein Glutstronr — das war Ramer, Ferdinand von Ramer!
Sie sah ihn nicht an, sie sah an ihm vorbei in die leere Luft. Wie kam der hierher, was wollte er? War das Zufall — oder Absicht? Sie konnte nicht dafür, das Herz fing ihr an ivie rasend zu pochen, eine zornige Scham überkam sie und zugleich ein jäher Schmerz. Sie neigte fhtntm den Kopf und trat zur Seite — mochte er vorübergehen !
Aber er ging nicht. Er trat neben sie und sagte mit einer Stimme, die heftigste innerste Erregung durchschüttelte: „Fräulein Dallmer, ich wußte, daß Sie hier sind, mein Freund Dstander hat mir telegraphiert- Heute nacht bin ich vor: Köln gereist; seit dem frühesten Morgen warte ich hier auf Sie, ich sah Sie vorhin hinemgehen, ich wollte Sie nicht eher stören!"
List an d er — war's möglich? Man hatte sie hinter- tzängen, überlistet im abgekarteten Spiel! Sie biß sich auf die Lippen, wollte zürnen und konnte doch nicht; zu deutlich schwebten ihr Xylanders treue Augen vor — „Ich
habe Sie sehr geliebt!" — Nein, der wollte nur Gutes für sie! Ein weicherer Schein flog Über ihr Gesicht, das blaß und kalt geworden war.
Sie wendet Ramer nun doch das Gesicht zu, sie sah seine Augen, die bittend auf ihr ruhten. Das waren dieselben Augen, an deren Blick sie einst gehangen — nein! Zornig trat ihr Fuß den Boden, sie machte ein paar hastige Schritte, und dann sprach sie — umsonst versuchte sie ihrer Stimme Festigkeit zu leihen, die Zähne schlugen auseinander. — „Was wollen Sie von mir? Sie haben mich erschreckt!"
„Verzeihen Sic mir, können Sie mir verzeihen verzeihen?!"
Hastig, ohne Atem' geflüstert, klang's an ihrem Ohr, ihr Gang wurde rascher und rascher wie auf der Flucht. Er! lies uebenher. Sie wagte nicht wieder den Kopf nach ihm zu wenden, der Blick seiner Augen hatte sie durchschauert bis ins innerste Mark. Das durfte nicht sein; war sie ein wankelmütiges Geschöpf, dein man mit einem Wink das Herz umdrehte? Nein! Es schrie in ihr und bäumte sich auf — nein!
Sie zwang sich, blieb stehen und maß ihn von Kopf bis zu Füßen, ohne mit einer Wimper zu zucken. Ihre Blicke bohrten sich in einander; die seinen flehend, mit sehnsüchtigem Anklammern, die ihren stolz wegweisend. Sie betoegte die Hand mit ablehnender Gebärde. „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Herr von Ramer. Es ist alles vergeben, aber mich — vergessen. Wir sind tot ftir einander. Adieu!"
„Nelda!"
Sie stand wie angewurzelt; das war ein Ton aus tiefster Seele!
Er vertrat ihr den Weg. (Fortsetzung folgt.)
Der Weihnachttpump.
Humoreske von Karl Eittinger (München).
Nachdruck verboten.
I.
Drei Tage vor Weihnachten. Unmittelbar unter eines Daches Ziunen sitzen mn einen Tisch, der ehemals vier Beine hatte, vier junge Leute, damit beschäftigt, ein kle.neS Faß Bier innerlich trocken zu legen. Ticke Rauchwolkeu hüllen die kleine, feuchtfröhliche Gesellschaft in Mbel ein, mcd trenn das Dachfenster geöffnet worden wäre, hätten die Straßenpassanten sicher die Feuerwehr alarmiert, wert sie einen Schornsteinbraud vermuten mußten.
Diese vier jungen Leute waren Künstler. Sie behaupteten es wenigstms. Franz Dietrich lag der Literatur ob und konnte sich mit Recht rühmen, daß seine lyrischen Gedichte die zurückgeschick- testen der Neuzeit seien. Max Scrwvld bildhauerte und wartete cntT einen Mäzen, der sich von ihm in Marmor aushauen ließe oder ihnt unter einem änderen Vorwand einen Vorschuß gäbe. Kurt Winter spielte Klavier, das aber die Musikalienhandlung wegen chronischer Nichwoeza.lM.ng der Monatsrate hatte abhvlen laßen, ferner Violine, die er $itrjeit in Form eines Lcihhaus- scheineS in der Brusttasche trug, und schließlich perfekt Musik- autmnat. Wenn er in Extase kam, koinponierte er Schuberts,,,e Oeber und Mvzartsche Sonaten. Theodor. West endlich malte symbolische Herren und Damen, die man nur an der Unterschrift mtterscheiden konnte. Der Gerichtsvollzieher behauptete, Theodor West male überhaupt nur, um seine Gläubiger zu enttäuschen.
Man befand sich in der Mansarde des Literaten, der mit dem unheilbaren Idealismus des Poeten seine letzten Schätze für ein Faß Bier und Freundschaftszigarren, die ihm leicht eine Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung hätten zuziehen können, geopfert hatte.
„Teure Mitunsterbliche!" sprach der Bildhauer, der gerade die zehnte Zigarre in der Rocktasche verschwinden ließ. „Teure Mitunsterbliche! In drei Tagen ist Weihnachten. Es ist ein schönes Fest. Mer es verliert an Intimität, pn Eindringlich- keit, wenn man kein Geld hat, nur es würdig zu feiern!"
Als der Maler das Wort Geld hörte, rief er: „Ich bitte? hier keine Fremdwörter zu gebrauchen!"
„Verzeihung!" entschuldigte sich Seewald, „es war ein Rück- fM in die Zeit, da ich noch nicht der Schandfleck Meiner Familie war! Dennoch ukuß ich! beantragen, daß sämtliche Anwesende! ihr Gehirn — man verzeihe dieses abermalige Fremdwort — mit der Frage foltern: wie gelangt unser „Vcreiu zur Ernährung! im DalleS befindlicher Genies" in den Besitz schnöden Mammons?"
Ein eisiges Schweigen folgte diesen Worten. Heftig aus- gesivßene Rauchwolken machten die Luft noch undurchdringlicher und der Bildhauer benutzte diese Gelegenheit, sich der elften1/ zwölften und dreizehnteil Zigarre zu bemächtigen.
„Ich hab's!" sprach plötzlich der Komponist.
„Ihn hat's!" echote her Literat.


